Von von unten
Leben . 23:04 Uhr
In Zeiten des Teilzeit-Nationalismus, in denen plötzlich Nationen wieder wichtig sind, in den Grenzen zwischen Ländern wieder wichtig sind, obwohl es die nicht gibt, weil die Grenzen zwischen arm und reich verlaufen; obwohl die sich Nationalitäten gerade auflösen, was gut ist, wie sonst könnte es sein, dass zwei Brüder in zwei verschiedenen Mannschaften für zwei verschiedene Nationen spielen - und darin zeigt sich das Ende der Fußball-Weltmeisterschaften; in diesen Zeiten, in denen fremdenfeindliche Einstellungen zunehmen und die Menschen intoleranter werden;
in diesen Zeiten werden in Stuttgart im Schloßgarten Pfandfinder dumm angemacht, dass sie sich einen Job suchen sollen, aber nicht gefragt werden, ob sie überhaupt einem nachgehen dürfen wegen der menschenunwürdigen Asylgesetzgebung in Deutschland; in diesen Zeiten tanzen kurz später erwachsene Menschen zu der Schlagerversion eines Kinderliedes nach einem Fußballspiel und verhalten sich wie Teilzeit-Kleinkinder. Sie brabbeln, grölen und schreien ohne Grund, spritzen mit Getränken und Essen um sich, sabbern, pupsen, rülpsen und wollen nicht ins Bett, obwohl sie müde sind.
#1 Rote Socke . 27.06.10 . 23:29 Uhr
Naja, solche Wettbewerbe haben eben doch einen für die Herrschenden sehr nützlichen Zweck: Zum einen wird die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Sportereigniss focusiert, Berichterstattung und Auseinandersetzung mit politischen Themen kommt in diesen Zeiten noch kürzer als eh schon. Halt das alte Rezept, Brot und Spiele fürs Volk damit es den Mund hält. Dass die ganzen europäischen Staaten grad kurz vor der WM ihre krassen, unsozialen Sparpakete durchdrücken ist sicher kein Zufall. Und zweitens trägt es zu einem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl bei. Auf einmal ist es wieder egal ob man Hartzler oder Milliardär ist, hauptsache man fiebert Seite an Seite für die selbe Nation. Man hat als Arbeiter auf einmal gefühlt wieder mehr gemeinsam mit seinem deutschen Chef als mit einem ausländischen Kollegen. Für eine internationale Solidarität der lohnabhängig Beschäftigten ist sowas natürlich Gift. Kapitalbesitzer können sich darüber natürlich nur freuen, so ist es deutlich leichter die Arbeiter der einen Nation gegen die anderer auszuspielen und die Sozialstandarts immer weiter zu drücken. Man muß ja gegenüber dem Ausland wettbewerbsfähig bleiben…
#2 Cassius . 28.06.10 . 01:02 Uhr
Teilzeitnationalismus und Vollzeitsozialisten… Ein paar Stunden im Jahr das Grölen ertragen oder ständig - völlig losgelöst vom eigentlichen Thema - mit dem Abdriften in einen Phantomklassenkampf konfrontiert werden? Eine Entscheidung, die man leider nicht bekommt.
#3 Karl Marx . 28.06.10 . 08:45 Uhr
Proletarier aller Länder verzeiht mir!
#4 Frau Doktor . 28.06.10 . 15:41 Uhr
Schöner Text.
#5 PhilGrooves . 28.06.10 . 22:24 Uhr
Ok, die FIFA WM ist ein Ablenkungsmanöver von (Bundesregierung/Bürgermeister/CIA/FBI/NSA/Amerika/Illuminaten/AlKaida) um die dumme Bevölkerung (Anwesende selbstverständlich ausgeschlossen - ich bin nicht das Volk) von den wirklich wichtigen Nachrichten abzulenken (z.B. der G8/20 Gipfel mit den umwälzenden Entscheidungen).
