Von Josh von Staudach
Vermischtes, Kultur, Befindlichkeiten . 01:57 Uhr
Was sagen eigentlich die hiesigen Sprachwissenschaftler (ich meine die Wortgewandten und -gewaltigen des Blog) zum hohlen Wort “zurückweisen”? Das regt mich total auf, ständig wird irgendwas zurückgewiesen. Dabei sagt das doch gar nix aus!? Es ist keine Handlung und kein Gegenargument. Und es drückt nicht aus, ob sich jemand ärgert, weil er etwa angegriffen wurde.
Ein vergleichbares Unwort ist: “zeitnah”. In Physik und Philosophie ist die Zeit ein außerordentlich komplexes Thema. Aber der Zeit nahe zu sein, was soll das schon bedeuten?! Zumal die Zeit ja auch dauernd verrinnt …
In meinen Augen geben sich alle, die diese Worte benutzen, als Dampfplauderer und Hohlschwätzer zu erkennen, als ignorante Dumpfbacken und arrogante Nixwisser. Die meisten Konzernbosse und Politiker gehören zu den regelmäßigen Nutzern solcher Worte. Auf jeden Fall alle Pressesprecher – und auch manche Werbetexter … (auweia, jetzt muss ich mich doch noch ducken).
Sammeln wir noch mehr solche Worte hier? Das wär doch mal ein nettes Spielchen für die Sommerpause – was meinen die Damen und Herren?
#1 Der MfG . 04.08.08 . 10:26 Uhr
Also für mich bedeutet zeitnah was anderes. Wenn ein Termin über irgend etwas ausgemacht wurde (oder so etwas) und man schafft es zeitnah diesen einzuhalten, dann gibt es keine langen Verzögerungen aber man hat den Termin auch nicht hunderprozentig eingehalten … Also wird zeitnah nicht auf die Zeit allgemein sondern auf einen bestimmten Termin bezogen.
#2 Heinrich Jedewede . 04.08.08 . 11:35 Uhr
Nein, nein, nein, MFG. Wenn Du z.B. Stuhl- oder Harndrang verspürst, solltest Du zeitnah ein Klo aufsuchen. O.k.? Bedeutet das: in der Nähe eines irgendwo in der Zukunft liegenden Termins? Nein. Es bedeutet: demnächst, bald; wenn’s dringend ist: umgehend (sonst geht’s in die Hose). Von jetzt an gerechnet bald, aber ohne exakte Terminvorgabe: das ist die Bedeutung von ‘zeitnah’. Ein eitle Kreation des Business- und Politsprechs, die die Ungenauigkeit der entsprechenden umgangssprachlichen Begriffe (demnächst, bald) durch einen schnittigen Neologismus verhüllt, weil man im Geschäft und in der Politik natürlich nicht schwammig daherreden darf, hahaha…
#3 Mythen in Tüten . 04.08.08 . 16:02 Uhr
Schön finde ich ja, die von Hermann Hesse oft verwendete Zeitangabe “in Bälde”. Dadurch vermittelt man seinem Gegenüber, dass die Angelegenheit dringend ist, aber man erzeugt keinen zwingenden Druck.
#4 Heinrich Jedewede . 04.08.08 . 17:10 Uhr
Dadurch vermittelt man seinem Gegenüber, dass die Angelegenheit dringend ist, aber man erzeugt keinen zwingenden Druck.
Da saugen Sie sich aber was aus den Fingern. Denn ‘in Bälde’ ist nur die amtssprachliche (leicht aufgeblasene) Form von ‘bald’, eine alte Variante von ‘zeitnah’. Und das finden Sie schön? Pubertätsschriftsteller vermitteln eben kein Sprachgefühl.
#5 circulus . 05.08.08 . 01:07 Uhr
Oke die Herren, ‘zeitnah’ halte ich für geklärt, das gefällt mir:
Von jetzt an gerechnet bald, aber ohne exakte Terminvorgabe … Eine eitle Kreation des Business- und Politsprechs.
Wobei ich immer noch jedem, der das Wort (und vergleichbare) benutzt, lieber ein Bein stellen, als weiter zuhören würde. Nah an der Zeit?! So ein Unfug! Da die Zeit stetig verrinnt ist man in ihrer Nähe doch ständig daneben. Das läßt sich auch mit Harndruck nicht besser verstehen.
So, kümmern Sie sich nun bitte noch um das ‘zurückweisen’?
Danke! :-)
Außerdem regte ich doch an, noch mehr solcher Worte zu sammeln um sie in das Sommerloch füllen zu können, hmmm, wie siehts aus?
#6 Paolo . 05.08.08 . 09:38 Uhr
Zeitnah:
Was ist zeitnah? Wenn es um den Harndruck geht muss zeitnah so nah sein das es nicht schief geht, sprich hier geht es um minuten, bei dem Bau eines Kraftwerks ist zeitnah 10 Jahre oder mehr? Sprich dieses Wort ist eine Flexible umschreiben für so schnell wie möglich dies kann je nach Projekt sehr kurz bzw. sehr lang sein, sprich wenn ich ein Zitat erstellen soll wie dieses ist zeitnah 1 - 2 Minuten, aber wenn ich einen 10 Seitigen Brief (ohne Rechtschreibfehler) erstellen soll ist dies nicht in 1 - 2 Minuten gemacht.
