Von Josh von Staudach
Vermischtes, Stuttgart 21 . 12:28 Uhr
Gestern las ich in der Stuttgarter Zeitung einen Leserbrief, der unterzeichnet war von Herrn Peter Conradi. Ich suchte im Telefonbuch, fand nur einen Eintrag, rief an und fragte, ob er der Peter Conradi sei - und ob ich seinen Leserbrief im Blog veröffentlichen dürfte. Er stimmte beidesmal zu. Also habe ich die Zeilen abgetippt und stelle sie nun hier als Zitat zur Lesung und Kommentierung ins Blog:
Die vom Topmanager der Daimler-Benz AG, dem Global Player Jürgen Schrempp, betriebene Fusion zwischen Daimler und Chrysler hat Daimler viele Milliarden Euro gekostet. Doch der ehemalige Chef von Daimler-Benz darf seine Millionenabfindung/Rente unbehelligt genießen. Die Verluste von Daimler müssen die Daimler-Mitarbeiter wieder hereinarbeiten.
In der Politik ist es genauso: Das Renommierprojekt ‘Stuttgart 21′ wird zurzeit von der Deutschen Bahn AG mit Hilfe von DB-Gutachtern schöngerechnet. So war es auch bei früheren Großprojekten der DB AG - Frankfurt/Köln und München/Nürnberg -, die hinterher ein Mehrfaches kosteten. Die für Stuttgart 21 verantwortlichen Topmanager machen sich keine Sorgen, denn wenn Stuttgart 21 - so es denn kommt - einst fertig gebaut und abgerechnet ist, sind Hartmut Mehdorn, Wolfgang Tiefensee, Günther Oettinger und Wolfgang Schuster alle längst im Ruhestand. Bezahlen werden die deutschen Steuerzahler, vor allem in Stuttgart und Baden-Württemberg.
So wird es auch gehen, wenn die Topmanager Mehdorn, Tiefensee, Steinbrück die DB AG an private Investoren für einen Spottpreis verkauft haben, die das Unternehmen ein paar Jahre auf Verschleiß fahren und gute Gewinne machen, bis die Bundesregierung die heruntergewirtschaftete DB wie in England für Milliarden zurückkaufen und sanieren muss.
Die Verschleuderer der bundeseigenen Deutsche Bahn AG sind dann längst im sicheren Ruhestand: bezahlen werden die Steuerzahler. Merke: die Gewinne werden privatisiert, die Verluste vergesellschaftet, und verantwortlich ist am Ende niemand. Was für ein Rechtssystem ist das, das die verantwortlichen Topmanager von jeder rechtlichen und finanziellen Verantwortung für die von ihnen verursachten Verluste freistellt?
Peter Conradi, Stuttgart
Architekt, Jahrgang 1932
Eintritt in die SPD 1959
Mitglied des Bundestages 1972-1998
Präsident der Bundesarchitektenkammer 1999-2004
#1 circulus . 01.06.07 . 12:40 Uhr
Nun bin ich ja mal gespannt, was ihr dazu zu sagen habt. Ich bin jedenfalls Conradis Ansicht, was die Unverantwortlichkeit der Entscheider angeht. Sie verfügen über Mittel, die ihnen nicht gehören und entscheiden über Vorhaben, über deren Details die Steuerzahlenden weitgehend im Unklaren gelassen werden.
Parallel zu Conradis Frage ‘Was ist das für ein Rechtssystem …’ möchte ich noch die Frage stellen: ‘Was ist das für ein Volk, dass sich so für dumm verkaufen und ausnehmen läßt wie Weihnachtsputen?!’
#2 Matze . 01.06.07 . 14:09 Uhr
Wie du es selbst sagst, die Bevölkerung wird im Unklaren gelassen. Jeder Mensch muss im Grunde an sich selber denken. Da hat man meist nicht den Mut, sich auf die Strasse zu stellen, und zu sagen. Stopt den Missbrauch der Bevölkerung. Die meisten wissen nicht einmal, wo sie hingehen sollen, oder sehen es als unnötig an, “da man eh nix ändert”.