Und die Bundesliga nicht?
#6 Rote Socke . 28.06.10 . 23:05 Uhr
@ Philgrooves
Hätte garnicht gedacht dass du so ein Verschwörungstheoretiker bist ;)
Nein, so weit gehen und es als geplantes Ablenkungsmanöver zu bezeichnen würd ich nun wohl doch nicht. Und nein, ich gehe auch nicht davon aus dass Regierungen ihren Terminplan hauptsächlich an der Fußball-WM orientieren. Aber einen Einfluss wird es sicher haben, natürlich werden die PR-Strategen der Parteien solche Anlässe berücksichtigen. Unbd natürlich sind solche Großereignisse für Regierungen ein willkommenes Geschenk um unpopuläre Politik zu machen während die Bürger und nicht zuletzt die Medien sich auf das Großereigniss konzentrieren.
Versteh mich nicht falsch, ich will ja keinem Fußballfan die WM verderben, hab ja nichts dagegen. Man sollte sich aber schon über den Einfluss solcher Hypes bewusst sein. Den Kopf in den Sand zu stecken bringt ja auch nichts. Mir ist jeder Fussballfan lieber der während der WM auf Durchzug stellt aber ansonsten ein kritisches Bewusstsein hat anstatt Leute die täglich die Tagesschau konsumieren ohne kritisch mitzudenken.
#7 von unten . 28.06.10 . 23:08 Uhr
; in diesen Zeiten reden viele vom “Public Viewing”, was Englisch oder Amerikanisch sprechende Menschen auch als “öffentliche Leichenaufbahrung” verstehen könnten; ob es vor dem Spiel deswegen zwischen Engländern und Deutschen wohl zu Missverständnissen kam? Are you going to the public viewing? Wäre das dann eher dumm, lustig oder peinlich?
#8 von unten . 28.06.10 . 23:10 Uhr
Wenn die WM die Vollnarkose ist, ist die Bundesliga das Sedativ.
#9 nick . 29.06.10 . 23:32 Uhr
Guter Beitrag. Eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen Bedeutung dieses Events finde ich absolut wichtig und ich würde mir wünschen, dass dafür zunehmend ein Bewusstsein in der Bevölkerung entsteht. Wie zum Kuckuck ist zu rechtfertigen, dass ein Kicker mehr verdient als die sogenannten Top-Manager, die (zurecht) ständig in der Kritik stehen? Zum Beispiel. Solche Fragen gibt es viele, was den Fußball betrifft.
Trotz allem bietet der Fußball momentan doch einen großen Reiz, auch für die kritischen und politisch interessierten Menschen, oder? Lässt sich das nicht irgendwie vereinen?
#10 von unten . 01.07.10 . 00:28 Uhr
; in diesen Zeiten, in denen alle von Fußball sprechen in verschiedenen Sprachen, aber alle die Sprache des Fußballs verstehen; in diesen Zeiten sitzt ein junger Mann in der S1 nach Stuttgart und hört hinter ihm zwei Chinesen chinesisch sprechen und versteht sie nicht, bis er die Worte “Uruguay” und “Ghana” heraushört und später in astreinem Hochdeutsch “Spanien” und “David Villa”, und der chinesische Singsang plötzlich nach Fußball klingt. Wann wird China eigentlich Fußball-Weltmeister?
