Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 20:51 Uhr
Wussten Sie, dass Captain Beefheart (bürgerlich Don van Vliet) ein — natürlich schönes — Haus in der Mörikestraße besitzt (getarnt durch ein halbes Dutzend Fantasiefirmenschilder neben der Eingangstür) und sich öfter ein, zwei Wochen lang in der Stadt aufhält? Mr. van Vliet, der sogar ein paar Brocken Schwäbisch spricht („uuuuohnetsiejezdo?“), schätzt besonders, dass er sich in Stuttgart und Umgebung völlig unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen kann. Und natürlich die „rebellische, umstürzlerische Atmosphäre der Stadt“, wie er sagt, die eine einmalig belebende Wirkung habe. „Ein echter Jungbrunnen!“ In einem Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt hat der legendäre Beefheart sich jetzt ausführlich über seine Teilzeit-Wahlheimat geäußert. Sein Fazit: Stuttgart ist die europäische Metropole, die sich am stärksten dem permanenten Wandel, der ständigen Neuerfindung verschrieben hat. Das Tempo, das die Stadt dabei vorlege, sei wahrhaft atemberaubend. Wenn man hier zum Beispiel irgendwo ein tolles Restaurant entdeckt habe und eine Woche später (z.B. mit Freunden) wiederkomme, müsse man immer damit rechnen, dass nicht nur dass Restaurant, sondern auch das Haus, vielleicht sogar das ganze Stadtviertel nicht mehr da und an seiner Stelle etwas Neues aus dem Boden gestampft worden sei. Manchmal bleibe einem glatt die Spucke weg. Nirgendwo sonst gelte Tradition so wenig wie in Stuttgart. Ernst Jünger habe dieses eruptive Stadium im Leben einer Stadt das „titanische“ genannt, sagte Beefheart, der nach seiner Popmusikkarriere, von vielen unbemerkt, einer der einflussreichsten „Theoretiker des Urbanen“ (so das Tagblatt) geworden ist. Auf Nachfrage des verdutzten Interviewers, definierte Beefheart das „Titanische“ souverän als einen „Zustand des Dauerschöpferischen unter gewaltiger Kraftentfaltung“. Tja, wie Soziologen eben reden. Sie, meine lieben handverlesenen Leser, wissen das natürlich längst und kennen es in der Mehrzahl, wie ich annehme, aus eigenem Erleben; denn Sie sind ja selbst Teil dieses neuen Shangri-La (oder vergehen, vielleicht von ferne, vor Sehnsucht nach den Wonnen des Leben-unter-Dauerstrom, die unser Kessel so überreich bietet). Aber gerade weil man, wenn man mitten drin ist und keine Distanz hat, die Dinge nur noch parallaktisch verschoben, um nicht zu sagen: verzerrt wahrnimmt, jedenfalls nicht in der richtige Relation, war es mir — aus einem ganz bestimmten Grund, der mit Mumbai zu tun hat —, wichtig, hier auch einmal jemanden zu Wort kommen zu lassen, der — — Es wird Ihnen sicher nicht schwer fallen, den Satz selbst fortzusetzen und vielleicht auch zu beenden (aber in meinem Geiste, wenn ich bitten darf), das spart Zeit; denn ich weiß doch, dass Sie so schnell wie möglich zu den Stellen kommen wollen, in denen der Gesandte Paul, unser Botschafter des Herzens, im lieblichen Schatten von Kokospalmen oder Mangobäumen durch Mumbai wandelt, eine geheimnisvolle und farbenfroh gewandete indische Schönheit im Schlepptau, oder, vor der Glasfassade eines ultramodernen — war’s ein Versicherungspalast? ein Bankhaus?, in der sich die Spiegelbilder von Tamarinden kaum merklich in der sanften Brise wiegen, drei jungen Männern begegnet, die… Ich weiß es doch, ich weiß, und glauben Sie mir, ich würde Ihnen gern entgegen kommen, sehr gern (der Leser ist bei mir König, ich nur sein ergebener Kammerherr [und trage, zum Zeichen meines bescheidenen Rangs, an der rechten Hüfte einen vergoldeten Schlüssel am Band; daran können Sie mich überall erkennen; zögern Sie bitte nicht, falls ich Ihnen über den Weg laufen sollte, mich anzusprechen, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben; eines allerdings vorweg: ein Treffen oder gar Rendezvous mit Paul kann und will ich nicht vermitteln; da bitte ich um Verständnis…]). Aber vorher müssen, ich betone: m ü s s e n wir noch auf etwas anderes zu sprechen kommen, eine Kuriosität, wenn Sie so wollen. Vierzig Jahre währt die Städtefreundschaft zwischen Stuttgart und Mumbai nun schon, und in all diesen Jahren, in denen in Stuttgart jeder, aber auch jeder Stein zigfach umgewendet wurde (auch Nichtsteine) —, haben wir genau wie viele Oberbürgermeister beschäftigt? Richtig, drei. Klett, der den Vertrag abschloss, Rommel, und den gegenwärtigen Amtsinhaber Schuster, der auch die Delegation anführt, die Mumbai zum vierzigsten Jahrestag der Partnerschaft besucht (und nach dem dort, im Beisein unseres Stadtoberhaupts, das fotografenfreundlich neben dem Straßenschild aus schwarzem — äh, ist das Marmor? — in die Hocke geht und strahlend lächelt, ein Platz benannt wird: Dr.-Wolfgang-Schuster-Platz; aber auf Marathi natürlich). Erklären kann ich mir das unwahrscheinliche Beharrungsvermögen im hochenergetischen Verwandlungssturm, der seit Jahrzehnten erfrischend durch die Landeshauptstadt fegt, nur so, dass die Herren sich, einmal im Amt — um mit der Stadt, die sie regieren, mitzuhalten —, persönlich so rasant entwickeln, dass der Mensch, der morgens, oft vor Tau und Tag, ins Büro kommt (oder zum auswärtigen Termin erscheint), praktisch immer ein anderer ist, als derjenige, der es spät am Abend zuvor, sehr spät, aber immer noch munter und voller Tatendrang, verlassen hat. Ist das nicht das größte Opfer, und irgendwie sehr indisch, wenn Sie mich fragen: das geliebte Selbst dranzugeben zum Wohl der Allgemeinheit, gleichsam unbehaust im eigenen Leib? Unsere OB…, fantastisch… (Erheben Sie sich bitte von Ihren Plätzen, meine Damen und Herren, aber halten Sie Ihren Stuhl fest, sonst ist er nicht mehr da, wenn Sie sich wieder setzen wollen.)
Wird fortgesetzt. In der nächsten Folge: Paul am Arabischen Meer
#1 Jonas . 29.02.08 . 13:09 Uhr
Stuttgart, mon amour, as one of your loyal outskirts kid reads of Jünger here: Make sure to check walloftime.net when enfant terrible David Woodard gives un an interview next monday, on time!, and on Jünger in extenso of course — Captain Beefheart not mentioned so far but I promise I will ask Dr. Woodard. Cheers, Jonas