Bsp: Greenpeace! Trotz deren riesen Aktionen, ändert sich nix am Walfang, Robbenjagd, Klima, sonstiges. Es bleibt eine Entscheidung der Menschen, die höher gestellt sind.
#3 Wegschaffel . 01.06.07 . 17:06 Uhr
Dass es lausige Manager, vorsätzliche Ausbeuter und Nach-mir-die-Sintflut Entscheider gibt, kann leider keiner bestreiten. Soviel zum wahren, aber winzigen Kern dieses Leserbriefs.
Ansonsten ist das nach meiner Einschätzung populistisches, undifferenziertes Weltuntergangs-Geschwafel, das in dieser Diktion zudem schon hundertmal gedruckt und gesendet wurde. Dass Herr Conradi gegen Stuttgart 21 ist, ist bekannt und sein gutes Recht. Mit seiner Pseudo-Argumentation aber kann man jedes langfristige Projekt totreden. Was ist die Alternative zu unserem System? Dass Mehdorn und Kollegen vor jeder weitreichenden Entscheidung ihr Privatvermögen als Pfand hinterlegen? Dass Politiker auf Generationen hinaus in Sippenhaft für Entscheidungen genommen werden, die sich nach zehn Jahren als falsch herausstellen? So ein Quark.
#4 Paul-geht-baden . 01.06.07 . 21:49 Uhr
Finde ich auch, Wegschaffel. Das ist Quark der ganz billigen Sorte.
#5 circulus . 01.06.07 . 21:51 Uhr
#6 Wegschaffel . 02.06.07 . 09:14 Uhr
Ihr Engagement ehrt Sie, ich bin trotzdem anderer Ansicht. Mit Zahlenkeulen kann ich nicht zurückschwingen. Auch kann ich nicht beurteilen, ob S21 oder die Bahnprivatisierung oder ein anderes Riesenprojekt klappen werden. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass alles alternativlos gut ist, im Gegenteil.
Was mich aber maßlos ärgert sind „Beiträge“ wie der des H. Conradi. Entweder toben in seiner Denkstube schon die ersten Verteilungskämpfe der Würmer, oder er populisiert gezielt aus reinem Eigeninteresse gegen die Bahn und S21. Und das mit „Argumenten“, für die mich die Juso-Mitstreiter vor 20 Jahren schon ausgegähnt hätten.
Verluste von Daimler müssen die Daimler-Mitarbeiter wieder hereinarbeiten.
Welche Arbeiter meint er? Die für 3.500 brutto am Band stehen und nach 7,5 Stunden mit der C-Klasse zurück ins Eigenheim rollen? Und welche „Milliardenverluste? Wem fehlen die? Geld ist nie verloren, es hat nur jemand anders. Und wer hats? Der Schrempp in seinem Keller? Auf der gewaltigen Heckwelle die der Konzern im Zuge der Fusion durch den Ozean der Arbeit gezogen hat, surfen tausende Lieferanten und Millionen Werktätige ganz komfortabel mit. Und ob diese Arbeit auf Basis falscher oder richtiger Entscheidungen entstanden ist, ist dem Paycheck-Empfänger ziemlich wurscht. Ganz sicher fehlen den Eigentümern von DC (unter anderem mir) ein paar Euro im Aktiendepot, aber hier von vergesellschafteten Verlusten zu sprechen ist blanker Unsinn. Abgesehen davon gäb’s in dem Kontext noch die lapidare Frage zu klären, ob das Scheitern der Fusion so monokausal einer (1) Entscheidung und einem (1) Entscheider zuzuschreiben ist. Und das gilt dito für Bahn/Siemens/Politik/etc.. Über die Mechanik von Manager-Haftungsmodellen diskutiere ich gern ein andermal. Jetzt muss ich erst mal wieder ein paar Verluste hereinschaffen.
