Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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24 11.08

Paul geht baden. Teil 24/1: Für Geld nicht zu haben. Fuß(ball)noten

Von Paul geht baden
Vermischtes . 01:40 Uhr

Wie heißt es so schön im Liede, das die Alten sungen bzw. (meistens) lautstark brüllten(1)? „The best things in life are free, but you can keep ’em for the birds and bees(2). Now give me money (that’s what I want).” In Prosa heißt das, wenn man den Subtext mit übersetzt, so viel wie: „Das Beste im Leben kann man nicht kaufen? Das ich nicht lache. Jede Art von nicht-monetärer Remuneration kannst du dir dahin stecken, wo die Sonne nie scheint, Verehrteste(r). Rück Kohle raus, das ist das einzige, was mich interessiert!“ Ganz schön hartgesotten, wenn Sie mich fragen (und irgendwie auftrumpfend… anti-romantisch? —: ist das das Wort?). Ein Schwabe, soviel ist sicher, hat das nicht geschrieben(3), das merkt man sofort. Allerdings kommt es auch vor, dass die Rollen auf irritierende Weise vertauscht sind, wie Sie bitte folgendem Beispiel entnehmen wollen. Die Älteren unter Ihnen, meine lieben Leser, erinnern sich sicher noch an Giovane Elber, der vor ca. vierzig Jahren mit zwei anderen unvergessenen Kollegen (Johannes „Buffy“ Ettmayer und Karl Allgöwer) beim VfB das sog. ‚Magische Dreieck’ bildete. Elber, ein lustiger Schwede, der vor dem Spiel in der Kabine gern heimlich eine Dose Surströmming öffnete(4), spielte drei Jahre in Stuttgart und wechselte dann zu Bayern München. Eine VfB-Legende der Mann, aber natürlich trotzdem nur eine Art Lebensabschnittsschwabe. In den letzten Jahren seines Engagements bei den Bayern, als er nicht mehr ganz so viele Tore schoss, bemerkte Elber einmal, und dabei mischte sich ein bitterer Unterton in sein putziges Radebrechen, er fühle sich in München (gemeint war: von Seiten der Vereinsführung), nicht [ergänze: mehr] richtig geschätzt. Und was antwortete ihm, via Zeitungsinterview, der Manager Uli Hoeneß, ein waschechter Schwabe aus Ulm? Bayern München drücke seine Wertschätzung dadurch aus, dass man Elber monatlich sein Gehalt überweise! Ein Migrant aus dem kalten Norden Europas beklagt das Fehlen von menschlicher Wärme und ein Schwabe hat nichts Besseres zu tun, als von Geld zu sprechen. Verkehrte Welt, kann man da nur sagen.(5)
Geht in die Verlängerung

