Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
22 02.06

Wundersame Vogelwelt

Von Herr S
Vermischtes . 00:39 Uhr

Große Wunder sorgen zwar traditionell für höchstes Erstaunen, haben aber den gravierenden Nachteil, sich nur sehr selten zu ereignen. Bleibt also nur der Verzicht oder das Ausweichen auf sogenannte Kleinwunder, die finden sich nämlich schon weitaus häufiger, eines zum Beispiel auf meinem Fenstersims:

Amselnest mit Taubenanbau

Falls Sie auf dem Bild nichts erkennen als ein handelsübliches Vogelnest und deshalb verbittert abwinken, haben Sie sich als Kleinwunderbestauner disqualifiziert und ich muss Sie bitten, die Lektüre an dieser Stelle abzubrechen und sich zu gedulden, bis die Städte Lourdes und Syrakus mit eigenen Stadtblogs aufwarten, nur dort wird mit Großwundern zu rechnen sein. Kleinwunder zeichnen sich ja gerade durch ihre Unscheinbarkeit aus, man muss schon genau schauen, wenn man sie nicht versäumen will.

Errichtet wurde dieses erstaunliche Bauwerk im Jahr 2001, und zwar von einem Amselpaar. Wenn Sie den Bauprozess verfolgt hätten, wären Sie sicher zum Schluss gekommen, dass Amseln Ihnen in gewisser Weise überlegen sind. Erst mal war nämlich nichts als blanker Sims. Alle zwei, drei Minuten kamen die beiden abwechselnd angeflogen, im Schnabel ein dürres Zweiglein, das sie auf ein Häufchen packten. Nach vielen Stunden war dieses Häufchen immer noch sehr bescheiden und es erforderte einiges Abstraktionsvermögen, sich das kühne Endergebnis vorzustellen. Versuchen Sie mal zu schätzen, wie viel Zweige in das Nest eingearbeitet wurden, einige hundert werden es bestimmt sein, vielleicht auch einige tausend, jedes einzeln eingeflogen. Wenn Sie sich außerdem klarmachen, dass die Amseln weder Säge noch Silikon noch sonst was zur Verfügung hatten, sondern sich im wesentlichen auf ihre Schnäbel beschränken mussten und sich zudem noch vorstellen, ich würde ihnen einen Sack voll Zweigen hinwerfen und Sie anweisen, ein derartig perfektes Nest zu konstruieren, dann wird es langsam Zeit, dass Sie den Hut ziehen vor den Fertigkeiten der Amseln.

Ganz zu schweigen von der Kommunikationsleistung. An irgendeiner Stelle muss ja mal die Entscheidung gefallen sein, das Nest genau hier zu bauen, und nicht an einer von unzähligen anderen geeigneten Stellen. Diese Entscheidung wurde entweder einvernehmlich getroffen oder der dominantere Vogel hat den anderen vor vollendete Tatsachen gestellt, beides fraglos beeindruckend. Was inzwischen nicht mehr zu sehen ist, sind die nicht minder beeindruckenden Ergänzungsmaterialien der Ursprungsfassung: Zigarettenkippen, undefinierbares Geflumsel und allen Ernstes wurde der Boden mit einem Stück Plastikfolie ausgelegt, fassungslos saß man davor!

Dann ging es los. Eines Morgens Schlag elf Uhr erschien das Weibchen, hüpfte einige Minuten aufgeregt auf dem Sims herum, bis sie sich zu beruhigen schien und sich im Nest niederließ, wo sie für eine halbe Stunde verharrte. Dann flog sie abrupt wieder davon, im Nest lag ein einzelnes Ei. Den restlichen Tag war die Amsel nicht mehr gesehen, am nächsten Morgen stellte ich verblüfft fest, dass das Ei weg war. Punkt elf erschien sie erneut, absolvierte das exakte Procedere des Vortags, flog weg und hinterließ wiederum ein einzelnes Ei. Das am folgenden Morgen fehlte wie gehabt. Am dritten Tag dasselbe Spiel, nächster Morgen: Ei weg. Ebenso wie die Amsel. Das Männchen hatte sich schon seit Beendigung des Nestbaus nicht mehr blicken lassen.

