Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 01:43 Uhr
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Ganz von vorn betrachtet, begann die Sache damit, dass Uli Hoeness, seinerzeit noch Manager des FC Bayern, Jürgen Klinsmann als Trainer nach München holte. Ich will hier nicht erörtern, welche Missverständnisse dieser Personalentscheidung zugrunde lagen; man wird aber wohl annehmen können, dass sie mit dem „Sommermärchen“ zwei Jahre zuvor zu tun hatten. Und ich will mir auch nicht ausmalen, ob der barocke Hoeness, der am Abend vor dem Spieltag gern beim Rotwein mit dem Trainer zusammensitzt, sich erhofft hat, den asketischen Klinsmann, der meist nur Wasser trinkt, zum Alkohol bekehren zu können oder vielmehr, umgekehrt, eine Chance sah, seinerseits die Wonnen des Wassertrinkens kennen und schätzen zu lernen – obwohl das Thema Alkohol, in der Schrumpfform Bier, noch eine Rolle spielen wird in meiner Reportage aus der wirklichen Wirklichkeit. Ich möchte aber erwähnen, dass Trainer Klinsi mit seinen Bayern in der Bundesliga am 13.12.2008, zum Abschluss der sog. Hinrunde in Stuttgart zu Gast war, keine drei Wochen nachdem Markus Babbel den Meistertrainer Armin Veh abgelöst hatte, und dass dieses Spiel durch ein Tor von Sami Khedira in der letzten Minute, nachdem er schon in der ersten Halbzeit, ebenfalls in letzter Minute, das 1:0 erzielt hatte, unentschieden 2:2 ausging, was nebenbei bemerkt dem Bundesliga-Neuling Hoffenheim die sog. Herbstmeisterschaft bescherte. Und ich möchte hinzufügen, dass ich damals den Torschrei nach dem späten Ausgleichstor bei mir zu Hause gehört habe. Dass ich den Torjubel aus der Mercedes-Benz-Arena höre, kommt nicht oft vor; wahrscheinlich explodiert das Stadion nicht bei jedem Tor mit gleicher Leidenschaft und Stimmkraft; und der Wind weht auch nicht alle Tage aus derselben Richtung.
Sechs Wochen später, am 27.1.2009, zum ersten Spiel nach der Winterpause, war der FC Bayern mit Trainer Klinsmann wieder in der Stadt. Und plötzlich, ohne mein Zutun, war ich dabei. Mittendrin. Im Stadion. Nicht mehr nur Ohren-, sondern Augenzeuge.
Aber der Reihe nach, wie ordnungsliebende Erzähler immer so schön sagen (hahaha, wir bitten um Vergebung [„wir“: haben Sie’s gemerkt? die Kollegen mischen wieder mit]).
Wenn ein Fernseh-Fußballfan wie ich, der als Jugendlicher mal im Stadion war, und danach nie wieder, davon träumt, einmal wieder ein Spiel „live zu erleben“ (die Anführungszeichen sind eine Art Vorausdeutung, meine lieben Leserinnen und Leser, d.h. Sie können sie jetzt, vermutlich, noch nicht verstehen, später aber klärt sich alles auf), was ab und zu vorkommt, dann stellt man sich vor: Mai oder August/September, etwa 23 Grad, Sonnenschein and not a care in the world (für die Hüter des Deutschen: das heißt soviel wie „Sorgenfreiheit“, was aber hier wegen des Versmaßes nicht passte, wie Sie sicher gleich selbst erkannt haben). Aber jetzt, als Paul anrief, dem die Karte, die Sie in der Abbildung sehen, zugedacht
war, hatten wir nicht die Jahreszeit, in der man sich gern längere Zeit im Freien aufhält, sondern Ende Januar, es war arschkalt dort draußen, wo Fußball gespielt wird. Begeisterung löste die Vorstellung, abends zwischen halb neun und halb elf knapp zwei Stunden unter freiem Himmel stillzusitzen, nicht aus, kann ich Ihnen sagen. Und praktische Tipps von Paul, dessen veränderte Lebensumstände (ach ja, Sie wissen ja noch gar nichts… aber jetzt nicht) es ihm unmöglich machten, die Verabredung einzuhalten, durfte ich auch nicht erwarten: er ist zwar den ganzen Tag in der freien urbanen Wildbahn, bei jedem Wetter, aber er ist eben auch immer unterwegs, in Bewegung. Und erschwerend kam hinzu, dass die Partie auch noch live im ZDF übertragen wurde.
