Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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29 08.10

Sobek und die Besserwisser

Von Josh von Staudach
Kultur, Befindlichkeiten, Stuttgart 21 . 22:50 Uhr

Kaum äußert sich Frei Otto mit seinen Sorgen zum Bau des neuen Hauptbahnhofs, schreibt Ex-OB Rommel einen Offenen Brief und Ingenieur Werner Sobek wird interviewt — beides erscheint in den Stuttgarter Nachrichten, welch Zufall!

Dazu sollte man wissen: Als der Wettbewerb der Modelle zum neuen Bahnhof lief, stand Frei Otto dem 37 Jahre jungen Ingenhoven zur Seite und versorgte ihn mit dem Entwurf der blütenkelchförmigen Betongebilde, die mit einem »Lichtauge« gedeckelt werden. Aus heutiger Sicht muss man sich fragen, warum Ingenhoven so vehement zu »seinem« Bahnhof steht, wenn das wesentliche, man kann sogar sagen: alleinige Gestaltungsmerkmal gar nicht von ihm ist?!

Für Nichteingeweihte: Frei Otto ist der geniale Mitentwickler des schwungvollen Daches des Münchner Olympiastadions. Durch seine statischen Experimente und Studien veränderte er die Architekturwelt wie kein Zweiter! Dass nun Ottos Sorgen um die Standhaftigkeit des Neubaus begründet sein könnten, sollte die Planer veranlassen, Risiken noch eingehender zu prüfen und nicht respektlos, wie es Ingenhoven und Sobek tun, als völlig unbegründet hinstellen.

Zurück zum Interview mit Sobek: Man muss auch genau lesen, was er so sagt. Fakten? Fehlanzeige! Natürlich steht in einem vom Bauherrn beauftragten Gutachten nicht, dass »Lebensgefahr« drohe. Aber auch bei noch sovielen Bohrungen kann der Boden nicht überall exakt geprüft werden. Ein großer Teil eines solchen Gutachtens bleibt »Mutmaßung«, bis der Bagger tatsächlich den Aushub tätigt (übrigens genau die Sorte Mutmaßung, die Sobek den Gegnern vorwirft!) … Nebenbei »schätzt« Sobek die technische Beschreibung des Vorhabens auf »mehr als hundert Meter Leitz-Ordner«. Ein Ingenieur, der so selbstgerecht auftritt, sollte nie schätzen sagen …

Einziger Fakt mag sein, dass der Bahnhof selbst »keine Anhydrit-Schichten berührt« — aber Sobek verschweigt an dieser Stelle (absichtlich?) die Tunnel ohne die der unterirdische Bahnhof nicht funktioniert, denn um die geht es ja bei der Sorge um aufquellenden Anhydrit! … Und selbst wenn er »ein Bild vor Augen hat«, wie der zukünftige Stadtteil aussehen mag, dann ist das seine berechtigte Vision, aber kein Fakt!

Fazit: Beide Seiten haben kaum Fakten! Doch welcher Option sollte mehr Gewicht gegeben werden? Dem Risiko potentieller Katastrophen nachdem man 7.000.000.000 Euro ausgegeben hat oder der Sicherheit, dass Stuttgart nicht in die Steinzeit zurückfällt, sondern prima funktionierend am Fernverkehr angeschlossen bleibt für zunächst 0 Euro?

Wenn es jetzt regnet, dann ist das ein Fakt. Ob morgen die Sonne scheint, ist eine Prognose. (unbek. Verf.)

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14 Kommentare zu Sobek und die Besserwisser

#1 Marco . 30.08.10 . 18:04 Uhr

Durch seine statischen Experimente und Studien veränderte er die Architekturwelt wie kein Zweiter!

Eben, Frei Otto ist ein Architekt. Ein achtbarer. Und er macht sich keine Sorgen über die Standfestigkeit seines Entwurfes aufgrund der Statik etc., sondern er sorgt sich darum, dass der Bahnhof aufgrund des Grundwassers wie ein U-Boot aufsteigen könnte.

Was Herr Otto aber nicht ist: ein Geologe! Aus diesem Grund hat er nicht die nötige Kompetenz dazu, Aussagen über die Beschaffenheit des Stuttgarter Untergrunds zu treffen.

Ja, der Stuttgarter Untergrund ist sicher nicht der unproblematischste. Aber nehmen wir doch mal als Beispiel die Wendeschleife der Stuttgarter Verbindungsbahn: Diese liegt zum Teil komplett in anhydrithaltigen Gipskeuperschichten, und da liegt sie schon seit 36 Jahren, ohne jemals Probleme verursacht zu haben.

#2 Nordrandbewohner . 30.08.10 . 18:32 Uhr

@#1

Diese liegt zum Teil komplett

Ja was nun, zum Teil oder komplett?

#3 Marco . 30.08.10 . 18:45 Uhr

@#2

Zum Teil komplett, wie ich geschrieben habe. Nicht die gesamte Wendeschleife, sondern nur Teilstücke, diese Teilstücke jedoch komplett. Fangen wir jetzt das Erbsenzählen an?

