Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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22 01.06

Wir checken die Gesinnung

Von Herr S
Leben, Politik . 16:09 Uhr

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten,
sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

wusste ein unbekannter Urheber zu berichten und einiges spricht dafür, dass er damit nicht unrecht hat. Ganz anders sieht das unsere Landesregierung: Gedanken sind für sie nicht frei, sondern richtig oder falsch und wenn sie sich schon nicht erraten lassen, dann wird man wenigstens mal nachfragen dürfen. Natürlich nicht in Form eines lockeren Geplauders, fragen soll schließlich der deutsche Amtsträger, der allemal nach klarer Struktur verlangt, anders sind die Ergebnisse unmöglich valuierbar. Also braucht es einen Gesprächsleitfaden, ordentlich durchnumeriert und mit allem drin, was den Moslem so verdächtig macht.

Wie man mit Kritik an seiner Religion umzugehen gedenkt, wird beispielsweise gefragt. Und ob man Terroristen nicht doch etwa als Freiheitskämpfer empfindet. Oder der Meinung wäre, dass die Frau bzw. Tochter gefälligst zu gehorchen hätten. Ob man es wohl melden täte, wenn man mitbekäme, dass Nachbarn mal wieder einen Terroranschlag planen. Oder wie man es fände, wenn der Filius sich als Schwuchtel entpuppte.

Erwartungsgemäß wird jetzt erst mal wieder gestritten. Den aktuellen Stand einzukreisen, ist alles andere als einfach: Mal wird zurückgerudert, dann wieder ganz entschieden nicht, mal soll die Homonummer entschärft werden, aber nicht sofort, sondern erst in einem halben Jahr. Es ist eigentlich auch zweitrangig, was am Ende dabei herauskommt, etwas Gescheites wird es in keinem Fall sein. Das Grundmuster erinnert nicht von ungefähr an den Fragebogen, den man bei der Einreise in die USA auszufüllen hat:

Planen Sie, auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten Terroranschläge auszuführen?

A) Ja
B) Nein
C) Weiß ich noch nicht

Bleibt also nur zu hoffen, dass Terroristen grundsätzlich Volltrottel sind, die mit A oder C antworten. Die Volltrottel vermute ich freilich eher in der Regierung, anders lassen sich ihre Anwandlungen nämlich nicht erklären. Gut, mit viel Wohlwollen können sie als Wahlkampfmaßnahme durchgehen, Ressentiments schüren kommt beim Volk ja traditionell gut an — speziell der Kümmeltürke ist ihm schon von jeher suspekt.

Es mag ein schwacher Trost sein, dass geistige Degeneration kein spezifisch baden-württembergisches Phänomen ist, andere werden zuverlässig nachziehen, daran besteht kein Zweifel. Allerdings gibt einem das arschlochhafte Strebertum zu denken, mit dem sich Baden-Württemberg gerne hervortut, insbesondere wenn es gilt, Leitkultur und Rechtschaffenheit gegen verderbliche Einflüsse zu schützen, es sei nur an das Kopftuchverbot erinnert, bei dem es ebenfalls weit und breit niemanden gab, der uns an Eilfertigkeit das Wasser reichen konnte.

Die Lehrerin nimmt ein öffentliches Amt wahr, und sie muss damit für die weltanschauliche Neutralität des Staates einstehen.

führte die damalige Kultusministerin Schavan aus, die als katholische Funktionärin selbstverständlich kein Problem sah (und mutmaßlich immer noch nicht sieht), wenn Lehrerinnen ihren Glauben an die Unfehlbarkeit Herrn Ratzingers oder die unbefleckte Empfängnis zum Ausdruck bringen.

Insofern können sich alle beruhigen, die sich ängstlich fragen, ob sie bald ausgebürgert werden, nur weil sie Schwule zum Kotzen oder ein paar Ohrschellen für die Frau Gattin angemessen finden. Keine Sorge: Für Deutsche gilt nach wie vor Gedankenfreiheit — Hauptsache, sie kapieren endlich, wo der Feind steht.

