Von Frau Doktor
Leben, Freizeit, Politik, Fundsachen . 16:35 Uhr
Nach einer Meldung bei Heise Online hat die Stadt einen Computerspielwettbewerb untersagt, der am Freitag in der Schleyerhalle Liederhalle stattfinden sollte. Im Rahmen des “Intel Friday Night Game” Teams der Electronic Sports League (ESL) sollten in den Disziplinen “Warcraft ” sowie “Counter-Strike 1.6″ und “Counter-Strike: Source” Profispieler (wenn ich das richtig verstanden habe) vor Publikum gegeneinander antreten. Nachdem sich der Veranstalter ESL total unkooperativ gegenüber der Stadt verhalten hat (siehe Artikel), zieht OB Schuster der ganzen Veranstaltung den Stecker. Der Veranstalter sieht das natürlich anders.
Ich halte es zwar auch für einen gedanklichen Kurzschluss, Spiele wie Warcraft und Counterstrike als Ursache für die Schul-Morde in Winnenden anzusehen, aber wer so kaltschnäuzig reagiert wie die ESL, der hat sein Verbot ehrlich verdient.
Update:
Offensichtlich haben die Ratschläge wohlmeinender KritikerInnen etwas genutzt: Die neueste Reaktion der ESL auf den Stuttgarter Schlamassel liest sich doch schon viel vernünftiger. Mal sehen, ob die Sache tatsächlich juristisch ausgetragen wird.
Noch ein Hinweis an die Freunde des Gamens in unserer kleinen Diskussionsrunde: Bockig mit den Füßchen auftrampeln und anderen Leuten Scheinheiligkeit vorwerfen, wirkt nicht so, als hätte man selbst gute Argumente, sondern als wäre einem gerade das Lieblingsspielzeug abgenommen worden. Womit man Politikern, die in diesem Bereich gerade unter starkem Druck der Öffentlichkeit Handlungsfähigkeit demonstrieren müssen, in die Hände spielt.
#1 PhilGrooves . 24.03.09 . 17:32 Uhr
Und das kommt dabei raus, wenn man keinen Bezug zur heutigen Jugendkultur hat.
Die ESL veranstaltet seit vielen Jahres die ESL Pro Series (1. Bundesliga für professionelle Spieler) und zwar beinahe unverändert mit den selben Disziplinen, also Warcraft und Counterstrike. Wenn also nun jemand daherkommt und vorschlägt, einfach andere Spiele zu spielen, wäre das so als ob jemand für ein Heimspiel des VFB Stuttgart einfach mal Tischtennis anstelle von Fußball vorschlagen würde.
Eine Schweigeminute hätte man zwar der scheinheilig bemühten Politik zusichern können, einen Effekt hat so eine Schweigeminute aber genauso wenig wie das Verbannen von FSK18-Titeln aus dem eigene Sortiment eines Kaufhauses.
Mit solchen Aktionen vergrößert man nur den Graben zwischen Jugendlichen die sich in ihrer Kultur engagieren und der Politik, die alles was sie nicht kennt verbannt. So kann man sicherlich Amokläufe verhindern.
#2 Sebert . 24.03.09 . 17:42 Uhr
Es geht übrigens um die Liederhalle, nicht die Schleyerhalle.
Ansonsten steht hier Aussage gegen Aussage.
Laut ESL war Stuttgart nicht Kooperations bereit,wobei ich finde dass auch die ESL nicht gerade arm an schlechter Rhetorik ist.
Ob man diesen Bundesliga Vergleich wirklich hätte heranziehen müssen?
Die Waffenmesse im April wurde zwar auch abgesagt, aber ich finde die Absage des ESL Turniers trotzdem überzogen.
Durch die Absage wird doch u.a. folgendes Bild vermittelt:
“Die Spiele/SHooter haben auf jeden Fall deutlich zur Tat beigetragen, wir wissen das zwar noch nicht sicher, aber es wird schon stimmen, ausserdem lässt sich sowas gut verkaufen.”
#3 Wegschaffel . 24.03.09 . 17:46 Uhr
____Philgrooves: Das stimmt wahrscheinlich. Ich finde auch den Ansatz der “Eltern-LAN-Party” von ESL gut. Das spielt aber wie alle anderen sachlichen Argumente heute überhaupt keine Rolle. Wer ein paar Tage nach einem realen Massaker am gleichen Ort eine Killerspiel-Party veranstalten möchte, hat nicht alle Latten am Zaun (und nebenbei auch keine Ahnung wie Politik funktioniert).
#4 Heiko . 24.03.09 . 17:48 Uhr
Mich würde ja schon interessieren, wer nun wirklich Dialog geführt hat und wie. Ich glaube nicht, dass seitens der stuttgarter Verwaltung irgendein Interesse bestanden hat, die Veranstaltung überhaupt in irgendeiner Form stattfinden zu lassen.
Der VFB-Vergleich ist durchaus angebracht, bei der ESL - es ist ein Liga-Spiel - da kann man nicht “mal einfach” die Disziplin wechseln. Allein der Vorschlag zeigt m.E. dass die Verantwortlichen sich mit dem Thema überhaupt nicht befasst haben, sondern schlicht der Boulevard-Presse eine “positive” Meldung bescheren wollen.
#5 Frau Doktor . 24.03.09 . 18:05 Uhr
Dann hätte man das Turnier wie beim Fussball nach Ausschreitungen üblich (mit diesem scheinheiligen und offensichtlich schlecht recherchierten Vergleich kommt nämlich die ESL) von sich aus verlegen sollen oder das Turnier unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen.
