Von von unten
Leben . 22:49 Uhr
Das Zollamt am Westkai ist ein funktionales, schmuckloses, verbrauchtes Amtsgebäude, aber ordentlich vom Schnee geräumt. Man erwartet missmutige graue alte Beamte in Pullundern und ist an der Postausgabe enttäuscht. Ein junger tätowierter Mann und eine freundliche hübsche Blondine sind engagiert und gutgelaunt, sogar ein Bogy-Praktikant hat sich dorthin verirrt. Im Paket aus Amerika sind M&Ms, ein großes Foto und ein Brief. Nichts zu verzollen, alles korrekt deklariert. Wozu hat der Amerikaner Porto bezahlt, wenn der Empfänger es selbst abholen muss? Vielleicht um Personal zu sparen.
Am selben Tag rennt eine gelb-blaue Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen mit Paketen unter dem Arm über die verschneiten Gehwege und sucht hektisch im Industriegebiet nach den richtigen Eingängen. Die Berufsgenossenschaft schweigt.
Woanders fährt ein Radfahrer, der schreit. Er fährt schnell und schreit in seine Freisprechanlage, damit ihn die Person, mit der er telefoniert, durch den Fahrtwind versteht. Die Szene ist genauso befremdlich und bizarr wie die Grundschulklasse aus dem Stuttgarter Umland am Bahnhof. Ein etwa 9jähriger fragt: “Welches Buch liest du gerade?”. Sein Freund antwortet gelassen: “Tom Sawyer” - Der andere ruhig: “Das habe ich schon gelesen. Ich habe Harry Potter in zwei Wochen gelesen.” - “Wie viel liest du?” - “Ich lese jeden Tag zwei Stunden. Alle zwei Wochen ein Buch.” Eine 9jährige klinkt sich in das Gespräch ein: “Ich lese jede Woche ein Buch. Harry Potter war mir zu langweilig. Mein Vater liest mir gerade Momo vor.” Der 9jährige fragt ganz selbstverständlich: “Worum geht es da?” Das Mädchen erklärt es ihm und er entgegnet souverän: “Dann lese ich Momo als nächstes.” Diese gelassene, ernsthafte, sichere und ruhige Erwachsenheit von 9jährigen lässt mich an Pisa zweifeln. Vielleicht sollten Erwachsene Kinder einfach in Ruhe lassen oder selbst mal wieder Bücher wie Momo lesen. Ob Erwachsensein wirklich vom Alter abhängt?
Außerdem für Freunde der vergänglichen Aktionskunst und Bänker: Um die Wartezeit am Esslinger Bahnhof subjektiv zu verkürzen, kann man auch den Satz ‘Iss nie gelben Schnee’ an Gleis 3 in 1 Meter großen Buchstaben in den Schnee stapfen. Das dauert ca. 8 Minuten.
#1 Herr Linsinger . 11.02.10 . 00:22 Uhr
Yeah! Wo ist der “Like It Button”?
Momo und Zappa rulen…..
#2 Paul-geht-baden . 11.02.10 . 00:48 Uhr
Schön die Stimmung des Textes, wie so oft bei Ihnen. Ich habe den Text, der durch seinen Ton eine Haltung der zugewandten, aufmerksamen Zurückhaltung vermittelt, die den Dingen Raum gibt, umso lieber gelesen, als hier zuletzt ja Leute den Ton angegeben haben, die auf eine penetrant sanfte Tour vermitteln, dass sie alles im Griff haben (und zu allem eine begründete Meinung und für jedes Problem eine Patentlösung, von Stuttgart 21 über die Weltwirtschaft bis zum Grundeinkommen, dem Nahverkehr usw. usf.; was noch fehlt ist, dass einer dieser Helden mal auf zehn Zeilen erklärt, wie der Nahe Osten zu befrieden wäre; man könnte sie, das Streiflicht der SZ vom Wochenende paraphrasierend, vielleicht folgendermaßen entschuldigen: sie zeigen den Mut, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen; dass sie sich dabei nur jener Menge Verstandes bedienen können, die ihnen zur Verfügung steht, ist ja nicht ihre Schuld).
#3 nick . 11.02.10 . 17:18 Uhr
Momo ist sowieso toll. Erst vorhin musste ich wieder an Beppo Straßenkehrer denken…