Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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21 02.08

Paul geht (nicht) baden. Teil 18/2: Mumbai. Eine Zeitreise

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 16:32 Uhr

Ei, ei, ei, schon sind in der unbegreiflich faktischen Welt wieder acht Tage dahingeflogen (oder dorthin?), so rasch und — scheinbar — zielstrebig wie mit dem Kompositbogen eines wilden Moghulkriegers abgeschossen. Die Zeit vergeht und vergeht und vergeht, so Bertolt Brecht in seinem Prosagedicht ‚Fakten und andere Tatsachen aus dem Reich der Fantasie’ (ein Titel, nebenbei bemerkt, der mich immer an die Autobiographie ‚Things I Did… and Things I Think I Did’ von Jean Negulesco erinnert). Wenn ich jetzt meinen Bericht über Pauls engagierten Einsatz in Mumbai wieder aufnehme, halte ich mich natürlich, wie Sie’s ja nicht anders gewohnt sind, streng an die Fakten (aus Überzeugung, wie ich sagen darf; und für den Fall des subjektiven Irrtums, vor dem ja niemand gefeit ist, haben wir noch die Riege der Kollegen in der Verifikation, die auch bei der kleinsten Abweichung von der Wahrheit völlig humorlos reagieren, und von manchen Autoren bei passender Gelegenheit in den Bart gemurmelt auch schon mal ’streitsüchtige Bastarde’ genannt werden). Sklavische Faktentreue also, bis zur Selbstverleugnung. Was jedoch die Zeit angeht, die draußen in der körperlichen Wirklichkeit vor den Bildschirmen so unaufhaltsam und unumkehrbar in die Zukunft zieht, so regieren wir (aufgemerkt, schläfriger Leser! Pluralis Majestatis diesmal) hier als absoluter Gebieter, der schalten und walten kann, wie er will — sofern es die Logik des Mitzuteilenden erlaubt (wirklich, hundert Pro frei sind wir letztlich eben auch in dieser Hinsicht nicht; neuesten Ergebnissen der Hirnforschung zufolge ist alles, was es außer Sex, Nahrungsaufnahme und Verdauung im Leben noch gibt, nichts als Einbildung, Fantasie, Konfabulation… oder beruht darauf). An dieser Stelle nun gebietet sie uns, die Logik der Erzählstrategie, wie Philologen sagen, ins ereignisreiche Jahr 1968 zurückzublenden (in dem — wenn ich mir diesen Fingerzeig, der nur scheinbar in die Irre weist, erlauben darf — ein gewisser Dick Fosbury dank der Erkenntnis, dass man manches im Leben besser rückwärts angeht, eine olympische Goldmedaille gewann — nein, nicht im 100-m-Lauf). Wenige Wochen bevor die Stuttgarter Studenten auf die Straße gingen (nicht rückwärts, bedauerlicherweise vielleicht) und die Demonstrationen, die täglich mehr Zulauf aus allen Teilen der multiethnischen Bevölkerung erhielten, in beispielloser Weise zu Straßenkämpfen eskalierten, in deren Verlauf ganze Straßenzüge verwüstet wurden und (von bis heute unbekannten Tätern) schließlich Teile des Rathauses in die Luft gesprengt wurden und u.a. der historische Rathausturm einstürzte — wenige Wochen vor diesen einschneidenden Ereignissen, durch die alle Welt sich in dem Vorurteil bestätigt sah, die Schwaben seien leicht entflammbare Feuerköpfe, schloss die Stadt, in der es untergründig sicher längst gärte und die Explosivkräfte sich sammelten, eine Städtepartnerschaft mit der westindischen Metropole Bombay, wie Mumbai damals noch hieß. Stuttgart war, wie es auf den offiziellen Seiten der Stadt heißt, „prädestiniert“ dafür; denn das besondere südländische Flair der schwäbischen Hauptstadt und ihre Offenheit für alles Fremde und Neue hatte schon seit Jahrzehnten Menschen aus aller Welt, insbesondere aber aus Indien angezogen, so dass es gewissermaßen logisch war, dass sowohl die Deutsch-Indische Gesellschaft wie die Deutsch-Indische Handelskammer hier ihren Sitz hatten (und noch haben). Dr. J. Leon D’Souza, der damalige ’Mayor’, unterzeichnete den Partnerschaftsvertrag am 11. März 1968 in Bombay (das handschriftlich eingetragene Datum auf der Urkunde lautet zwar 30. März, aber das ist das Datum des In-Kraft-Tretens, nicht das Datum der Unterzeichnung), und Dr. Arnulf Klett, unser OB, am 21. März in Stuttgart. Damals reisten die Verträge und die Politiker blieben zu Hause. Zum vierzigsten ’Geburtstag’ der schönen Zusammenarbeit zwischen den beiden Völkermagneten — womit wir in die Gegenwart zurückkehren, meine lieben Zeitreisenden — ist das natürlich nicht mehr möglich; denn heute bestimmen ja nicht mehr die Buchstaben irgendwelcher papierenen Vereinbarungen das Wohl und Wehe von Städten, Ländern und Völkern, sondern… die persönliche ’Chemie’ der — ich sage in der Eile einfach: ’Anführer’, meine das aber, selbstverständlich, nicht despektierlich.
Fortsetzung — in Breitwand und Farbe — demnächst in diesem Wortspieltheater

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