(1) Okay, doppelt gemoppelt, aber der Satzrhythmus — da kennen meine Vorgesetzen kein Pardon — braucht vor ‘brüllten’ noch zwei Silben. Ehe ich mir einen Rüffel wegen „unmusikalischer Berichterstattung“ (eine aktenkundige Formulierung) einhandele, nehme ich die Tautologie in Kauf.
(2) Variante: […] but you can give ’em to the birds and bees
(3) Sondern Berry Gordy und Janie Bradford. Ich weiß nicht, was Gordy/Bradford Ende der 50er Jahre gelesen haben (das Standardwerk zum Lesenverhalten des Tamla-Motown-Gründers in seinen prägenden Jahren fehlt noch), aber möglicherweise ist der Song von einem Brief Friedrich Hebbels an seinen Verleger inspiriert, in dem es heißt (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Ich bin von Vielem zurückgekommen, mich interessiert nur noch eines: Geld, Geld, Geld.“ Auf jeden Fall ist die Übereinstimmung verblüffend. (Und Schwabe war Hebbel natürlich auch nicht.)
(4) Worauf die Mannschaftskameraden, mit Ausnahme des famosen Karl-Heinz Handschuh, den sein durch eine Laune der Natur nur rudimentär ausgebildeter Geruchssinn schützte, reihenweise in Ohnmacht fielen. Wenn das anschließende Spiel dann einmal verloren ging, schoben das die Verantwortlichen, wenn OB Rommel sie zum Rapport bestellte, gern auf den harmlosen Schabernack von Elber. Auf seine bekannt menschliche Art sorgte der OB dann dafür, dass die Zollfahndung jede einzelne Lieferung der schwedischen Fischspezialität abfing und Elber, der für seine Pfiffigkeit bekannt war, bei der Rückkehr aus dem Heimaturlaub jeweils gründlich gefilzt wurde, was dem quirligen Mittelstürmer nach einiger Zeit so lästig wurde, dass er seinen geliebten VfB verließ. Auf Weisung von oben wurden die eingesammelten Bestände des Teufelszeugs nach Elbers Abgang vom Zoll freigegeben — im Rathaus wollte man sich nicht nachsagen lassen, dass man den freien Warenaustausch länger als in höherem Interesse unbedingt notwendig unterbrochen habe — und gelangten, wenn ich mich richtig erinnere, in einen EDEKA-Laden irgendwo im Westen. Mir ist nicht bekannt, ob einzelne der Konserven in dem Geschäft, bevor man sie verkauft oder aus dem Sortiment genommen hat, beschädigt wurden, aber als ich im letzten Jahr einen Bericht über den schwindelerregenden Gestank in der Fischabteilung eines Supermarkts las (ich habe vergessen, wo), fiel mir gleich die alte Geschichte wieder ein.
(5) Eigentlich eine ganz untypische Äußerung für den sympathischen Hoeneß, dessen Bruder Karl-Heinz unter dem Namen Rummenigge — dem Mädchennamen der Mutter — fast neunzig Spiele für den VfB bestritt (immer mit einem blutgetränkten Turban, der ihm in seinem ersten Spiel, als er nach einer Kopfverletzung mit zwei Kopfballtoren das Spiel noch herumriss, Glück gebracht hatte). Möglicherweise hat Uli Hoeneß nur einen Scherz gemacht, den der Journalist, der das Interview führte, nicht verstanden hat; denn natürlich würde Hoeneß im Ernst nicht bestreiten, dass das Schönste und Beste, was das Leben zu bieten hat, für Geld nicht zu haben ist.

Nachtrag 16.12.2008
Eine der raffiniertesten Methoden, gezielt auf das, was man später ‘das Unterbewusstsein’ nannte, einzuwirken, wurde 1802 zufällig von dem visionären Stuttgarter Schulmann und Pupillenrat Julius Nagel entdeckt. Eines Tages hatten sich Nagels Schüler beim Diktat nach wenigen Sätzen plötzlich ungewöhnlich ruhig und diszipliniert verhalten, was den Pädagogen zu Nachforschungen veranlasste, die schließlich ergaben, dass der Text, den er seinen Schülern diktiert hatte, zufällig so beschaffen war, dass die Anfangsbuchstaben der Wörter Nummer 12, 21, 43, 57, 76, 89 und 116, der sog. Nagel’schen magischen Wörter, zusammen die Aufforderung ergaben hatten: ‚Sei brav’. Nagel, der, auch als ‘der Franzos’ hier das Sagen hatte, trotz mancher Anfeindung stets ein Anhänger der Aufklärung blieb, hatte seiner verblüffenden Entdeckung selbst zunächst skeptisch gegenübergestanden, bewies deren Gültigkeit aber in einer Folge von zum Teil geradezu aberwitzigen Diktaten. Euphorisiert von der Macht, die er über seine Schüler hatte (und zugleich gequält davon, dass er keinen Sinn in der Zahlenreihe erkennen konnte), konstruierte er unvorsichtigerweise eine Wörterfolge, in der die entscheidenden Buchstaben lauteten: g r E i F A n. Das ließen sich die Schüler, die Wachs in seinen Händen waren, nicht zweimal sagen, und einer von ihnen zog seinem Lehrer mit dem Vorläufer einer Fahrradkette so nachdrücklich den Scheitel, dass Nagel drei Tage später den Geist aufgab. [Hören Sie bitte ein modernes Tongemälde, das das entfesselte Wüten des Schülermobs einfühlsam nachzeichnet.] Glücklicherweise nahm er seine Entdeckung nicht mit ins Grab. Seine Witwe gründete gleich nach der Befreiung die erste PR-Agentur (für das gesamte Gebiet, in dem Deutsch gesprochen wurde) und war maßgeblich am Siegeszug einer langen Reihe von Ideen, Produkten und Personen beteiligt, die es ohne die kundige Unterstützung möglicherweise nicht geschafft hätten — ich nenne, aus dem Bereich der Kochkunst, nur den ganz und gar unwahrscheinlichen Erfolg der Kombination von Nudelwaren (Spätzle) und Kartoffelsalat (was auf die Gegebenheiten der italienischen Küche übertragen ungefähr einer Zusammenstellung von, sagen wir, Spaghetti mit Risotto entspricht [Näheres dazu im Film ‚Big Night’, USA 1996. Regie Campbell Scott und Stanley Tucci. Mit Tony Shalhoub, Stanley Tucci, Isabella Rossellini.]). Wie zuverlässig die Methode wirkt, deren Geheimnis noch immer unergründet ist — davon konnten (und können) Sie, meine verehrten Leser, sich hier selbst überzeugen: Ohne Absicht bilden in meinem Beitrag die fraglichen ‘hot letters’, wie sie in der Sprache des Marketings genannt werden, die Buchstabenfolge ‘bahlsen’, mit dem Resultat, dass in den zahlreichen Zuschriften, die mich erreichten, (zunächst unverständlicherweise) immer wieder von Keksen die Rede war. Ich kann nur sagen: Ich gelobe, in Zukunft noch sorgfältiger zu formulieren und nicht nur jedes Wort, sondern jeden Buchstaben auf die Goldwaage zu legen, damit Ihre Gehirne sich nicht im Synchronmodus bewegen, wenn Sie meine Berichte lesen, sondern Sie sich frei und nach Lust und Laune darin umtun können wie in einem weitläufigen — wollen wir sagen: Garten? Aber lassen wir all das jetzt hinter uns, meine lenkbaren Damen und meine Herren Leser, wie einen würzigen Wind, dem der Unglückliche, den das Leben gerade in diesem Moment an diese Stelle gestellt hat, geistesgegenwärtig mit einem blitzschnell angerissenen Streichholz zu begegnen weiß… ja, genau: Puff!!!