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8 Kommentare zu Wir checken die Gesinnung

#1 circulus . 23.01.06 . 10:13 Uhr

Jau, die Sorte Beiträge wünsche ich mir öfter. Und mehr Autoren/Teilnehmer im Blog, die sich kritisch mit Ihrer Umgebung/Ihrem Land auseinandersetzen – danke Herr S.!

Über den Link zur Netzeitung habe ich alle 30 Fragen gelesen und kann (auch) nur den Kopf schütteln. Man sollte diese Fragen ein wenig umformulieren (also an die jeweilige Gesinnung/Religion anpassen) und den »rechtschaffenen« Schwaben/Deutschen stellen. Die Durchfallquote dürfte recht hoch sein. Und dann? Ausweisen? HAHA! Baden-Württemberg wird bald menschenleer sein!

Jemand der tatsächlich kriminelle/terroristische Handlungen vorhat, wird wohl kaum so blöd sein und wahrheitsgemäß antworten. Damit entzieht sich der Fragebogen seine »Berechtigung« quasi selbst.

Natürlich will ich (auch) nicht, dass Deutschland ein heimeliges Domizil für Terroristen wird. Leider hab ich kein Patentrezept, wie man das hinkriegt. Den Fragebogen halte ich jedoch nicht für geeignet.

Weitere Kommentare bitte!?

#2 Henning . 23.01.06 . 14:01 Uhr

Genialer Beitrag! Weiter so! Ich hab gerade leider nicht die Zeit für sowas…

#3 Herr S . 24.01.06 . 11:04 Uhr

Danke fürs vollmundige Lob, interessant in dem Zusammenhang ist vielleicht noch die »Erklärung der sachkundigen Mitglieder des Internationalen Ausschusses des Stuttgarter Gemeinderats« — boah, ey, was für ein Name! Und ist es nicht gekonnt, wie subtil er auf die Ahnungslosigkeit von Nicht-Mitgliedern verweist?

#4 Erik Range . 25.01.06 . 09:18 Uhr

Guter Artikel, das. Vor allem die Schreibweise mag einem sehr gefallen. Aber wenn Trackback auf Muslime sind doof!, dann bitte auch entsprechend verlinken. Sonst muss ich das leider als Entehrung betrachten und komme Sie bei Gelegenheit gerne einmal mit der Gartenschere besuchen, um Weiteres in trauter Runde zu besprechen. ;-)

Vielen Dank + Herzlich Willkommen im RSS-Feeder.
Mit wohlgesonnenen Grüßen,
der Range

#5 Wegschaffel . 25.01.06 . 13:49 Uhr

Auch sehr schön ist die vierte Strophe des Liedes:

Ich liebe den Wein, mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei: Die Gedanken sind frei!

Den kompletten Text und einen Audio-Lied-Link (> Herr S. …) gibts hier

#6 Herr S . 25.01.06 . 22:00 Uhr

Mein lieber Herr Range, hätte ich gewusst, dass Sie den Trackback ohne Verlinkung als Fauxpas auffassen, hätte ich es nie gewagt, schon weil ich unter einer seltenen Gartenscherenphobie leide. Tatsächlich habe ich Trackbacks bislang eher als Sonderform von Kommentaren interpretiert, die sich nicht zwangsläufig als Link im Text finden müssen, womöglich habe ich da was missverstanden. Nun ja, beim nächsten Mal werde ich dran denken, nichts für ungut.

Das mp3 ist unter aller Kanone, Herr Wegschaffel. Wer ist das? Ougenweide aus den 70ern? Grouslig, wirklich.

#7 pgs . 30.01.06 . 00:49 Uhr


#8 Stuttgart Blog » »Hassan! Dämokratti gutt?« . 30.01.06 . 11:16 Uhr

[…] Zum Beitrag “Wir checken die Gesinnung”: […]

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