Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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22 07.08

Paul geht baden. Teil 20/3/2: Die schönere Wahrheit. Die Geheimnisse von Rohr: Bargeld lacht nicht

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 17:54 Uhr

Hintergrundinformation: Die Einwohnerschaft Rohrs rekrutiert sich überwiegend aus dem mittleren Management (was sich aus Faktoren wie den Grundstückspreisen, der Autobahnanbindung, Nähe zum Flughafen usw., und natürlich auch aus zufälligen Entwicklungen, ergibt). Diese Leute sind durch die Unternehmenskultur der permanenten Revolution, die seit etwa zehn Jahren die Leute auf Trab hält (und nicht selten sogar zum gestreckten Galopp zwingt), dermaßen auf Attacke und Kampf getrimmt, dass sie sich in der monokulturellen Rohrer Verdichtung auch im Privatleben buchstäblich aufführen wie die sprichwörtliche Axt im Walde mit dem Dativ-‚e’. Mit einer Rohrer Adresse bekommt man z.B. von keinem sog. Telekommunikationsanbieter einen Vertrag, weder Festnetz noch Handy (ähnlich wie in Hallschlag, im Osten, wo aber ganz andere Gründe vorliegen), weil Rohrer grundsätzlich jede Rechnung anfechten und erst mal nicht zahlen. Also telefonieren hier alle gegen Vorkasse (oder ‘prepaid’). In Rohr, und nur in Rohr, gibt es sogar fürs Festnetz und für DSL Prepaid-Tarife, und EnBW und Konsorten (soll heißen: Konkurrenten) liefern Strom und Gas nur, wenn man in die an jeder Verbrauchsstelle installierten Automaten Jetons einwirft, die man sich vorher gegen Bargeld an bestimmten Ausgabestellen besorgen muss. (Klar, dass dann manchmal der Fernseher ausgeht, wenn in den K.o.-Runden der Champions League ein Spiel in die Verlängerung geht…) Weil niemand Kredit hat, ist Rohr eine richtige Bargeld-Enklave; man bekommt nichts, aber auch gar nichts, wenn man nicht die nackte Marie auf den Tisch legt. Was (die Gegenwart der Barmittel) wiederum Gangster und allerlei zwielichtige Gestalten anzieht (aber nicht, dass wir uns missverstehen: die Hare Krischnas sind damit nicht gemeint!), und im Gegenzug außergewöhnliche Schutz- und Abwehrmaßnahmen zeitigt. Eine topographische Rohrer Eigenheit ist deshalb der Geschützstand im Garten oder Vorgarten, Tag und Nacht besetzt mit Personal, das den Finger sehr schnell am Abzug hat. (Seit ein paar Jahren bietet ein findiger Veranstalter von Rundfahrten aus dem entspannten Gablenberg die sog. ‚Paranoia Tour’ an, die besonders bei Ausländern großen Anklang findet [das! kommentiere ich nicht].) Es gibt in Rohr keine Kneipen, keine Restaurants oder sonstige Vergnügungsstätten, keine öffentlichen Orte, an denen Menschen, die sich nicht kennen, ungezwungen zusammenkommen. Öffentlichkeit ist in Rohr purer Stress, weshalb sie praktisch nicht stattfindet (daher der Eindruck der Idylle). Die Leute huschen nur schnell aus dem Haus ins Auto, wie die Frau im hellen Bogner-Ensemble, die, als wir vorbeikommen, gerade ihre beiden Kinder in die R-Klasse scheucht, die vor dem Reihenhaus parkt („Kommt! Kommt! Beeilt euch!