Von Alex
Kultur, Sport . 17:37 Uhr
Ich stamme ursprünglich nicht aus dem Schwabenland, weshalb ich den schwäbischen Dialekt in seiner vollen Schönheit auch erst in den letzten 4 Jahren richtig kennen und lieben lernte. Zu Beginn meines Studiums hier in Stuttgart war somit alles, was ich von “Eingeborenen” vernahm, sehr interessant. Aus allen Ecken tönte dieser wunderschöne Dialekt, auch wenn es hier in Stuttgart noch relativ harmlos ist, da viele Hochdeutsch sprechen und der Stuttgarter Dialekt für mich als Süd-West-Deutschen noch leicht verständlich ist. Interessant wird es immer dort, wo eigentlich Hochdeutsch gesprochen werden sollte, aber doch der schwäbische bzw. regionale Ursprung des Sprechers nicht ganz verborgen bleibt. Wie beispielsweise bei der netten Ansagerin an den S-Bahn-Haltestellen. Jeder, der in Stuttgart schon einmal mit der S-Bahn fuhr, kennt die Ansage “Bitte Vorsicht an Gleis 1, Zug nach xy fährt ein”, vorgetragen in schönstem Schwaben-Hochdeutsch. Ich finde das sympathisch, wenn man bei Menschen hört, woher sie kommen.
Szenenwechsel. Im Sommer gibt’s die Fußball-WM in Deutschland. Ob die deutsche Mannschaft die Gruppenspiele überlebt, weiß eigentlich niemand, und ich würde mich natürlich nie wagen, eine wie auch immer geartete Prognose über den Verlauf der WM für unsere Männer abzugeben. (Bei der Damennationalmannschaft wäre es gar keine Frage ob wir Weiterkommen, sondern mit wie vielen Punkten Vorsprung…) Ziemlich viel Aufwand wird nun betrieben, um die WM-Städte für den Ansturm der Abermillionen von Fans auf Vordermann zu bringen. Und da Stuttgart WM-Stadt ist, wollen sich die Stadtoberen natürlich keine Blöße geben. Die Innenstadt wird mit einem neuen Belag versehen, S-Bahnen werden ausgetauscht, Plakate mit der noch verbleibenden Zeit bis zum ersten Spieltag wurden aufgehängt und so weiter. Dennoch soll es ja Leute geben, die sich für Fußball nicht wirklich interessieren, selbst wenn unsere zuletzt tadellos aufspielende Nationalmannschaft im TV ihr Bestes gibt. Wer nun aber hoffte, nur die üblichen TV-Sendungen und Sportseiten in Zeitungen meiden zu müssen, um vom WM-Fieber verschont zu bleiben, muss sich inzwischen geschlagen geben.
Denn selbst alt angestammte Kleinigkeiten müssen der Weltmeisterschaft weichen: Damit unsere Gäste aus allen Teilen der Welt sich in unserem öffentlichen Personennahverkehr genauso gut wie wir Einheimische zurecht finden, werden auch die Ansagen in unseren S-Bahnen angepasst. Neben der kompletten Vereinheitlichung (alles kommt vom Band) folgt den eigentlichen Ansagen an markanten Stellen im Liniennetz nun eine zusätzliche Angabe auf englisch, beispielsweise “Next stop: Main station”. So auch in der S1 von Stuttgart nach Herrenberg. Auf diesem Weg wird die Haltestelle “Rohr” angefahren, wo es kurz vor dem Halt aus den Lautsprechern im Inneren der Bahn tönt: “Nächster Halt: Rohr. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts.” - Pause - “Next stop: Rohr. Exit to the right in the direction of travel.” Soweit, so langweilig.
Um nun aber zum Titel dieses Artikels zurückzukehren: Schwenglisch ist die Kurzfassung von Schwaben-Englisch. Wie komme ich auf diesen Begriff? Ganz einfach. Wenn Sie mal zufällig in besagter S-Bahn sitzen und genau zuhören, ist beim Wort “direction” eine kleine (zugegebenermaßen sympathische) Unstimmigkeit zu vernehmen: Das erste “i” im Wort wird von unserer Ansagerin wie in “dear” (englisch, “Liebe(r)…”) gesprochen, also wie ein deutsches “i”. Und ich war mir nicht so ganz sicher, ob das richtig ist oder nicht. Eine Rücksprache mit einer Bekannten, die einige Zeit in den USA zugebracht hatte, bestätigte meine Vermutung: Das erste “i” wird - normalerweise - wie in “die” (englisch, “sterben”) ausgesprochen, also wie das deutsche “Ei”.
