Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 01:09 Uhr
Sie haben das vielleicht schon mal gelesen: dass in Florenz immer wieder Kulturtouristen in die Psychiatrie eingeliefert werden müssen (glücklicherweise, so weit ich weiß, jeweils nur für kurze Zeit, die Symptome vergehen dann offenbar wieder), weil die Schönheit und Wohlproportioniertheit, der sie in der Renaissance-Metropole allenthalben begegnen, sie richtig fertig macht (in einer Klinik wurde den Patienten eine Zeitlang als Antidot, um die Dekontamination zu beschleunigen, einfach moderne Kunst gezeigt, Videos in der Hauptsache; aber als das bekannt wurde, gab es einen Riesenaufstand der Künstler, die sich missbraucht fühlten, so dass man gezwungen war, die Sache wieder aufzugeben, und die Leidenden sich jetzt wieder ausschließlich auf ihre Selbstheilungskräfte verlassen müssen). Nicht ganz so bekannt wie das Florenz-Syndrom, aber ähnlich gelagert, ist ein Problem, das in Cannstatt auftritt, der sog. Wilhelmsplatz-Wahnsinn. Das Raumerlebnis, das der Platz, an dem sechzehn Straßen (und sieben Straßenbahnlinien, wenn ich richtig gezählt habe) zusammentreffen, mit seinem genialen Ineinander von Offenheit und Intimität dem Betrachter/Betreter bietet, ist so überwältigend, dass viele Besucher spontan in Jubel ausbrechen oder sonst auf die eine oder andere Art Laut geben, wenn sie dieses städtebaulichen Juwels zum ersten Male ansichtig werden. Aber während die Extrovertierten sich schreiend Luft machen, gehen die Stilleren, Sensibleren buchstäblich in die Knie und können den Platz, der nach Originalplänen von Michelangelo gestaltet wurde (die Straßenbahntrassen hat er aber seinerzeit natürlich noch nicht eingezeichnet), oft nur auf die Trage eines unserer verdienstvollen Rettungsdienste geschnallt wieder verlassen. Leider ist zu vermelden, dass es in letzter Zeit Mode geworden zu sein scheint, sich den „Kick“ der Überwältigung durch die ästhetische Perfektion des Platzes und der ihn umgebenden Architektur (die Wassersäule, den Merkur, der hier auf den Boden herabgeholt worden ist, und die Gruppe der schattenspendenden Platanen auf dem Platz nicht zu vergessen) in unverantwortlicher und an Suchtverhalten erinnernder Weise mehrfach hintereinander „zu holen“. Nebenbei bemerkt: Die Krankenkassen haben schon deutlich gemacht, dass sie in Zukunft nicht mehr bereit sind, bei Wiederholungstätern die Behandlungskosten zu übernehmen. Es versteht sich von selbst, dass Einheimische nicht betroffen sind, d.h. dass sie vom Wilhelmsplatz-Wahnsinn verschont bleiben (obwohl… manchmal zweifelt man schon; man muss allerdings auch berücksichtigen, dass manche Zeitgenossen dazu in der Lage sind, bizarres Benehmen quasi aus sich selbst heraus – sagen wir: zu generieren, auf einen ästhetischen Schock sind die nicht angewiesen). Aber Paul hat, als er jetzt das Ende der König-Karl-Straße erreicht und der herrliche Platz sich vor ihm öffnet und, trotz des matten Lichts, in all seinem Glanz vor ihm liegt, sowieso keinen Blick für das Wunderwerk, das nördlich der Alpen nicht Seinesgleichen hat. Paul hat, eine Viertelstunde zuvor, eine Nachricht erhalten, die ihn ganz in Anspruch nimmt. Der Anruf kam, als er sich, nach dem Trunk aus dem Lautenschläger-Brunnen, eben anschickte, die Straßenbahn in die Stadt zu nehmen (U 2, Haltestelle Mineralbäder umsteigen in die U 14). Gundel, eine der gar nicht so wenigen Frauen aus dem Kreis der sog. Epauletten, zu denen er noch in Kontakt steht (kein Sex mehr, aber gelegentliche Treffen und ansonsten Telefonate, die schon mal eine Stunde dauern konnten; da hatte sich ein richtig herzliches Verhältnis entwickelt; zuletzt hatte sie ihm in aller Ausführlichkeit von ihrer Doktorarbeit erzählt, Thema: „Das ‚vergiftete Loblied’ als literarische Gattung“) – Gundel hatte versucht, sich umzubringen (warum, wußte man nicht). Sie war zwar nicht tot, aber die Chance, dass sie jemals wieder aufwachen oder gar wieder am Leben teilnehmen und zum Beispiel mit Paul telefonieren können würde, lag „bei Null“, wie der Anrufer, ihr Bruder, sich ausgedrückt hatte. Paul hält zwar nicht viel von Prognosen („Weil die Zukunft ungewiss ist, Leute! Es wäre ja direkt überraschend, wenn nichts Unvorhergesehenes passieren würde.“), aber das behielt er in dieser Situation dann doch für sich. Eine Viertelstunde lang hat Paul sich gut gehalten. Er hat die Straßenbahn fahren lassen und ist lieber zu Fuß gegangen, leichten Schrittes (wie berichtet), mitten hindurch durch den heiteren Tumult auf der König-Karl. Jetzt, auf dem Wilhelmsplatz angekommen, überwältigen ihn seine Gefühle, er bekommt weiche Knie, sackt weg, kann sich gerade noch fangen, kniet auf dem Gehweg nieder. Sofort sind zwei, drei Passanten um ihn bemüht – wieder einmal bewährt sich die sprichwörtliche Hilfsbereitschaft der Schwaben -, aber Paul ist plötzlich so speiübel und hundeelend, dass er gar nicht zu antworten vermag. Schon hat einer der Helfer, der gerade von einem Volkshochschulkurs ‚Versicherungsbetrug für Fortgeschrittene’ kommt, das Handy am Ohr, und ein paar Minuten später sind die freundlichen starken Männer mit der Trage schon da. Aber fragen sie mich nicht, wie sie das gemacht haben, bei dem Auftrieb.
Bitte schicken Sie keine Blumen, und auch von Genesungswünschen bitte ich abzusehen. Paul geht es inzwischen wieder gut, und er versieht längst wieder treu seinen Dienst auf den unvergleichlichen Straßen Stuttgarts.