Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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22 04.08

Paul geht (nicht) baden. Teil 18/6: Mumbai. Das Ende von Stuttgart 21

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 18:35 Uhr

Mit Siebenmeilenschritten eilt das Jahr den Monaten ohne ‘r’, d.h. dem Sommer, entgegen (nicht ohne sich dabei ab und zu kapriziös in eine Art Winter zurückfallen zu lassen, das schon), und auch Paul ist längst anderen Zielen — sagen wir: zugestrebt und dieser Tage (bitte großzügig auslegen) aus St. Helens im Metropolitan County Merseyside (nicht weit entfernt von Liverpool) zurückgekehrt, wo 60 Jahre Städtefreundschaft feierlich zu begehen waren (Paul wie in Mumbai als eine Art Trabant oder Satellit der 25-köpfigen Stuttgarter Delegation, die wieder vom OB persönlich angeführt wurde; Paul persönlich, dessen Erfolgsgeheimnis ja sein diskretes Wirken ist, der scheinbar absichtslose Auftritt als ein Mann aus dem Volk, der seiner Wege geht, war seiner kunstvoll ungeputzten Schuhe wegen [kleiner Trick] weder als Stuttgarter überhaupt, noch gar als Gesandter seiner glamourösen schwäbischen Heimatstadt zu erkennen und konnte unerkannt und unbehelligt [außer natürlich von den schönsten Frauen St. Helens’] seiner segensreichen Tätigkeit nachgehen). Alles strebt in die rosenfing’rige [ja, ja, da schlägt das verdammte Rechtschreibprogramm gleich wieder Alarm] Zukunft, wir aber springen jetzt, um den Bericht über Pauls außer-, aber proschwäbische Aktivitäten im indischen Kurort Mumbai mit seinem phantastischen unterirdischen Hafen zu einem guten Ende zu bringen, gegen den Zug der Zeit und gegen den unwiderstehlichen Lauf der Ereignisse mit einem einzigen Riesensatz noch einmal, zum letzten Mal, zurück in den Monat Februar. Sie erinnern sich sicher noch daran, wie unser Undercover-, d.h. Geheim-Botschafter Paul (seine Botschaft: Stuttgart ist super!) erst erkennt, dass einer der am Strand Cricket spielenden jungen Männer das Trikot eines Stuttgarter Sportvereins trägt, als er, Paul, sich schon abgewendet hat? Zurück auf dem Weg in die Stadt, als Paul, mit dem etwas schleppenden Schritt des Ehrengastes, dem die ganze Aufmerksamkeit ein bisschen peinlich ist, eine lange Front von Banyanbäumen abschreitet, die breitbeinig und wie angewurzelt im milden Nachmittagslicht stehen, fällt ihm, nachträglich, noch etwas anderes auf, an das er sich später aber nicht mehr erinnern kann (und das vielleicht auf immer vergessen und verloren ist; falls Paul jedoch eines schönen Tages, wie man sagte, als die Welt jung war, doch noch d’rauf kommen sollte, jage ich —versprochen! — sofort eine Eilmeldung ins weltweite Gewebe). Komisch eigentlich, dass man sich zwar erinnern kann, aber ums Verrecken nicht mehr weiß, woran. Aber vielleicht hängt das mit der Begegnung zusammen, die unmittelbar darauf, d.h. nachdem Paul nachträglich etwas bemerkte, statthatte. Aus dem bunt gemischten Menschenstrom, der Paul ohne Unterlass entgegenkam, lösten sich unversehens die Gestalten dreier junger Männer mit je einem seitlich am Kopf getragenen Haarknoten, den Kenner sofort als suebisch identifiziert hätten, und vertraten, dem was historische Kopfschmuckformen angeht eher unbedarften, Paul (der gerade wieder sagen wollte: „No, thank you!“) den Weg. Ob Paul wüsste, fragte, auf Englisch, einer von ihnen mit erfrischender Zutraulichkeit, wo hier das Weinfestival „Stuttgart Meets Mumbai“ stattfinde. Ach, wie ging unserem Paul da das Herz auf (und unter der Schädeldecke — so meine, unbewiesene, These — flutete der chemoelektrische Flash die Synapsen und löschte die rezente Erinnerung). Dass die drei unter all den echten Indern ausgerechnet ihn nach dem Stuttgarter Weindorf fragen mussten! Und dann auch noch, wunderbar verfremdet und quasi poetisch überhöht durch das fremde Idiom, dessen Worte sich der Sprachmelodie nicht fügen wollten, in waschechtestem Schwäbisch!! Paul, der — für seine Seelenruhe — vielleicht einfach zu wenig gebadet hatte in den letzten Tagen, jedenfalls nicht so fest in sich ruhte, wie wir es von ihm gewohnt sind, kamen fast die Tränen (und ich gebe zu, dass darüber wieder ich so gerührt bin, dass ich mich schütteln möcht’). Und natürlich mimte er nicht länger den Autochthonen oder den verdeckten Ambassador, sondern redete, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wie sich herausstellte waren Kaspar, Leonardo und der Thomas alle drei Lokomotivführer (aus Heslach, Renningen und Mettingen), die aus Begeisterung für ihren Beruf in ihrem Urlaub eine Art Bildungsreise unternahmen, derart, dass sie mit bestimmten, dem Vernehmen nach legendären Zügen, gezogen von Loks irgendwelcher Baureihen, bei deren bloßer Aufzählung ihre Gesichter einen speziellen rappeligen Ausdruck