#7 circulus . 02.06.07 . 12:15 Uhr
Hmmm - *nachdenklichamkopfkratz* - Verluste hereinschaffen oder wegschaffen, Herr Wegschaffel?
#8 Wegschaffel . 02.06.07 . 15:48 Uhr
Harrharr. “Herr Einschaffel” heiss’ ich dann im nächsten Leben :-)
#9 Matze . 02.06.07 . 18:56 Uhr
Warum müssen wir denn mehr Steuern zahlen?
Weil es Deutschland so gut geht?
Nur weil wir uns “Laut Prognose” dieses Jahr nicht weiter verschulden laufen die anderen Kredite auf Deutschland weiter. Warum sind wir so hoch verschuldet? Weil D einen Berliner Bahnhof braucht, der Top modern aussieht, und bei einem kleinen Sturm seine Balken verliert?
Wie peinlich!
#10 Christian . 02.06.07 . 20:46 Uhr
Unabhängig von der Ursache des Problems stimme ich zu, dass die Bevölkerung, also die Leute, die in unserer (Fassaden?-) Demokratie ihre Vertreter gewählt haben, sich eigentlich gar nicht für das, was auf ihren Köpfen passiert, interessieren.
Darum finde ich es durchaus gerechtfertigt, nein, sogar notwendig, mit kurzen und prägnanten Worten zu polemisieren. Denn die Zielgruppe, also die, die endlich aufhören sollen zu ignorieren, können nicht anders erreicht werden! Wer sich mit dem Thema näher auseinandersetzt darf und sollte diese Polemisierung durchauserkennen. Aber primär geht es doch erst einmal darum Bewusstsein und Aufmerksamkeit zu schaffen - und dafür finde ich den Text durchaus gelungen!
Eine Diskussion über dessen Inhalte sollte dann eh und je zwischen informierten Personen stattfinden.
#11 Wegschaffel . 05.06.07 . 12:08 Uhr
__Christian: Der Zweck heiligt die Mittel? Damit bin ich grundsätzlich nicht einverstanden. Aber egal: Was ist denn der Zweck dieses Leserbriefes, ausser mal wieder mit vollem Namen, Titeln und (Ex-)Posten in der Zeitung zu stehen?
#12 circulus . 05.06.07 . 12:52 Uhr
Ach Herr Wegschaffel, Sie mögen halt den Herrn Conradi nicht. Ich mag ihn und halte ihn für kompetent. Ich finde es wichtig, dass ‘prominente’ Personen eine (solche) Meinung vertreten, sonst wär ja alles gleich-gebügelt. Die Kommentare zeigen ja auch ganz schön die Pro- und Contra-Seiten - und das ist gut so …
Übrigens muss ich Herrn Conradi noch insofern in Schutz nehmen: Er hat nur mit seinem Namen in der Zeitung unterschrieben. Die Titel und Ex-Positionen hab ich hinzu erfasst - für den Fall, dass jemand nicht weiß, wer er ist.
#13 Wegschaffel . 05.06.07 . 14:30 Uhr
Stimmt, Circulus. Ich muss wohl den Zweck des Leserbriefs von Herrn C. ein wenig revidieren. Das Schreiben von Leserbriefen und die Drohung, Zeitungs-Abos zu kündigen, gehört zu den Kampfmitteln, die der Anti-S21-Verein “Leben in Stuttgart” in seinen Rundbriefen propagiert. Als Unterstützer ist namentlich auch Herr C. genannt. Wenn die Zeitung nicht schreibt was mir passt, drohe ich mit Kündigung. Auch ein schöner Zweck.
#14 kesselblick . 05.06.07 . 15:32 Uhr
Wenn die Zeitung nicht schreibt was mir passt, drohe ich mit Kündigung.
Eine solche Drohung ist wohl eher Ausdruck der Verzweiflung angesichts des hiesigen konservativen Medienmonopols.
