Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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05 05.08

Paul geht baden. Teil 19: Nicht nur die Liebe ist ein Schlachtfeld

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 13:46 Uhr

Beim Aufstieg durch die Kleingärten weht Paul von irgendwoher der Duft von Flieder an und erinnert ihn daran, wie er in der Nacht zuvor, in der Wohnung der kallipygische Denita (nach dem Vorbild der New York Times sage ich nichts über ihre Hautfarbe), im Adamskostüm (oder „splitterelfenbeinern“ [Original: „in the ivory“], wie es in einem der schönsten Bücher heißt, die je geschrieben wurden) den großen Fliederstrauß, weiß und hell- und dunkelviolett gemischt, dessen schwerer, irgendwie öliger Geruch die ganze 1-Zimmer-Wohnung durchzog und Paul schier betäubte, auf den Balkon hinaus trug. Die kalte, frische Luft tief einatmend blieb er einen Moment dort draußen stehen und sah auf die Stadt hinunter, die Tausende Lichter, die das Tal füllten und sich in Ketten über die Hügel schwangen: „Nicht so groß und flächig, aber ansonsten: wie L.A., genau wie L.A.“, dachte Paul, wie jedes Mal, wenn er des Sternenmeers ansichtig wird, in das Stuttgart sich im Dunkel der Nacht verwandelt (und vielleicht ist im empathisch-emphatischen Blick, mit dem Paul den glitzernden Mittelpunkt der schwäbischen Galaxie betrachtet, in irgendeiner Form eine Erinnerung aufgehoben an die fernen interstellaren Welten, aus denen die Schwaben, der Sage nach, eingewandert sein sollen). Kaum eine Minute hatte er, sein ‚Revier’, wenn man so will, überschauend, dort draußen ausgeharrt, als Denita, die gerade noch fest geschlafen hatte („ptok“ machte sie nach jedem Atemzug; heißt so nicht ‘n Schauspieler?), mit ihrem komischen Akzent nach ihm rief: „Paul? Was machst du? Komm’ ins Bett!“ Bis morgens um fünf hatte sie ihn — ich nenne es mal: in Atem gehalten, weshalb Paul, als sie aus dem Haus war, mehr als den halben Tag verschlief. Um zwei Uhr mittags hatte er gefrühstückt, in Essig (weißen Balsamessig) und Olivenöl marinierten Spargel mit gemahlenem Koriander (eine Spezialität seiner Großmutter, geliefert vom Großvater), dazu Schinken und italienisches Weißbrot, und erst um drei Uhr nachmittags seinen Dienst angetreten, war aber gegen sieben baden gegangen, ins Leo-Vetter-Bad, und hatte im Wasser plätschernd wieder einmal die Zeit und, wie ich annehme, überhaupt alles vergessen, wie nur die glücklichsten Naturen es vermögen. Und so kommt es, dass Paul um zehn Uhr abends noch im Einsatz und unterwegs ist. Pflichtvergessenheit kann man ihm wirklich nicht vorwerfen. Aber warum es um diese Zeit ausgerechnet die zum größten Teil unbeleuchteten Wälder rund um den Polizeifunkturm und auf der Staibhöhe sein müssen…? Vielleicht wieder eine seiner Blindgängertouren (wenn Sie sich bitte an unseren ersten Bericht über Pauls Mission erinnern wollen, meine ausdauernden Leser). Wie ein Schatten seiner selbst stolpert Paul mehr als er geht in der Dunkelheit und im „schwarzknochigen Unterholz“ herum, was gar nicht ungefährlich ist, weil das Gelände hier überall knochenbrecherisch steil abfällt, lässt sich aber durch die widrigen Umstände nicht davon abhalten, auch zu dieser Stunde, auf seine ganz eigene Art Stuttgarts Interessen zu vertreten. Das Charisma, diese schwer zu definierende Gabe, mit der Paul man-weiß-nicht-wie die Menschen für Stuttgart einnimmt und Stuttgarts schöne Seiten (und Stuttgart hat ja praktisch nur schöne Seiten) zum Leuchten bzw. noch intensiver zum Leuchten bringt, erhellt zwar nicht das unwegsame Gelände und erreicht außer einem Liebespaar, das, Arm in Arm, von der Aussichtsplattform bei der Schillerlinde über die Wellblech- und Pappkartonhütten am Hang hinweg ins romantischen