Von Otto von Kierskevind
Vermischtes . 12:26 Uhr
Zum Beispiel “passierte” es mir in Frankfurt, als man Stuttgart entsprechend eingeordnet hatte, während eines Gesprächs auf der 3p-Party in einem Frankfurter Hochhaus-Club, letzten Herbst. Oder meine Kollegin, die niemals genug davon kriegen kann, zu betonen, wie schön doch alles in Düsseldorf war und wie elendig die Lebensqualität in Stuttgart sei. Nun ja, sie selbst wohnt ja auch irgendwo in einem 1.000 Einwohner-Dorf im Remstal, und kommt so gut wie nie dort raus, aber was hat das mit Stuttgart zu tun? …. Ferner höre ich Leute immer wieder von München schwärmen, und die Berliner sind natürlich als Hauptstädter ganz besonders stolz auf sich. Und wo bleibt Stuttgart? …
Solche vernichtenden Urteile über unsere Stadt zwischen Reben, Glaskubus und Wäldern finde ich immer wieder amüsant: Der Kölner behauptet das nämlich über die Stuttgarter, der Berliner über den Kölner, der Franzose aus Lyon über die Deutschen allgemein, der Pariser über seinen Landsmann aus Lyon, der Engländer über die Franzosen, die Amis über Europa und die Marsmenschen wohl über die Erde …
Das höre ich auch immer wieder von Menschen, die sich zwar mit ihrer “unspießigen” Metropole schmücken, aber eigentlich nur in einem stillen Vorort davon wohnen und als Karrieristen bzw. Eltern mit Vorgarten und Kombi ein Spießer-Leben à la Bonnheur leben.
Ferner könne man in Stuttgart nicht alles kaufen, was man in einer Metropole kaufen kann, die Kneipen würden so bald schließen etc. Solche Äußerungen wie diese kommen immer wieder auch von Leuten, die man als Stubenhocker und unspontan erlebt: lieber in der eigenen Küche stehend als an der Currywurst-Bude, LCD-Fernseher statt Kino und Garten statt Park. Somit brauchen solche Zeitgenossen doch eigentlich gar nicht das Angebot, das sie hier an Stuttgart vermissen. Sich aber sich hinter dem Glam einer “besseren” Metropole zu verstecken, das verleiht einem schon eine gewisse Aura für oberflächliche Gespräche. Das ist das Wesen von Statussymbolen, und das aktive Hantieren damit, das ist Spießerei.
Und wenn wir schon dabei sind: Was ist bitteschön an München so viel unspießiger? Solche Typen, wie sie dort herumlaufen - die glaubte ich spätestens seit den 68ern ausgestorben zu wissen: Großbürgertum-Cafés, Pelzkragen-Ömchens, Lodenmantel-Flanierer mit strengem Blick zur Seite, deutsche Schicki-Micki-Promis, die am Volk vorbeihetzen, hinein in den nächsten Bentley. Und Frankfurt? Sind sterile Club-Abende im 50.Stock mit Hemd und Stoffhose wirklich so viel “lebensechter” als das Hinauftrödeln der Stuttgarter Stäffeles zum Eugensplatz? Hamburg kann ich da schon mehr abgewinnen.
Ergo: Es kommt nicht darauf an wo man ist, sondern was man tut. Und Stuttgart bietet als 600.000 Einwohner-Stadt mehr als genug Anonymität, um seinen ganz eigenen Lebensstil zu leben. Dass Viele das dennoch nicht tun, sollten sie weniger auf die Stadt und die Welt schieben, als vielmehr auf die oftmals eigene Mutlosigkeit, Hemmungen zu überwinden, die eigene Fantasie zu bemühen und Anderen ggf. Grenzen zu setzen. Stuttgart bietet hierfür einen wunderbaren Lebensraum.
Also weniger mit Statussymbolen der Coolness prahlen, als selbst “cool” leben. So gesehen ist Stuttgart besser als sein Ruf. Und das ist nicht das Schlimmste …
#1 DonMatze . 27.05.09 . 12:39 Uhr
Vielen Dank - Sie sprechen mir aus der Seele!