annahmen, kreuz und quer durch Indien fuhren. Hundertprozentige Eisenbahnfreaks (obwohl die Eisenbahn ihr Beruf war). Paul fand sie, natürlich, toll und ließ sich bei der Gelegenheit gleich alles Mögliche erklären, was er schon immer über schienengebundenen Verkehr wissen wollte. So gab ein Wort das andere, und wohl eine Viertel- oder auch halbe Stunde lang — wer will das heute noch sagen (es sei denn, jemand treibt ein Überwachungsvideo von just diesem Abschnitt des Straßenirrgartens von Mumbai auf) — bildeten die vier Schwaben, umbrandet von einem Meer — sagen wir: anderer Zungen, eine selbstvergessene kleine Sprachinsel, ein schwäbisches Diesseits im indischen Jenseits (wie man in Abwandlung eines Lieblingsdiktums eines unserer Lieblingserzähler sagen könnte). Und dort erfuhr Paul folgende Geschichte: Die drei Lokführer waren überaus patente, zupackende Burschen, mit beiden Beinen fest auf der Erde, wie man so sagt (was Clemens immer ein missbilligendes Grunzen entlockt), aber natürlich gab es auch in ihrem inneren Geräteschuppen, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine Ecke, in der eine Schwäche für flüchtigere, ungreifbarere Erscheinungen wohnte als es Stromabnehmer, Faltenbalg oder Kommutatorklappe sind, ein gewissermaßen spielerisches, sich als nicht ganz ernst gemeint maskierendes Interesse für das ‘Übersinnliche’, d.h. unerklärliche Phänomene aller Art — womit sie, nebenbei bemerkt, in allerbester Gesellschaft sind; ich erinnere nur daran, wie fasziniert Schopenhauer davon war, dass eines seiner Hausmädchen nachts exakt das geträumt hatte, was Schopenhauer dann am nächsten Tag passierte, nämlich dass er ein Tintenfass umwarf und die Tinte genau den Fleck usw. usf. (bitte lesen Sie es selber nach). Und weil Indien (was z.B. die Software-Entwickler in Bangalore aber vielleicht ein bisschen anders sehen) nun mal das Land der (komischen) Heiligen, der Wunder und der Erleuchtung ist und die drei Lokführer vor nichts Angst hatten (außer vor einem falsch gestellten Signal), kamen sie irgendwie auf die Idee: „Wir gehen hier mal zur Wahrsagerin. Nur so aus Quatsch! Einfach mal sehen, wie das so ist.“ („Und was koscht des?“) Die erste Überraschung war, dass es sich bei der — sagen wir: ‘weisen Frau’ (die sich nicht ‚fortune teller’ nannte, sondern ‚soothsayer’), nicht um eine von einer geheimnisvollen Aura umgebene Alte in mehreren Lagen von bodenlangen schwarzen Röcken handelte, die womöglich noch einen Raben auf der Schulter trug und mit raunender Stimme sprach, sondern um eine blitzmoderne Mittdreißigerin (mit Harvard-Business-School-Diplom an der Vorzimmerwand) in einem fabelhaften Yamamoto-Kleid, die sie in einem fast fußballfeldgroßen lichtdurchfluteten Büro empfing, dessen Wände abstrakte Expressionisten zierten, und zur Eröffnung sagte: „Mit der Frisur seid ihr seid bestimmt Wertpapierhändler!“ „Eigentlich nicht“, antwortet Leonardo, der das Reden übernommen hatte. „Wir sind bei der Eisenbahn.“ „Tschu, tschu, tschu!“ sagte sie und lachte. „Ja, ja ich weiß, war nur ‘n Scherz, Jungs. Ich kann euch,“ fuhr sie, den leichten, tändelnden Ton aufgebend, fort und sprach jetzt ernst und eindringlich, wobei sie Kaspar, Leonardo und den Thomas nacheinander aufmerksam, um nicht zu sagen: hellwach, ansah, „ich kann euch folgendes sagen: Stuttgart 21 wird niemals realisiert! Ich sehe, dass viele hundert Millionen in den Sand gesetzt werden, ich sehe, dass Teile der Stadt verwüstet werden, dass unvorhergesehene Ereignisse eintreten, dass die Verantwortlichen sich an ihre einmal gefassten Beschlüsse klammern, aber ich sehe auch eine Opposition gegen das Projekt, die immer größer wird und die mit viel Fantasie dafür eintritt, dass die Pläne, um weiteren Schaden von Stuttgart abzuwenden, begraben werden. Die Schlauberger meinen ja schon jetzt, dass es zu spät ist, das Projekt noch aufzuhalten, dass Sachzwänge walten, gegen die sich niemand erfolgreich stemmen kann. Ich sehe, dass es noch viel später wird, dass es aber am Ende so sein wird wie in Wackersdorf, falls euch das etwas sagt, meine jungen Freunde: Es wird nichts draus.“ Damit stand sie, einen Knopf auf ihrem Schreibtisch drückend, auf und sagte: „Das ist alles, mehr kann ich euch nicht sagen.“ Die Dame aus dem Vorzimmer kam herein und blieb an der offenen Tür stehen. „Meine Herren“, sagte sie (auf Englisch natürlich, ich erzähle es so, wie die Lokführer es Paul erzählt haben), und Kaspar, Leo und der Tom verließen im Gänsemarsch das Sprechzimmer und (das Finanzielle war vorher geregelt worden) das Haus. Können Sie sich vorstellen, wie verblüfft die Drei waren? Und wie verblüfft Paul war, als sie ihm die unglaubliche Geschichte erzählten! „Gibt’s nicht!“ rief er aus. Müssen wir sehen. Auf jeden Fall sind wir mächtig gespannt.