Neckartal hinunterträumt, und einem verirrten Trupp — sind das Pfandfinderinnen?, die sich mithilfe ihrer geisterhaft aufleuchtenden und wieder verlöschenden Handydisplays von einem Baum zum nächsten tasten… oder vielleicht haben die sich gar nicht verlaufen, sondern es handelt sich um eine Gegenbewegung zum Clan du Néon: statt mit sportlichen Sprüngen Neonreklamen von Innenstadt-Läden auszuknipsen, Licht in die Finsternis der [bewaldeten] Außenbezirke bringen…? möglich is’ es… Aber wo waren wir jetzt? Ach ja: Ich wollte sagen, dass das, was Paul emaniert, hier genau genommen nur das sprichwörtliche Tandem Fuchs und Hase ‘erreicht’ (die Anführung erkläre ich jetzt nicht), die sich hier „Gute Nacht“ sagen, und die kaum überblickbare (und im Dunkeln schon mal gar nicht) Pflanzenwelt natürlich. Aber egal; abgesehen davon, dass auch Flora und Fauna zur überragenden Lebensqualität von Stuttgart ihr Teil beitragen und nicht nur, aber auch deshalb jede Pflege verdienen (wohlverstanden ist das, was Paul treibt, nichts anderes als Landschaftspflege), muss man seine Leute auch einfach mal machen lassen. Das weiß man doch: Wenn das Vertrauen fehlt, folgt ein Knick in der Leistungskurve. Was Paul nun aber nicht weiß (weil er sich nie mit Geschichte beschäftigt hat, auch mit Stadtgeschichte nicht; aber was will man erwarten, von jemandem, der seine Diplomarbeit über das Thema geschrieben hat — d.h. er hat die Arbeit ja nicht mal selber geschrieben —: ‘Geflügelmetaphern in der Soulmusik der Mitt-60er Jahre [1963 bis 1967]’?)… was Paul nicht weiß: Sein nächtlicher Ausflug hat ihn auf ein Schlachtfeld geführt, er steht und geht (und einmal bewegt er sich auch auf allen Vieren fort) auf blutgetränktem Boden. Wie heißt es noch auf den VfB-Fahnen? Die Erde bebt, der Himmel brennt. So war das, buchstäblich, hier. 16 Menschen starben, 50 wurden verwundet, als Anfang April 1919, die württembergische Revolutionsregierung, die irgendwie nicht so zündend revolutionär agierte, kurzerhand Geschütze gegen 400 Spartakisten einsetzte, die sich auf den Wangener Höhen und am Abelsberg eingegraben und die Ulmer Straße unten im Tal unter Feuer genommen hatten (warum führt jetzt zu weit). Nun muss man der Regierung vielleicht zugute halten, dass sie wirklich Schiss hatte (und drei Monate zuvor, beim ersten Putschversuch der Spartakisten, in den Turm des noch im Bau befindlichen Hauptbahnhofs geflüchtet war und sich dort verschanzt hatte — genau, da, wo jetzt die Stuttgart-21-Ausstellung untergebracht ist) und dass ihr damals — sagen wir: die etwas weniger invasiven Mittel wie z.B. das LRAD (Long Range Acoustic Device, vulgo Schallkanone) noch nicht zur militärrrischen Verrrfügung standen (das Antidot war allerdings bereits auf dem Markt); eventuell lässt sich für die Regierung auch noch ins Feld führen, dass man ja wohl irgendwie mit Gegenmaßnahmen rechnen muss, wenn man einen bewaffneten Aufstand anzettelt, und womöglich ist bei der Beurteilung des Regierungshandelns schließlich noch ins Kalkül zu ziehen, dass es für die politischen Anschauungen und Ziele der Radikalinskis unter Umständen objektiv keine echte Mehrheit in der Bevölkerung gab (obwohl man seinerzeit, wenn, wie sechs Monate vorher geschehen, 100.000 Menschen den Schlossplatz füllen und mit ihrer durchweg dunklen Kleidung buchstäblich schwarz färben, subjektiv sicher auch zu anderen Schlüssen kommen konnte). Paul weiß, wie gesagt, von alledem nichts, was aber nicht heißen muss, dass er keine Ahnung hat. Wenn ihn nun aber tatsächlich sein feiner Stadtmarketing-Instinkt auf den Höhenrücken zwischen Gaisburg und Wangen geführt hat…: Ist er dann hier, um böse Geister zu vertreiben? Oder um, im Gegenteil, den Diskant der 400 zurückzuholen ins Konzert der Stimmen der Stadt?