7 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 24/1: Für Geld nicht zu haben. Fuß(ball)noten

#1 Wegschaffel . 24.11.08 . 23:15 Uhr

Danke für diesen geschriebenen Vorweihnachtskeks. Zusammengerührt aus allem, was die Hirnküche grad so hergibt.
Paul backt Kekse. Auch nicht schlecht.

#2 Herr S . 25.11.08 . 20:36 Uhr

Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund, Herr W.

#3 paul-geht-baden . 28.11.08 . 16:32 Uhr


#4 Wegschaffel . 29.11.08 . 09:34 Uhr

Ned schlecht, das Filmchen der Firma Heino-Productions (hätte ich dem Volksalbino gar nicht zugetraut). Falls danach doch noch ein paar Körnchen Novemberblues in den engergeschnallten Hosen hausen, empfehle ich diesen Schüttelreim von Booker T und seinen Knetmädchen. Der feierte übrigens vor wenigen Tagen seinen 65igsten und freut sich immer wenn er an Stuttgart denkt über die Tantiemen für den 91er Mikrofonprofessor der Fanta 4.

#5 paul-geht-baden . 29.11.08 . 17:46 Uhr

Dabei schlafen einem ja die Füße ein! Wenn Sie ein Freund von Bass-Intros sind, versuchen Sie mal diesen Energieriegel. Am besten, quasi intravenös, wenn Sie mir das schiefe Bild erlauben, über Kopfhörer.

#6 Wegschaffel . 30.11.08 . 10:05 Uhr

Muss mich heute ausruhen. Stöbern im Känozoikum meiner bevorzugten bass lines ist mir zu anstrengend. Wenn Sie aber selber mal gucken wollen: JJ Burnel wäre meine Antwort auf Ihren “Energieriegel”, den ich übrigens eher in die Kategorie Würfelzucker einsortiere. Wie auch Mr. Curtis, der sich, hrrm, ja auch zügig aufgelöst hat.

#7 paul-geht-baden . 30.11.08 . 15:25 Uhr

Wie auch Mr. Curtis, der sich, hrrm, ja auch zügig aufgelöst hat.

Hoffentlich sind Sie, wenn Sie sich ausgeruht haben, wieder ein wenig, hrrm, geschmackssicherer.