Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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08 10.08

Stuttgart, Schwabstraße

Von Der Flaneur
Vermischtes . 09:06 Uhr

schwabstrasse.jpg

Von einer kleinen Plattform direkt über dem sandsteinernen Portal des Schwabtunnels folgt der Blick der Straße weit in den Stuttgarter Westen hinein.

Herbstliches Nachmittagslicht, kein Auto auf der sonst viel befahrenen Straße, nur ein einzelner Fußgänger, der gerade im Augenblick der Belichtung zu mir hochschaut.

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10 Kommentare zu Stuttgart, Schwabstraße

#1 Tom . 08.10.08 . 20:01 Uhr

und erneut fällt mir nur ein: n1 :-)

#2 Dennis . 09.10.08 . 13:08 Uhr

Ein richtig gutes Bild. Mit welcher Kamera hast du dieses Bild geschossen. Sieht nach hoher Qualität aus. Wobei bei der Größe ist es schwierig zu sehen.

#3 der Flaneur . 09.10.08 . 13:58 Uhr

Auch wenn ich überzeugt bin, dass das Werkzeug nur eine untergeordnete Rolle spielt …

Der Flaneur - neudeutsch auch Promenadologe - flaniert mit einer hosentaschentauglichen, dezenten und leisen Kamera, mit 28er Festbrennweite und Aufstecksucher für den schnellen Schnappschuss: einer Ricoh GRD II.

So, das war jetzt wahrlich virales Marketing!

Und noch ein schöner Satz zu Schluß für alle, die auch öfter in einem “promenadologischen Kontext” unterwegs sind:

“Der Flaneur, was will er, was sucht er, was tut er da draußen auf den Straßen, durch die es ihn weht?”

#4 Stefan Sommer . 09.10.08 . 17:38 Uhr

Man kann dennoch sehr froh sein, dass dieses durchaus stimmungsvolle und gelungene Foto nicht auch noch den Lärm und den Gestank der Autoabgase überträgt, den man an dieser Stelle zu ertragen hat…

#5 paul-geht-baden . 09.10.08 . 18:40 Uhr

folgt der Blick der Straße weit in den Stuttgarter Westen hinein

Ich finde es bemerkenswert (bitte nicht vorschnell als Kompliment verstehen), wie Sie von einem Punkt aus, an dem man nicht nur weit gucken, sondern auch so etwas wie Weite und Offenheit (für mich mit Heiterkeit verbunden) erfahren kann (beschränkt und gesteigert zugleich durch die Schneise der Straßenschlucht, die den Blick leitet), ein Bild machen, dass eine Art geschlossenen Raum zeigt, der etwas von der Unwirtlichkeit und Verlassenheit von Orten in Nach-dem-nächsten-Weltkrieg-Fantasien hat und in dem Stuttgart, pars pro toto, genau so aussieht, wie es ein Hasskappen-Kommentator hier mal genannt hat: ein tristes finsteres Loch. Nicht, dass gerade ich eine Antwort erwarte, aber man fragt sich, welche Vorstellungen, Ideen, Absichten usw. die lichtbildnerische Stilisierung eigentlich leiten.

#6 der Flaneur . 09.10.08 . 21:11 Uhr

Die Entscheidung, warum man gerade jetzt stehen bleibt und ein Bild macht, ist bestimmt nur zum Teil kopfgesteuert.
Das Auge nimmt wahr, man fühlt und mit Sicherheit führt der “shutter finger” nur das aus, was ihm

Verstand, Auge, und Herz

auftragen.
Wahrgenommen habe ich die fehlenden Autos, den einsamen Fußgänger, Symetrie und Perspektive, aber vor allem das Licht.
Für mich war es ein besonderer Augenblick, der nicht so ohne weiteres wiederholbar ist.
Für den Betrachter ist das Bild eine natürlich eine Kulisse, die er mit seinen eigenen “Figuren”, seiner eigenen “Handlung” beleben kann.
Vielleicht wäre ja ihr Blick auf das Foto ein anderer, wenn es eine anonyme Stadtansicht wäre?

