Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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03 08.07

Paul geht baden. Teil 11: Stuttgart unter

Von Paul-geht-baden
Vermischtes, Stuttgart 21 . 15:50 Uhr

Hui… jetzt kommt aber Bewegung in die Stadt! Kaum ist Stuttgart 21 beschlossen (das Projekt wird übrigens von Leuten, die 17 + 4 zusammenzählen und sich auch sonst einiges ausrechnen können, nur Stuttgart Blackjack genannt), ist es auch schon wieder obsolet — was aber nicht bedeuten muss, dass es nicht trotzdem gebaut wird, als eine Vorstufe dann eben zu einer viel, viel weiter gehenden Umgestaltung der Stadt, die nach jetzt aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen bekannt gewordenen Plänen — bitte Schwimmwesten anlegen! — komplett unter Wasser gesetzt werden soll. Mit anderen Worten: Der Kessel soll geflutet werden! Geschätzte Kosten: 100 Milliarden Euro. Finanzierungslücke: 200 Milliarden (wenn man die üblichen Kostensteigerungen berücksichtigt). „Das ist doch Wahnsinn!“ sagen, wie nicht anders zu erwarten war, die Nichtschwimmer und fassen sich an den Kopf, als wollten sie den Sitz der Taucherbrille prüfen, während Wasserfreund Paul, wie immer optimistisch, loyal und zu jedem Untergang bereit, sich schon auf samstägliche Tauchgänge z.B. zu Karstadt freut und sich vorstellt, wie schön es wäre, wenn er sich unter die Spaziertaucher mischen könnte, die das Aerial des LBBW-Glaspalasts an der Heilbronner Straße, dessen spitzer Gebäudebug sich ja schon immer danach zu sehnen schien, die Wasser zu teilen — wenn er mitschwimmen könnte in Besuchergruppen, z.B. aus Mumbai, Kairo, Samara, die in ihren traditionellen farbigen Tauchkostümen die transparente Luftoase umspielen wie Schulen exotischer Fische, während im beleuchteten Innern auf allen Etagen die überwiegend — wenn nicht gerade kasualer Freitag ist — schwarz-weiß gewandeten Geldverwalter in den Büros wie im Traum ihrer zauberhaft trockenen Arbeit nachgehen oder sich auf den Fluren, an den Kaffeeautomaten und in den Teeküchen begegnen und die so wichtigen informellen Kontakte pflegen. Die Stadt soll nämlich unter Wasser — das macht die Sache ja so teuer —vollständig erhalten und voll funktionstüchtig bleiben. Die dafür benötigten Techniken (Gebäudelufthäute, alle möglichen Arten von Schleusen usw.) gibt es zum großen Teil noch gar nicht, aber gerade darin liegen, den vielleicht noch nicht ganz wasserdichten Plänen zufolge, die riesigen wirtschaftlichen Chancen, die Stuttgartunter Stadt und Region bietet. Während die Gegner des Projekts den Untergang mit dem Ende der Stadt gleichsetzen und nicht immer ganz frei von einem unsachlichen Vergnügen am Negativen die wildesten apokalyptischen Szenarien entwerfen, vergleichen die Autoren ihren Plan ohne falsche Bescheidenheit mit dem Anfang der 60er Jahre von John F. Kennedy formulierten Ziel, innerhalb eines Jahrzehnts auf dem Mond zu landen. Schließlich sei es die Vision gewesen, die erst die Mittel zu ihrer Verwirklichung hervorgebracht habe. Und was die segensreichen Nebeneffekte gezielter Forschung angehe, so sei zwar noch nicht abzusehen, was einmal als die Teflonpfanne der Leben-unter-Wasser-Technik in die Geschichte eingehen werde, aber dass sie sich einstellen würden, sei doch unzweifelhaft. Neben allen unmittelbaren Vorteilen einer „Stadt der drei Ebenen“ (zu den unter der Erde und unter Wasser liegenden Teilen der Stadt käme als neue Ebene die schwimmende Stadt auf der Wasseroberfläche hinzu, mit spiegelverkehrten ‚Tiefhäusern’, die fünf, sechs, zehn Stockwerke ins Wasser hinunterreichen würden, mit Aussichtsplattformen auf der untersten Etage), neben dem immensen Aufschwung, den der Tourismus nehmen würde, um nur diesen zu nennen, würde Stuttgart natürlich auch weltweit zum führenden Standort für Unterwassertechnologie werden. Der Klimawandel muss ja keine Katastrophe werden. Wenn die Niederlande zu einem Unter-Wasser-Königreich werden, weil wegen abschmelzender Polkappen der Meeresspiegel steigt (und auch in den Villen an der feinen Elbchaussee in der Freien und Hanse-Stadt Hamburg die Fische nicht mehr nur gebraten auf den Tellern liegen) —: Wo werden die Holländer, die Hamburger und beim wem sonst noch alle Dämme brechen, das, was sie dann brauchen, einkaufen? Stuttgarter Unternehmen hätten die Technik, das Know-how. Weil sie die Vision hatten. Darauf hob auch die CNN-Chefreporterin Christiane Amanpour ab, die nach Bekanntwerden des Stuttgartunter-Planes, in die Stadt kam und, auf dem Haigst stehend, die Stadt im Talkessel hinter sich, versuchte die schwäbische Mentalität zu beleuchten. Sie sprach von „trainierter Fantasie“, von „muskulöser Imagination“ und, vielleicht am treffendsten, von „einer Art Apnoe-Denken“ (die Übersetzungen sind von mir). Die Leute hier seien absolut furchtlos. „Dies sind die Leute, die das Auto erfunden haben“, rief sie mit ihrer belegten Stimme aus. „They’re amazing. Ask anyone on the street, and off the cuff they’re gonna draw you a map of the road to nowhere.” Ich nehme das mal als Kompliment (und gebe es zurück: Die Amerikaner sind auch selber Klasse). Nun muss man aber, damit keine falschen Vorstellungen aufkommen, auch sagen, dass es noch keinen Zeitplan gibt (und keine politischen Entscheidungen und, wie erwähnt, keine Finanzierung). Allerdings ganz im Bereich des wilden Denkens scheint der Untergangsplan auch nicht mehr nur angesiedelt zu sein; denn von Paul, der in seinem Urlaub einen Hilfskonvoi nach St. Paul in Minnesota begleitet hat (Lebensmittel, Medikamente), aber als die Brücke über den Mississippi einstürzte, schon längst wieder zurück in Stuttgart war — von Paul habe ich gehört, dass eine kleine Delegation der Stadt gerade unterwegs ist nach Callao in Peru. Im dortigen Marinestützpunkt sitzt nämlich der ehemalige Geheimdienstchef in einem Unterwassergefängnis ein, das er einst selbst bauen ließ, für die Maoisten-Terroristen vom „Sendero luminoso“. Wer weiß…, vielleicht wird daraus mal eine Städtepartnerschaft. Wenn Stuttgart den leuchtenden Pfad ins Wasser konsequent weiterverfolgt, und der kühne Plan auf seinem Weg durch die Instanzen nicht allzu sehr verwässert wird…

