Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 18:01 Uhr
Soweit der — gekürzte — Bericht der Kollegin (gestrichen habe ich u.a. die Ergebnisse von Bodenproben, vom Kollegen H. für einzelne Häuser erstellte Listen vom in den Haushalten vorhandenen Bücherbestand [auffällig viel Dostojewski] usw.; wertvolle Daten zwar, die aber in unserem Zusammenhang meiner Meinung nach zu vernachlässigen sind). Während ich dies schreibe, das will ich hier denn eben doch — nein, nicht einflechten, sondern dazwischen schieben, zwispern in der Kastanie vor meinem Fenster einige Dutzend, würde ich schätzen (ist aber nicht leicht, bei dem flinken Hin und Her), der 2,4 Millionen türkischen Kohlmeisen, die die Stadt, wie Sie sicher schon gelesen haben, aus Trabzon am Schwarzen Meer (bei uns auch unter dem Namen Trapezunt bekannt) hat einfliegen lassen, um die Miniermotte zu bekämpfen, die unseren geliebten Kastanien das Mark aussaugen, wenn ich mich so ausdrücken darf. ‚Meine’ Kastanie, wie ich immer sage, deren Blattfinger früher ab Mitte August etwa von den Rändern her altkaiserlich anzurosten (und sich einzurollen) begannen, sind jetzt schon seit Wochen wie zur Tarnung chamoisfarben gefleckt und sehen eher aus wie australische Streifenbäume, in denen Streifenspechte Streifenlarven jagen, als die stolze schwäbische Kastanie, wie sie uns über Generationen ans Herz gewachsen ist. Tolle Aktion von der Fauna-und-Flora-Bürgermeisterin. Und wie fleißig und geschickt diese geflügelten kleinen Türken sind! Ich kann die übeltäterischen Motten nicht mal sehen, aber die putzigen Dinger aus der Ordnung der Sperlingsvögel fassen immer wieder mit ihren Schnäbeln zu und führen das offenbar winzige Insekt ihrem Verdauungssystem zu. Stundenlang könnte ich diesem stillen Schauspiel zusehen und mich an den ‚great tits’ erfreuen, wie die Kohlmeisen auf Englisch heißen (glauben Sie nicht? dann sehen Sie nach), aber die Pflicht ruft. (So drängt allezeit die Gegenwart mit Macht in den Text, wie der Dichter sagt. Okay, das hab’ ich jetzt erfunden; muss ja auch mal zeigen, dass ich unterm Stab des Merkur aufgewachsen bin.) Ach, wissen Sie… was soll ich hier den ganzen Vortrag nacherzählen? Ich kürze jetzt radikal ab: Zur Verblüffung der Zuhörer im Saal fußte der ganze Argumentationsgang des Redners auf einem ein halbes Jahrhundert alten Satz des Kunsthistorikers Meyer Shapiro: „Was Malerei und Skulptur in unserer Zeit so interessant macht“, hatte er 1957 geschrieben, „ist ihr hohes Maß an verweigerter Kommunikation.“ Hammersatz, oder? In der rhetorischen Kunstpause, die der erfahrene Redner einlegte, nachdem er ihn ausgesprochen hatte, konnte man förmlich hören, wie mindestens die Hälfte der Zuhörer (Männer überproportional vertreten) dachte: „Wenn’s so ist, verweigere ich meinerseits auch die Kommunikation und seh’ mir den Klump gar nicht erst an!“ Statt nun aber gegenzusteuern, hier kann man wirklich sagen: goß der Redner noch Öl ins Feuer und erzählte, kühn bis fast in die Gegenwart springend, von der Installation ‘Work No. 227 – The lights going on and off’, für die der Künstler Martin Creed 2001 den renommierten Turner-Preis erhalten hatte. Woraus bestand die Installation? Aus einem nackten Raum, in dem das Licht alle fünf Sekunden an- bzw. ausging. Das war alles. „Was sagen Sie?“ sprach der Redner das Publikum direkt an. „Ist das Kunst, so wie Sie sie verstehen?“ Verstocktes Schweigen des Publikums („nee, Freundchen, so leicht gehen wir dir nicht auf den Leim“), während der Blick des Redners durch die Reihen ging und dann auf den Wachsstummeln auf seinen Fingern zur Ruhe kam. Hatte ich nicht gesagt, dass ich mich kurz fassen wollte? Gut. Ergebnis: Die einzige Definition, die einigermaßen funktioniere, sei die: Kunst ist das, was jemand macht, der sich Künstler nennt. Unruhe im Saal. Und jetzt, nach bewährtem Muster, noch einen draufgesetzt: „Und so ist es auch in unserem Metier. Marketing ist das, was jemand macht, der mit Marketing sein Geld verdient. Und alles andere ist Käse, meine Damen und Herren.“ Toben im Saal (vor Begeisterung natürlich). (Den Teil, in dem es darum ging, dass die schönere Wahrheit, die das Marketing ans Licht bringt, mit journalistischen Mitteln nicht zu heben sei, habe ich auch weggelassen. Schade vielleicht, aber… na ja.) Alles nur Pro-domo-Rhetorik? Ich hab’ es mir lange durch den Kopf gehen lassen, aber ich glaube, der Mann hat Recht. Um zum Schluss nun wieder auf Paul zu kommen, von dem wir ausgegangen sind, so bin ich heute überzeugt, dass jede Laune eines eingefleischten Praktikers, wie Paul einer ist, auch wenn sie einem Außenstehenden noch so unverständlich erscheint, dem Auftrag am Ende eher gerecht wird als die brave Befolgung irgendwelcher Wünsche des Auftraggebers. Wir leben in modernen Zeiten, da muss man auch selber modern sein.
