Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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30 03.07

Sterben in Stuttgart

Von Wegschaffel
Leben . 17:02 Uhr

In unserer schönen Stadt wird nicht nur gelebt, sondern auch gestorben. Und - man ahnt es - auch das Sterben hat in Stuttgart seine Ordnung. Wer meint, er könne einfach so aus dem Kessel kippen, hat die Rechnung ohne das hiesige Garten-, Friedhofs- und Forstamt gemacht. Die Verwesungsverwalter vom Amt haben sich bereits Mitte letzten Jahres einen lange gehegten Traum erfüllt, und eine Broschüre mit dem reisserischen Titel
„Der Friedhofswegweiser – Diesseits und Jenseits“
produziert. Auf 225 handlichen Seiten, die mit ein wenig gutem Willen auch ins letzte Hemd passen, erfährt der künftige Verstorbene reichlich Wissenswertes über Wege, Regeln und Ziele seiner letzten irdischen Reise.

Bildnachweis: Ohne freundliche Genehmigung des Verlages

Das Vorwort spricht in gewohnt gediegenen Worten OB Schuster. Mit dem dann aber doch das Stuttgarter Rössle durchgeht, kann er doch seinen Stolz darüber nicht verhehlen, dass „Stuttgart nicht nur eine der grünsten Städte Europas ist, sondern auch hinsichtlich seines Friedhofswesens eine der bedeutendsten in Deutschland”. Ich verwette mein Zahngold darauf, dass diese message bei den Todestouristen einschlagen wird wie eine Splitterbombe.

Es folgt Sakralstatistik (42 Friedhöfe, 160.000 Grabstätten, 206ha Gesamtfläche, …), eine Vorstellung der einzelnen Friedhöfe, ein Auszug der Friedhofssatzung, diverse Vorschriften und eine ausführliche Vorstellung der verschiedenen Grab-Marken. Für den gemeinen Verstorbenen stehen Reihengräber, Wahlgräber, Urnenreihengräber, Urnenwahlgräber sowie Anonyme Urnengemeinschaftsstätten zur Verfügung. Sonder-Tote können sich darüber hinaus in Ehrengrabstätten, Erhaltenswerten Grabstätten sowie Denkmalgeschützen Grabstätten betten lassen.

Viel Raum nehmen Verbraucher- bzw. Verweserinformationen diverser Dienstleister ein. Stellvertretend für die vielen lesenwerten Anzeigen der Endhelfer sei hier die Firma Ramsaier erwähnt, die in Ihrer rundum bemerkenswerten Reklame auf Seite 158 betont, dass problemlos auch abends und am Wochenende gestorben werden darf, dass „auch absolut unübliche Musik gespielt wird“ und „das Abschiedsritual zumeist mit Rosen und Teelichtern vollzogen wird“. Am Ende freut sich dann noch der Leiter des herausgebenden Verlages, dass „es eine große Freude ist, die nunmehr fertig gestellte 1. Ausgabe des Friedhofswegweisers zu übergeben“.

Das Werk ist in einer Auflage von 35.000 Stück erscheinen. Mit ein wenig Glück sollte beim lokalen Bezirksrathaus oder einem der 42 freundlichen Friedhofswarte noch ein Exemplar erhältlich sein. „Änderungswünsche, Anregungen und Ergänzungen für die nächste Ausgabe nimmt der Verlag gern entgegen.“ Wer also noch Tipps zum Thema „Schöner Sterben in Stuttgart“ hat, wende sich vertrauensvoll an den Mammut-Verlag in Leipzig, mammut-verlag@nexgo.de.

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5 Kommentare zu Sterben in Stuttgart

#1 kesselblick . 30.03.07 . 18:01 Uhr

Danke für den Hinweis. Über sowas nachzudenken, verschiebt man ja immer soweit wie möglich nach hinten. Allerdings macht man sich nach dem kompletten Genuss von “6 Feet under” auch so seine Gedanken.
Ich fand ja in der letzten Zeit die Idee mit dem “Freiwald” nicht schlecht. Ewigkeitsgarantie durch Düngerfunktion - finde ich als Materialist ne prima Lösung.

#2 Mann² . 01.04.07 . 21:25 Uhr

Herrlicher Beitrag. Ich hoffe nur ich sterbe nicht an meinem Lachanfall.

#3 del sur . 08.04.07 . 22:11 Uhr

stuttgart als hort der kehrwoche und des gepflegten dahinscheidens . alles schön verpfründet und geregelt mit ordentlicher gebührenordnung . selbst den gärtner darf sich der trauernd hinterbliebene nicht etwa raussuchen sondern in der - laut ob schuster - bedeutenden friedhof- stadt ist gesorgt . nein, wer da an früher und richtung osten und deutschland denkt, nein sowas . aber der vergleich drängt sich schon auf . nur eben etwas deutlich kommerzialisierter . lasset den toten ihre blumen . blumen . nicht geld . viva el muerte

#4 Zuckerbäckerin . 12.04.07 . 15:09 Uhr

Den Beitrag habe ich schon einigen Freunden zum Lesen gegeben - einfach zum Brüllen komisch! :-)

#5 Stuttgart Blog » “I hope I die … . 05.06.07 . 23:05 Uhr

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