Von Paul geht baden
Vermischtes . 21:51 Uhr
Was wäre stuttgarterischer — wie man sagen könnte, wenn es das Adjektiv stuttgarterisch gäbe (was [glücklicherweise] nicht der Fall ist, woraus folgt, dass wir im Schwung des fröhlichen Beginnens gleich — wie nennen das unsere Motorsportfreunde noch? —: im Kiesbett gelandet sind, sprachlich gesehen [“Toto, I feel we’re not in Kansas anymore”], außerhalb der Norm also; und die dient ja, wie andere Normen auch, meine lieben Anarchos, der Kommunikation oder, genauer, der Erleichterung und Sicherheit der Kommunikation usw. usf. [die Arbeitsgruppe zum Themenkreis trifft sich im Sommer jeden zweiten Dienstag um 17.15 Uhr Normalzeit am Galatheabrunnen auf dem Eugensplatz; Hinweis für Interessenten: die Diskussionen finden im Stehen bzw. Auf-und-ab-Gehen statt, ein bisschen Stehvermögen müssen Sie schon mitbringen]; bedeutet das jetzt aber, dass Sie keine Ahnung haben, wovon ich eigentlich rede?; natürlich nicht (will ich jedenfalls hoffen)!; und warum?; weil Sie, während Sie sich durch die krause Folge von Wörtern wühlen, im goldenen Hintergrund ingeniös fein gesponnene Analogien bilden, und sich auf diese Weise das Textrauschen wie von Zauberhand in eine Folge atemberaubender Gedankenflüge und einen von vor lauter tiefsinniger Bedeutung wie von innen leuchtenden Bilderreigen verwandelt, der…; also wenn das nicht interaktiv ist, dann weiß ich nicht mehr) — was also wäre, bei aller Leichtlebig- und –sinnigkeit und bei der sprichwörtlich gewordenen Anpassungsfähigkeit des Menschenschlags allhier, was wäre typischer für den Stuttgarter und die bezaubernde Stuttgarterin, als, wenn’s sein muss, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen? Und an Wänden fehlt es ja nicht, wenn man im Talkessel lebt und strebt und die Erde umgräbt (Achtung! Vorausdeutung, wie der Fachmann sagt). Ergebnis: Tunnel, wo man geht und steht und fährt und irgendetwas unterquert. Die Tunnel für den Luftverkehr und für den Verkehr zu Wasser (Neckartunnel) sind noch in der Gedankenspielphase, ein neuer Tunnel für den Schienenverkehr mitten in der Stadt (unterhalb des Talbodens) ist, während ich dies schreibe, noch in der Größenwahnphase, aber Straßen- und normale Eisenbahntunnel, die unsere anmutigen Höhen, die gern Flurnamen wie Halde und Klinge tragen, in der Tiefe durchbohren, die gibt es schon in Menge. Ich weiß nicht, warum die Stadt mit diesem Pfund so gar nicht wuchert. „Tauchfahrten zu Lande — Die tartareische Landschaft der Stuttgarter Tunnel“ klingt doch nicht schlecht (und zöge sicher zahlungskräftige Speläologen, die gerne in die Röhre kucken, aus nah und fern in die Stadt). Aber vielleicht muss man, um die Tunnel der Talschaft — und ich spreche jetzt von Straßentunneln (die Eisenbahn- und Stadtbahntunnel haben wenig zu bieten) — richtig schätzen zu können, Fußgänger sein wie Paul, dem nur dann und wann das Vergnügen zuteil wird, immer an der Seite einer attraktiven Fahrerin, tief ins Erdinnere einzudringen (nein, das ist keine Allusion!, bitte bleiben Sie doch seriös, meine Herren!) — und, ja, auf der anderen Seite wieder, schwhhhhh, herauszuschießen, weil im Schoß der Erde natürlich kein Bleiben ist. Das Innere eines Berges ist kein wirklich wirtlicher Ort (auch kein wirklich wirklicher), auch wenn der Hohlraum sauber ausgekleidet ist und man nicht ernstlich damit rechnen muss, dass einem der Berg auf den Kopf fällt. Aber zum Durchgleiten mit 50, 60 km/h, in der Innenraumblase des Automobils? Eine Schau. Und warum? Weil die Stuttgarter in ihren Tunneln so schön Licht gemacht haben. Paul kann sich z. B. gar nicht satt sehen an den in einem wunderbaren Grün leuchtenden Lichtstäben im Feuerbacher Tunnel, er freut sich über die Weißlichtbänkchen als Kantsteinmarkierungen (gibt’s in mehreren Tunneln), über die Doppelreihe gelber Lichter an der Decke des Kappelbergtunnels ebenso wie über die Einzellichtreihe im Engelbergtunnel, die, wie die Röhre selbst, leicht nach links und rechts ausschwingt und Paul jedesmal