Von Prof. U.
Vermischtes . 03:06 Uhr
Es sind die kleinen Geschichten, die unser Leben bestimmen, meines zumindest. Es sind die Geschichten, die Erinnerungen, die sich einbrennen in das Gedächtnis und die stellvertretend stehen für eine bestimmte, eine bestimmt begrenzte Zeit.
Als ich den „Hafen Stuttgart“ für den meinen erklärte, den Anker auswarf und mich hier niederließ, war dies eine merkwürdige Zeit – nicht nur für mich. Die Wiedervereinigung bestimmte die „große Politik“, meine Vereinigung, oder nennen wir es lieber meine Große Koalition mit Stuttgart, dem „grauen Kesselsumpf“ bestimmte meine kleine Welt.
Eine wirkliche Heimat? Ist es das bis heute geworden? Ich denke, nein.
Dennoch gab es in jenen Zeiten einen heimatlichen Hafen. Er war anfänglich weder mein Wohnungsdomizil, noch irgendwelche vorübereilende Zeitgenossen, denen ich begegnete.
Meine Nächte, meine freien Abende, meine kleinen Fluchten verbrachte ich in einem Etablishement, das behaupte ich heute immer noch, seiner Zeit weit voraus war, Maßstäbe setzte und dessen subkulturelle Einzigartigkeit in dieser Stadt nie wieder erreicht wurde. Es war das „Unbekannte Tier“ - eine Art Disco-Bar-Club.
Ich weiß nicht, wieviele Stunden oder Tage ich an diesem Ort verbracht habe, wieviele skurrile Persönlichkeiten ich dort getroffen habe, wieviel merkwürdige Gespräche ich geführt und wieviele Liter diverser alkoholischer Flüssigkeiten durch meine Kehle geflossen sind.
Es sind die Erinnerungen die bleiben, Erinnnerungen an ein Epizentrum, einen Freiraum für all die heimatlosen Seelen einer Großstadt, die nirgendwo sonst in so konzentrierter From je wieder aufgetaucht sind, je wieder eine Heimat hatten. Ein Eldorado der Subkultur, der Nachtschattengewächse, der Schattenexistenzen. Eben das, was eine Stadt dieser Größenordnung ausmachen sollte.
Heute frage ich mich oft, wo sie geblieben sind, diese Schattenexistenzen. Manchmal sehe ich den Einen oder die Andere vorüberhuschen - im Vorbeigehen. Ein flüchtiges Lächeln, ein etwas zu langer Blick im Vorübergehen zeigen eine seltsame Solidarität, eine gemeinsame Erinnerung an die flüchtigen Geschichten zwischen Gestern und Morgen, eine Art Geheimbruder- und Schwesternschaft.
Nachtleben. Das Gehrin geschwängert von eigenartigen Substanzen, bereitete uns interessante Begegnungen, und seien sie nur unseren Gehirnen entsprungen. Das stimmt natürlich nicht. Nicht so. Nicht wirklich. Zwischenwelten. Begegnungen zwischen Heute und Morgen – manchmal auch etwas länger. Nachtgespräche.
An einigen wenigen historischen Momenten, öffnete das „Tier“ seine Kellerräume. Bunker. Katakomben. Ich kann beim besten Willen nicht mehr sagen, wieviel Stockwerke es nach unten ging. Hinter der Bar im Erdgeschoss musste man sich durch einen schmalen Durchgang quetschen, um in die ersehnten Katakomben zu gelangen.
Dort offerierte sich ein endloses Treppenhaus, einem Lindwurm gleich, das sich in die Untiefen ergoss. Weiter unten, der Hölle ganz nahe, gab es in bunkerähnlichen Gewölben mehrere Bars, mehrere Dancefloors und jede Menge obskurer Persönlichkeiten, die sich über den Besucher ergossen und ihn in seinen Bann zogen. Hier gab es Geschichten zu hören und hier wurden Geschichten geschrieben. Manche von jenen grauen Eminenzen zählen heute zu meinem Bekanntenkreis. Viele Jahre später.
Unvergesslich werden für mich immer meine Heimreisen bleiben. Ich musste von der Bolzstraße in den Westen. Meist zu Fuß, da zu dieser Zeit keine Bahn mehr, oder noch nicht fuhr. Dies stellte immer die Ausnüchterungsphase meinerseits dar und ließ mir Zeit, den Abend respektive die vergangene Nacht Revüe passieren zu lassen. Meinen Gedanken nachhängend schlich oder torkelte ich - in meiner Erinnerung zumindest - meist durch nasse, dunkle Straßenschluchten, in denen ausser vorbeifahrenden Taxis keine Menschenseele unterwegs war, bis ich im Morgengrauen den Westen erreichte – wenn ich allein reiste…
Auch werde ich nicht vergessen, als nach durchlebter Nacht ein Fünfzig-Mark-Schein vom Wind herbeigeweht kam und an meinem Schuh haften blieb. Oder die Diskussion mit einem allseits renommierten italienischen Gastronom, der mich über die Gepflogenheiten der sizilanischen Mafia aufklärte, der er entronnen war.