#2 kavaliersschmerz . 27.05.09 . 16:41 Uhr
“In der Großstadt prallt das Ich an der Masse zurück wie ein Schrei in einem Gewölbe. Du gehst über einen Boulevard und triffst Unzählige, von denen jeder den Anspruch erhebt, dass die Umwelt seiner Einmaligkeit Tribut zollt. Alles ist erhitzt und individualisiert, alles ist besonders und voller Eigenwillen, dabbei in ständiger Auflösung, Konfusion und Kombination, wie in einem Lunapark der Verschiedenheiten, mit denen jeder jedem die Einmaligkeit stiehlt”
Peter Sloterdijk - Der Zauberbaum
Und:
Wenn Partei A den Leuten klarmacht, wie schlecht Partei B ist, dann ist das ja immerhin noch wirksamer, als auf das Nichtvorhandensein eigener Ideen zu verweisen. (siehe die vielsagenden Wahlplakate unserer politischen Radiogesichter)
Als in Berlin aufgewachsener gebürtiger Münchener und Wahlstuttgarter Vorstadtstudent protokolliere ich:
- Das Münchenklischee wird überwiegend durch Zugezogene gepflegt und genährt (auch wenn das schon wieder ein Klischee ist)
- Auf Berlin trifft v. a. obiges Zitat zu
- Stuttgart ist besser als sein Ruf (im Ggs. zu München)! Das merkt jeder, der mal (z.B.) “wegen des Geldes” hergezogen ist, und das trotz der Bestürzungsfressen seiner geliebten Kiezszenegrößen, die da sagen: “Boah, hasse se noch alle sach ma? Die sinn doch alle so…ne? Hihihaha, die unterzeichnen ja mit dem Fruchtwassa schon den ersten Bausparvertrag, mit dem sie pünktlich zum Abi ihren Dainler von innen auskleiden, hihi.”
- von allen Behauptungen gilt auch das Gegenteil. Denn:
- Was Klischeehorst nicht weiß: Sein rechtwinkliges Weltbild trägt der herrlichen Vielfalt um uns herum nicht im gerigsten Rechnung.
Biographisch bedingt eines meines Lieblingsthemen!!
Fazit:
Wer guten Sex hat, hat nichts davon, sich über die Enthaltsamkeit anderer zu ereifern. Zumindest darf er da keinen Orgasmus erwarten. So oder ähnlich. Scheiß geiles Stuttgart!
#3 Bilbob . 27.05.09 . 22:53 Uhr
Sehr schöner Artikel, da kann man nur zustimmen!
#4 PhilGrooves . 28.05.09 . 00:24 Uhr
Interessant wäre doch zu sehen, ob in anderen Großstadt-Blogs ähnliche Thema genauso häufig diskutiert werden wie es in Stuttgart der Fall ist.
Und wenn dem nicht so ist: Vielleicht ist es genau diese - ich nenne es der Einfachheit halber mal - “Keiner-mag-uns-dabei-sind-wir-doch-so-toll-es-merkt-nur-keiner”-Mentalität, die Stuttgart diesen Ruf einbringt.
#5 Cassius . 28.05.09 . 02:12 Uhr
Einer der wenigen wirklich guten Beiträge auf diesem Blog - ertappt! Wer es hier nicht schafft, sich lebendig zu fühlen, ist wahrscheinlich selber schuld… [weitere Gedankengänge anfügen] Fazit: Stuttgart ist schon okay.
#6 DonMatze . 28.05.09 . 10:21 Uhr
@PHILGROoVES:
Meine Erfahrungen in anderen Großstädten haben gezeigt, dass die Oben gezeichnete Außenwirkung von Stuttgart tatsächlich so stimmt (soweit es so eine Verallgemeinerung zulässt).
Leider.
#7 Jürgen Lück . 28.05.09 . 12:28 Uhr
Der Vergleich von verschiedenen Städten durch die Einwohner ist ganz normal. Dabei wird aber aus dem “Anderssein” immer gleich ein “Schlechter” oder “Besser” gemacht. Dabei prägt das Umfeld, die Lage und die Menschen und deren sozialer Background sicherlich das Image einer Stadt. Sicherlich ist Stuttgart keine Metropole - dafür fehlt der Stadt einfach die räumliche Weite. Die alternativ-schmutzige-faszinierende Ausstrahlung eines Schanzenviertels - Fehlanzeige. Der alternativ- sich irgendwie durchschlagende Lebensstil von Berlin, der zumindestens als starke Subkultur die Faszination ausmacht - dieser prägende Einfluss ist in einer Stadt der günstig vom Daimler und Porsche subventionieren Werkswagenfahrer auch nicht viel zu merken. Die entspannte Grandezza von Düsseldorf, wo Geld und (oft selbst bezahlte teure Autos) auf der Kö herumfahren und sich niemand daran stört - dazu fehlt dem schwäbischen Gemüt einfach die Lebenseinstellung. Das heißt aber nur, dass Stuttgart nicht schlechter als andere Städte ist, sondern nur anders - und das ist auch gut so.