Nachtrag 10.8.2008.
Folgender außerdienstlicher E-Brief von der Kollegin Bieg-Otte, Interne Ermittlungen, erreichte mich auf dem Dienstweg (Intranet):
Soll das etwa heißen, dass Kunst oder zumindest moderne Kunst eine einzige Verarsche des zahlenden Publikums ist?
Nach dem Vorbild von Bill Clinton, falls Sie sich an den noch erinnern, hätte ich gern scherzhaft geantwortet: „Komm drauf an, was Sie mit ‘ist’ meinen.“ Finden Sie nicht lustig? Hatte auch meine Zweifel und hab’ mich zu einer, sagen wir: konformen Antwort entschlossen:
Im Prinzip ja, allerdings in Koexistenz mit den hehrsten Anliegen. Dass gerade Sie das erstaunt, wenn ich Ihre Frage richtig deute, erstaunt nun wiederum mich; denn die alchimistische Amalgamierung von echtem Engagement und dreistestem Bluff ist ja nicht nur in der allzeit verdächtigen Kunst herrschende Praxis. Nehmen wir unseren fantastischen Weltkonzern Daimler, der die „Grundwerte Begeisterung, Wertschätzung, Integrität und Disziplin“ propagiert (erinnert von ferne an Honeckers DDR, wenn Sie mich fragen, oder an Ceauşescus Rumänien) und trotzdem wunderbare Autos baut. Die Alfred Ritter GmbH z.B., um ein anderes Unternehmen aus der Region zu nennen (ansässig in Waldenbuch, Keimzelle in der Cannstatter Wilhelmstraße; dort gibt es noch einen Laden), die tadellose Schokolade herstellt (und außerdem das praktische Knick-Pack® erfunden hat), schreibt — Sie können das auf der Verpackung selbst nachlesen —, dass sie „jede Tafel mit Leidenschaft zubereitet“! Man stolpert schon fast nicht mehr d’rüber, so sehr sind hyperbolische Bekundungen, an die niemand glaubt und die niemand ernst nimmt, schon zur Gewohnheit geworden. Bitte, denken Sie daran, wenn Sie sich das nächste Mal von einem Künstler auf den Arm genommen fühlen, liebe Kollegin. Es ist ja nicht so, dass Sie nichts für ihr Geld bekommen, aber die Illusion, die Sie, wenn Sie wollen, auch ‘Beschiss’ nennen können, wenn Ihnen danach ist, ist in jedem Fall ein integraler Bestandteil von dem, was Sie sich einhandeln. Daran führt meines Erachtens kein Weg vorbei.
Antwort Bieg-Otte: Ich weiß nicht, was Sie an Begeisterung, Wertschätzung, Integrität und Disziplin oder Leidenschaft auszusetzen haben, Herr Kollege. Das sind auch Grundwerte meiner Arbeit. Und schon gar nicht verstehe ich, was das mit den zweifelhaften Hervorbringungen von Scharlatanen zu tun haben soll. Das geht mir wirklich zu weit. Sie hören noch von mir.
#1 Karl Steinfeld . 14.08.08 . 22:04 Uhr
Also dreimal habe ich diesen “Text” jetz gelesen und ein jedes Mal etwas anderes verstanden bzw. gemeint zu hören in meinem Lesehirn. Meiner Frau gings ganz anders, die hat nach wenigen Sätzen die Augen verdreht (das macht sie gern und daher häufig) und gesagt, dass man nicht über die Miniermotte schreiben sollte, sonst holt sie einen und dann hilft nur noch Dimilin.
#2 Paul-geht-baden . 14.08.08 . 23:02 Uhr
Boaaah, drei Mal! Nur 20/4 oder sogar den gesamten Teil 20? Und in welcher Zeit? Schade, dass Sie nicht aufgeschrieben haben, wie Sie den Senf (um Ihren Ausdruck “Text” zu variieren) denn jeweils verstanden haben. Das hätte mich denn doch interessiert. Nicht, dass ich kein Verständnis dafür hätte, dass Sie eine Mühe scheuen, für die Sie am Ende vielleicht noch mit einer patzigen Antwort (oder gar keiner Antwort) belohnt werden. Andererseits: Wenn man etwas aufschreibt, wird man sich über Dinge klar, und dann trägt die Mühe ihren Lohn gewissermaßen in sich selbst. Danke jedenfalls für Ihr Interesse. Und Gruß an Ihre Frau. Ich hab’ auch eine Schwäche für Frauen, die bei jeder Gelegenheit die Augen verdrehen.