an das Rückgrat eines Dinosauriers denken lässt. Mir selbst gefallen auch die grünen Leuchtkörper gut, die, wiederum im Kappelbergtunnel, in regelmäßigen Abständen links und rechts der Fahrbahn die Notausgänge markieren. Vielleicht der schönste aller Stuttgarter Tunnel ist der noch relativ neue Pragsatteltunnel, nicht seiner Beleuchtung, sondern der Aus- und Einfahrtgestaltung wegen. Wem geht nicht das Herz auf, wenn er die durchscheinend grüne Scheibe über dem Tunneleingang und nebenan, über dem Tunnelausgang, eine entsprechende rote Scheibe sieht? Und die Pfeile links und rechts auf der Wand im Einfahrtsbereich, die den Weg weisen, wie Strömungspfeile auf Wetterkarten, die anzeigen woher der Wind weht: Sind die jetzt selbst orangefarben oder weiß auf orangefarbenem Grund? Auf jeden Fall: some kind of wonderful, wie es im altschwäbischen Liedgut heißt. (Detailverliebt wie die Künstler unsere Tiefbauingenieure.) Es kommt vor, wie mir zugetragen wurde, dass Paul, wenn eine motorisierte Paulette wie Tahmima (oder Bakhtay oder Karin oder Penna oder Amalie oder Rigoberta oder… ) sich an ihn schmiegt und mit einem gewissen Unterton fragt, ob sie ihm noch etwas Gutes tun könne — Paul sie dann mit der Antwort überrascht: „Fährst du mich noch mal durch den Planietunnel? Ich würd’ das blaue U heut’ gern noch einmal sehn…“ Ach, Männer und ihre Tunnelfantasien… Schön, wenn eine junge Frau wie Tahmima dann beiläufig bemerken kann: „Wenn du das Licht suchst, bist du allein, wenn du es gefunden hast, sind alle da.“ Paul weiß zwar nicht, dass das ein Zitat ist, und schon gar nicht von wem (interessiert ihn auch nicht; er hält’s für Verse aus einem Gedicht, da muss man nicht nachfragen), aber er fühlt sich irgendwie verstanden, angenommen. Und dann steigen sie in ihre Klamotten und ziehen hinaus in die Nacht (meist ist es Nacht, am Tag muss Paul ja arbeiten), den Orten zu, wo die Wirklichkeit so reduziert ist, dass man wie im Traum dahinfliegt…
#1 Der MfG . 04.09.08 . 22:36 Uhr
[sing] … zwischa Cannschtatt ond Stuargard doa stoht a Tunel; Wenn mr neifährt wirds dunkel, wenn mr nausfährt wirds hell …[/sing]
ich muss gestehen, dass ich vor allem die Tunnel der Stadtbahn neben der Weinsteige so klasse finde - da kommt man aus dem Dunkel heraus und hat einen sehr genialen Blick über den Talkessel
#2 john . 05.09.08 . 10:56 Uhr
Also irgendwie hab ich jetzt einen Knoten im Hirn nach dem Text. Eigentlich sollte ein Tunnel ja irgendwie auch Licht in eine Sache bringen. Ich glaub ich brauch einen Tunnel durch meinen Kopf.
#3 Paul-geht-baden . 05.09.08 . 16:57 Uhr
#2
Eigentlich sollte ein Tunnel ja irgendwie auch Licht in eine Sache bringen.
Servus John, servus Wien. In Österreich bohrt man Tunnel, um Licht in den Berg zu bringen? Ziemlich originell und wie’s scheint beneidenswert frei von praktischen Erwägungen. Hier durchstechen wir die umgebenden Höhen banalerweise hauptsächlich, um bequemer und schneller auf die andere Seite zu kommen. Aber dabei muss es ja nicht bleiben. Erste Ansätze in der austriakische Richtung, bei der geistige Aspekte im Vordergund stehen, gibt es, wie geschildert, schon.
#1
da kommt man aus dem Dunkel heraus und hat einen sehr genialen Blick über den Talkessel
Ja, stimmt schon, dass der Wechsel von der Dunkelheit ins Licht, verbunden mit der Bewegung der Bahn und dem Aussichtspunktpanorama, wenn man nicht ganz abgestumpft ist, jedesmal ein Erlebnis ist. Aber wenn ich richtig verstehe, was ich da verzapft habe (der Text ist ja meistens intelligenter als sein Autor, wie man sagt, oder sollte es sein), dann geht es darin um die Tunnel selbst bzw. um ihre zum Teil geniale und variantenreiche Lichtausstattung. Bitte, achten Sie einmal darauf, wenn Sie das nächste Mal mit dem Roller durch einen Tunnel brausen (dabei aber nicht den Verkehr aus den Augen verlieren! damit Sie auch morgen noch dabei sind, wenn Paul wieder baden geht [apropos: Haben Sie eigentlich schon die ‘Paul geht baden’-Treuekarte? Sammeln Sie ‘Paul geht baden’-Punkte?]).