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23 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 19: Nicht nur die Liebe ist ein Schlachtfeld

#1 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:30 Uhr

Oh, nein, nicht schon wieder!

#2 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:31 Uhr

Bei aller Liebe (das ist rein rhetorisch gemeint), Verehrtester (das auch), aber Sie sollten jetzt eine Pause einlegen. Habe Ihre Serie von Anfang an verfolgt und muss sagen, dass Sie in letz-ter Zeit doch sehr nachgelassen haben. Alles irgendwie müde, kein subversiver Witz, nix. Wirklich, eine Pause wird Ihnen gut tun.

#3 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:31 Uhr

Das ganze Zeug ist eindeutig mit einer Tastatur geschrieben, die falsch verdrahtet ist.

#4 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:32 Uhr

Ich bin sehr interessiert an der erwähnten Arbeit über die Soulmusik. Könnten Sie mir ein Exemplar zuschicken (bitte nur in einer Word-Datei, pdf usw. kann ich alles nicht öffnen). Ich bin seit 45 Jahren Soul-Fan und -Sammler. 1976 habe ich bei einer USA-Reise Herrn Barry Gordy persönlich kennen gelernt und war tief beeindruckt von der persönlichen menschlichen Art dieser bedeutenden Persönlichkeit. Ich wäre unter Umständen auch bereit die Arbeit käuf-lich zu erwerben, bin aber nur kleiner Rentner, der über keine großen Mittel verfügt. Mein Budget ist also begrenzt, bei mir ist nichts zu holen. Wirklich nicht. (Und meine Frau ist lei-dend.)

#5 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:32 Uhr

Wissen Sie, was mich bezaubert hat? Die zarte Anspielung auf die Balkonszene in Romeo und Julia. Wie in einem zerbrochenen Spiegel. Stark.

#6 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:33 Uhr

Mein lieber Herr (falls Sie einer sind): topographischen ist alles, was Sie schreiben, großer Quatsch. Wir haben zufällig am letzten Sonntag genau in dieser Gegend eine Wanderung un-ternommen. Die Wege sind sicher, Absturzgefahr besteht nicht. Allerdings müssen Einzel-wanderer damit rechnen, Gruppen von Schwarzafrikanern und Ostasiaten aus den illegalen Siedlungen zu begegnen. Mehr sage ich nicht dazu.

#7 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:33 Uhr

Hallo Paul! Ich war eine von den Frauen mit den Handys. War ‘n Flashmob! Schade, dass wir uns nicht kennen gelernt haben! Wäre schön, wenn Du kürzere Sätze schreiben würdest. Mach’ einfach mal ‘n Punkt. Und Absätze.

#8 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:34 Uhr

Flashmob nachts im Wald? Is’ ja cool. Gibt’s ein Video?

#9 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:34 Uhr

Ja, aber man sieht nichts.

#10 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:35 Uhr

Hab’ ich alles vor zehn Jahren schon, und besser, in der SZ gelesen.

#11 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:38 Uhr

Wenn ich den Autor richtig verstehe (was ja nicht ganz einfach ist), schlägt er vor, am Abels-berg ein Schlachtendenkmal zu errichten. Ich weiß allerdings nicht, ob so etwas noch in die Zeit passt. Gerade die abstrakten Anti-Kriegs-Denkmäler sind ästhetisch ja alle völlig miss-lungen.

#12 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:38 Uhr

Scheiß Kommunistenpropaganda. Rot Front verrecke!

#13 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:39 Uhr

Frauenverachtend, ich finde’s einfach frauenverachtend. Der Autor sollte sich was schämen.

#14 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:39 Uhr

Als HNO-Arzt empfehle ich Ihrem geruchsempfindlichen Paul eine Desensibilisierungs-Behandlung.

#15 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:40 Uhr

Splitterelfenbeinern: Das stammt aus den ‚Sieben Säulen der Weisheit’ von Lawrence von Arabien. Verraten Sie mir, was das mit dem vorliegenden Text zu tun hat?

#16 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:40 Uhr

Der Autor dieses Pamphlets ist mit Sicherheit drogen-, alkohol- und tablettenabhängig. Es ist eine Schande, dass so etwas von der Stadt Stuttgart bezahlt und veröffentlicht wird und auch noch Leser findet.

#17 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:49 Uhr

Esoterische Hühnerkacke

#18 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:52 Uhr

Mein Opa hat immer gesagt: Die ärmsten Säue haben das meiste Sprachgefühl.

#19 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 00:56 Uhr

Oh oh. Fliegt hier gerade ein Autorenkollektiv auseinander?

#20 Paul-geht-baden . 06.05.08 . 01:31 Uhr

@ 15 Nein, das ist aus Henry Miller, Sexus, die Stelle mit Elsie und dem Holunderbeerwein. Haben Sie das mal im Original gelesen? “I have some very soft needles…”

#21 Plasier . 06.05.08 . 20:54 Uhr

Mit Verlaub:

Benötigen Sie Hilfe?

#22 Wegschaffel . 06.05.08 . 21:57 Uhr

Heilandsack. An der Schillerlinde lehnte ich heut’. Das mit den LRADs las ich vorvorgestern in der SZ. Aber sonst nie etwas dergleichen. Habe ich tatsächlich kürzlich Ihre Einladung zu einem Getränk ausgeschlagen? Ich widerrufe.

#23 Ralph . 07.05.08 . 09:48 Uhr

Bin froh, zu sehen, dass es auch noch andere Blogleser gibt als Paul-geht-Baden.

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