Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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26 05.08

Paul geht baden. Teil 20/1: Die schönere Wahrheit. Prolog: Göppingen

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 18:09 Uhr

Diesem Text liegt ein Vortrag zugrunde (teils gekürzt, teils ergänzt, teils neu konzipiert), den unser Autor am Montag, den 26.5.2008, bei einer öffentlichen Veranstaltung zum zehnten Jahrestag der Gründung der Interessengemeinschaft Schwerter der schwäbischen Gerechtigkeit e.V. im Waldelefantensaal von Schloss Solitude zu Gehör gebracht hat. Titel: Bringt die Romantik [nicht Romanik, wie es hier und da in der Presse hieß] zurück ins Marketing. Ein Schlachtruf und seine Wirkung. Eine kritische Bilanz.

Offenkundige Erfolge, wie unser einmaliger Paul sie vorzuweisen hat (sehen Sie sich um: Stuttgart blüht und gedeiht), schaffen Vertrauen, auch und gerade bei den Entscheidungsträgern, die sich für die Verwendung öffentlicher Gelder vor dem Wähler verantworten müssen. Und den handelnden Personen verschaffen sie — die Erfolge, nicht die Entscheider — Freiräume, die, wie man weiß, die Kreativität und die Motivation und alle möglichen anderen Dinge, die gut für die Gesundheit sind, steigern, die aber — natürlich, möchte man sagen — auch ein Nährboden für Mödele aller Art sind: Eigenheiten oder Macken (oder Angewohnheiten, die einem fremd bleiben, wie es zart beim Zen-Schwaben Hermann Lenz, im Roman ‘Verlassene Zimmer’, heißt). Um ein Beispiel zu nennen: Schon seit Mitte letzten Jahres [für nachfolgende Generationen ergänze ich eigenhändig: 2007] gehört die Große Kreisstadt Göppingen, wie Sie alle wissen, wieder zum Marketingverbund der Regio Stuttgart (vielleicht sollte man, wenn ich die Bemerkung einflechten darf, auch von ‘Stuttgart’ den letzten Buchstaben einfach weglassen: Stuttgar — klingt irgendwie… offener, finde ich, zugänglicher, unabgeschlossener, wie ein Garten ohne Tor…; auch Göppinge spricht sich ohne das redundante End-‘n’ deutlich komfortabler, wenn Sie mich fragen). Göppinge also, Göppinge macht wieder mit bei der gemeinschaftlichen Verbreitung der schöneren Wahrheit. Ist doch klar, dass sich bei solcher Gelegenheit, wie von selbst die Einstellung vorstellt… ach, nee, umgekehrt -—, dass also der Wunsch laut wird, unser Erfolgsgarant Paul möge sich dort einmal für einen Tag oder zwei einstellen (oder vorstellen?) und den liebenswerten Komapatienten diskret zurück ins Leben holen. Wie niemand sonst ist Paul ja prädestiniert für eine solche Aufgabe. Aber Paul ist oder vielleicht sollte ich besser sagen: war bisher nicht dazu zu bewegen, sich dort blicken zu lassen. Auch die als eine Art Teaser gedachten Give-away-Päckchen, die Paul aus dem Freibad Ulmer Straße und aus den Barbarossa-Thermen zugingen (Compliance-Regeln natürlich beachtet), fruchteten nichts (wenn man’s recht überlegt eigentlich keine Überraschung; denn was, bitte, will man bei einem Badelust-Priapetiker, wenn Sie mir den sperrigen Ausdruck verzeihen, noch anstacheln?). Einige unter Ihnen, meine verehrten Zuhörer hier im Saal (und unter Ihnen, meine lieben Leser vor den schimmernden Monitoren draußen im Land) werden vielleicht im Stillen bei sich denken: „Göppinge, Göppinge, was interessiert mich Göppinge, solange ich kein Riechsalz brauche?“ [Stürmischer Beifall brandet auf, in dem sich für einige Augenblicke die prickelnde Spannung löst, in die der fesselnde Vortrag die festlich gekleideten Gäste versetzt hat, von denen nicht wenige den Halbdackel-Orden am Revers tragen. Durch die Fenster sieht man, wenn man die Kaltblütigkeit besitzt, die Augen in diesem Moment vom Redner abzuwenden, der mit beiden Händen versucht, den Applaus zu dämpfen, wie sich im Halblicht der Dämmerung über der Stadt eine andere Art von Spannung in zuckendem Wetterleuchten löst. Auch im Saal blitzt es jetzt mehrmals kurz hintereinander grell auf, weil die anwesenden Bildberichterstatter die kurze Unterbrechung geistesgegenwärtig für stimmungsvolle Momentaufnahmen nutzen. Einige von ihnen gehen dabei federnd in die Knie, um den Redner zusammen mit dem riesigen präparierten Elefantenschädel ins Bild zu bekommen, der die Stirnseite des Saales schmückt. Dabei erzeugen die Reflexe des Blitzlichtscheins für Sekundenbruchteile in den künstlichen Augen des toten Tieres die Illusion einer unheimlichen Belebung, und ich gestehe, dass ich auf meinem Platz in der vorletzten Reihe einen Moment lang die erschreckend-schöne Vision hatte, der gesamte Körper des vier Meter hohen Tiers würde, seinem Kopf nachdrängend, durch die Wand brechen und vorstürmend Verwüstungen anrichten und den Saal in ein Trümmerfeld verwandeln, in dem die eben noch vom Redner gebannten Menschen in Panik und schreiend versuchen würden, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen vor den entfesselten Kräften einer wilden Urnatur.]
Wird fortgesetzt (falls unsere Korrespondenten davonkommen)

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1 Kommentar zu Paul geht baden. Teil 20/1: Die schönere Wahrheit. Prolog: Göppingen

#1 Frau Doktor . 30.05.08 . 00:57 Uhr

Ich bin gerührt, ein Hermann-Lenz-Leser! Bisher hatte ich immer den Eindruck, Handke, die nette Dame aus der Stadtbibliothek und ich sind die einzigen Stuttgarter, die wissen, wer Eugen Rapp ist. Und was das alles mit der 44 zu tun hat. Und Handke ist noch nicht mal Stuttgarter!

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