Besorgt (uhh, wenn ich das schon höre…, von irgendjemandem, der über ein Kartenkontingent verfügte, fragen Sie mich nicht) hatte die Karte (und eine weitere für sich selbst) ein Kollege aus dem Amt, unser „Italiener“ Massimiliano (Name und Nationalität sind von der Redaktion geändert, bitte halten Sie Ihre Vorurteile im Zaum), genannt Max, der eigentlich ein waschechter Schwabe und als solcher fast immer heiter und bei den meisten Kollegen ziemlich beliebt ist. Im weiträumigen Gebäude seiner gut durchlüfteten Persönlichkeit unterhält er jedoch auch, wie eine Art Hobby, zur eigenen Unterhaltung (oder um nicht den Verstand zu verlieren), — sagen wir: eine mit Boshaftigkeiten für alle Gelegenheiten gut gefüllte Schlangengrube, was dafür sorgte, dass so ziemlich jeder einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihm einhielt. In welcher Beziehung Paul zu ihm steht? Weiß ich nicht so richtig, und spekulieren möchte ich nicht. Ich selbst hatte bis dato, d.h. bis zum Vortag des Spiels, unseres Spiels, nur dienstlich mit ihm zu tun gehabt (er Chiffrierung, ich Dechiffrierung, der Stadt als Text, soll das heißen; tja, meine lieben, verehrten Steuerbürger, Sie machen sich keine Vorstellung, was mit Ihren großzügigen Abgaben alles unternommen wird, um Ihnen auf unauffälligste Art das Leben so angenehm wie irgend möglich zu machen). Und ich war gut mit ihm ausgekommen, vielleicht weil ich — das bilde ich mir jedenfalls ein — begriffen habe, dass auch seine scheinbar gemeinsten Bemerkungen nur eine Art Sport für ihn sind, nicht bös gemeint im Grunde, und schon gar nicht auf Verletzung aus. Was in unserem Verhältnis so gut wie gar keine Rolle spielte und spielt, war und ist die Tatsache, dass er beinahe doppelt so alt ist wie ich. Könnte es sein, dass brillante Giftigkeit irgendwie jung erhält?
Sollte ich also das Angebot, ins Stadion zu gehen, annehmen? Dagegen sprach: 1. Ich friere mir den Arsch ab. 2. Ich friere mir den Arsch an. 3. Zu Hause hätte ich es schön warm. Dafür: 1. Ich täte Paul einen Gefallen. 2. Ein Abend mit Max - wäre mal was Anderes. 3. Die Erinnerung an den Torjubel im Dezember war wie ein Versprechen.
Ich nahm die Karte und verabredete mich mit Max.
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Klinsmann führt den FC Bayern durch Siege über Rot-Weiß Erfurt (4:3 in Erfurt) und den 1. FC Nürnberg (zu Hause, 2:0) ins Achtelfinale des DFB-Pokals, das der unter Trainer Armin Veh in der Liga schwächelnde VfB durch ein 5:0 beim FC Hansa Lüneburg und einen 2:0-Heimsieg gegen Arminia Bielefeld erreicht. Jetzt treffen die beiden Mannschaften in Stuttgart aufeinander. Auch die Bayern sind unter ihrem neuen Trainer schlecht in die Bundesliga-Saison gestartet und haben lange nicht so souverän und erfolgreich gespielt, wie man das von dem mit Spielern wie Ribéry, Toni, Zé Roberto, Schweinsteiger, Lahm bestückten Team allgemein erwartet hat. Am Schluss der ersten Halbserie haben sie jedoch durch eine Siegesserie zum Konkurrenten Hoffenheim aufgeschlossen, und nur die bessere Tordifferenz sichert dem Aufsteiger die Herbstmeisterschaft. Der VfB hat nach enttäuschenden Leistungen am 23.11.2008 Armin Veh entlassen. Mit dem neuen Trainer Markus Babbel gewinnt der VfB die ersten beiden Spiele und erreicht gegen die Bayern das 2:2, von dem schon die Rede war. Das ist die Konstellation vor dem Pokalspiel nach mehr als sechs Wochen Spielpause. Meine persönliche (höchst tendenziöse) Gefühlslage vor dem Spiel (von „Einschätzung“ will ich nicht reden): Die Bayern haben zwar in der Bundesliga zum Schluss des Jahres aufgedreht, aber irgendwie passen Klinsi und die Münchner nicht zusammen (was sich bewahrheiten wird: exakt drei Monate später am 27.4.2009 werfen die Bayern Klinsmann raus und tun fortan so, als wären sie auf einen Scharlatan hereingefallen), während der VfB mit Babbel mächtig im Aufwind ist (was sich ebenfalls bewahrheiten sollte; denn der VFB spielt die beste Rückserie der Vereinsgeschichte). Soll heißen: Ich glaube, dass der VfB die Bayern schlagen kann. Völlig richtig gedacht, wenn man das denken nennen will, aber das Ergebnis… Reden wir, erstmal, nicht drüber.
Fortsetzung folgt
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