Oder beispielsweise die Abende mit meiner damaligen Freundin, deren Namen ich hier verschweigen möchte, die mich und mein Umfeld aber immer an Björk erinnerte und die genauso wie sie in mein Leben hineingerauscht war, sich auch wieder verflüchtigen sollte….
Genauso war es um die akustischen Leckerbissen bestellt.
Auch wenn die Musik nicht immer meinem Geschmack entsprach, so war es doch für den Kessel äußerst innovativ, was dem Zeitgenossen in diesem Gewölbe zu Ohren kam. Manches zählt noch heute zu meinen persönlichen Evergreens.
Natürlich wohnte ich auch dem letzten, dem allerletzten Abend bei, dem das definitive Aus, das Fallbeil, die Guillotine folgen sollte. Ein letztes, ein allerletztes Beisammensein, ein letztes Aufbäumen mit all den Gestalten, die mich jahrelang begleitet hatten, mit denen ich manche Nacht durchzecht, durchwacht, durchlebt und durchliebt hatte.
Als ich mich an jenem grauen Morgengrauen durch den Hinterausgang aus den Katakomben quälte, mit dem gleißenden Sonnenschein eines lauen, schwäbischen Sonntagmorgens konfrontiert wurde und die ersten Kirchgänger meinen Heimweg kreuzten, wußte ich dass Stuttgart um ein Stück Kultur ärmer geworden war.
Dies hat sich, trotz der vielen Clubs, trotz der zahlreichen Lokalitäten und Veranstlatungsorte und trotz aller pseudoinnovativen Events, nicht geändert und es hat nichts mit dem Älterwerden meinerseits zu tun.
Schade eigentlich.
#1 Aldo . 06.03.07 . 20:56 Uhr
zum Thema das „Unbekannte Tier“
….Ein Eldorado der Subkultur, der Nachtschattengewächse, der Schattenexistenzen. Eben das, was eine Stadt dieser Größenordnung ausmachen sollte.
Heute frage ich mich oft, wo sie geblieben sind, diese Schattenexistenzen…
teile der Schattenexistenzen leben in Berlin
Kenne dieses Gefühl sehr gut !!!
Dieser Hades war einzigartig . . .
Viele grüße
Aldo
#2 Paul-geht-baden . 09.08.07 . 00:08 Uhr
Mein lieber Herr Professor! Was für eine Vorlesung! So etwas - auf sehr sympathische Weise - Sehnsucht-Getränktes habe ich hier ja noch gar nicht gelesen. Gibt’s nicht noch mehr Untergegangenes, von dem Sie berichten, das Sie besingen könnten? Würde ich gerne lesen. Oder haben Sie sich endgültig emeritiert?
#3 ervin poljak . 04.12.07 . 15:01 Uhr
….mei mei….vor 13+ im tier die wunderbarste zeit erlebt, ueberhaupt war stuttgart so um den 93-97 dreher einfach wunderbar…….mitllerweile sind leider auch viele der damaligen motoren zu leistungsmaschinen mutiert :(
anyway……zagreb - retro - rockt :) fette gruesse ins laendle
#4 ervin poljak . 04.12.07 . 15:08 Uhr
…ach, und lords of brooklyn und laufer haben da mal absolut wunderbarst konzertiert :) mei mei mei….ein wenig zeitmaschine und film zurueckdrehen…..ein hoch auf die nostalgiedriftereien…. und da war da noch dieser doenerladen, damals, in richtung bagwhan…ich glaub alis brasserie..und die schurken haben halt frische gurken in den kebap gepackt…mei des hat halt geil geschmeckt…..un lenny kravitz rockte damals und die schaubel mit ihren wunderschoenen augen war noch nicht in besitz der elektrolochmaenner…..und der elbo war latent schwul…und wir haben alle ziemlich viel scheisse gelabert…ich bin da heute noch keinen schritt weitergekommen, hehehehe…………mein gott, welch wunderbare zeit damals :) und die beste falaffel am schlossplatz in araber-israeli-kombination :) …… ich schmelze grad maechtig weg vor retrospekiver nostalgieschwallungen….aaargh
#5 Interkonsum . 23.01.08 . 14:49 Uhr
schöne Erinnerungen … Könnten glatt meine sein, allerdings in Bezug auf den Laden der mich (etwas jüngere Generation - 78) geprägt hat, Cine Colibri. Der Club hat gerade nicht mal ein Monat zu, und ich kann nicht aufhören, das Erlebte zu verarbeiten …
Und jetzt kommt’s: der stille Nachfolger “meines Ladens” heißt Synchron. Macht jetzt am Freitag 25.1.2008 - 23 Uhr in den Räumlichkeiten “Ihres Ladens” auf.
