Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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13 02.10

Sätze, die in Stuttgart dieses Jahr gesagt wurden

Von von unten
Leben . 14:43 Uhr

- und einige Fragen, die nicht gefragt wurden

An einem Freitag im Januar sagte der Dolpo Tulku Rinpoche aus Nepal bei der Kinopremiere des Dokumentarfilms ‘Dolpo Tulku’ im Atelier am Bollwerk: “Ich habe das Gefühl, dass in der westlichen Welt die Menschen weniger Mitgefühl haben. Denn wenn ich mich nicht um meine Mitmenschen kümmere, wer dann?” Er meinte außerdem, dass es genug sei drei oder vier Tage in der Woche zu arbeiten. Eine sehr vernünftige Aussage. Aber das Publikum lacht dabei genauso wie bei der Szene im Film, als eine Frau sich von ihm als geistiger und weltlicher Anführer mit Fanta segnen lässt. Das sieht für uns vielleicht komisch aus, aber was wäre, wenn eine Flasche Fanta in diesem sehr abgelegenen Tal in Westnepal so kostbar ist, dass es nur für bestimmte Zeremonien verwendet wird? Darf man dann darüber lachen? In unserer esoterischen Sehnsucht kaufen wir ja auch Himalaya-Salz für 20 Euro pro Kilo und wollen sofort davon geheilt werden.

Am ersten Sonntag im Februar beim Poetry Slam in der Rosenau stellt Etta Streicher aus Frankfurt die Frage: “Was ist schöner? Bevor du alles sagen willst oder nachdem du alles gesagt hast?” Die Frau, die sich diese wunderbare Frage ausgedacht hat, kommt leider nicht ins Finale. Dafür gewinnt natürlich der lässige Typ, der den WLAN-Kabel-Witz reisst.

An einem Mittwoch im Bus reden drei Waldorfschülerinnen über ihre George Gina & Lucy-Taschen. Eine sagt die Sätze: “Die neuen Modelle sehen scheiße aus. Außerdem haben mittlerweile sogar Hartz-IV-Empfänger solche Taschen. Ich weiß gar nicht wie sie sich das leisten können. Jogginghose, fettige Haare, so dick (sie breitet ihre Arme aus), aber solche Taschen.”
Mir drängt sich von tief unten die Gegenfrage auf, die ich ihr Gesicht spucken könnte, hätten meine Eltern mich nicht so gut erzogen: “Haben diese Menschen kein Recht eine George Gina & Lucy-Tasche zu kaufen?”
An diesem Mittwoch schwirrt die Frage weiter durch den Kopf, weil sie nicht raus durfte, stattdessen bohrte sich eine andere sogar hinein: “Darf man fremde Menschen in öffentlichen Situationen auf ihre unbewusst rassistischen Äußerungen aufmerksam machen? Und wenn ja wie?”

Am Freitag bei der S21-Großdemo rütteln ein paar junge Männer an den Absperrungen, einer hebt ein Gitter aus der Angel. Sofort kommt eine lebenserfahrene Frau aus dem Hintergrund und sagt: “Lasst das doch. Sonst geben wir denen doch nur was sie haben wollen.” Ein unbeteiligter junger Mann steigt freudig in die Diskussion ein und sagt: “Ja, aber man muss doch auch etwas tun. So bringt das doch nichts.” Es ist die übliche Diskussion, ob Latschdemos etwas verändern und ob kalkulierte Grenzüberschreitungen in Ordnung sind. Die anderen jungen Männer ziehen sich zurück und lassen die Zwei diskutieren. Genau, man sollte etwas tun. Im März ist Blocktraining.

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2 Kommentare zu Sätze, die in Stuttgart dieses Jahr gesagt wurden

#1 Paul-geht-baden . 13.02.10 . 16:19 Uhr

Mehr!

#2 ein Marius . 19.02.10 . 16:44 Uhr

Hallo von unten,
ich bin heute zufällig über Umwege auf diese Webseite gestolpert und habe dabei obigen Beitrag entdeckt und sehr interessiert gelesen. Er hat mir so gut gefallen, dass ich, und das sollst du als das größtmögliche Kompliment halten, danach alle deine Einträge gelesen habe. Ich finde es beeindruckend, wie du mit Wörtern eine Stimmung erzeugen und transportieren kannst. Diese Liebe zum Detail erinnert und ermahnt mich, nicht dem Alltagstrott zu verfallen und auch mal etwas Abstand zu nehmen, nachzudenken und die Umwelt auf mich wirken zu lassen. Zu gerne wüsste ich, welcher Mensch sich hinter den Worten verbirgt. Danke für die schönen Minuten.

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