Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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23 12.05

Weihnachten im Heusteigviertel

Von Jörg Trüdinger
Vermischtes . 21:54 Uhr

Hier eine kleine Weihnachtsgeschichte und mal ausnahmsweise nicht ganz so schwere Kost, wie sonst üblich. Das heben wir uns fürs nächste Jahr auf.

Wieder ging eines dieser sich unsäglich langsam vorwärts schleichenden Jahre dem Ende entgegen. Die schlimmste Zeit des ganzen Jahres stand Franz Huber jetzt aber noch bevor: Weihnachten. Heute an Heiligabend war es für ihn am unerträglichsten. Seit die Kinder in weit entfernte Städte gezogen waren und seine Frau vor zehn Jahren verstorben war, haßte er die Weihnachtszeit. Abend für Abend saß er in seinem Wohnzimmer, las ein Buch oder schaute fern. Auf dem alten Eichentisch standen immer frische beim Bäcker an der Ecke gekaufte Kekse, allein sie schmeckten ihm nicht mehr so gut wie früher, und oft warf er sie einfach weg, weil sie alt wurden. Und auch der frisch aufgebrühte Tee hatte schon lange einen faden, traurigen Geschmack.
Langsam schlenderte er die Mozartstraße entlang, er schaute sich die hübsch geschmückten Fenster an, vor einem, das über und über mit bunten selbstgebastelten, lustig dreinblickenden Weihnachtsmännern beklebt war, blieb er stehen. Kurz huschte ein leichtes Lächeln über sein Gesicht, als sich Bilder aus fröhlichen Tagen in sein Bewußtsein schlichen, dann ging er ruhigen Schrittes weiter. Das letzte Laub des Herbstes knisterte unter seinen Schuhen, Caroline , seine Tochter, hatte das immer so sehr gemocht. Er mußte daran denken, wie das Laub geradezu zur Seite schoß, wenn sie wild hindurchfegte, alles vorbei. Die Luft war heute kalt und feucht, bestimmt würde es bald schneien, weiße Weihnachten für all die vielen Kinder. Zwei dieser Kinder rannten in wilder Hatz an ihm vorbei. Der kleinere Junge rief seinem Freund zu: “Hoffentlich bringt mir das Christkind einen Schlitten aus Holz. Wenn es heute Nacht schneit, können wir dann morgen damit fahren.“ Franz Huber lächelte abermals, genau so war sein Sohn damals vor vielen Jahren auch gewesen, neugierig, ungeduldig und immer in Bewegung. Jedes Mal dauerte es ihm zu lange, bis die Mutter mit der Glocke läutete und die Kinder zur Bescherung ins Zimmer bat. Niklas stürmte gleich als Erster ins Zimmer und durchwühlte alle Geschenkepäckchen, bis er seine gefunden hatte. Ungestüm riß er die sorgsam verpackten Kartons auf und stürzte sich dann geradezu auf seine neuen Spielsachen.

