Von Herr S
Vermischtes . 15:29 Uhr
Wenn sich Bewohner verschiedener Städte unterhalten, mündet der normale Gesprächsverlauf unweigerlich in Prahlereien. »Wir haben ein Harald-Juhnke-Denkmal und die Straßen sind so breit, dass man drei Tage auf das Echo warten muss, wenn man in sie hineinruft«, führt der Berlinbewohner an. »Breite Straßen? Na und? Ich bin in fünf, sechs Minuten am Comer See, wozu brauche ich breite Straßen?«, kontert der Münchner. Als Stuttgarter stehen Sie in solchen Situationen auf verlorenem Posten. Hektisch blättern Sie im inneren Rekordverzeichnis: Das zweitgrößte Volksfest? Nichts was den Münchner in die Schranken weisen würde. Der größte Weihnachtsmarkt? »Wie jetzt, ich dachte, der wäre in Nürnberg?« hält der Berliner gegen. Auf die Schnelle fällt Ihnen nur noch die höchste Feinstaub-Belastung ein, doch wer will damit schon auftrumpfen?
Die probateste Argumentationshilfe ist indes nur wenigen bekannt: Höchste Architektendichte der Welt, ja-ha, da staunen Sie, was? Über den Daumen 2,27 Architekten je Quadratmeter Stadtfläche, einsame Weltspitze also! Der elementare Vorteil dabei ist, dass Sie stets einen Architekten zur Hand haben, auch in akuten Notlagen. »Entschuldigung, ist zufällig ein Architekt anwesend?«, brauchen Sie — egal wo — nur zu rufen und sekundenschnell formiert sich eine erhebliche Menschenmenge um Sie herum — meist als verblüffend präzises Quadrat, mitunter sogar als hyperbolisches Paraboloid, je nach Tageszeit. Immer werden die Hilfswilligen so zahlreich sein, dass nur noch das Los entscheiden kann.
Natürlich ist es völlig unmöglich, so viel zu bauen, dass alle Architekten ihr gutes Auskommen fänden, immerhin sind die meisten Flächen schon üppig besiedelt, nur turnusmäßige Abrissarbeiten könnten helfen, die prekäre Situation zu entschärfen. Wer nichts mehr findet, mag sein Glück im fernen China suchen oder in Übersee, dort ist guter Rat noch teuer. Weniger Glückliche säumen die Straßen, das Zeichenbrett neben und eine Papptafel vor sich, auf der sie versprechen, für eine warme Mahlzeit ihre Baukünste zur Entfaltung zu bringen — im Blick nichts als die Hoffnung auf geburtenschwache Jahrgänge und die womöglich baldige Verdichtung der Inneren Mongolei.

Foto: Messe Stuttgart
Der Münchner ist inzwischen schwer angeschlagen und selbst der Berliner beginnt zu taumeln. Unbeeindruckt legen Sie nach mit dem Verweis auf die mit 24 Metern längste Bartkette der Welt, gemessen letztes Jahr in Stuttgart, wo sich unterbeschäftigte Architekten auf der hair & style Management einfanden, um ihren 2002 aufgestellten Weltrekord noch zu überbieten. Spätestens jetzt gehen die beiden Prahlhänse zu Boden, der Ringrichter startet die Zählung. »Geringste Pro-Kopf-Verschuldung unter deutschen Großstädten, dazu die niedrigste Leerstandsrate bei Büroimmobilien«, schicken Sie kühl hinterher und geben ihnen damit vollends den Rest.