Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 20:49 Uhr
Kastanien lösen sich aus ihren aufgeplatzten Stachelhüllen und rauschen durch das halb noch irgendwie grüne, halb alle möglichen Töne von Braun durchspielende und mehr oder weniger zusammengerollte Laub mit einer Art Prasseln zu Boden – oder mit einem Knall auf ein Autodach (und man stellt sich flüchtig vor, welch quasi langstielige Musik John Cage aus diesem nach Fallhöhe variierenden Geräusch hätte zusammenbasteln können, ein Stück aus dünnen Soundstangen sozusagen, akustischen Riesenmikados [ah, das verfluchte Metapherngezücht!], akzentuiert das Ganze mit einem kurzen Pong hier und einem scharfen Pang da… ja, ja, meine lieben Mit-Stuttgarter, wo wir gehen und stehen oder aus dem Fenster sehen: überall die exquisitesten Wunder [und als Schritt vom Weg für die Cage-Freunde hier ein kleines Video mit einem Ausschnitt aus dem Auftritt von Eric Gauthier und Marianne Illig in „10 in 20“, einer Tanzperformance von Gauthier nach Musik von Cage, aufgeführt, nach einem Platzregen, auf einer kleinen Bühne und im nassen Gras auf dem Spielplatz an der Zürcherstraße im Rahmen des Cannstatter Kultur Menüs 2009 am 18. Juli vor ca. 300 hingerissenen Zuschauern {siehe auch das Programm}]). Das Kastanienthema also (bitte, lesen Sie am besten schnell noch mal alle Folgen unserer Dokumentarserie, damit Sie den synkopischen Rhythmus in unseren Motivketten nicht nur erkennen, sondern auch spüren können). Der Sommer war sehr groß, wie immer, doch jetzt kommt der ebenso große Herbst in die durchatmende Stadt, die sich vor lauter Zukunftshunger am liebsten jeden Abend selbst verschlingen und am nächsten Morgen verwandelt wieder ausspeien würde. In Stuttgart herrscht, wenn sich die Sonne dem Wendekreis nähert und es immer rascher immer früher dunkel wird, keine Abschiedsstimmung, keine Wehmut, kein Bedauern (obwohl ich neulich in der Dämmerung, in der U3, kurz vor Plieningen, bei herrlichem Blick über die Reisfelder, in denen sich die Flugzeuge mit ihren beleuchteten Heckflossen im Anflug auf den Flughafen spiegelten, einen kleinen Jungen seine Mutter fragen hörte: „Mama, warum erlaubt Gott, dass es nachts dunkeln wird?“). Aufbruch, überall Aufbruch, als ob – im Widerspruch zu Hegel (Sie kennen sicher die Fahne mit dem Zitat am Museum Hegelhaus) – alles was ist, unvernünftig oder jedenfalls nicht vernünftig genug wäre. Ein dynamischer, ja, auf sympathische Art wilder Menschschlag, die Stuttgarter. In allen Stadtteilen kann man gerade beobachten, wie sie ihre lieben Kleinen zur Einschulung begleiten, gewissermaßen in die Welt und in die Welt der Selbstdisziplin und der Bildung hinein. Die Kinder macht das so rasend vor Glück, dass sie praktisch unablässig kreischen, jedenfalls wenn sie in den Pausen den Schulhof stürmen (auch das wäre sehr brauchbares Ausgangsmaterial für einen Komponisten wie Cage gewesen, dieser kompakt-gläserne und irgendwie gotische aufstrebende Geräuschkegel aus hellen Stimmen, aus kindlichen Lustschreien – bitte erinnern Sie sich an dieser Stelle, meine Damen und Herren, an das Ende von „Lolita“ und die späten Gewissensbisse, wenn man es so nennen kann, von Humbert Humbert, der in dem Schulhoftumult, der aus dem Tal zu ihm heraufdringt, die eine Stimme vermisst – eben jene der von ihm missbrauchten und um ihre Kindheit beraubten Lolita)(’tschuldigung, kleiner Abstecher vom Marktplatz der Nichtigkeiten in die Weltliteratur). Die liebenden Eltern schicken die hoffnungsvollen Mädchen und Jungen (wobei nach allem, was man liest, die Mädel ja wohl etwas hoffnungsvoller sind und insgesamt seltener auf die Idee kommen, einen Teil ihrer Schulkameraden und –innen auszulöschen) aber natürlich nicht in erster Linie zur Schule, damit sie ihre Stimmen kräftigen, sondern damit sie lesen lernen und sich durch Ausübung dieser wunderbaren Fertigkeit, etwa in der Form des Verschlingens von Romanen, gegen eventuelle Zumutungen, die das Leben bereithalten könnte - wie z.B.: gibt plötzlich kein Öl mehr, uäähh…!! - niveauvoll wappnen können. Gut, aber damit ist ja nicht wirklich zu rechnen, solange Paul, um nun endlich auch auf ihn zu sprechen zu kommen, hier seiner Arbeit weiter mit der gewohnten Hingabe und Gewissenhaftigkeit nachgeht. Ich wollte eigentlich, als weiteres Beispiel dafür, dass in Stuttgart auch im Herbst niemand, und schon gar nicht irgendwie nostalgisch, zurückblickt, unsere Winzer anführen, die die Flasche, die auf dem Weinfest getrunken wurde (übrigens zur Begleitmusik eines geradezu fantastischen metallischen Summens, das über der Menge in den Zelten und auch der umherwandelnden Festbesucher lag, ein berauschend dichtes Stimmengewirr – ja, schon gut, ich verkneife es mir, Ihnen noch mal mit Cage zu kommen) schon längst nicht mehr interessiert, sondern alles Trachten auf das richtet, was in diesen Wochen in die Bottiche kommen und irgendwann in Flaschen gefüllt werden soll. Aber lassen wir’s dabei und reden von Paul. Der ist, natürlich, muss man ja wohl sagen, dem stürmischen Herbst, der alles verändert, stürmisch weit vorausgeeilt. Es gibt Neuigkeiten.
#1 Wegschaffel . 22.09.09 . 20:40 Uhr
Ahh, Geräusche von Paul. Muss mich erst wieder reinhören, aber das wird …