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15 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 11: Stuttgart unter

#1 UK . 03.08.07 . 16:50 Uhr

Hallo, ich bin ein Abschnittswechsel. Bitte benutz mich.

#2 Frau Doktor . 03.08.07 . 16:50 Uhr

Endlich mal ‘ne städtebauliche Vision für Stuttgart, die sich gewaschen hat! Paul-geht-baden for Bürgermeister!!

#3 Wegschaffel . 05.08.07 . 12:06 Uhr

Daisserjaendlichwieder. Lesen tu ich später wenns dunkel ist, heut mittag geh ich erst mal baden.

#4 Paul-geht-baden . 06.08.07 . 11:20 Uhr

@ Frau Doktor. Sagt man nicht: “Schuster, bleib bei deinem Leisten”? Aber okay, wenn die Aufforderung zur Kandidatur so einstimmig ausfällt, darf man sich natürlich nicht verschließen. Mit anderen Worten: Paul-geht-baden nimmt die Herausforderung an. Darf das Wahlkampfteam auf Ihre Unterstützung, vielleicht sogar auf Ihre Mitarbeit hoffen? Nebenbei nutzen wir die Gelegenheit, um auf eine kleine Ergänzung ab Zeile 18 aufmerksam zu machen, die vielleicht Ihr Interesse findet.

#5 Wegschaffel . 06.08.07 . 11:54 Uhr

bitte Schwimmwesten anlegen!

Mein Einwurf mag ob des nachgeradezu atlantischen Ausmasses Ihrer Geschichte ein wenig kleingrätig erscheinen, als alter Kesselfluter muss ich aber doch nachhaken: Wenn alle Schwimmwesten tragen, kommt doch keiner runter nach Stuttgart unter?!

