Von Wegschaffel
Leben . 21:30 Uhr
„Schützen Sie Ihr Gehör“ zeigefingert das kleine lasergedruckte Zettelchen an der Tür zum Innenraum, während ein Roadie in der noch leeren Schleyer-Halle die Double-Bass-Drum anwärmt. BooooamBoooam. BooooamBoooam.
Boah. Ein Vorgeschmack auf Motörhead, die lauteste Band der Welt? Ist ein „Fishermens Friend“ ein Vorgeschmack auf eine Habanero-Chillie-Schote? Motörhead ist lauter. Viel viel viel lauter.
„Everything louder than everyone else“ heißt eine Platte und wer Lemmy und seine Phonfreunde schon einmal live erlebt hat, weiß, was das heißt. Nein, nicht Lärm. Leben. Pures, hartes brontosaurisch röhrendes Leben bricht 90 Minuten lang mit Urgewalt bis in den letzten Winkel des Hirns, donnert durch jede einzelne Körperzelle und presst gefühlte zehn Liter Adrenalin in den Blutkreislauf während dieser sechzigjährige! sechzigjährige! sechzigjährige! Raubsaurier namens Lemmy Kilmister da vorne seinen Rickenbacker Bass fickt wie Jimmy H. die Gitarre und dazu grunzt wie die Sau unterm Messer. we’re motörhead and we play rock’n roll.

Sie waren gestern nicht dabei? Ahhhh. Aber Lemmy kommt wieder. Alle Jahre im Dezember. Nutzen Sie die nächste Chance. Lange kann er das unmöglich überleben, Lemmy, der Rock’n Roll Saurier.
Hat Jimi Hendrix Acid verkauft, Sid Vicous bassen beigebracht und ein Haus voll Nazi-Krempel. Wenn Sie mal ins Hirn dieses Dinosauriers schauen wollen: 100 Fragen der Süddeutschen Zeitung an Lemmy Kilmister. Schon ein bisschen älter, aber das ist Lemmy ja auch.
#1 Tina Turner (70) . 09.12.09 . 22:40 Uhr
Yeah! Lemmy ist die grosse Konstante in dieser Welt. Die Arzte haben ihm schon in jungen Jahren konstatiert, dass er sich mit diesem Lebenswandel eigentlich keine Langspielplatte mehr kaufen braucht, aber ich glaube er wird uns alle noch Überleben.
Sehr toll auch: Lemmy - White Line Fever: Die Autobiographie. Wird nur noch von Mötley Crües - Dirt geschlagen….
Lemmy & Motörhead 4rver!
Euer Herr Linsinger
PS: Sollte man zumindest ein mal im Leben live gesehen haben. Alle!
#2 Donna Lüttchen . 10.12.09 . 00:25 Uhr
Nee, ich war nicht dabei gestern. Und bei Motörhead eigentlich überhaupt noch nie. Ist ja auch eher irgendwie so ein Ding für harte Kerle, was? Nun weiß ich aber wenigstens, welch Herz in Wegschaffels Brust schlägt. Und obwohl ich beim Konzert durch Abwesenheit glänzte, verstehe ich genau, was Sie meinen- ein unglaubliches Gefühl überbordender Lebendigkeit, das einen für eine kurze Zeit während und nach einer solchen Sause befällt.
Doch, ich bin ein wenig neidig. Genießen Sie die Nachwehen!
#3 Paul-geht-baden . 10.12.09 . 17:41 Uhr
Mich langweilt die Musik von Motörhead und Konsorten in die Seele hinein, und meiner bescheidenen Meinung nach ist sie nur deshalb laut, weil es ihr an innerer Kraft und Spannung fehlt (aber nicht, dass Operettenfreunde jetzt beifällig nicken: das ist nicht auf die Rock- und Popmusik allgemein gemünzt). Andere empfinden das offenbar anders, kein Problem, es ist uns bekannt, dass man auch auf andere (als auf unsere) Art glücklich sein kann. Auffällig - und Anlass für unsere Wortmeldung - am Beitrag von Herrn Wegschaffel wie am Kommentar von Tina Turner (70) ist jedoch, dass von der Musik darin gar nicht die Rede ist, sondern - im Jubelton - nur von Nebenumständen ihrer Darbietung: von der Lautstärke, vom Alter des Musikers, von seiner physischen Anstrengung. Uns fiel dazu das kleine Stück “Zwei Mythen des Jungen Theaters” aus Roland Barthes’ “Mythen des Alltags” ein. Darin heißt es: “Man weiß zum Beispiel, daß im bürgerlichen Theater der in seiner Rolle sich verzehrende Schauspieler durch eine regelrechte Feuersbrunst seiner Leidenschaft entflammt sein muß. […] Die Absicht dieses viszeralen Sturms versteht man sehr wohl: aus der Physiologie ein quantitatives Mittel machen, das Lachen oder den Schmerz zwingen, einfache metrische Formen anzunehmen, so daß auch die Leidenschaft eine Ware werde, ein Gegenstand des Handels, eingepaßt in ein Tauschsystem: ich gebe dem Theater mein Geld, und dafür verlange ich eine gut sichtbare, nahezu berechenbare Leidenschaft.” Und: “Die Augenscheinlichkeit seiner [des Schauspielers] Mühe befreit es [das Publikum] davon, gründlich zu urteilen.”
#4 Tina Turner (70) . 10.12.09 . 22:28 Uhr
Entschuldigung bitte, aber das ist wohl wirklich nur völliger Quatsch was Sie schreiben, Herr Paul. Als ob Motörhead die einzigen wären die eine Show abziehen. Abgesehen von der einzigartigen Musik (die natürlich nicht jedermanns Sache ist), ist Lemmy halt eine einzigartige Persönlichkeit. Nur darum geht´s (mir zumindest)!
Was die Lautstärke bei Grossveranstaltungen angeht. Das ist nun wirklich nicht auf Motörhead und Konsorten beschränkt. Oder besuchen Sie nur Kammermusikkonzerte?
Nichts für ungut
Linse
#5 Wegschaffel . 11.12.09 . 00:09 Uhr
___Donna: Die harten Kerle tun nur so. Derlei Laut-Konzerte gehören nach meiner Erfahrung zu den friedlichsten und fröhlichsten öffentlichen Veranstaltungen. Probierens Sie’s doch einfach mal aus.
___PGB: Ob Lemmy & Collegen musikalisch “wertvoll” sind habe ich mich am Dienstag in der Tat nicht gefragt. Wäre auch sinnlos gewesen, hätte mich selbst nicht verstanden. Viel zu laut.
#6 Thomas Trüten . 11.12.09 . 16:01 Uhr
Meine Ohrenpfeifen immer noch. ;-) Konzert war geil, auf den “W” hätte ich jedoch inhaltlich und personell verzichten können. Genauso wie auf die gruselige Akustik der Halle.
#7 Herr Linsinger . 18.12.09 . 00:50 Uhr
Ein Irres Interview in der SZ!
Besonders auch diese zwei Punkte:
43 Wie beschreiben Sie einem tauben Mann den Sound von Motörhead?
Ein Unfall, bei dem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Das Ganze eine Terz tiefer. Und wieder hoch. Nur der Motorradfahrer überlebt.
44 Riesenfrage: Macht Headbangen dumm?
Ich headbange nicht.
Lest es mal, ist echt eine Erfahrung wert ;)