Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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27 02.08

Vertrauen vs. Bahnhof

Von Donna Lüttchen
Vermischtes . 18:40 Uhr

Es gibt sie, die Buchhandlung meines Vertrauens. Über ihre Identität werde ich Stillschweigen bewahren. Ich habe meine Gründe. Gut, ich gestehe: eine elende Betrügerin und Schaumschlägerin bin ich. Jawohl. Denn wann immer ich die etwas betagten und verstaubten Räume betrete, betreibe ich Augenwischerei erster Kajüte.
Ich bin darauf bedacht, hier nur Bücher zu erwerben, die darauf schließen lassen, wie weltoffen, humorvoll, intelligent und belesen diese kleine Person doch ist, die eben mit einem schnell und sicher ausgesuchten Stapel Kostbarkeiten die Kasse ansteuert. Die beiläufig und wissend lächelt, wenn der Frage, ob eine Tüte vonnöten sei, um das soeben Erworbene vor Unbill und Schaden zu schützen, noch ein: “Wundervolles Buch. Mögen Sie den Autor auch so gern?” vorweg geschickt wird.
Meist hat diese Person- äh, ich nämlich- noch nie ein Sterbenswörtchen von jenem Genie gelesen.
In meiner Lieblingsbuchhandlung, der meines Vertrauens würde ich niemals zugeben, dass ich nicht zu denjenigen gehöre, die mit vierzehn Lenzen Hesse verschlang. Der gab sich in meinem Bücherregal kein Stelldichein mit Nabakov, Hemingway, Tolstoj, Austen oder Plath. Es geht hier niemanden etwas an, womit ich die Zeit meiner Adoleszenz tatsächlich verlesen habe. Mit Zimmer-Bradley und King, so sieht es aus.
Heute bin ich selbstredend offen für politische Satire, die Klassiker, die Russen und alles, was eine kluge, moderne Frau gelesen haben sollte, um sich ein Bild von der literarischen Landschaft gemacht zu haben.
Da ich sehr viel lese, eigentlich ständig, ist mir mit Sicherheit auch das ein oder andere Stück Hochgeistigkeit untergekommen. Einiges davon hat mir bestimmt Vergnügen bereitet.
Viel größeres Vergnügen habe ich allerdings an (böses, böses Wort) Popliteratur. Brit Lit.
Meine Leidenschaft. Ich liebe Nick Hornby. William Sutcliffe. Tania Kindersley. Lisa Jewell. Mike Gayle.
Nie könnte ich die Brillanz dieser Autoren infrage stellen. Aber eines ihrer Bücher in der Buchhandlung meines Vertrauens erwerben? Ein donnerndes Niemals! Das käme mir schlimmer vor, als im gut besuchten Drogeriemarkt lauthals Kondome zu ordern. Da könnte man mir zumindest noch Verruchtheit nachsagen. Was das schlechteste nicht ist. Aber Trivialliteratur in so heiligen Hallen? Ich bitte Sie, wer möchte denn schon einfach strukturiert daherkommen, begrenzt horizontig? Dann schon lieber horizontal…
Um nun dennoch in den Besitz der von mir geschätzten einfachen Prosa zu gelangen, ziehe ich die Anonymität des Bahnhofs-Wittwers vor. Der ist meistens gut sortiert und mit den neuesten Taschenbuchausgaben bestückt. Und nur die Neuerscheinungen sind es, auf die ich es abgesehen habe. Eigentümerin der vorausgegangenen bin ich bereits.
Für mich besteht wenig Veranlassung, mich am Hauptbahnhof aufzuhalten. Geht mir der Lesestoff aus, heißt es, Gelegenheit schaffen. So schlage ich zuweilen meinen Freunden Treffen in der Innenstadt vor.Damit ich schon auf dem Weg zum Treffpunkt fix noch beim Bahnhofswittwer vorbei schauen kann. Nicht selten schlage ich mit kleiner Verspätung und großer Büchertasche, völlig außer Atem und dringend einer Pause bedürfend auf. Habe nur noch wenig Lust auf die verabredete Plauderei und den geplanten Einkaufsbummel muss ich leider verschieben. Es ist kaum zu übersehen, dass ich schon allerhand zu schleppen habe.
Tapfer bringe ich die solcherart getroffene Verabredung hinter mich, im Bauch ein kribbeliges Gefühl der Vorfreude.
Sitze ich dann endlich in der Bahn, wandert immer wieder meine Hand verstohlen in die Tasche, um meine Schätze sicher verpackt zu wissen. Ein Frevel wäre es, jetzt einen der Bände heraus zu ziehen und die Lektüre zu beginnen. Um diese angemessen genießen zu können, bedarf es meines Lesestuhls und einer guten Tasse Kaffee. So übe ich mich in Vorfreude und kann das Auspacken kaum erwarten. Ist es dann soweit, es ist jedes Mal ein Fest, muss nur noch die Wahl getroffen werden, mit welchem Werk ich beginnen soll. Einziges Kriterium: das Beste zum Schluss.
Jetzt werde ich das Telefon ausstöpseln, die Türklingel abstellen und eintauchen in die Welt der hämmernden Bässe und klopfenden Herzen. Nur diese leise Stimme stört, die ständig fistelt: “Das Leben spielt nicht in einer Bahnhofsbuchhandlung…”

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6 Kommentare zu Vertrauen vs. Bahnhof

#1 Gratian . 27.02.08 . 23:56 Uhr

Ich wünschte, ich hätte noch Zeit für “Popliteratur”! Mehr Selbstbewustsein bitte!

/klugschwätzmode

Nabokov

/kl off

#2 Mythen in Tüten . 28.02.08 . 13:10 Uhr

Oh ich kenne das. Ja, ich kenne das. Schön, dass ich nicht der einzige bin. Tipp: Gehn sie zu Steinkopf am Rotebühlplatz. Da kann man reinen Gewissens und ohne roten Kopf einen Follett erwerben (obwohl ich das ja nie tun würde, naja bis auf Säulen der Erde eben). Falls sie beim ersten Mal noch unsicher sind, legen Sie ein Reclam-Heftchen oben auf. Aber sie werden sehen, das Personal ist sehr tollerant und furchtbar nett.

#3 Liamara . 28.02.08 . 13:21 Uhr

Ich kauf bei Amazon. Die haben mich noch nie komisch angeguckt… :) (Nette Geschichte übrigens!)

#4 Sebastian . 28.02.08 . 14:41 Uhr

Donna, please kaufe alle deine Bücher in der netten Buchhandlung.
Da die ganzen kleinen Buchhandlungen ums Überleben kämpfen wäre das eine tolle Unterstützung.
Liamara, schäm dich - amazon sind die Bösen!

#5 Wegschaffel . 28.02.08 . 15:11 Uhr

Schöne Geschichte das. Kleiner Tipp für den nächsten Aufenthalt im “Vertrauen”: Lassen Sie sich Ihre Popliteratur doch einfach als “Geschenk” einpacken. Verschleiert die Motive und verstärkt die Vorfreude.

#6 Sebastian . 28.02.08 . 22:20 Uhr

Oder erfinde eine Nachbarin, die gehbehindert ist, der Du die Bücher mitbringen sollst. Am besten eine Liste aus der Tasche ziehen und so tun, als ob da das Gewünschte drauf steht.

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