Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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21 10.06

Revolution für Rentner

Von chéggy
Politik . 17:49 Uhr

Heute hab ich mal auf der DGB-Demo gegen Sozialabbau vorbeugeschaut. Eigentlich hatte ich ja verpennt, aber ne halbe Stunde vorher packte mich dann das schlechte Gewissen. Insgesamt war es keine wirklich umwerfende Veranstaltung. Es waren zwar recht viele Demonstranten, aber die Wundermär von 45.000 Teilnehmern, die DGB-Chef Sommer von der Bühne runterproletete erscheint mir doch etwas übertrieben. Sagen wir: der halbe Schloßplatz war voll.

Ich hab ein paar Fotos gemacht und mir die Leute angesehn. Und es war schon erstaunlich: der Altersdurchschnitt lag wohl schätzungsweise bei 40 Jährchen. Insgesamt mutete auch von den Veranstaltern und den Rednern her die ganze Sache wie eine Interessenvertretung für Rentner an, als wie eine Gewerkschaftsveranstaltung. Also zumindest, wenn man wie ich mit der Illusion durch die Gegend läuft, dass die Gewerkschaften für Jugendliche kämpfen, die in Praktikumsstellen ausgebeutet werden, keine Ausbildungsplätze bekommen und Studiengebühren zahlen müssen.

Anwesend war so ziemlich alles was man sich so vorstellen kann. Der DGB und seine diversen Untergruppierungen von der IG Metall bis zur Katholischen Arbeitnehmerbewegung plus alle Parteien minus SPD, CDU, FDP und allem Rechts davon. Ein paar Jusos waren da, zu denen ich mich dann auch dazugesellte. Die KPD hatte ein Monstertransparent in rot mit gelben Buchstaben, dass circa 10 Meter lang war. Alles in allem so mehr oder weniger das Übliche.

Lustig waren allerdings die verschiedenen Mindestlohnplakate, deren Forderungen von 7,50 Euro (ver.di) bis zu 10 Euro (irgendein einsamer WASGler) variierten.

Gerüchteweise wurde kolportiert ein paar Nazis, die von einer Demo aus Schwäbisch-Hall kamen irgendwo am Rande der Kundgebung ein bisschen Ärger gemacht hätten, von der Polizei aber recht schnell daran gehindert wurden.

Außerdem hatte der “Schwarze Block”, wie abfällig bemerkt wurde, auch seine Glanzstunde. Die Filiale Commerzbank ist jetzt um vier schwarze Farbklekse an der Fassade reicher. Zusätzlich wurden noch drei Brandsätze und ein bisschen Bengalisches Feuer geschmissen, was aber außer ein paar Brandflecken keinen Effekt hatte. Die Brandsätze waren wohl aus Glas und das Zeug drinnen stank widerlich, meinte eine Polizistin zu mir.

Aber viel mehr wusste die gute Frau auch nicht, weil die Polizei von der ganzen Aktion eigentlich recht wenig mitbekommen hatte. Sie kam erst nach der Feuerwehr und die Kripo war noch nicht dagewesen.

Mein persönlicher Erfolg: Ich bin auf die Presse-Bühne zum Photoschießen gekommen: Ein kleiner Schritt für mich, ein großer für den Journalismus ohne Presseausweis. Die Bilder werden nach Filmentwicklung nachgeliefert.

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4 Kommentare zu Revolution für Rentner

#1 Herr S . 21.10.06 . 19:15 Uhr

Insgesamt mutete auch von den Veranstaltern und den Rednern die ganze Sache wie ne Interessenvertretung für Rentner an, als wie eine Gewerkschaftsveranstaltung.

Der DGB ist nicht mehr und nicht weniger als die Interessenvertretung Beiträge zahlender Gewerkschaftsmitglieder. Und die sind aus vielerlei Gründen eben älter im Schnitt — einige von diesen Gründen gehen aber ganz sicher auf die Kappe der Gewerkschaften.

#2 qx . 23.10.06 . 08:29 Uhr

@chéggy: Vielen Dank für diesen Beitrag.

#3 chatterbox . 23.10.06 . 10:50 Uhr

Der Herr Hirlinger gehört mit Sichherheit zum Rentnerclub und auch ein großer Teil der Gewerkschaftsmitglieder ist etwas älter. Aber man muss wissen, dass 40-50jährige nun in der Mitte ihres Lebens stehen;-) Und dass Gewerkschaften nicht mehr und nicht weniger als Interessensvertretungen sind liegt einerseits in deren Natur, aber andrerseits stimmt es so nicht!
Die Gewerkschaften üben neben ihrer Aufgabe als Tarifpartner wichtige politische Bildungsarbeit.
Im Übrigen waren bei den “schwarzgekleideten und vermummten” Jungen Menschen auch zwei drei Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung!!! Die Stiftung der Gewerkschaften!!!
Dass so wenige Jugendliche oder junge Menschen, sich gewerkschaftlich organisieren ist schade. Jeder einzelne profitiert von dem Engagement der Gewerkschaften, egal ob Mitglied oder nicht!
Glück auf!

#4 Henning . 23.10.06 . 11:40 Uhr

Jeder einzelne profitiert von dem Engagement der Gewerkschaften, egal ob Mitglied oder nicht!

Naja, naja… da gibt’s schon so einige Dinge, die ich nicht teile, wie das Engagement für die Beibehaltung der Kohlesubventionen, um mal nur ein Beispiel zu nennen.

Ich will damit nicht die Gewerkschaften insgesamt in Frage stellen. Sie haben ganz klar ihre Berechtigung und sind auch wichtig. Aber das Zitat war mir jetzt dann doch zu einseitig, um es unwidersprochen stehen zu lassen.

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