Bei seinem Spaziergang war Franz Huber zwischenzeitlich in der Heusteigstraße angelangt, es hatte sanft zu schneien begonnen. Im weichen Schnee hörte er sogar seine eigenen Schritte kaum mehr. Der geradezu bedächtig rieselnde Schnee und die langsam hereinbrechende Dunkelheit schufen eine ganz eigene Athmosphäre. Alles war so ruhig und sanft, fast unnatürlich, der Schnee bedeckte mit seinen weißen Flocken den grauen, staubigen Boden und hinterließ eine unschuldige, reine Welt. Jäh wurde er aus seinen Träumen gerissen, als ihn ein feuchter, klebriger Schneeball genau auf die Brust traf. Der Schmerz war unbedeutend, aber der Schreck umso größer. Nur Sekundenbruchteile nach dem Einschlag rief ihm ein Junge ein lautes „Entschuldigung, Herr Huber“ zu. Es war einer der beiden Söhne der Nachbarsfamilie, die auf dem gleichen Stockwerk wohnten. Sie waren erst vor etwa einem dreiviertel Jahr eingezogen und ihm schon die ganze Zeit ein Dorn im Auge. Die beiden Buben, der eine zehn, der andere zwölf Jahre alt, waren recht gut erzogen und grüßten ihn immer freundlich. Auch war die Familie weder laut noch kochten sie unangenehm riechende Dinge. Nein, es war das fröhliche, unbeschwerte Leben der Familie, das ihn störte. Ein Leben, wie er es früher auch einmal führte. Er wußte selbst ganz genau, daß es nur der Neid war, der ihn so ärgerlich auf die Nachbarn machte, trotzdem war der Ärger immer da, wenn er sie sah und mit der Zeit wurde der Neid eher größer als kleiner. Es war bereits dunkel geworden, als er schließlich zu Hause ankam. Langsam drehte er den Schlüssel im Schloß seiner Wohnungstür herum. Das alte Schloß knarrte, doch warum sollte er es auch ölen. Was würde ihn heute hinter der Türe erwarten? Mit Sicherheit wieder die kalte, menschenleere Wohnung, auch wenn er sich wünschte, daß dort irgendjemand auf ihn wartete und freudig begrüßte. Fast erwartungsfroh öffnete er die Tür, doch es war dahinter wie immer, menschenleer und kalt. Schlurfenden Schrittes begab er sich in sein Wohnzimmer und setzte sich auf seine Couch; er wollte gerade den Fernseher einschalten, als es an der Tür läutete. Wer konnte das sein? Er erwartete niemanden. Bedächtig öffnete er die Tür einen Spalt und sah davor die beiden Nachbarskinder stehen. „Herr Huber, wollen Sie mit uns die Weihnachtsgans essen?“ sprudelte es aus ihnen gleichzeitig heraus. Darauf war er nicht vorbereitet und somit zum ersten Mal nach langer, langer Zeit sprachlos. Als er sich endlich gefangen hatte, antwortete er: „Nein danke, ich habe bereits gegessen.“ Das war natürlich eine glatte Lüge gewesen, und im Grunde seines Herzens hätte er sogar liebend gerne zugesagt, aber das lustige Treiben in der Nachbarswohnung hätte ihn sicher zu sehr gestört. Er schloß die Tür und legte sich, ohne seine Hausschuhe auszuziehen, in sein Bett.

Keine zehn Minuten später klingelte er bei seinen Nachbarn. „Ach, Entschuldigung,“ sagte er „wenn es ihnen nichts ausmacht, Frau Weber, würde ich gerne einen Flügel ihrer Gans essen.“ „Gerne, Herr Huber, kommen Sie doch herein, wir haben sicher mehr als einen Flügel für Sie zu essen“ war die freundliche Einladung seiner Nachbarin. Schon lange hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt wie an diesem Abend. Spontan bot er den beiden Jungs an, bei schlechtem Wetter in seiner Wohnung spielen zu dürfen, da Familie Weber in der Dreizimmerwohnung nur wenig Platz zum Toben für sie hatte. In seiner Wohnung standen seit dem Auszug der Kinder beide ehemaligen Kinderzimmer leer, wann er diese zuletzt betreten hatte, wußte er selbst nicht mal mehr. Gleich am nächsten Morgen würde er sie herrichten, so daß sie wieder für Kinder nutzbar waren. Vielleicht fanden sich in den Zimmern sogar noch ein paar Spielsachen, mit denen die Jungs dann spielen konnten. Ganz sicher stand im Zimmer seines Sohnes ein guter Tischkicker, und einiges an Legosteinen hatten beide Kinder gehabt. Bis spät in die Nacht hinein saßen Herr Huber und seine Nachbarn zusammen und unterhielten sich über alle möglichen Dinge, was er sichtlich genoß. Nachdem er sich verabschiedet hatte, schloß er abermals vorsichtig seine Wohnungstür auf, und tatsächlich, seine Wohnung erschien ihm nicht mehr so kalt und leer. Die Vorfreude auf den nächsten Tag, die Gewißheit, etwas Sinnvolles tun zu können, ließen ihn endlich wieder Hoffnung schöpfen. An diesem Heiligabend legte er sich glücklich wie lange nicht mehr in sein Bett, denn in Zukunft durfte auch er sich wieder auf Weihnachten freuen.

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1 Kommentar zu Weihnachten im Heusteigviertel

#1 circulus . 26.12.05 . 16:11 Uhr

Was für eine schöne Geschichte! Und wie passend für diese Tage … Den Schluss konnt ich nur durch feuchte Augen lesen … Danke!

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