Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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03 06.08

Paul geht baden. Teil 20/2: Die schönere Wahrheit. Kerzen, die zu Herzen gehn

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 16:50 Uhr

Was bisher geschah: Der Referent, der eine wahnsinnig energische Entspanntheit ausstrahlt (und sich auch nicht aus dem Konzept bringen läßt, als mitten in seinem Vortrag eine Schar junger Mädchen, kreischend wie die Schwalben und fast ebenso schnell, bei einem Fangspiel in den Saal stiebt [sie machen, noch lauter kreischend, sofort auf dem Absatz kehrt, als sie merken, wohin sie geraten sind], sondern reagiert darauf, ohne den Satz, den er gerade angefangen hat, deshalb zu unterbrechen, quasi parallel zum gesprochenen Wort, mit einer Ganzkörpergeste — sagen wir: aus dem italienischen Formenkreis, die soviel besagt wie: „Magnifico, magnifico!“) — — — : Nach einer Warnung unseres automatischen Prüfsystems, das alle zehn Sekunden ausrechnet, ob die Satzkonstruktion (noch) trägt und für den Leser wirklich sicher ist, breche ich an dieser Stelle vorsorglich ab und beginne noch einmal von vorn: Der Referent schildert in einem historischen Abriss die Entwicklung des Stadtmarketings seit der Antike und leitet, als er in der Gegenwart gelandet ist, auf sein eigentliches Thema über: die „irrige Wahrnehmung“ bestimmter Marketingformen in der heutigen Zeit. Um seinen Zuhörern auf anschauliche Weise deutlich zu machen, wie sehr ihm diese Thematik auf den Nägeln brennt, klebt er sich, wiederum ohne seinen Vortrag zu unterbrechen, neun winzige Kerzen, die er eine nach der anderen vorher anzündet, auf die Fingernägel, wie es Mönche im Mittelalter in der dunklen Winterszeit taten, um zur Frühmesse im Gebetbuch lesen zu können (und nur neun sind es, weil dem Redner an der linken Hand die letzten beiden Glieder des kleinen Fingers fehlen). Als neun Flämmchen brennen und neun Kerzchen sicher auf den Nägeln stehen, legt er mit feierlich wirkenden langsamen Bewegungen beide Hände mit gespreiteten Fingern auf den Rändern des Rednerpults ab, wo sie gut sichtbar sind fürs Publikum, das jetzt hörbar den Atem anhält und gebannt den weiteren Ausführungen lauscht (und am Ende holen sie sich, als Souvenirs, die Stummel der heruntergebrannten Miniaturkerzen, die die verschiedenen Marketingformen repräsentieren). Der Redner berichtet zunächst über einen kuriosen Fall aus der Praxis: Wie nämlich ein Mitarbeiter, der praktisch Tag und Nacht für Stuttgart im Einsatz und dessen Engagement über jeden Zweifel erhaben ist — ja, richtig: unsere unermüdliche Charmeoffensivekraft Paul —, sich seit einem geschlagenen Jahr weigert, dem Verbundpartner Göppingen, wie von höherer Stelle gewünscht, einen Freundschaftsbesuch abzustatten und so einen (kleinen) Beitrag zur Verbesserung des Investitionsklimas zu leisten (ob das gedeihliche — im Sinne der Bürgerinnen und Bürger — Ergebnisse zeitigen würde, steht freilich auf einem anderen Blatt; denn man hat unter der Hand erfahren, dass eine Investorengruppe den Plan verfolgt, die gesamte Stadt in die Nähe von Constanta in Rumänien zu verlegen, wo Ovid einst seine ‘Metamorphosen’ schrieb, weil man darauf setzt, dass auch Göppingen sich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dort wunderbar verwandeln könnte). Aus Stuttgarter Sicht, sagt der Redner (und hebt dabei ganz leicht sieben Finger mit sieben brennenden Kerzen an und lässt sie dann wieder sinken), sei das zu vernachlässigen…

Pauls Eigensinn geht nun aber so weit, dass er sogar um bestimmte Viertel des Stuttgarter Stadtgebiets hartnäckig einen Bogen schlägt. Er war z.B. noch nie in Rohr (Südwestrand der Stadt, fast schon im Schwarzwald, gehört zu Vaihingen). Er möchte sich nicht nachsagen lassen, sagt Paul, zur Gentrifizierung des Viertels beizutragen (ja, meine lieben Etymologen, richtig: das ist eine Art Genmanipulation am lebenden Stadtteilkörper). Spontan haben wir das für — pardon, is’ ‘n Zitat — reine Kuhkacke gehalten. Aber um einem verdienten Mitarbeiter nicht die Wohltat des Zweifels an unseren eigenen Eingebungen vorzuenthalten (in Übereinstimmung mit unserer Selbstverpflichtung zur Nachhaltigkeit: damit wir uns auch morgen noch ungeniert über die spiegelnden Oberflächen unserer städtischen Seen und Teiche beugen können), haben wir ein Detachement aus qualifizierten Mitarbeitern zur Prüfung an Ort und Stelle entsandt. Damit Sie, verehrte Leser, sich selbst ein Bild von den Verhältnissen machen können, rücke ich an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse der Rohr-Prüfungskommission in den Text ein.
Wird fortgesetzt. In der nächsten Folge: Die Geheimnisse von Rohr

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4 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 20/2: Die schönere Wahrheit. Kerzen, die zu Herzen gehn

#1 Wegschaffel . 03.06.08 . 19:51 Uhr

Sorry Paul, hier eine kurze Eilbegrüssung für einen, der seine zehn Finger beisammen hat: Servus Jens!

#2 Der MfG . 04.06.08 . 00:52 Uhr

Ich war schonmal in Constanza in Rumänien, am Schwarzen Meer

#3 Paul-geht-baden . 04.06.08 . 15:30 Uhr

Im Auftrag der Investorengruppe? Als Locationscout womöglich? Und was sagen Sie? Würde Göppingen sich in der Gegend gut machen?

#4 PEPE Engelmann . 07.06.08 . 17:29 Uhr

Könnten Sie das Wort “Gentrifizierung” mal etwas näher
diversifizieren, Herr Autor ?

Ich vermag hier einen in gewisser Weise beunruhigenden Zungenschlag zu entdecken, eine gewisse Duftmarke ……

Für Ihr Bemühen danke ich im Voraus.

Thank you so much for all you have done to me.
I´ll report to my readers on famous US-blogs on this issue.

And I will invite them to see marvellous Stuttgart

Yours faitfully
Pepe Engelmann

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