#11 garsuas . 01.07.10 . 05:01 Uhr
@von unten
Hallo, ich verstehe ja, dass Sie Ihren Frust loswerden wollen. Es geht jedem mal schlecht im Leben. Dann ist man anfälliger für die Schwarzmalerei. Doch einfach die ganze WM-Stimmung in Deutschland pauschal als “Teilzeit-Nationalismus” zu bezeichnen ist total daneben. Vielleicht haben Sie viel Negatives erlebt, kann sein. Glauben Sie wirklich, dass alle Menschen, die sich zu ihrer Kultur, ihrem Land bekennen, quasi verschleierte Nazis sind? Oder betrifft das jetzt wieder mal nur die Deutschen? Wenn es einer Nation ermöglicht wird auf eine “gesunde” Art und Weise ihre Liebe zu eigenem Land kund zu tun, was ist da bitte verkehrt? Gerade das Fehlen solcher Möglichkeiten lässt den Nationalismus wachsen. Steigern Sie sich da nicht rein, sondern freuen Sie sich und fibern Sie mit für die deutsche Mannschaft, die Mannschaft des Landes in dem Sie leben, die übrigens aus allen möglichen Nationalitäten besteht, wie Deutschland eben auch. Ein Grund mehr um sich mit diesem Land zu indetifizieren! (Mag sein, dass einige Fußballfans übertreiben, gabs auch schon immer.)
Mfg
PS: Dass die Politiker immer wieder solche Volksfeste ausnutzen um ihre Interessen durchzusetzen ist so alt wie die Welt.
#12 Rote Socke . 02.07.10 . 10:46 Uhr
Wenn es einer Nation ermöglicht wird auf eine “gesunde” Art und Weise ihre Liebe zu eigenem Land kund zu tun, was ist da bitte verkehrt? Gerade das Fehlen solcher Möglichkeiten lässt den Nationalismus wachsen.
Und wie definiert man diese “gesunde” Art des Nationalstolzes? Und warum besagt dann die im Beitrag genannte Studie genau das gegenteil?
Steigern Sie sich da nicht rein, sondern freuen Sie sich und fibern Sie mit für die deutsche Mannschaft, die Mannschaft des Landes in dem Sie leben, die übrigens aus allen möglichen Nationalitäten besteht, wie Deutschland eben auch.
Wieso soll man für eine Mannschaft jubeln nur weil man zufällig aus dem selben Land wie die Mannschaft kommt? Wieso soll man als Fan von beispielsweise St. Pauli oder dem VfB bei einer Mannschaft die zum Großteil aus Bayern-Spielern besteht mitfiebern?
P.S.: Ich dacht immer die deutsche Nationalmannschaft besteht nur aus Spielern mit deutscher Nationalität. ;)
#13 Nordrandbewohner . 02.07.10 . 14:00 Uhr
Und wie definiert man diese “gesunde” Art des Nationalstolzes?
Jeder kann es nennen wie er es nennen will, wenn ich mich über Deutschland freue, über erfolge der Nationalmannschaft freue, dann nehm ich damit niemand anderem etwas weg und tue damit auch niemand anderem ein Unrecht. Ich gestehe jedem Menschen zu, auf seine Art dieselbe Freude für sein Land und seine Herkunft und seine Nationalmannschaft zu empfinden.
Die Grenze zwischen “gesund” und “ungesund” verläuft genau dort, wo Toleranz sich von Intoleranz trennt.
Wieso soll man für eine Mannschaft jubeln nur weil man zufällig aus dem selben Land wie die Mannschaft kommt?
Man muss nicht jubeln, aber man kann, denn die angesprochene Zufälligkeit stellt eine Beziehung zwischen mir und dieser Mannschaft her. Niemand kann etwas für diese Zufälligkeit, deshalb brauche ich auf diese Zufälligkeit auch nicht übertrieben stolz sein, ich sehe aber auch keinen Grund, mich für diese Zufälligkeit zu entschuldigen.
Ich dacht immer die deutsche Nationalmannschaft besteht nur aus Spielern mit deutscher Nationalität.
In der Nationalmannschaft spielen nur Spieler, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Das bedeutet aber nicht, dass diese Spieler nur die deutsche Staatsbürgerschaft haben dürfen, es gibt in der Nationalmannschaft mehrere Mehrstaatler.
Jeder kann es halten wie er es will, ich freu mich und ich feier und wem das nicht passt, der sollte mal seine eigene Toleranzschwelle überdenken.