Zurückweisen:
Ein Wort das selbst Wikipedia in dieser Form nicht bekannt ist, man weist etwas zurück warum wird es nicht Ablehnung/Dementierung gennant damit es für jedermann verständlich ist, aber dadurch das unsere bisherige Business Communication immer wieder Wörter wie “Fingerpointing” oder “Steakholder” oder “No Risik Diagnosse” beinhaltet wundert mich nichts ich frage mich ob die Amerikanischen Manager Wörter wie “Beschuldigen” oder “Verantwortlicher” oder “Kein Risiko Prognosse” benutzen?!
#7 Heinrich Jedewede . 05.08.08 . 09:55 Uhr
Ja, genau, für ‘Steakholder’ könnte man doch auch einfach ‘Gabel’ sagen, oder?
#8 Paolo . 05.08.08 . 10:01 Uhr
haha ;-) da ist was dran
#9 Martin . 05.08.08 . 23:39 Uhr
“stakeholder” meinte Paolo wohl, ist was unwesentlich anderes
- bezieht sich meist auf Aktionäre, die gewisse Unternehmensinteressen verfolgen…
das Englische bietet halt oft einen prägnanten Begriff, der im Deutschen ein, zwei Worte mehr erfordert.
#10 Martin . 05.08.08 . 23:48 Uhr
meine “Hasswörter” - weil meist völlig unreflektiert verwendet:
“im Endeffekt”, “quasi” - hier will jemand eine gewisse Bildung kundtun, aber zur Zeit ganz schlimm: “Auszeit” - kommt von “time out” im amerik. Sport und Spiel.
Leute, die so reden haben leider nie nachgedacht.
Bonusfloskel: “ein Stück weit” - bitte, bitte, nicht schon wieder!
Also jetzt komme ich in Schwung. Schlimm finde ich, wenn jemand den Artikel wegläßt, um bedeutsam zu wirken.
“Schule heißt für mich…”, das hat begonnen mit Dorothee Sölle - “Kirche ist nicht nur blablabla…” auauaua, oder sogar “Kirche muß auch hgnhgn…”
und jetzt Ihr wieder :-)
#11 Tellura Spargelschatz . 06.08.08 . 00:20 Uhr
Das muss man erst mal hinkriegen: ‘Bonusfloskel’ so reflektiert zu verwenden! Da möchte ich quasi ein Kompliment aussprechen, bin mir aber nicht ganz sicher, worauf das im Endeffekt hinausläuft. Wenn Sie wieder einmal nachgedacht - und sei es nur ein Stück weit - oder etwas von Dorothee Sölle gelesen haben, bitte unbedingt mehr von Ihren sprachkritischen Juwelen.
#12 DOG STYLER . 05.09.08 . 15:43 Uhr
ZU “ZEITNAH”:
Gut, das “zeitnah” als Unwort erkannt wird, die Argumentation, weshalb, geht aber nicht tief genug. Denn Zeit bedeutet nicht gleich Termin. Zeit ist relativ und unendlich, ob in Richtung Vergangenheit als auch in Richtung Zukunft. Was wohl unter dem Begriff “zeitnah” allgemein verstanden wird ist wohl “terminnah” oder “gegenwartnah”. Das würde Sinn machen. “Zeitnah” sagt aber nicht das geringste aus, da das Wort nicht definiert welche Zeit gemeint ist (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft).
#13 Flexi Bell . 17.03.09 . 16:02 Uhr
“Das würde Sinn machen.”
Aaaaargh…!
Das haben wir doch das naechste.
Und eins meiner “liebsten” und haeufigsten…
Dabei hatte Dogstyler inhaltlich so gut angefangen…
Etwas kann Sinn haben oder Sinn ergeben.
“Sinn machen” ist eine (falsche) Uebersetzung von “to make sense”…
“Zeitnah” ist meines Wissens Beamtendeutsch, das bedeutet:
“Wenn wir mal Zeit haben, dann machen wir es sofort.”
Oder mit anderen Worten: “Wahrscheinlich niemals.”
#14 Sir John . 28.10.09 . 13:04 Uhr
Wenn Herr Schabowski am 9. Nov. 1989 während seiner Pressekonferenz auf die Frage eines Journalisten, “wann denn die Reisefreiheit in Kraft tritt” das Wort “zeitnah” statt “unverzüglich, sofort” verwendet hätte, dann stände die Mauer wahrscheinlich heute noch :-).
#15 sicher . 07.01.11 . 13:48 Uhr
Also mein Chef definiert ‘zeitnah’ mit ’sofort’.
Auf jeden Fall gibts ekelige Nachfragen (Warum hast Du denn das nocht nicht erledigt?), wenn ‘zeitnah’ zu erfolgende Anweisungen nicht sofort erledigt werden.
#16 Krammaddigbahnause . 01.03.11 . 20:38 Uhr
Kommentar Nr. 11 ist sehr lustig :-)