Jetzt stellt sich die Frage: War das Absicht oder nicht? Will Stuttgart zwar international sein, aber dennoch ein Stück “Schwenglisch” unter die Leute bringen? Muss es mir als Stuttgarter jetzt peinlich sein, wenn ich in der S-Bahn sitze und neben mir ein paar Engländer auf dem Weg ins Stadion diese Ansage hören?
Ich denke nicht. Es wäre mir nicht peinlich. Ist eben nicht England, wo sich unsere europäischen Freunde gerade aufhalten. Nein, es ist Stuttgart in Süddeutschland mit seinem besonderen Dialekt und seinen speziellen Eigenheiten. Das ist doch das, was WM, was das Treffen der Nationen, was solche riesigen Veranstaltungen ausmacht bzw. ausmachen sollte. Man schnuppert ein wenig in ein anderes Land hinein und erlebt Dinge, die man so nicht kannte. Und so ist es dann auch für unsere englischsprachigen Besucher. Wirklich stören wird sich daran niemand.
Höchstens wir Deutschen, die wir in unserem deutschen Perfektionismus in der S-Bahn sitzen und der Ansagerin an den Lippen hängen…
#1 Gunvald . 21.03.06 . 21:28 Uhr
Ich denke, es sind beide Aussprachen möglich. Wenn man sich das Aussprachebeispiel bei Merriam-Webster Online anhört, liegt die Ansagerin nicht so falsch. Gott sei Dank. Ich hätte das schon peinlich gefunden, wenn man hier außer Hochdeutsch auch kein Englisch kann.
#2 Martin Hiegl . 22.03.06 . 10:32 Uhr
Naja, am Hauptbahnhof hört man die Ansage meistens in Ostdeutsch =o/
Der Hauptbahnhof und Rohr werden schon immer auf englisch angekündigt. Rohr wegen dem Umstieg gen Flughafen und der Hauptbahnhof, weil es halt der HAUPTbahnhof ist ;-)
#3 Martin Hiegl . 22.03.06 . 10:38 Uhr
Zur aussprache:
http://www.m-w.com/cgi-bin/dictiona...
(oder direkt: http://www.m-w.com/cgi-bin/audio.pl...)
http://dict.tu-chemnitz.de/dings.cg...
(oder direkt: http://dict.tu-chemnitz.de/dings.cg...)
#4 Tilman Kalckhoff . 22.03.06 . 13:57 Uhr
Mh. Also soweit ich weiss, ist die Aussprache eine britische “Regular Pronunciation” (Normal-Sprech) - während d[ei]rection eher Amerikanisches Standard-Englisch ist.
Aber was die Ausprache der Englischen Ansagen angeht: Sie ist überall leicht deutsch angehaucht - am schoensten sind aber die Uebersetzungen der Ansagen in der Deutschen Bahn - alle noch nicht langweilig vom Band genudelt, sondern frei uebersetzt vom jeweiligen Zugbegleiter. Ich glaube ich wuerde meinen Anschlußzug noch oefter verpassen, wenn ich kein Deutsch koennte - immerhin ist die englische Version meistens um 50% informationsloser & kuerzer als die deutschsprachige ;o)
#5 mrb . 17.04.06 . 20:38 Uhr
Die gute Frau in der S-Bahn ist auch keine Schwäbin. Die Sprachaufnahmen der S-Bahn werden, wie auch von so ziemlich jedem anderen Bundesdeutschen Nahverkehrszug, in Berlin angefertigt. Überwiegend kommen dort zwei Personen zum Einsatz: Helga Bayertz (zu hören im neuen ET423 auf der S1 und der S3) und Ingo Ruff (zu hören im alten ET420 auf den anderen Linien).
#6 Nis Struve . 30.07.06 . 23:27 Uhr
Die Stuttgarter 420er-Stimme ist nicht Ingo Ruff. Es muss jemand anderes sein.
#7 Balint . 04.10.06 . 22:21 Uhr
Ich fahre die besagte Linie S1 jeden Tag und nicht nur, daß ich mich über das Wort “direction” aufrege, nein, die Dame sagt eindeutig “Ruuohr” statt “Rohr”. (Das Gleiche übrigens auf englisch) Wo ist da das “u” versteckt? Vielleicht kann ein Schwabe/Berliner/Sprachwissenschaftler das für mich aufklären?
#8 Matthias . 10.03.07 . 21:05 Uhr
über die Aussprache der “direction” haben wir auch schon viel diskutiert…und sind dabei auf eine neue Frage gestoßen:
Hiess es in der S-Bahn bei einer Endstation schon immer “Final destination, all passengers are kindly requested to leave the train”? oder hiess es vorher nicht einfach “Final destination, all passengers must leave the train”?