Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 00:39 Uhr
Die Luft ist – nein, nicht gerade, ‚zum Schneiden’, aber fast streichfähig, ungefähr so wie feine Industrie-Leberwurst, aber Paul, erfrischt vom Bad, schreitet leichtfüßig unter Kastanien die König-Karl-Straße stadteinwärts - falls man bereit ist, ein wenig um die Ecke zu denken. (Ich darf an dieser Stelle vielleicht einflechten, dass Pauls beschwingte Leichtfüßigkeit sich nicht unbedingt nur seiner beneidenswerten Spannkraft verdanken muss. Die Sache ist so geheim, dass man in der Stadt nur gerüchteweise davon hört, wenn man denn die richtigen Leute kennt. Aber selbst Paul, der ja infolge irgendeines Verwaltungs- oder Haushaltswahnsinns bei der Inneren Sicherheit ressortiert – als Marketingmann! – und deshalb Zugang zu dieser oder jener sensiblen Information hat, weiß nicht – jedenfalls sagt er das -, ob wirklich ’was dran ist und wenn ja, wo in der Stadt die Pilotprojektstrecken angelegt wurden. Die Sache ist nämlich, angeblich, die, dass Tiefbauingenieure an der hiesigen TU ein revolutionäres Straßenbauverfahren ausgeheckt haben, das die Schwerkraft – und auf die Idee muss man erst mal kommen! – um bis zu zehn Prozent reduziert. Wahnsinn, oder? Da wäre es dann kein Wunder, wenn man sich fühlte, als hätte man Flügel an den Sandalen. Man mag gar nicht darüber nachdenken, dass vielleicht irgendjemand, der ’was zu sagen hat, im Winter den grandiosen Einfall hatte, zur Erprobung der Technik das Rasenunterbett des Neckarstadions… „Hör auf!“ sagt Paul. „Ich will davon nichts hören! Du spinnst wohl!“ Komisch ist, dass angeblich jede Menge amerikanische, russische und chinesische Astro-, Kosmo- und Taikonauten in die Stadt kommen, weil sie sich offenbar erhoffen, die bisher erreichten zehn Prozent irgendwie noch steigern und sich am Ende womöglich die teuren Parabelflüge fürs Schwerelosigkeitstraining sparen zu können. Ich fände es zwar eigentlich nicht schlecht, wenn Stuttgart so eine Art Zentrum für die Teilzeit-Außerirdischen dieser Welt werden würde, die ihre Weltraumspaziergänge im Luftraum über der Stadt trainieren, aber es stellt sich natürlich die Frage, warum die Sache der Stuttgarter Bevölkerung gegenüber so unterm Hut gehalten wird, wenn Besucher von auswärts, dem Vernehmen nach allerdings Fachleute, sich offenbar ohne weiteres gründlich informieren dürfen? Da liegt die Vermutung nahe, dass die Gesundheitsrisiken völlig ungeklärt sind und der Ausbau der Teststrecken ohne jedes Genehmigungsverfahren, also illegal durchgeführt wurde, finanziert vermutlich über einen vakanten Haushaltstitel aus dem Ressort Stadtmarketing… Immer vorausgesetzt, dass es sie wirklich gibt. Ich will hier ja nicht Gerüchte als Fakten verkaufen. Aber wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie sich demnächst irgendwo plötzlich federleicht fühlen und nur so dahinschweben, an der nächsten Ecke aber, wo die Erprobungsstrecke unsichtbarerweise endet, ebenso unvermittelt das Gefühl haben, Sie hätten Blei in den Schuhsohlen.) Paul ist am Morgen nach Cannstatt teils gefahren, teils gegangen, um sich endlich mit eigenen Augen die im Kurpark wild lebenden Affen anzusehen, die im vorletzten Jahr für so viel Wirbel sorgten, als sie während der Esoterik-Messe in den Großen Kursaal einfielen und, nachdem einer von ihnen einen der Aussteller gebissen hatte und einige Tische zu Bruch gegangen waren, auf der Flucht zurück ins Freie einschlägige Literatur („Heilfurzen für Meteoristen“), ein paar Packungen Erleuchtungstee und Heilsteine, mit denen sie die Verfolger bewarfen, mitgehen ließen. (Nebenbei bemerkt: Soviel ich weiß, handelt es sich bei den Affen um Bonobos, Zwergschimpansen, die außer im Cannstatter Kurpark nur noch im Kongo in freier Natur leben. Dass unser beliebtes Lacrosse-Team, das gerade gegründet wurde, als die Affen hier das erste Mal auftauchten, sich Stuttgart Baboons nennt, also Stuttgart Paviane, liegt daran, dass an der Vereinsgründung an führender Stelle jemand beteiligt war - Namen nenne ich nicht -, dessen Auftreten sicherer war als sein Englisch. Als der Fehler bemerkt wurde, waren die Trikots schon bedruckt und die Papiere schon an der zuständigen Stelle. Unsere Vereinsgründer wären aber keine Schwaben gewesen, wenn sie nicht verstanden hätten, die Sache so hinzudrehen, dass sie ihnen am Ende noch zum Vorteil gereicht, denn schließlich sagt eine alte schwäbische Lebensweisheit: „Wenn alle Stricke reißen, soll man nicht versuchen, sich aufzuhängen.“ So hat man von der Vereinsführung der Cheerleader-Truppe der Baboons nahe gelegt, sich die natürliche Nacktärschigkeit der Namenspatrone bei ihren Auftritten zum Vorbild zu nehmen. Nach anfänglichem Zögern zeigen die Mädchen dem überwiegend männlichen Publikum der Baboons inzwischen bei jeder Gelegenheit sehr routiniert ihren nackten Hintern und lösen damit solche Begeisterungsstürme, ja schiere Raserei aus, dass auch die Spieler mit ihren Schmetterlingsnetzen wie beflügelt über den Rasen jagen und ihre Gegner förmlich überrennen. Ergebnis: Drei Deutsche Meisterschaften in Folge. So macht man’s.) Um auf Paul zurückzukommen, der seinem heiteren Gang zum Trotz eine ernste Miene zeigt: Er hatte kein Glück. Die Bonobos ließen sich nicht sehen und nicht hören. Nur die Papageien saßen kreischend in den Bäumen, als Paul nach dem Baden und einem guten Schluck aus der aus mehreren Hähnen sprudelnden Mineralquelle die große Kurparkwiese überquerte.
Wird fortgesetzt
#1 Jokerine . 24.05.07 . 14:01 Uhr
*seufz*
Schön gesagt. und die Papageien sind voll toll.
#2 Frau Doktor . 24.05.07 . 16:07 Uhr
Dann sind das wirklich Papageien, die ich da gesehen und vor allem gehört habe? Und ich dachte, das ist autochthones Geflügel, das ich nur wegen meiner deplorablen ornithologischen (Un)-Kenntnisse behelsfhalber als Papagaeien tituliere.
#3 Wegschaffel . 24.05.07 . 22:02 Uhr
Im Gegensatz zu den Anti-Gravity-Strässle gibts die Stuttgarter Papageien wirklich. Sind Nachkommen entkommener Zoo-Tiere. “Heilfurzen für Meteoristen” hat mir den frühen morgen gerettet. Das kommt fast an meine Lieblings Esoterik-Aktivity ran: “Selbstständig atmen im Kräherwald”