Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 22:43 Uhr
Was wäre Stuttgart ohne seine fantastischen Griechen und Griechinnen? Ärmer, sehr viel ärmer, in jeder Beziehung. Aber keine Panik, meine lieben Mit-Stuttgarter, sie sind ja da; und sie bleiben auch. Und falls es bei uns einmal, was Zeus und die ganze kunterbunte Götterschar verhindern mögen, zu ethnischen Säuberungen kommen sollte, wenn… was-weiß-ich die EU auseinanderfliegt z.B. (weil… egal, irgendeinen Grund gibt es ja immer, wenn ‘was Unglaubliches passiert) — ja, tut mir leid, aber die Dinge ändern sich; im Endstadium der Geschichte sind wir, soweit ich sehe, noch nicht ganz angekommen —, dann dürften die Irregulären, die, Straße nach Straße von Haus zu Haus ziehend die Bewohner selektieren, es nicht leicht haben, Griechen von Schwaben zu unterscheiden, so gut wie unsere Griechen nicht nur, aber auch dialektal assimiliert und integriert sind. (Da müssen sich eher zugewanderte Rheinländer, Niedersachsen oder Berliner darauf gefasst machen, von den absatzlos gestiefelten Henkern mit den Maultaschen-Tagesrationen am Patronengurt umstandslos erschossen zu werden, sobald sie den Mund aufmachen [bitte, Leute, ich weiß, dass ‘umstandslos’ schlechtes Deutsch ist; der Duden hat das Wort, das eine Art Kurzform für ‘ohne Umstände zu machen’ sein soll, völlig zu Recht nicht aufgenommen; und ich verabscheue solche Schrumpfformen aufrichtig — aberaberaber… in der Not und in der Eile frisst der Teufel bekanntlich auch frittierte Fliegenflügel mit Fliegendreckdip].) Gut, aber das sind jetzt irgendwie dunkel geränderte Gedanken, die gar nicht recht zu unserem sonnigen Thema passen wollen. Deshalb gleich ein strahlendes Gegenbild: Sehr gern, wirklich sehr gern erinnere ich mich daran, wie im Sommer vor vier Jahren nach dem Schlusspfiff im Finale der EURO (= Fußball-Europameisterschaft), als das Wunder wahr geworden war, irgendwo in der Nachbarschaft ein junger Mann auf den Balkon stürzte (im Sinne von: stürmte) und mit einer Stimme, die aus einer anderen Welt zu kommen schien, aber tatsächlich natürlich nur aus tiefstem Herzen und aus der Tiefe seiner griechischen Kehle kam, ein einziges Mal triumphierend „GRIECHENLAND!!!!!!!!!!!!“ halb brüllte, halb krächzte (um die Gewaltigkeit der Entladung, die die Kräfte des Einzelnen fast schon überstieg, augenfällig zu machen, müsste ich eigentlich statt nur Kapitalbuchstaben auch Fettung und einen textsprengenden Schriftgrad wählen), um sich dann sofort wieder ins Wohnzimmer vor das Fernsehgerät zurückzuziehen, das an diesem unvergesslichen Abend, mittels der unmittelbar ins Blut gehenden optischen und akustischen Rauschmittel, die es ausstrahlte, zu einem Apparat der schönen Überwältigung geworden war. Ich weiß nicht genau, d.h. ich weiß überhaupt nicht, wie groß der Anteil der großartigen und dabei so bescheidenen Griechen an der Stuttgarter Bevölkerung ist, und ich habe jetzt auch nicht die Muße, Recherchen anzustellen. 