Von Wegschaffel
Kultur, Fundsachen . 19:35 Uhr
„Die Kunst im öffentlichen Raum will unsere Anerkennung. Nichts verdient sie weniger.“
Der Hilferuf von Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Wochenende brüllt mir aus der Seele. Endlich tritt mal jemand mit Wortgewalt gegen Alteisenmöpse, Betonklöpse und Skulpturknödel dass es nur so staubt & scheppert.
Der Mann wettert nicht gegen die Kunst. Er stellt das Missverständnis von der „Kunst im öffentlichen Raum“ bloss: „Artifizielle Trostpflaster, die über unseren disparaten Städten wie Care Pakete abgeworfen werden.“ „Wie Gummibärchen in der Sonne zerlaufende Biomorphismus-Zitate.”
Eine Quelle des sich breiig in die Städte ergießenden Kunstschleims ist auch identifiziert: „ […] eine glücklose Verbindung von stiftenden, sich profilierenden Stadtsparkassen, eifrigen, sich profilierenden Kunstreferenten und tatsächlichen oder vermeintlichen Künstlern, die vermutlich einfach nur hungrig sind.“ Mahlzeit!
Der Artikel von Gerhard Matzig ist hier online nachzulesen, leider nur gegen Bares.
Mein persönliches Lieblingshassobjekt: Das „Ding“ am Ortsausgang von Wangen. „Gestiftet“ unter anderem von mir, dem Steuerzahler.
#1 Liamara . 31.01.06 . 20:12 Uhr
Naaa, das geht doch noch. Darin kann ja sogar noch ein Laie etwas hinein interpretieren; ich jedenfalls sehe da immer einen winkenden Franzosen. Gibt wirklich schlimmeres - ich stamme aus Bochum, und da gibt’s Kunst von Richard Serra. Das Terminal jedenfalls war stets nicht mehr als ein Penner-Pissoir und niemand kann mir erzählen, dass er in dem Ding ein sinnvolles Stück Eisen sieht. Tjaaa.
#2 Wegschaffel . 31.01.06 . 20:27 Uhr
Jaja, schön für den Franzos’, der Wangen au revoir winken kann. Ich dagegen muss dieses G’stell mit der Ausstrahlung von radioaktivem Gemüse aus dem Weltall (W. Moers *) täglich ertragen.
* Künstler
#3 Steff . 31.01.06 . 21:25 Uhr
Ganz schön patzig, der Matzig.
#4 kesselblick . 31.01.06 . 21:41 Uhr
Geht mir generell ähnlich, Kunst im Öffentlichen Raum ist zumeist eine Katastrophe. Ich schiebe das dann immer auf die schnelle Vergänglichkeit der Moden.
Der Kopfschüttler der Saison ist dieses rote verschwurbelte Korkenzieher-Ding hinter dem neuen Kunstmuseum. Nie was gesehen, was so verloren wirkt.
Aber es gibt auch super Sachen. So finde ich das Denkmal vorm Alten Schloss am Karlsplatz mit den drei riesigen Steinquadern und dem vierten, der so auf Ecke dazwischendrückt, ziemlich eindrucksvoll.
#5 Liamara . 31.01.06 . 22:35 Uhr
Mensch, radioaktives Gemüse aus dem Weltall HAT immerhin eine Ausstellung. Tja, gut dass ich weit genug von dem Denkmal weg wohne, ich seh’s ja nicht mal wenn ich mir Gemüse hole. Übrigens Bio, nicht Weltall. Ätsch :)
#6 MNP . 03.02.06 . 16:00 Uhr
So nun haben wir drei Kommentatoren und vier Meinungen zum Thema ob Kunst von können kommt oder nicht. Wenn ich Herrn Matzing in der Süddeutschen richtig verstanden habe, dann sind für ihn die Stahlskulpturen von Herrn Serra, z.B. “Pennerklo” in Bochum doch eher positive Vertreter der Gattung Kunst im öffentlichen Raum.
Es wäre nun durchaus interessant, ob wir in Stuttgart auch so einen Serra haben, über den man etwas diskutieren könnte, und ob jemand im Blog weilt, der sich fachlich so damit auskennt, dass er einen Kommentar abzugeben vermag.
Ich hingegen finde, dass Kunst im öffentlichen Raum schon dann gut ist, wenn sich jemand darüber aufregt.
#7 GÄNSHIRTE . 06.02.06 . 13:36 Uhr
Stuttgart hat doch seinen Otto Hajek, oben an der Hasenbergsteige in dem kleinen Park ist eine ganze Versammlung seiner Skulpturen zu sehen -unbedingt mal den Sonntagsspaziergang dorthin umlenken!(und dann weiteres von ihm überall in der Stadt wiedererkennen, z.B vorm und im Kunstmuseum)
Und die Skulptur auf dem Kernerplatz von Erich Hauser- also ich find sie einfach klasse, ist mir lieber als nochn Reiterstandbild. Im Park aufm Killesberg steht auch eine von ihm, und im Kunstmuseum ist er auch zu finden.
Und was die Sache mit dem Klo angeht (nicht nur für “Penner”, ich mag den Ausdruck nicht besonders), vielleicht sollte man das Thema Skulptur und öffentliche Bedürfnisanstalt mal bewusst miteinander verbinden, und wenn ich mich da an die schottischen Extrempinkler vor einiger Zeit erinnere (UEFA-CUP, glaub ich), dann besteht da echter Handlungsbedarf bis zur WM…
#8 Wandolina . 07.02.06 . 21:40 Uhr
Mir war der Artikel ehrlich gesagt ein bisschen zu einseitig: das ganze komplexe Feld von Kunstwerken in der Öffentlichkeit wird auf die mangelnde Qualität der Kunst zurückgeführt, nicht ohne eine relativ oberflächliche Städtebaukritik dazwischen zuschieben. Der Bezug auf Sitte und Loos scheint mir auf eine Vorstellung hinzuweisen, die dem öffentlichen Raum den Mangel an museumsähnlichen Ausstellungsqualitäten vorwirft. Grundsätzlich finde ich aber auch, dass viele Kunstwerke entweder nicht besonders spannend oder aber im öffentlichen Raum entweder nicht richtig platziert oder nicht richtig aufgehoben sind. Auch Kunstwerke zur Schönheitskorrektur oder nur zur Imageverbesserung zu funktionalisieren, wird ihnen, glaub ich, nicht gerecht. Aber deshalb auf Kunstwerke (bis auf wenige Ausnahmen) verzichten? Dafür scheint mir auch die Auswahl der erwähnten Gegenbeispiele zu sehr aus einer bestimmten Richtung (nämlich der modernen autonomen Skulptur) zu kommen. Das Wegräumen von deplatzierten und “überforderten” Skulpturen kann sicher erfrischend sein, die reine Reduktion wird aber den Fragestellungen, die Künstler und zum Teil auch Stadtplaner im öffentlichen Raum aufwerfen, nicht gerecht. Ebensowenig wie die Vorstellung von Skulpturen der aktuellen Kunst im öffentlichen Raum entspricht, sind auch die an der historischen europäischen Stadt orientierten Ideale von italienischen Plätzen die einzige Antwort von planerischer Seite auf die Anforderungen und Fragestellungen der Stadt von heute.
#9 Skulpturen . 03.01.08 . 16:46 Uhr
Tja, wenns wirklich zu Lasten der Steuerzahler geht, muss man sich nicht wundern, dass viele Anstoß an übergrossen Objekten nehmen und sich von Kunst distanzieren.