By the way: Das ist nicht irgendjemand, das sind die verwaisten Eltern, Partner und Freunde von 15 Menschen, die einfach nur morgens wie immer in die Schule oder auf die Arbeit gegangen sind. Das die Stuttgarter Stadtverwaltung darauf mit der Absage des Turniers Rücksicht nimmt - und anscheinend auch die Stuttgarter Waffenbörse abgesagt hat - finde ich gut.
#6 Herr S . 24.03.09 . 18:06 Uhr
Wegschaffel: Mit dem Timing-Hinweis haben Sie wohl recht, nicht umsonst spricht der OB ja auch von „derzeit“, was im Klartext wohl heißt, solange das Thema Amoklauf medial nicht abgefrühstückt ist. Kausalität zu beweisen ist unnötig, Aktionismus reicht vollkommen aus.
#7 TeeKay . 24.03.09 . 18:56 Uhr
Klar ist es einerseits purer Aktionismus, den der OB da zeigt. Andrerseits hätte man auch von der ESL mehr Entgegenkommen erwarten können. Wasweissich zusätzlich ne Infoveranstaltung organisieren können, das sich auch Otto Normalverbraucher mal ansehen kann, dass die Spieler halt eben keine verkappten Amokläufer, sondern in ihrem Verständnis halt Sportler sind.
Allerdings wärs dann auch nur mal konsequent auch auf ein paar Sportschützenveranstaltungen zu verzichten bzw auch dort mal einen Hebel anzusetzen.
#8 PhilGrooves . 24.03.09 . 21:14 Uhr
@ Wegschaffel / Herr S.
Die Aussagen zum “Timing” erzeugen hier den Eindruck, die ESL hätte sich nach dem Amoklauf dazu entschieden die Veranstaltung hier durchzuführen. Tatsächlich stehen Termine und Locations aber schon zu Beginn der Saison (August/September) fest, so dass es sich hier einfach um einen Zufall handelt - man könnte sagen das Timing des Amokläufers war schlecht.
Dass man mit diesen Absagen an die Veranstalter diese auch wirtschaftlich unter Druck setzt, ist in der aktuellen Krisen-Situation auch nicht sonderlich hilfreich.
#9 TH . 25.03.09 . 09:27 Uhr
Durch Raserei kommen deutlich mehr Menschen ums Leben aber deswegen verbietet man ja auch nicht gleich alle Rennspiele. Diese ewige Rumheulerei geht mir auf die Ketten. Amokläufe sind noch nie durch irgendwelche Verbote verhindert worden und wenn man nicht erschossen wird, dann wirft einer nen Stein von einer Brücke, soll man jetzt alle Steine und Brücken verbieten?
#10 Wegschaffel . 25.03.09 . 09:55 Uhr
…geht mir auf die Ketten
Man merkts, TH. Wenn ich Ihre Argumentationskette so anschaue, wird doch sehr offensichtlich, dass Sie auch geistig durch Matsch&Sumpf rumpeln. Drücken Sie doch einfach mal den roten Knopf zwischen den beiden Ketten-Steuerhebeln und legen Sie sich selbst für ein paar Tage still. Danke.
#11 planb- . 25.03.09 . 14:26 Uhr
Sorry, Leute der Schuster und die Stadtverwaltung haben doch echt keinen Plan.
Nein wegen einem Amoklauf muss eine Gamerveranstaltung nicht verboten werden.
Ja es ist traurig was in Winnenden passiert ist, aber so eine Reaktion ist reine Heuchelei.
#12 circulus . 25.03.09 . 17:12 Uhr
WER hat denn (von was) einen Plan? Kann mir einer von euch verständnisvollen Befürwortern dieser Veranstaltung erklären, was daran sportlich sein soll, möglichst viele virtuelle Leichen zu produzieren?
#13 PhilGrooves . 25.03.09 . 20:16 Uhr
Ist es sportlicher, mit möglichst vielen verschiedenen echten (!) Waffen möglichst perfekt auf ein Blatt Papier mit Kreisen drauf zu schießen?
#14 paulinchen . 26.03.09 . 22:43 Uhr
na ja… immerhin ist sportschiessen eine olympische sportart.
Ist es sportlicher, mit möglichst vielen verschiedenen echten (!) Waffen möglichst perfekt auf ein Blatt Papier mit Kreisen drauf zu schießen?
#15 PhilGrooves . 27.03.09 . 11:22 Uhr
Richtig - mit speziell dafür angefertigten Sport-Waffen.
Bei Olympia schießt aber niemand mit Detailgetreu nachgebauten militärischen Shotguns, Sturmgewehren und Scharfschützengewähren. Das Schießen auf Papp-Figuren während man durch eine Häuserkampf-Kulisse rennt ist ebenfalls nicht olympisch. All das wird aber in einigen Schieß-Vereinen praktiziert und war, dem Arsenal an militärischen Waffen das der Vater des Amokläufers zu Hause stehen hatte zufolge, auch Hobby dieses Elternteils.
Dazu gab es gestern einen interessanten Bericht beim ARD-Magazin Panorama: http://daserste.ndr.de/panorama/arc...
#16 Stadt-Sammlung . 27.03.09 . 15:48 Uhr
Ja stimmt, der Handlungsdruck an die Politik scheint wohl zu groß zu sein. Überall sieht man überforderte Politiker. Wenn man dann keine richtige Idee hat, schiebt man es einfach auf die Standardthemen der Vergangenheit.
Hauptsache irgendwas in den Raum werfen und die Bevölkerung auf Trapp halten bzw. ablenken…