#4 nick . 30.08.10 . 20:08 Uhr

Wenn Frei Otto als Architekt nicht beurteilen kann, ob sein selbst entworfener Bahnhof im Grundwasser standhält, wie sollen das dann Grube, Schuster oder Mappus tun, die nichtmal den Bericht des Bundesrechnungshof kennen?

Es gibt natürlich Gutachten von Fachleuten, von der DB in Auftrag gegeben, die bescheinigen, dass das Grundwasser keine Gefahr für den Tiefbahnhof bedeutet. Es gibt auch Gutachten, von BP in Auftrag gegeben, die bescheinigen, dass im Golf von Mexico keine Gefahr bei Ölbohrungen besteht. Wo ist die Gemeinsamkeit? Die Auftraggeber wollen ein Geschäft machen, und zwar ein ganz schön dickes.

#5 Marco . 30.08.10 . 21:13 Uhr

Herr Otto hat glaube ich nie behauptet, dass seine Lichtaugen zusammenbrechen wenn der Bahnhof aufschwimmt (was sie sicher tun würden, doch darum geht es Hrn. Otto nicht) Er macht sich lediglich darüber sorgen wie der Bahnhof im Boden verankert werden kann, doch das wird in den 100 m Leitz Ordnern die die Planungsingenieure bisher erstellt haben sicher geklärt sein!

Wieso sollten für alles immer Gutachten im Auftrag gegeben werden? Die Bahn beschäftigt für dieses Projekt die besten Ingenieure des Landes, die sicher auch ohne das UBA und Co. entscheiden und planen können. Die wissen was Sie tun und ich bin mir sicher, keiner von denen würde seinen Namen unter eine Planung setzen, wenn er nicht zu 100 % davon überzeugt ist.

#6 nick . 30.08.10 . 22:15 Uhr

Ich würde mich nicht verlassen auf die Fachkompetenz einiger “Fachleute” nach dem Motto “die werden schon wissen was sie tun”. Letztendlich geht es bei Herrn Otto um einen Architekten und Ingenieur, der seit über 50 Jahren im Geschäft ist und international an sehr vielen großen Projekten beteiligt war. Wenn ein Mensch Ahnung hat von dem was er redet, dann er. Umso glaubwürdiger wird er für mich, wenn er das kritisiert, was er selbst mitgeplant hat.

Zu Bedenken ist auch, dass Ingenhoven ein Schüler von Otto ist. Der Schüler wirft dem Lehrer jetzt vor, inkompetent und nicht loyal (!) zu sein - für mich ist Ingenhoven alles andere als ernstzunehmen.

Wer sagt denn, dass die Bahn “die besten” Ingenieure beschäftigt (außer die Werbekampagnen und Herr Drexler?). Man darf nicht vergessen, dass die Bahn Profit schlagen will aus dem Projekt. Die wollen an die Börse, das ist Fakt, und für die Bahn ist S21 ein profitables Geschäft. Da wird einiges hinter die finanziellen Interessen gestellt. Warum sonst wurden schon mehrere kritische Expertenmeinungen unterschlagen und mit dem Kommentar “absolutes Stillschweigen vor der Öffentlichkeit” verstehen? Es ist doch offensichtlich, dass man das Projekt um jeden Preis realisieren will.

Fazit: Für mich ist Herr Otto sehr viel seriöser als die vermeintlich besten Ingenieure der Bahn.

#7 zmeu . 31.08.10 . 10:04 Uhr

Die Bahn beschäftigt für dieses Projekt die besten Ingenieure des Landes

Jetzt verstehe ich. Weil die besten Ingenieure auf S21 angesetzt wurden, kamen bei all den anderen Bahnprojekten in den vergangenen Jahren die übrigen Ingenieure zum Zug. Die Folge: nur bei diesen Projekten waren Kostensteigerungen und Zeitplanüberschreitungen möglich, bei S21 wird alles reibungslos.

Ob es dann neben den besten Ingenieuren, die ihren Arbeitgeber im Jahr jeweils gut 100.000 Euro kosten, auch noch für die besten Arbeiter auf der Baustelle reicht, die die beste Planung bestens umsetzen können, wage ich zu bezweifeln.

#8 Josh von Staudach . 31.08.10 . 10:24 Uhr

Interessant ist auch immer, wie vom eigentlichen Thema abgelenkt wird. Eine ganz typische »Masche« der S21 Befürworter (ich hab nicht »Lohnschreiber« gesagt!), um im argumentativen Nirwana zu landen, bzw. Kritik ins Leere laufen zu lassen und Werbung für das Unsinns-Projekt zu machen.

Man kann Marco kaum widersprechen. Dennoch vermag auch er nicht zu widersprechen, dass Risiken bleiben, auch wenn die Ingenieure noch so toll sind. Sie planen immer auf Basis des aktuellen Kenntnis- und Wissensstands. Leider können gravierende Planungs- und Ausführungsfehler erst nach Eintreten eines Unfalls erkannt und beseitigt werden.