Bis im Frühling 2004 passierte nichts, das Nest war natürlich immer noch da, es gab ja keinen vernünftigen Grund, dieses Meisterwerk zu zerstören. Eines Morgens erschienen die Amseln dann unversehens wieder, um Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Eindeutig dieselben übrigens, wenn man ihnen wochenlang aus nächster Nähe zugeschaut hat, erkennt man sie wieder. Bereits vier oder fünf Tage später fing die tägliche 11-Uhr-Legestunde wieder an, mit dem entscheidenden Unterschied, dass das Weibchen dieses Mal bei ihren Eiern blieb — zwei an der Zahl — höchstens eine Viertelstunde war sie am Stück mal abwesend. Zehn Tage vergingen, bis sich ein Küken begann, aus dem Ei zu schälen, ein augenscheinlich zermürbender und kräftezehrender Vorgang. Entsprechend geschafft sah das Küken auch aus. Die meiste Zeit lag es grotesk verrenkt da, mitunter zweifelte ich, ob es überhaupt noch lebte. Das andere Ei entpuppte sich als Blindgänger, mit dem passierte rein gar nichts. Nach dem Schlüpfen tauchte auch das Männchen wieder auf, beide Amseln schafften jetzt im Minutentakt Nahrung herbei. Kurz vor der Landung gaben sie Signaltöne ab, das Küken schnellte wie ein Kistenkasperle in die Höhe und schien nur noch aus einem gigantischen Schnabel zu bestehen, in den hineingestopft wurde, was ging.

Einige Tage später sah es schon ziemlich nach Vogel aus, das Gefieder noch unvollständig zwar und die Gestalt noch seltsam unproportioniert, aber man konnte immerhin erkennen, was es werden sollte. Eines schönen Morgens fing es an, ausgesprochen unruhig zu werden. Hockte es zuvor ordnungsgemäß im Nest, stand es nun wacklig auf dessen Rand. Seine Eltern schubsten es wieder hinein, aber kaum waren sie davon geflogen, folgte der erneute Balanceakt auf dem Nestrand. So ging es hin und her, dann war das Küken plötzlich auf dem Sims zugange, hüpfte auf und ab, näherte sich mehrmals bedrohlich dem Abgrund, versuchte zurück ins Nest zu gelangen, schaffte es nicht, hüpfte wieder den Sims entlang und fiel schlussendlich hinunter.

Glück im Unglück: Drei Meter unter dem Sims gibt es einen Wintergarten, der quasi nahtlos in ein üppig begrüntes Vordach des Nebenhauses übergeht. Dort bewegte sich das Küken hin und ich konnte noch sehen, dass die Amselmutter es fand. Das war gleichzeitig das letzte, was ich gesehen habe, also fragen Sie mich nicht, was aus ihm wurde. Das Nest blieb seit diesem Moment unbeachtet, das übrige Ei schien schon länger niemanden mehr zu interessieren, irgendwann war es ebenfalls verschwunden.

Seit gestern sind jetzt wieder bemerkenswerte Aktivitäten zu beobachten. Zwei Tauben haben sich eingefunden, die das Nest wohl ebenso prima finden wie ich. Der etwas losere Teil rechts stammt von ihnen, offenbar halten sie Umbau- bzw. Erweiterungsmaßnahmen für geboten. Was dabei heraus kommt, wird man sehen, ihre entspannte und pragmatische Herangehensweise gefällt mir schon mal über alle Maßen. Aber auch das erkennen nur Kleinwunderbestauner, der Rest glaubt ja leider, ihnen mit abseitigen Abwehrmaßnahmen begegnen zu müssen. Applaudieren sollten Sie stattdessen.

Kommentieren . Trackback-URL

11 Kommentare zu Wundersame Vogelwelt

#1 Kesselblick . 22.02.06 . 17:28 Uhr

Lese ich da sowas heraus wie “Ach, die kleinen posierlichen Täubchen machen es sich auf meinem Fensterbänkchen gemütlich.” ? Igitt! Für mich sind das elende Drecksviecher. OK, sie selbst können ja nix dafür, sind ja nur blöde Tiere, aber die veritable Stuttgarter Taubenplage gehört gegeißelt. Tod den fliegenden Ratten! Es lebe die taubenfreie Stadt! Ich fordere das Einschreiten staatlicher Behörden gegen die verwirrten Taubenfütterer, die KILOWEISE ihr Altbrot in die Büsche kippen. Mein Evergreen: Gehma Tauben vergiften im Park…

#2 Herr S . 22.02.06 . 18:15 Uhr

Nach meiner Kenntnis gehen Tauben auf ausgewilderte Haustiere zurück, sie kommen also nicht von ungefähr. Dass man alte Wecken an sie verfüttert ist fraglos daneben, tatsächlich hat man es aber geschafft, sie viele hundert Jahre lang ins Stadtleben zu integrieren, ohne dass irgendjemand ein Problem darin sah, im Gegenteil laufen Tauben in manchen Städten unter »Attraktion« (London, Venedig etc.) Erst in den 90ern hat man angefangen, Fassaden von oben bis unten mit Stacheln zu versauen und offenbart damit seine — diplomatisch ausgedrückt — tiefsitzende ästhetische Unbelastetheit. Den Anblick von Taubenscheiße ziehe ich diesem Quatsch allemal vor. Davon abgesehen, dass sich einem putzbegeisterten Volk auch noch andere Wege anbieten täten. Das hysterische Gezeter von Frau Sawade passt aber zu ihrer Partei und ist insofern wenigstens kompatibel.