40 Prozent? (Bitte, schreiben Sie mir, wenn Sie’s wissen. Und da ich gerade bei Einladungen bin: Bitte, schreiben Sie auch, wenn Sie einen Griechen, gemeint ist: ein griechisches Restaurant kennen, in dem praktisch selber gekocht wird — denk bitte an deinen Blutdruck, Themi! —, d.h. wo nicht nur TK-Portionen aus schwedischen Greek-Food-Fabriken aufgetaut und angewärmt werden — die natürlich auch ganz große Klasse sind, zweifellos, und konkurrenzlos im Preis dazu; aber Freund Clemens plant eine Reportage über überholte Kochtechniken; mit der Bedienung von Mikrowellenherden ist er nicht zufrieden zu stellen.) Oder sind es nur 25 Prozent? Jedenfalls ist das ganze Leben in Stuttgart griechisch durchwirkt (wie mit einem Goldfaden! damit wir uns richtig verstehen), und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der erste Grieche oder eine Griechin OB wird (der jetzige Amtsinhaber hat ja auch schon gewisse Züge, die letztlich ins Griechische spielen, wenn man das so sagen kann, sein homerisches Lachen, die olympische Gelassenheit, ein threnodischer Unterton in seinen Reden… kann gut sein, dass die Herzen ihm gerade dieser Züge wegen zufliegen). Umso bemerkenswerter ist es deshalb, dass unserer Peripatetiker Paul nicht eine einzige Hellas-Tochter unter seine Pauletten zählen — ah, ah, ‘konnte’ muss ich sagen; denn als er in der letzten Woche mit vom Bad noch nassen Haaren seine abgelaufenen Schuhe zum Besohlen zum Schuster brachte, wie er es aus leicht nachzuvollziehenden Gründen alle paar Wochen tun muss, da trat aus der gar nicht so tiefen Tiefe des nach Schusterleim und Leder riechenden Werkstatt- und Ladenraums nicht der alte Schuster L. an den kleinen Tresen gegenüber der — „klingeling“ — Eingangstür, der Paul viele Jahre lang gute Dienste geleistet hat, sondern eine schlanke junge Frau mit blitzenden Augen und einem Kopf voller Locken, die bis auf die Träger der traditionellen grünen Schusterschürze herabfielen. So lernte Paul Olympia kennen, die die Werkstatt mit Laden gerade erst übernommen hatte, weil der alte L. sich zur Ruhe gesetzt und zu seiner Tochter nach Rottenburg gezogen war. Olympia repariert nicht nur Schuhe, sondern macht auch selber welche, nach eigenen Entwürfen. Einfallsreich, tüchtig, unabhängig, mit beiden schönen Beinen mitten im Leben — wie die Frauen eben (meistens) so sind, wenn ich mich nicht täusche. Und mit einer Schwäche für — sagen wir (um andere Ausdrücke zu vermeiden): irgendwie romantische Männer, die es verstehen, eine Frau um den Finger zu wickeln, auch wenn sie vielleicht sonst nicht viel können. Vorausgesetzt, dass sie den Bewerber so einschätzen, dass er am nächsten Morgen verschwindet (und sie ihn nicht, als Preis für das bisschen Vergnügen, ewig an der Hacke haben, wie man unter Schusterinnen sagt).
#1 Mythen in Tüten . 15.08.08 . 11:25 Uhr
Der Ausländeranteil in der Stuttgarter Bevölkerung lag lt. Statistischem Landesamt im vergangenen Jahr bei 23,1%. Ihre Einschätzung - 40% aller Stuttgarter seien Griechen - lässt folgende Schlüsse zu.
1. Sie wohnen mit 9 weiteren Personen in einer 10er WG und 4 davon kommen aus Griechenland.
2. Sie sind Deutscher, wohnen aber in einem kroatischen Viertel in Stuttgart, das früher mal von Griechen besetzt war.
3. Ein 40%iger Metaxa zuviel und schon ist man in der Lage um 22.43 Uhr diesen Text ins Netz zu stellen ;-)
#2 Wegschaffel . 15.08.08 . 17:18 Uhr
Da ist was dran, mit der Assimilierung. Ich kenne mindestens drei Griechen, die es beim Bruddeln mit den meisten nichtgriechischen Stuttgartern locker aufnehmen. Auch sonst sind die Griechen ein recht umtriebiges Volk, zumindest, wenn man dieser Studie glauben schenkt. Ob Olympia hier in Stuttgart auch auf ihre Kosten kommt?