Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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22 07.08

Paul geht baden. Teil 20/3/1: Die schönere Wahrheit. Die Geheimnisse von Rohr: Idylle

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 17:51 Uhr

Ende Mai 2008, Exploration Rohr.
Explorationsteam: Wir sind zu zweit — oder zu dritt; das weiß man nie so genau: Der Kollege H. beherrscht eine bestimmte Ninjutsu-Technik, Inpō genannt (was ich nur weiß, weil ich mal eine Einladung zu einer Schulung in meinem Fach hatte, mit der unvergesslichen Kretin-Überschrift: Inpō-sition, Kollegen!), die es absolut unmöglich macht, zuverlässig angeben zu können, ob er gerade da ist oder nicht. Diese Technik oder Kunst besteht darin, die Aufmerksamkeit aller möglichen Lebewesen so wirksam von sich abzulenken, dass derjenige, der die Kunst praktiziert, ohne ‘Deckung’ im herkömmlichen Sinn praktisch unsichtbar wird: der Kerl steht direkt vor einem, aber man ist nicht in der Lage, ihn wahrzunehmen — eine Art Gegenstück also zu dem im Schwäbischen viel praktizierten Kunststück, Anwesenheit vorzutäuschen, sich z.B. in der Kehrwoche auf dem Hof blicken zu lassen, während man tatsächlich 15 Kilometer weiter eine Feuerwehr-Hocketse besucht oder auch nur in der eigenen Küche unabkömmlich ist, sagen wir: weil Ochsenbeinscheiben geschmort und nebenbei noch, als Überraschung für die Liebste, unwahrscheinlich zarte und luftige Grießflammeris (mit untergehobener steif geschlagener Sahne und abgeriebener Zitronenschale) und ein dazu passendes Obstkompott zubereitet werden müssen. Der speziell geschulte Kollege K2f7, der den asiatischen Tarnkappenhokuspokus ‘durchschaut’, wenn das hier der richtige Ausdruck ist, und den Kollegen H. deshalb jederzeit sehen kann (wenn er da ist, der Kollege H.; d.h. wenn K2f7 nicht da ist, kann er H. natürlich auch dann nicht sehen, wenn H. da ist), musste den Einsatz wegen einer Nasenoperation absagen (Entfernung von Polypen, Begradigung der Nasenscheidewand plus Fenestration — wenn schon dann richtig).
Die äußeren Verhältnisse: Dem Augenschein nach die reine Idylle. Traumwetter. Sensibel brüsselt der Wind im Laub der Pappeln [Gibt es eigentlich etwas noch Schöneres als das Grün von Pappeln (oder Robinien oder Platanen) vorm Himmelsblau? Anm. des Bearbeiters], Stockrosen nicken uns freundlich zu und von irgendwoher, wo Vögel im Rohr dommeln, schallt der charakteristische Ruf der Wasserralle. Im Hintergrund, wie eine karibische Fantasie, Mangobäume mit ausladenden Kronen und, vor der zartblauen Silhouette ferner Berge, auf leicht gewelltem Gelände, Zuckerrohrfelder (das Rohmaterial für den begehrten Rohrer Rum; erinnern Sie sich noch an den genialen Werbespot mit den Fanta4?). Auf einer Weide grast ein einzelnes cremefarbenes Buckelrind, dem ein leuchtend weißer, storchartiger (aber kleinerer) Vogel nicht von der Seite weicht. Und überall in der glücklichen Luft schwebt Pappelwolle, was den Kollegen E²³ dazu veranlasst, mir einen Vortrag über die Inszenierung des Luftraums in Josef-von-Sternberg-Filmen zu halten (wie ich das hasse! früher hatten die Kollegen Mittlere Reife und interessierten sich für Fußball, Forellenzucht oder frisierte Motoren, heute hat jeder Arsch irgendwelche Kulturwissenschaften studiert, ist Cinéast, Opernkenner — „Das hohe A muss von der Wand abprallen wie ein Ball!“ oder so ähnlich — oder [gestrichen, tut mir leid, aber alles kann ich auch nicht durchgehen lassen]).
Beobachtungsergebnisse: Wir sind — Startpunkt Richard-Rorty-Straße, Höhe Köpfleweg — noch keine fünf Minuten vorschriftsmäßig zielstrebig durch Rohr getigert (E²³, der nach einer Sportverletzung noch leicht gehbehindert ist, hatte vorgeschlagen, die Beobachtung vom Wagen aus vorzunehmen, aber da bin ich altmodisch; und ich setze mich auch nicht freiwillig in einen Fiat Fellatio [Chateaubriand spricht einmal von Namen, „die beweisen, daß der Mensch zwar immer mit den Gedanken an seine Bedürfnisse beschäftigt ist, aber auch überall gern die Erinnerung an seine Tröstungen wiederfinden will.“ Anm. des Bearbeiters])… wir waren also gerade erst gestartet, als eine, geschätzte, Hundertschaft von Hare-Krishna-Jüngern singend (und den Gesang mit einem umgehängten Harmonium, und einer Menge Karatalas begleitend) durch die nächste Querstraße zog.
Fortsetzung folgt

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1 Kommentar zu Paul geht baden. Teil 20/3/1: Die schönere Wahrheit. Die Geheimnisse von Rohr: Idylle

#1 Wegschaffel . 22.07.08 . 22:40 Uhr

Nach Rohr hab ich’s wissentlich noch nie geschafft, aber vom „Rohrer Rum“ hätte ich sicher gehört, wenn es ihn denn gäbe. Ein im übrigen deutlich unter Wert verkauftes Getränk. Mein erster war ein Bundy Rum. Die darauf folgenden XX auch (Inpō funktioniert damit übrigens auch - ganz ohne Nindings!). Den muss man hier nicht kennen und er hat mit Rohr außer dem Zucker~ auch nichts zu tun, drum trink ich jetzt mein Bürobier aus und geh nach Haus.

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