#6 Paul-geht-baden . 06.08.07 . 12:45 Uhr

@ Wegschaffel. Schön, dass Sie wieder so genau gelesen haben. Aber noch ist Stuttgartunter ja nicht Wirklichkeit, die metaphorischen ‘Schwimmwesten’ sollten lediglich dafür sorgen, dass dem Leser das Herz nicht in die Hose rutscht. Dass Sie vor anderthalb Jahren schon fluten wollten, habe ich nicht gewußt. Aber vielleicht hat Ihr Beitrag hier im Stuttgart-Blog die Überlegungen im Rathaus, die jetzt ins Planungsstadium zu kommen scheinen, damals angestoßen. Ansonsten wäre es wieder mal ein Beweis dafür, wie verschwenderisch doch die Natur ist: läßt dieselbe Idee in verschiedenen Köpfen entstehen und stiftet Brüderschaften, deren Mitglieder sich nicht kennen und nichts voneinander wissen. Ich habe mir jedenfalls, auch angeregt durch den Kommentar zu Ihrer schönen ‘Onkel-aus-Amerika’-Geschichte, die ich noch nicht kannte, vorgenommen, das Wegschaffel-Archiv mal etwas gründlicher durchzugehen.

#7 Frau Doktor . 06.08.07 . 14:08 Uhr

@#4 Paul-geht-baden:
Aber klar! Der Eimer Kleister zum Plakatieren der Innenstadt steht schon bereit. Sind GrafikerInnen anwesend? Hier wäre jetzt die Chance für eine kreative Plakatkampagne! Stuttgart unterWasser, da lässt sich doch was reißen!

#8 Paul-geht-baden . 06.08.07 . 15:02 Uhr

@ Frau Doktor. Werden Wahlkämpfe heutzutage nicht im Internet gewonnen? Aber klar, GrafikerInnen müssen her. Zum Slogan ‘Paul geht baden - und Stuttgart geht mit’ müsste den bildgebenden Kommunikationskünstlern doch etwas einfallen…

#9 Wegschaffel . 06.08.07 . 16:12 Uhr

Harr harr, ich stell mir S-Blub grade bildlich vor … Bruddeln in Zeichensprache … Kehren mit dem Gartenschlauch … Cacau beim Wasserball … und überall schwimmen Maultaschen in der Brüh’ …

#10 Paul-geht-baden . 06.08.07 . 17:37 Uhr

Cacau beim Wasserball …

Bitte seriös bleiben! Cannstatt liegt nicht im Kessel!

#11 Wegschaffel . 06.08.07 . 21:27 Uhr

Mei, Sie kennad aber au phäb sei … Trotzdem: Ihre Flutphantasie geht doch sehr viel tiefer, als meine an - oder besser auf - der Oberfläche kratzende Fabulation von S-Blub. Und viel Spass im Archiv. S´könnt ein bissle staubig sein. Aber Sie baden ja regelmässig.

#12 Paul-geht-baden . 08.08.07 . 15:32 Uhr

#11 Wegschaffel. Ihre sämtlichen Hauptwerke nachgelesen (das weite Feld der Kommentare ist - und bleibt vermutlich auch, leider - weitgehend unbeackert). War kurzweilig (jetzt hätte ich beinahe ‘kurzwellig’ geschrieben: was Sie sich dabei wohl gedacht hätten?) und gar nicht staubig. Überlege, ob ich nicht die eine oder andere Piratenschaluppe (oder wie deren Kähne heißen) auf die türkisblauen Wasser des gefluteten Kessels setzen soll, um mir damit die ausgelobte Flasche Captain-Morgan-Rum zu sichern. Eine Szene vielleicht, in der Käpt’n Hans Spätzlehirn gerade den Dings kielholen lässt… Und dann ist da noch eine Sache offen geblieben: Wo bleiben die Beschreibungen Ihrer Lieblingskarikaturen?

#13 Wegschaffel . 09.08.07 . 10:55 Uhr

___Paul-Geht-Baden: Jetzt ist passiert was ich regelmässig zu vermeiden suche. Ich bin gerührt. Danke. Und die Karikaturbeschreibung kommt, versprochen.

#14 Paul-geht-baden . 10.08.07 . 01:44 Uhr

@ Wegschaffel. Hatte gehofft, Sie würden etwas antworten in der Art von: “Für Alkohol sind Sie ja wohl zu allem bereit”, damit ich dann wieder mit ein paar Zeilen aus dem Liedgut antworten könnte. Aber wenn’s sein muss, geb ich mir meine Stichworte auch selbst: Barley wine, pink gin,/ I’ll drink anything,/ Port, pernod or tequila,/ Rum, scotch, vodka on the rocks,/ As long as all my troubles disappear. Stimmt zwar nicht, ist aber trotzdem schön. Und Ihre Antwort war natürlich auch viel schöner, als das, was ich mir usw. usf.

#15 Wegschaffel . 10.08.07 . 09:58 Uhr

And I wanna tell you
never to fall a slave to demon alcohol
it’s going to break your heart
and enslave the demon alcohol!

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