#14 Rote Socke . 02.07.10 . 14:54 Uhr
Jeder kann es halten wie er es will, ich freu mich und ich feier und wem das nicht passt, der sollte mal seine eigene Toleranzschwelle überdenken.
Na dann sind wir uns ja einig, ich denk nicht dass irgend jemand einem das feiern verbieten will. Genauso wie ich davon ausgehe das niemand einem verordnen will warum man zu feiert hat und wofür man jubeln soll.
#15 garsuas . 02.07.10 . 15:10 Uhr
Und wie definiert man diese “gesunde” Art des Nationalstolzes? Und warum besagt dann die im Beitrag genannte Studie genau das gegenteil?
Ganz einfach; wenn keine andere Nationalität diskriminiert wird. Diskriminierung ist nicht akzeptabel.
Konkurrenzkampf liegt in der menschlichen Natur. Man mag es mögen oder nicht, es ist eine Tatsache. Eine “gesunde” Art und Weise mit- und gegeneinander zu kämpfen bietet eben Sport. Die olympischen Spiele waren historisch gesehen ein Kriegsersatz und auch ein Friedensfest. Im Sport werden Aggressionen abgebaut. Versuchen Sie mal, wenn Sie eine schlechte Laune haben, etwas zu joggen oder radzufahren. Sie werden sehen, dass Sie gelassener und glücklicher heimkehren.
Im Fußball, wie in jeder anderen Sportart, macht man außerdem zwansläufig die Erfahrung, dass man auch verlieren kann und, dass der Gegner auch überlegen sein kann. Man lernt den Gegner zu respektieren. Wäre Hitler doch ein Fußbaltrainer gewesen… :)
Das mit den Studien ist auch so eine Sache. In der besagten Studie wird ziemlich alles in einen Topf geworfen. Was hat jetzt zum Beispiel Islamkritik mit Fußball zu tun? In der Studie wird auch Islamkritik mit Nationalismus gleichgestellt, was völlig unverständlich ist. Demnach gehört jede Art der Kritik an Ideologien in die Rubrik des Nationalismus. Dann dürfte man z.B. Scientology-Ideologie nicht kritisieren, denn damit würde man die Amerikaner diskriminieren, da Scientology nun mal aus Amerika kommt usw. Die Studie erscheint mir indoktriniert und nicht besonders glaubwürdig.
Wieso soll man für eine Mannschaft jubeln nur weil man zufällig aus dem selben Land wie die Mannschaft kommt? Wieso soll man als Fan von beispielsweise St. Pauli oder dem VfB bei einer Mannschaft die zum Großteil aus Bayern-Spielern besteht mitfiebern?
Ich persönlich verfolge nur die WM und EM, eben weil das was besonders ist, wo die Spieler aus dem Land kommen, wo ich lebe. Sie sind meine Mitbürger. Heißt das jetzt, dass ich andere Menschen weniger respektiere? Natürlich nicht.
Die Menschen sind emotionale Wesen und hängen ihr Herz an Jemanden oder etwas. Ihre Mutter, ihre Muttersprache, ihren Vater, ihr Vaterland. Sicherlich gibt es viele sehr schöne Orte auf der Welt und melodischere Sprachen als die Unsere, doch das Land wo Sie geboren sind und zum ersten Mal als Kleinkind die Landschaft erkundet; die Lieder, Märchen und Gedichte, die ihre Mutter Ihnen vorlas und Sie liebevoll in die Arme nahm. All das bleibt Ihnen Ihr Leben lang erhalten.
Soll man das lieben? Nein, aber man tut es, weil man ein liebendes Herz und eine lebendige Seele hat. Alles was einen Menschen ausmacht. Das hat jetzt natürlich wenig mit Fußball zu tun, doch man projetiert seine Gefühle darein und freut sich an dieser ganzen SPIELEREI :)
Mfg