#15 Wegschaffel . 05.06.07 . 18:47 Uhr
___Herr K.: Die Gedanken sind frei, wie wärs mit einem eigenen Blatt? Textverbesserer (Sie?) und Besserwisser (Ich?) gibts genug. Was braucht man noch für eine eigene Zeitung?
#17 Wegschaffel . 05.06.07 . 22:27 Uhr
Sie wieder mit Ihren abgebrochenen viertelphilosophischen Halbsätzen. Ich dachte eher an Handfesteres. Leser zum Beispiel.
#18 circulus . 05.06.07 . 22:42 Uhr
Was denn - Leser?! Die drohen doch nur mit Kündigung … Das erinnert mich an einen Sketch aus den Anfangszeiten des Privatradios: ‘Horst, du kannst den Sender jetzt abschalten. Unser Hörer hat gerade angerufen. Er geht schlafen.’
Aber sooo schlimm ist es doch gar nicht. Wir haben glaub ich ordentlich viele Leser hier. Zumindest der Textverbesser, der Besserwisser und der Polemiker sind fleißig gegenseitig am lesen.
Nebenfrage an den (vierten Leser) Herr Ausgeber: gibt es eigentlich Statistiken, wieviele Leser das Blog hat? (Auf die Gefahr hin, dass diese Frage schon mal gestellt und beantwortet wurde.)
#19 kesselblick . 06.06.07 . 11:32 Uhr
Was braucht man noch für eine eigene Zeitung?
Geld.
Kommt entweder durch großzügige Mäzen oder durch fleißige Anzeigenverkäufer. Wenn ich weder das erste noch das zweite sein muss, wäre ich dabei. Am liebsten wäre mir so’n 20Minuten-Projekt.
Es gab ja schon öfters Überlegungen auswärtiger Verleger den Stuttgarter Zeitungsmarkt aufzumischen. Allerdings hat die StgZtg gerüchteweise eine so gut gefüllte Kriegskasse, dass die sofort mit eigenen Konkurrenzprodukten zurückschlagen.
@Circulus
Anzahl der Leser sieht man ja links unten täglich live. Müssten inzwischen so 50-700 pro Tag sein. Was angesichts der Auflagen der Tageszeitungen von vielen zehntausend Exemplaren nun wirklich vernichtend wenig ist. Noch ist Print nicht tot!
#20 Ralf Schmid (Hrsg.) . 06.06.07 . 16:43 Uhr
@Kesselblick
Sowohl Zahlenmaterial als auch Einschätzung des Printzustandes sind korrekt. Ergänzend würde ich gerne noch anmerken, dass es wohl nur sehr bedingt am Stuttgart-Blog gelegen haben wird, sollte Print eines schönen Tages plötzlich doch versterben. Bei aller Wertschätzung der »Blogosphäre« ist die Idee, sie würde der Traditionspresse über kurz oder lang den Garaus bereiten, doch ein wenig lebensfern, nicht? So, jetzt aber husch husch zurück aufs Sofa, die FAZ lesen, solange es sie noch gibt …
#21 Stuttgart Blog » Das Milliarden-Massengrab . 21.07.07 . 00:20 Uhr
[…] So werden die Zahlen doch schon greifbarer. 1 Million pro Tag. Wie soll sich diese Summe wirtschaftlich rechnen? Also wie und in welchem Zeitraum soll sich diese Investition amortisieren? Wieviele Fahrgäste mehr pro Tag sollen wieviel Euro mehr für ihr Ticket zahlen? Da wird schnell klar: Mit Fahrgästen allein läßt sich das nie und nimmer reinholen - auch in 50 Jahren nicht. (Mehr Zahlenspiele in meinem früheren Beitrag). […]
#22 Hanfeld . 04.09.07 . 13:46 Uhr
Erkunden Sie doch mal spielerisch
die zu erwartenden Folgen der Bahnprivatisierung: