Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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08 05.06

Rösselsprünge durch einen Stuttgarter Sonntag

Von Frau Brezel
Leben . 22:23 Uhr

Gestern morgen saß ich auf einer stillen Wiese am Wald. Um mich Schwärme von Insekten. Fliegen, Bienen, Schmetterlinge. Leises Sirren und Brummen. Gleißende Sonne zwischen den Bäumen. Es war noch kühl. Mein Sohn räkelte sich auf meinem Schoß und ließ sich ein Buch vorlesen. Sein warmer, kleiner Körper drückte sich an mich, während er mit den Füßen auf meinen Beinen herumtrommelte. Umgeben von wogenden Halmen hockten wir da eng beieinander im Morgenlicht.

Mittags öffnete ich dann eine Email von meinem allerersten Freund. Vor zwanzig Jahren waren wir auseinandergegangen. Nun schrieb er plötzlich und überraschend, er habe alte Briefe und Tagebücher ausgegraben und sei dabei wieder auf mich gestoßen. Erzählte, was er in all den Jahren getan hat. Und daß er in den Österreichischen Kalkalpen ein riesiges Höhlensystem entdeckt hat. “Ein Wahnsinnsgefühl und Privileg, als erster Mensch diese stillen Räume zu betreten.” So schrieb er.

Im Schloßgarten auf dem frischen, grünen Rasen lag ich gestern nachmittag. Um mich Hunderte andere. Ich sah die Mengen von Menschen schon, als ich in den Park lief. Deutete darauf und sagte: So viele! Schau. Da sind aber viele Leute! Und alle wollen in die Sonne! Und legte meine Decke ins Gras. Und legte mich darauf. Sah in den Himmel. Sah in die Bäume. Sah mir die Menschen an, die in Grüppchen oder alleine herumsaßen, Spiele spielten oder hinter Kindern und Kinderwägen hertrabten. Dieses sommerhelle Panoptikum.

Abends las ich im Stuttgart-Blog einen Beitrag über den Schloßgarten und darüber, wie beengt all die sich sonnenden Menschen im Park wirkten.

Spät abends auf 3sat sah ich einen Bericht über russische Kriegsgefangenentransporte. Ein Beobachter beschrieb, wie mehrere Tausend Männer dicht an dicht “wie Zaunpfähle” aufrecht stehend in unendlichen Reihen von Viehwaggons herumgekarrt wurden, sodaß nur ihre Köpfe oben herausragten. Starb einer, wurde er beim nächsten Halt von den anderen Männern hinausgekippt, um dann, vor und nach sich Hunderte andere, auf den Schienen liegend vom Schnee zugedeckt zu werden.

Vergangene Nacht um halb vier saß ich allein im Wohnzimmer am Fenster und schaute auf die ruhige Straße und in den dunklen, verlassenen Schloßgarten. Das Licht der großen Laterne schien herein ins Zimmer und beleuchtete am Boden die hölzernen Schienen der kleinen Holzeisenbahn meines Sohnes. Drei Wägelchen mit kleinen Passagieren standen da hinter einer schwarzen Lok aufgereiht auf den Gleisen. Die Männchen streckten lachend ihre Arme zu den Seiten heraus.

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1 Kommentar zu Rösselsprünge durch einen Stuttgarter Sonntag

#1 liamara . 09.05.06 . 09:34 Uhr

Zwei vor und einen zur Seite… So ein schöner Sonntag mit einer absolut passenden Überschrift :)

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