#8 planb1 . 28.05.09 . 14:03 Uhr
Schöner Kommentar Jürgen, ich kann Dir nur zustimmen.
Jede Stadt ist anders :-).
#9 Otto von Kierskevind . 28.05.09 . 14:09 Uhr
Vor allem: nicht Städte machen Menschen, sondern Menschen Städte. Und weniger gelte “jede Stadt ist anders”, als “jeder Mensch ist anders”. Vorbehaltloses Zuhören und Erfahren, so schwer es auch ist, lohnt manchmal wirklich. Nicht nur beim Kennenlernen des Gegenübers, sondern auch beim Entdecken einer Stadt.
#10 Karl Späm . 28.05.09 . 18:57 Uhr
Alles sehr wahr: Stuttgart wäre viel besser als sein Ruf, wäre da nicht die Kehrwoche, auf die alle rekurieren. Manchmal ist es aber wohl schlicht der Neid, so wie neulich in der Berliner Porno-Hippie-Schwaben Debatte. Offensichtlich sind die Berliner wohl doch nicht so ganz mit Wowis Hauptstadt-Verständnis arm aber sexy einverstanden. Der Ball geht zurück nach Berlin.
#11 Otto von Kierskevind . 29.05.09 . 16:46 Uhr
@ Karl Späm: Haha, jetzt ist es die Kehrwoche, was unser Image vermiest. Da sieht man mal, was man sich aus solchen Image-Diskussionen machen sollte: gar nichts. “Schwierig” wird es nur dann, wenn man den Menschen, den man im Gespräch vor sich hat, gar nicht als den sieht, als der er sich äußert, sondern ihn nur noch als “Schwabe” oder “Bayer” einkatalogisiert, indem man ihm die entsprechenden Vorurteile dermaßen konsequent anhaftet, dass man seine wirklichen Messages gar nicht mehr vernimmt oder schnell wieder vergisst. Aber so ist es mit vielem.
So sitze ich als Zentrums-Stuttgarter, der ich nichts mit Kehrwoche habe, keinen Bausparvertrag und keinen Daimler besitze, auch kein Häusle habe, und Schaffen nicht mein Lebenszweck ist, einem Vorort-Kölner bspw. gegenüber, der sich bei Weinen mächtig auskennt, seinen Rasen mäht, seiner Schwiegermutter huldigt und für seinen Chef alles tut, und bin und bleibe für ihn der kleinkarierte Schwabe aus dem Kaff der Spießer. Tragisch eigentlich und danke für das Gespräch. ;-)))
#12 Karl Späm . 29.05.09 . 18:02 Uhr
@ Otto von K: Ich denke, wir sollten das alles sehr “sportlich” nehmen: jeder Affe braucht doch sein Bäumchen, an das er sich reiben kann. Und wäre doch langweilig, wenn es nicht diese Klischees gäbe: der “gemeine” Schwabe bleibt dann eben spießig, der Berliner hat ‘ne zu große Klappe, der Hamburger ist zu trocken, der Bayer bierseelig, und aus Sicht der Engländer bleiben die Deutschen für imer und ewig Nazis. Nun ja… mit der Realität hat das eben nur bedingt was zu tun.
Spießer gibt’s im übrigen überall. Die größten sind wahrscheinlich die, welche die alten Klischees nicht auch mal beiseite lassen können.
#13 Paguera . 01.06.09 . 13:48 Uhr
Ich wohne zwar nicht in Stuttgart, komme aber mehrmals in der Woche zum Arbeiten dorthin. Das Hauptproblem an Stuttgart scheint mir zu sein, dass viele dort sich selbst für Provinz halten. Irgendwie schafft man es nicht, die wirtschaftliche Stärke in Selbstbewusstsein umzuwandeln.