#7 paul-geht-baden . 10.10.08 . 15:38 Uhr

Offenbar habe ich mich unklar ausgedrückt. Ich habe gar keine Zweifel daran, dass Intuition (gepaart mit Erfahrung und Beherrschung der Technik und…?) etwas Wesentliches beim Bildermachen ist. Und auch wenn Wegschaffel (dem Ihre Bilder, wenn ich ihn neulich richtig verstanden habe, auch nicht so ohne Weiteres eingehen) sich wünscht, dass ich auf die Tonne haue: Ich habe mich nicht gemeldet, weil ich in dieser Sache etwas besser weiß (wie es, in anderer Sache, schon vorgekommen ist). Wenn ich also zuletzt davor gewarnt habe, eine bestimmte Formulierung vorschnell als Kompliment zu verstehen, muss ich wohl jetzt noch hinzufügen, dass Sie meine Überlegungen und Fragen bitte auch nicht als eine Art Ans-Bein-Pinkeln verstehen mögen. Natürlich bestreite ich nicht die offensichtliche Qualität dieses (und auch Ihrer anderen) Fotos. Mir geht es um eine grundlegendere Frage, die sich an einem ins Auge springenden Widerspruch entzündet hat: Von einem Ort, an dem man, noch fast mittendrin in der Stadt, ein Stück über die Stadt (oder Teile der Stadt) hinausgehoben ist, nicht so steil und nicht so schwindelnd wie im Mastkorb einer Neckar-Karavelle zwar, aber immerhin, einem Oben-Ort auf jeden Fall, machen Sie ein Bild, das eher an subterrane Gelasse erinnert, mich jedenfalls. (Wenn ich die Plattform am Schwabtunnel nicht kennen würde, hätte sich die Frage wohl nicht gestellt, aber mein Eindruck wäre im Prinzip kein anderer gewesen.) Was mich interessiert ist: Was bewirkt diese erstaunliche Verwandlung? Der Blick des Fotografen natürlich. Aber dann eben: Warum guckt der Fotograf so? Warum gefällt ihm das Dunkle und Leere? Und: Hat es denn gar keine Nachbearbeitung gegeben, die das Bild in einer bestimmten Richtung verändert hat? Wenn ja: Was bestimmt diese Richtung? Fragen, die vielleicht nicht zu beantworten sind, oder nur allgemein mit: Persönlichkeit, Weltanschauung, die Vorstellungen davon, was chic ist oder “tief”, bestimmte Kunstkonventionen… Und: Propagiert Ihr Foto, auf eine gewisse unschuldige Art, nicht irgendwie diese merkwürdige Vorstellungsverknüpfung, wonach das Düstere und Kahle und Öde näher an der Wahrheit ist Sonnenschein und Leben in Saus und Braus?

#8 der Flaneur . 10.10.08 . 18:20 Uhr

Keine Sorge, ich fühle mich in keiner Weise ans Bein gepinkelt. Ganz im Gegenteil fühle ich mich durch Ihr beharrliches Nachfragen herausgefordert, über ihre Fragen nachzudenken.
Ich fürchte nur, dass ich für den Moment keine schlüssige Antworten habe.
Trotzdem: ich finde, dass das Foto einen der problematischten Ecken des Stuttgarter Westens fast schon wieder zur Idylle verklärt.
Natürlich eine Stadtlandschaft durch und durch, in einem der dichtbesiedelsten Stadtteile Deutschlands, aber doch nicht ohne Reiz für Liebhaber des urbanen Lebens?
Womöglich beantworten sich auch einige Fragen ganz von alleine, ich hätte da schon noch das Eine oder Andere in petto.
Jahreszeitlich passend, lebendig, farbenfroh und trotzdem mitten aus unserer Stadt?
Schaun mer mal …

#9 kesselblick . 10.10.08 . 19:06 Uhr

Nicht, dass gerade ich eine Antwort erwarte, aber man fragt sich, welche Vorstellungen, Ideen, Absichten usw. die lichtbildnerische Stilisierung eigentlich leiten.

Eine kunsttheoretisch höchst diskussionswürdige Fragestellung. Die Intention des Fotografen/Künstlers ist doch völlig irrelevant für die Analyse der Botschaft eines Fotos/Werks. Selbige entsteht doch im Kopf des Betrachters auf der Basis dessen kulturellen Kontextes. Wie es für PgB ein Symbol für die Verdrossenheit des modernen Menschen ist, der den Blick in die Hässlichkeit senkt, statt ihn in die Schönheit zu heben (reine Vermutung), so ist es für müllmafiabelastete Neapolitaner eines einer müllfreien Stadt (nur so als Beispiel). Kurzum: Den Künstler nach seiner Botschaft zu fragen, ist sinnlos.