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11 Kommentare zu Paul geht (nicht) baden. Teil 18/6: Mumbai. Das Ende von Stuttgart 21

#1 Wegschaffel . 22.04.08 . 22:51 Uhr

Hab mich grad mal wieder einfangen lassen und bin prompt eine geschlagene Stunde durch Ihre Schrullen mäandert. Glückwunsch übrigens zum 13. Jubiläum hier im S-Blog. Wenn Sie Ihre Schlagzahl beibehalten, haben Sie die avisierten 49 Kapriziosen nach ziemlich genau 13 weiteren Monaten geschafft. Wir sind auf jeden Fall mächtig gespannt.

#2 Paul-geht-baden . 23.04.08 . 11:36 Uhr

Eine Stunde? Nur für 18/6? Aber inkl. Recherchen zu Stichworten wie ‘Kommutatorklappe’, oder? Solche Leser wünscht man sich. Irgendwann muss ich Ihnen, und den beiden anderen, die (heimlich) meinen Marketing-Thriller lesen, mal einen ausgeben. Und dabei könnte ich Ihnen dann auch mal vormachen, wie man den ganzen Galimathias in ca. zehn Minuten wegliest (und alles, was so kompliziert erscheint, transparent und geradezu leicht verständlich wird). Danke, jedenfalls, für Ihr Interesse, und für die fortgesetzte Bekundung des Interesses.

#3 Wegschaffel . 23.04.08 . 14:24 Uhr

Eine Stunde. Locker. Aber natürlich nicht für 18/6, sondern kreuz & quer durch den gesamten Galimathias (den ich jetzt aus Zeitgründen nicht nachschlage). Mit dem ausgeben wäre ich vorsichtig; erstens trinke ich nur Erlesenes und zweitens würden Sie sich wundern über die Zahl der Mitleser und dann eben auch Mittrinker.