Da liegt das Beispiel der Tiefseebohrung im Golf von Mexico zwar »fern«, aber es verdeutlicht genau, was ich meine: Der Größenwahn, immer mehr bewältigen zu können, die Gier nach immer mehr Profit führt zu immer größeren Katastrophen, die Mensch und Natur in ungeahntem Ausmaß schaden!

Eine Nummer kleiner? Der Eisenträger, der aus der Fassade des Berliner Hauptbahnhofs fiel! Geplant durch gmp Architekten (Gerkan), während der Bauphase wurde die Bauleitung von Hany Azer übernommen (der auch S21 verwirklichen soll). Das sind diese »besten Ingenieure des Landes«, von denen irgendeiner berechnet hat, dass so ein Eisenträger aufgrund seines Eigengewichts niemals aus seiner Position herausfallen könnte. Man sparte sich Befestigungen, weil man einer vermeintlichen Kompetenz vertraute. Resultat bekannt: Sturm, Eisenträger fällt runter, niemand verletzt, aber teure Nacharbeiten. Nebenbei: der Berliner Hauptbahnhof wurde nach 3 Jahre längerer Bauzeit für ca. das doppelte Geld fertiggestellt, das Dach dafür aber einiges kürzer und die Tiefhalle ohne die Ausstattung von Gerkan.

Daran kann man 1 zu 1 ablesen, wie das hier laufen würde, wenn wir es nicht bald verhindern! Ingenhoven gibt ja schon vorab bekannt, dass alle Gestaltungselemente (Glaskuppeln, Lichtaugen) verkleinert bzw. in der Anzahl reduziert werden — man bekommt also weniger fürs gleiche teure Geld! Das wird aber nicht »Einsparung« genannt, sondern »Optimierung«. BULLSHIT!

Ansonsten: siehe Fazit meines obigen Beitrags.

#9 Kurt Jaeger . 31.08.10 . 10:33 Uhr

Bei S21 ist die Interessenlage der Bahn und der Entscheider doch viel komplexer: Die Bahn hat vor Grube jahrelang versteckte Zahlungen ueber ueberteuerte Nahverkehrsvertraege bekommen. Die kann da nicht einfach raus, ohne dass die aktuelle politische Ebene extrem sauer mit ihnen wird.

Grube hat das Ding geerbt und weiss, dass das Projekt nie und nimmer rentabel wird. Killen kann er es aus politischen Gruenden derzeit auch nicht, daher hofft er, dass er die Kostensteigerungen in die Zukunft verschieben kann, wenn er nicht mehr Boss ist (kick the can down the road).

Dass die Politik sich in so eine Lage manövriert hat, das ist ein Zeichen von Politikversagen und nicht von schlechter Kommunikation.

Hoffentlich entgeht Stuttgart diesem Schicksalsschlag…

#10 Philipp . 31.08.10 . 11:13 Uhr

Also zum Thema “Lebensgefahr”: Durch die Demonstranten gab es schon mehr Tote als durch den Bau des neuen Bahnhofes! Und nur, weil die >>ach so friedlichen

#11 Nordman . 31.08.10 . 16:48 Uhr

Durch die Demonstranten gab es schon mehr Tote als durch den Bau des neuen Bahnhofes!

ich empfehle Dort wurde gestern ein Mail vom DRK veröffentlicht, die der Geschichte von den bösen Demonstranten wiederspricht.

#12 Nordman . 31.08.10 . 16:50 Uhr

Hier der Text der Mail: Jugendoffensive gegen Stuttgart 21 In Sachen Todesfall einer Dame nach Herzinfarkt/Behinderung der
Rettungskräfte hat man sich an das Rote Kreuz Stuttgart gewendet. Von
dort hat man eben die folgende E-Mail erhalten:

“Sehr geehrte Frau […],
……
wir bedanken uns für Ihre Anfrage. Auch die Landeshauptstadt
Stuttgart hat sich als Aufsichtsbehörde wegen dieses Notfalls an die
Leitstelle gewandt. Die Kriminalpolizei hat heute die Einsatzprotokolle
geprüft. Es wurde festgestellt, dass es bei diesem Notfalleinsatz
keinerlei Abweichungen gab. Die Anfahrtszeiten des Notarztes und des
Rettungswagens waren im üblichen Rahmen und sowohl der Notarzt als auch
der Rettungswagen waren binnen weniger Minuten vor Ort. Beim
Rettungseinsatz gab es keinerlei Behinderungen durch Demonstranten oder
andere Personen. Die Patientin wurde ins Krankenhaus gebracht und ist
dort verstorben.

Wir hoffen, dass wir Ihre Fragen damit beantworten konnten und verbleiben

mit freundlichen Grüßen
Cornelia Kling
stv. Kreisgeschäftsführerin

#13 Marco . 31.08.10 . 18:23 Uhr


#14 Nordman . 01.09.10 . 14:13 Uhr

Hört auf mit euren Lügen

ihr werdet es nicht schaffen einen demokratischen Protest zu kriminalisieren

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