“), oder vom Auto ins Haus. Es ist, nach unserer Einschätzung, kein Wunder, dass sich unter diesen Umständen spezielle — nennen wir sie: Entspannungsbedürfnisse entwickelt haben. Wenn Stuttgart und die Stuttgarter für ihre heitere Diesseitigkeit bekannt sind (was die Wissenschaft neuerdings auch damit erklärt, dass das Hirnareal, in dem das religiöse Gefühl seinen Sitz und sein Zuhause hat, beim hiesigen Menschenschlag vergleichsweise klein ausfällt) und sich um höhere Mächte und deren Wirken einen feuchten Kehricht kümmern (weshalb Kirchen und sonstige Kultstätten so eklatant dünn gesät sind), so bildet Rohr die große Ausnahme von der allgemeinen Regel und ist eine Art Supermarkt des Glaubens und des Aberglaubens, in dem so gut wie jedes denkbare Glaubensprodukt im Angebot (und nicht selten im Sonderangebot zu haben) ist. Der Kollege H., der sich diskret Zugang zu einer Reihe von Häusern entlang der Explorationsroute verschaffen konnte (wenn man sieht, wie schnell die Leute ihre Türen hinter sich zuziehen, kann man nur Respekt davor haben), berichtet, dass es in jedem zweiten Haus gekachelte Kellerräume gibt, in denen offenbar — in einem Fall war er Zeuge, bis ihm schlecht wurde und er sich zurückziehen musste, weil seine Tarnung zu versagen drohte — Voodoo praktiziert wird. In dem beobachteten Fall wurde die nackte Hausfrau von einer Art Priesterin von oben bis unten mit dem Blut eines Huhns bespritzt, dem sie, die exotische Priesterin, eben den Kopf abgehackt hatte und das noch so wild mit den Flügeln schlug, dass es sich den Händen der Zeremonienmeisterin, die sich natürlich auch selbst besudelte, irgendwie entrang und der Dame des Hauses, der sowieso schon alle Haare zu Berge standen, kopflos mitten ins Gesicht sprang, so dass sie… Ich breche ab, ich breche ab. Mein Gott, was man in diesem Beruf alles ertragen muss…
Fortsetzung Beobachtungsergebnisse: Wir mussten die Beobachtung nach ca. 20 Minuten abbrechen, weil der Kollege E²³ Schmerzen im rechten Fuß bekam (ich erinnere an die Sportverletzung). Ohne H., der nicht aufzufinden war, beschlossen wir die notwendige Pause mit einem zweiten Frühstück zu verbinden und zu einem bekannten Imbiss nach Möhringen hinüber zu fahren. Da die Schmerzen bei E²³ nicht nachließen, meldete er sich krank und fuhr nach dem Essen nach Hause. Ich wollte die Beobachtung, so gut es gehen mochte, allein (oder mit H., falls er auftauchen sollte) zu Ende führen, hatte aber auf der Rückfahrt einen Autounfall mit Totalschaden und konnte die Beobachtung auch nicht fortsetzen.
Fazit: Wenn ich zu Pauls Aussage, er wolle nicht zur Gentrifizierung Rohrs beitragen, eine Einschätzung abgeben soll, würde ich sagen: Das Erscheinungsbild, das Rohr einem unbefangenen Besucher bietet, lässt alles vermissen, was man üblicherweise mit diesem Begriff verbindet. Es gibt in Rohr, so weit wir das feststellen konnten, so gut wie keine marode und sanierungsbedürftige bzw. –fähige Bausubstanz, und eine zahlungskräftige Wohnbevölkerung kann auch nicht zuziehen; sie wohnt schon dort (ist allerdings extrem zahlungsunwillig). Insofern bleibt Pauls Aussage rätselhaft. Ob allerdings ein Besuch Pauls die üblichen wohltätigen Wirkungen haben würde, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht hat Paul im Ganzen Recht.
Wird fortgesetzt

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3 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 20/3/2: Die schönere Wahrheit. Die Geheimnisse von Rohr: Bargeld lacht nicht

#1 der Flaneur . 24.07.08 . 09:37 Uhr

Toll!
Mehr davon!

#2 Paul-geht-baden . 24.07.08 . 13:00 Uhr

Gibt’s doch nicht!

#3 Mythen in Tüten . 25.07.08 . 13:11 Uhr

Selten in meiner Mittagspause so gelacht. Eine vortreffliche Geschichte, auch wenn mir Rohr völlig fremd ist. Ich husche da immer nur mit der Bahn durch. Aber vielleicht ist das auch besser so.

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