Wenn Sie wollen, kommen Sie einfach vorbei. Wir “substanzieren” auf alte Zeiten, kotzen über den neuen Laden ab (selbstverständlich mit dem Akzent, dass früher alles besser war), laufen nach Hause und hoffen, dass uns ein 50 € Schein zufliegt …
#6 das tier . 17.04.09 . 04:50 Uhr
hossa
ein bericht übers tier. grins
habe noch vier dieser tier eintritts- oder getränkekärtchen in verschiedenen farben.
grins
hängen hinter glas an der wand.
tschöö mit ö
#7 Donna Lüttchen . 18.04.09 . 19:05 Uhr
Kennt noch jemand Nougat?
#8 Prof. U. . 18.04.09 . 21:39 Uhr
Nougat? Nein, sagt mir gar nix….
Helfen Sie mir mal auf die Sprünge, meine Dame, das ist ja alles so fürchterlich lange her und mein greises Hirn will auch nicht mehr so recht.
By The Way: Um die Getränkekärtchen bin ich ja echt neidisch, ich habe natürlich immer alle verbraucht…
#9 TeeKay . 18.04.09 . 23:05 Uhr
@#7
den Kommentar hätt ich jetzt aber eher dem “Underground” Beitrag zugeordnet. Lebt er eigentlich noch? Das letzte Mal ist er mir vor 2 Jahren übern Weg gelaufen…
#10 Paul-geht-baden . 27.04.09 . 12:28 Uhr
__Donna Lüttchen. Und wer ist das nun?
#11 Elsa . 14.09.09 . 19:50 Uhr
tach auch zusammen….bin zu tränen gerührt….unvergessen pat pulsinger und die cheap-jungs, dr. rockit kocht spaghetti und wir haben rotz und wasser geheult an jenem letzen samstag bzw. sonntag…wo sind sie geblieben, die gestalten von damals, die liebe zur musik (die einfach unsagbar “vage und unscharf” war…); heute nur noch theodor-heuss, leute mit betonfrisuren und laue mucke….kann nur im “palast” sitzen und mit den tränen kämpfen…kein tier, kein On-U, kein Oz, kein bär….nur zuhause sitzen und alten 12″ lauschen….
#12 Caddl . 19.11.09 . 20:25 Uhr
Hi Leute.
Ich war einige Male im Unbekannten Tier mit meiner Schwester,bin aber nie in die “unterwelt”..aber nachde ich das jetzt lese wünsch ich mir eine Zeitmaschine.Ich laufe ab und an an den “heiligen Hallen” vorbei und lege eine Gendeminute ein.Auch für die Legendäre “Lerche” ie auch leider nimmer existiert.
Stuttgart hat “viel Herz” und Originalität verloren..ich hoffe dass man sich der Stadt erbarmt und mal wieder was aufbaut
Aber zum Glück gibts ja noch die Legenden wie die “Rofa” oder das wiederauferstandene “Vegas” in Markgröningen oder das “Belinda” in Sulzbach an der Murr.Or ein alter Geheimtipp in Weinsberg “Galgenhölzle”
Grüsse aus LB von einem der den Jahrgang 70 vertritt ;-)
#13 jojo . 29.01.10 . 22:36 Uhr
geile zeiten!!!
und NOUGAT … ha!!!
Gott hab ihn selig die alte Seele des Palasts!
#14 m. . 07.02.10 . 17:42 Uhr
Danke Prof.U - Du erweckts in mir die Sehnsucht nach der ultimativen Party - und irgendwie war sie das, das Tier - DIE Party unseres Lebens…
…hat sie uns doch zu den coolsten Helden der Stadt gemacht!!
ich hab sie auch noch die getränkekarten und die CD - die es zum Abschied gab - mein wertvollstes Stück…
die katakomben - das Klo - das Aquarium - der Türsteher, in den ich immer verliebt war (den gibts ja noch) - die Nacht als Bela B. besoffen vom Barhocker fiel, nougat (gruuusel)… verschwommene Bilder, die das Tier für immer und ewig zum coolsten Club gemacht haben, den es je gab….
Und wenn Du der Jojo bist, kenn ich Dich auch noch ;o)
beste Grüße aus der wilden Vergangenheit - hurra wir leben noch… schön, dass wir dabei waren!
m.
#15 Prof U. . 12.02.10 . 01:27 Uhr
Also liebe “M”, Sie plaudern ja aus dem Nähkästchen, die Nacht als Bela B. vom Hocker glitt, ist mir wohl entgangen…
Nun, der Jojo bin ich leider nicht, aber das mit den “coolsten Helden der Stadt” - wenn ich Sie zitieren darf - das finde ich absolut nett!!
Gruß Prof. U.