#10 paul-geht-baden . 11.10.08 . 00:02 Uhr

He, Kesselblick, freue mich, dass Sie mitreden - obwohl ich nicht ganz Ihrer Ansicht bin (aber das macht nichts). Ich übergehe mal die Sache mit dem Symbol und der Verdrossenheit und dem modernen Menschen, die so gut wie gar nichts mit meinen Vorstellungen zu tun hat. Aber an der Aussage, dass die Intention des Fotografen/Künstlers - ich paraphrasiere und sage: weitgehend zu vernachlässigen ist für die Bedeutung/Bewertung seiner Arbeit (nicht für die Botschaft, also das - horribile dictu - ‘Statement’, das wir hier neulich schon mal hatten: für das sind die Kerle und Kerlinnen voll verantwortlich und auch verantwortlich zu machen), ist eine Menge dran - der wunderbare Jean Renoir, dessen ‘La règle du jeu’ von vielen, die was davon verstehen, für den besten Film aller Zeiten gehalten wird (lief letztes Jahr im KoKi, vor nicht sehr vielen Zuschauern) [und haben Sie mal ‘Le crime de M. Lange ‘ gesehen? wenn sie den das fritte Mal sehen, weinen Sie, so schön ist der], hat über die Filmerei einmal gesagt, dass für das Gelingen des Films das, was ohne seinen Willen vor der Kamera geschieht, durch Zufall, Glück usw., wichtiger sei, als das, was seinen Anweisungen gemäß geschieht; toll, oder? - aber die ganze Wahrheit ist es bei weitem nicht. Denn man muss schon auch etwas wollen, wenn man einen Film, ein Bild oder ein Buch usw. macht, damit etwas dabei herauskommt, was einen eigenen Zuschnitt hat, und die schöne Braut ‘glücklicher Zufall’, wenn ich mal wieder in meinen neogrotesken Stil verfallen darf, legt sich nur in dein Bett, wenn man vorher eines aufgestellt hat. Und darüber, wie sie dem Zufall “Fallen stellen”, können Künstler durchaus etwas sagen, was das Publikum nicht ohne Weiteres weiß. Das muss die Bewertung der jeweiligen Arbeit nicht unbedingt beeinflussen (kann aber). Um ein anderes Beispiel anzuführen: Ein Maler, der hundert Porträts gemalt hat, weiß einfach Dinge über Porträtmalerei, die derjenige, der Porträts nur vom Betrachten kennt, nie erfahren würde, wenn der Maler nicht darüber spricht. Vieles davon wird technischer Natur sein, muss also nicht interessieren, aber manches geht auch darüber hinaus, betrifft grundsätzliche ästhetische Fragen usw. und kann den Blick durchaus bereichern. Mit andern Worten: Sie, lieber Kesselblick, sprechen von der Bewertung des Bildes (um jetzt bei diesem zu bleiben), meine Fragen und Überlegungen zielen aber auf etwas anderes, nämlich die Genese, die Entstehung. Es ist die Frage, warum ein Bild so ist, wie es ist (und dahinter steht die Vorstellung, dass es ja auch ganz anders hätte werden können). Zum Schluss noch ein Wort über die bedauernswerten Zugemüllten in Italien. Ich glaube ja nicht, dass ein Neapolitaner, wenn der das Foto des Flaneurs betrachten würde, Müllfreiheit sehen würde. Denn das Bild gibt durch die Art und Weise, wie es gemacht ist, auch die Art und Weise vor, wie es betrachtet werden will; und es bedarf immer eines besonderen Willensaktes und einer Art höherer Informiertheit, um sich aus diesen Vorgaben, die das Bild macht, befreien zu können. Das Bild ist ja kein informierendes, kein News-Foto, alles daran ist - sagen wir: Stimmung, und deshalb vergleicht der von Ihnen angeführte Neapolitaner das, was er auf dem Bild sieht, mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht mit den Zuständen auf den heimischen Straßen (oder nur ganz nebenbei), sondern mit anderem ihm bekannten Kunstbildern. Jetzt noch einmal mit anderen Worten: Seine Botschaft kann der Künstler sich an den Hut stecken. Wenn einer keine Intuition hat, wenn er nicht Dinge tut, von denen er nicht weiß, woher sie kommen, dann wird er kein Künstler sein, aber Künstler denken auch, sonst wäre das, was sie machen auch nur Müll. Fragt sich allerdings, ob sie’s, außerhalb ihrer Arbeit, mitteilen können.
Gruß noch an den Flaneur. Noch ‘n Kommentar ist nicht mehr drin. Aber ich freue mich, dass wir ins Gespräch gekommen sind.

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