#4 Wegschaffel . 23.04.08 . 14:31 Uhr

Das noch: Die Bertelsmänner drucken ja jetzt Wikipedia in ein Buch. Pauls Marketing-Abenteuer könnte ich mir auch gut gedruckt vorstellen. Vielleicht finden sich ja im städtischen Etat noch ein paar Mäuse, jetzt, wo Stuttgart 21 so gut wie gekippt ist …

#5 Herr S . 23.04.08 . 17:29 Uhr

Sie mich auch oder so, mein lieber Paul. Auch wenn ich einen Tick schneller lese als der geschätzte Kollege. Wirklich nur einen Tick.

#6 Paul-geht-baden . 23.04.08 . 17:43 Uhr

Sie mich auch oder so

Äh…?

#7 Herr S . 24.04.08 . 09:44 Uhr

Hoppala. „Sie, mir auch“ sollte es natürlich heißen. Und es bezog sich aufs Vormachen des Mathias Dingsbums.

#8 Paul-geht-baden . 24.04.08 . 16:23 Uhr

Ich habe mich wohl missverständlich ausgedrückt. Bei meinem (fiktiven) Angebot (bin nicht unglücklich darüber, dass Herr Wegschaffel mein Billiggetränk-Angebot entschieden zurückweist) ging es mir nämlich nicht darum, eine Methode vorzuführen, mit der man schnelleres Lesen lernt, sondern darauf hinzuweisen, dass meine Paul-geht-baden-Texte ein hohes inneres Tempo haben, einen - bei allen Schlenkern und Pirouetten - dezidierten Vorwärtsdrall. Um den Rhythmus und die Melodie zu spüren (die die Stuttgarter Lebenslust womöglich sprechender zum Ausdruck bringen als die Erzählinhalte), muss man das schnell lesen, dabei aber natürlich zwischen der Haupterzähllinie und den Nebenlinien klar unterscheiden können. Wozu man den Text - sagen wir: intus haben muss. Dass das dauern kann, habe ich inzwischen begriffen. Ich aber komme ja gewissermaßen aus dem Inneren des Textes, d.h.: wenn ich das Zeug selber geschrieben habe, weiß ich, im Regelfall, auch, wie ich es zu verstehen habe. Da gibt es kein Grübeln über Textstellen, kein Zurückspringen usw. Wie sagte man früher so schön martialisch? Gefangene werden nicht gemacht. Beim Vorlesen gehe ich (an guten Tagen jedenfalls, wenn ich mich nicht in jeder Zeile dreimal verhaspele, kommt leider auch vor) ab wie Fernando Torres, die spanische Granate, die gar nicht weit von unserer Partnerstadt St. Helens ihre zischenden Bahnen zieht. Vielleicht stelle ich mal eine Folge zusätzlich als Audiodatei in den Blog ein, um zu demonschtrieren, was ich meine. Wenn ich Texte lese, die ich nicht selber verbrochen habe, mache ich es im übrigen genau wie Sie, lieber Herr S, lieber Wegschaffel: Ich nehm’ mir die Zeit.

#9 Wegschaffel . 24.04.08 . 19:10 Uhr

Um den Rhythmus und die Melodie zu spüren […} muss man das schnell lesen, dabei aber natürlich zwischen der Haupterzähllinie und den Nebenlinien klar unterscheiden können.

Was Sie nicht sagen. Und das bei Ihrem doch eher seitwärts-eruptiven Stil der mich übrigens just an den Dings vom ministry of silly walks erinnert. Und an meinen jüngsten Versuch, mit den neuen Skates (für Eingeweihte: steinharte 90er Rollen) an einem sonnigen Frühlingssonntag eine flotte Diretissima durch den Schlossgarten zu schneiden. Reden wir nicht drüber.

#10 Paul-geht-baden . 25.04.08 . 16:24 Uhr

Reden wir nicht drüber.

Schade. Hätte ich gern mehr drüber gelesen. Geht doch nichts über ‘ne Geschichte, in der der, der sie sie sie erzählt, sich ohne Rücksicht auf Verluste zum Affen macht, oder?

#11 circulus . 28.04.08 . 00:14 Uhr

Jaichbinnsmalwieder - beim Stichwort S21 kann ich doch nicht stillschweigen … Denn neben Rhythmus und Tempo von Pauls Texten (also ich lese sie schnell), freute mich natürlich besonders der INHALT!!! Was die Lokführer von der Wahrsagung hielten (außer, dass sie verblüfft waren), würde mich noch interessieren - vielleicht ähnlich viel wie ‘sunshinemike‘!?

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