Nun gut, ich dachte mir schon, dass Kleinwunderbestauner eine verschwindende Minderheit sind.

#3 Wegschaffel . 22.02.06 . 18:48 Uhr

Da spricht der Bauch des Architekten und offenbart sich der scharfe Hinguck des Neugierigen. Ein Wunder kann ich zwar nicht entdecken, ein schönes und für kleinhirnige Flattermänner bemerkenswert konstruiertes Werk aber wohl. Der subjektiven Wahrnehmung von Abwehrzaun und Taubenscheisse steht aber die objektive Gesundheitsgefahr des Taubendrecks gegenüber. Vielleicht können die Taubenfreunde analog den Hundescheissetüten mit TaubenTissues den Dreck ihrer Vogelfreunde wegwischen? Dann wäre ein Teil des Problems vom Tisch gewischt!

#4 Herr S . 22.02.06 . 18:56 Uhr

Ich zitiere:

Bereits 1989 hat der ehemalige Präsident des Bundesgesundheitsamtes Prof.Dr.Dr.Großklaus, bestätigt 1997 durch das heutige Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin in Berlin festgestellt: “Eine gesundheitliche Gefährdung durch Tauben ist nicht größer als die durch Zier- und Wildvögel sowie durch Nutz- und Liebhabertiere”.
Tauben sind nicht mehr und nicht weniger mögliche Träger von Krankheiten wie jeder Spatz, Meise, Amsel, etc, also die im Gegensatz zu den Stadttauben so geliebten Singvögel. Auch eine Gesundheitsgefährdung durch die sog. ”Papageienkrankheit” besteht nicht mehr als bei jedem Wellensittich oder Papagei. Lt. Bundesgesundheitsamt ist jedoch bislang keine einzige Übertragung der Papageienkrankheit durch Stadttauben auf den Menschen bekannt geworden.
Die Angst der Bevölkerung vor einer angebliche Gesundheitsgefährdung durch Stadttauben beruht auf jahrzehntelanger Pressehetze, insbesondere der billigen Boulevardpresse, die Tauben unberechtigt zu todbringenden “Ratten der Lüfte”abgestempelt hat.

#5 Wegschaffel . 23.02.06 . 09:23 Uhr

Stimmt bestimmt, dass

Tauben nicht mehr und nicht weniger mögliche Träger von Krankheiten sind …

Bloss rotten sich Amsel, Drossel, Fink und Wellensittich nicht zu hunderten - wenn nicht gar dutzenden - in den Städten zusammen.

#6 Herr S . 23.02.06 . 09:48 Uhr

Okay, das ist ein Argument. Zumal Tauben im Extremfall sogar Zweiergruppen bilden.

#7 Ray . 23.02.06 . 11:47 Uhr

Ich möchte mich outen… ich bin auch ein “Kleinwunderversteher” wer hier die Tauben verdammen möchte der solle das doch ruhig tun, nur lasst uns “Kleinwunderversteher” doch das Wunder bestaunen. Was mir nur bei den Miesepetern auffällt ist, dass noch keiner sich getraut hat das Wort “Vogelgri***” in die Tasten zu legen. Ich sage nur ich freue mich auf weitere Berichte. BTW: Wie wäre es mit einer Live-Cam ;-)

#8 Wegschaffel . 23.02.06 . 13:35 Uhr

Hay Ray, schön, dass es neben dem “Frauenversteher” jetzt immerhin schon zwei “Kleinwunderversteher” gibt (was manchmal identisch sein kann). Und: Auch in Sachen “Vogel …” war dieser Blog den klassischen Medien um einige Hennendäpperle voraus :-)

#9 Herr S . 23.02.06 . 13:50 Uhr

BTW: Wie wäre es mit einer Live-Cam ;-)

Im Moment deutet einiges auf einen Baustopp hin. Ich nehme an, die Tauben lesen mit und haben sich gedacht, dann leckt uns doch alle mal am Arsch, das sind doch Perlen vor die Säue hier.

Auch in Sachen “Vogel …” war dieser Blog den klassischen Medien um einige Hennendäpperle voraus :-)

Exakt, besser gesagt um Lichtjahre …

#10 Nachtgespräche » GroßwunderBestauner . 23.02.06 . 16:40 Uhr

[…] Auf Grund des Artikels eines mir völlig unbekannten Herrn S. ist mir klar geworden, dass ich mich als GroßwunderBestauner zu erkennen geben muss. […]

#11 Nachtgespräche » Blog Archive » GroßwunderBestauner . 14.09.06 . 18:36 Uhr

[…] Auf Grund des Artikels eines mir völlig unbekannten Herrn S. ist mir klar geworden, dass ich mich als GroßwunderBestauner zu erkennen geben muss. […]

Made by 6B