Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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29 01.08

Paul geht baden. Teil 17: Das Innere des Äußeren. Eine Reverie

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 15:07 Uhr

Wer durch unser fabelhaftes Stuttgart schreitet, wie unser treuer (d.h. sich selber treuer) Paul (heilige Scheiße, was man mit Wörtern alles machen kann…) es täglich tut, der durchmisst zugleich ein zweites Stuttgart, das — fabelhaft in des Wortes wörtlichster Bedeutung — allein in seinem, und so nur in seinem, Kopf existiert. Es ist ein immaterielles Stuttgart, ach, was rede ich, es sind viele immaterielle Stuttgarts im einen materiellen, in dem man stolpern, fallen und sich auf dem sorgfältig versiegeltem schwäbischen Boden die Strumpfhose zerreißen oder den als Penishülle getragenen Flaschenkürbis beschädigen kann („autsch, das hat jetzt echt wehgetan“: ein fast untrüglicher Beweis, dass es wirklich wirklich ist). (Nebenbei, meine lieben schönheitssüchtigen Leser in Süd und Nord und Ost und West: Ein „verzweifelt schönes“ — Achtung, Zitat —, Bild gewordenes Beispiel für das, wovon ich hier spreche, ist das Panorama des geschätzten Kollegen Josh von Staudach alias Circulus, das seit Juni letzten Jahres im Foyer des Rathauses hängt: eine zusammengesetzte Fotografie, die detailscharf eins zu eins das substanzielle Stuttgart zeigt und dem Betrachter wie durch Zauberei zugleich vor Augen stellt, dass hier das Märchenhafte eine Heimstatt hat. Empfehlung für alle, die’s noch nicht kennen: hingehen, ansehen, glücklich sein.) So zuverlässig das physische Stuttgart sich auf eine ganz bestimmte Art in seinem Talkessel und über die umgebenden Hänge ausbreitet — nicht unwandelbar zwar (der Fortschritt, der Fortschritt), aber man kann sich doch relativ sicher darauf verlassen, dass am Donnerstagmorgen Möhringen nicht plötzlich westlich an Feuerbach grenzt oder die aussichtsreiche Birkenwaldstraße nach der Mittagspause in den verblüfften Marienplatz mündet (man sollte aber vielleicht unsere innovations- und investitionsfreudigen Entscheidungsträger nicht auf Ideen bringen, wer weiß, sonst verlegen sie noch den Flughafen und vielleicht auch Teile der Einflugschneise unter die Erde, so dass die Maschinen z.B. irgendwo knapp vorm Augenwald abtauchen und die lästigen letzten Kilometerchen subterran zurücklegen, was auch den Vorteil hätte, dass beim Aufsetzen die gefährlichen Scherwinde, die so manches schlimme Unglück verursacht haben, nicht mehr auftreten könnten…) — … Haben wir (Pluralis Modestiae!, wie ich betonen möchte, meine verehrten Leserpassagiere, da lassen wir uns von niemandem etwas vormachen) jetzt im Gleitflug den Faden verloren? Nein, nein, keine Angst, Ihr Käpitan, in dessen Brust ein Dienstleisterherz ruhig den Takt schlägt, behält jederzeit die Übersicht und bringt Sie sicher nach Hause. Was ich sagen wollte, war, dass, so stet und berechenbar das erdgebundene (oder soll ich sagen: bodengestützte?) Stuttgart sich bei aller Veränderungslust präsentiert, so stimmungsabhängig und wandelbar ist das persönliche Luftschloss-Stuttgart, das jeder mit sich herumträgt, der hier lebt oder auch nur von Ferne in Beziehung zu unserem kleinen Diesseitsparadies steht. Wenn Sie nur einen Moment darüber nachdenken, kommen Sie auch selber darauf, dass dieser Zustand in Bezug auf die Innere Sicherheit ziemlich bedenklich ist. Weil er natürlich die Gefahr birgt, dass jemand aus Gründen, die ausschließlich in seiner Privatsphäre liegen, unser unschuldiges Stuttgart scheel ansieht (weil ihn zum Beispiel gerade seine Gallensteine plagen) und, wenn es der blöde Zufall will und die private schlechte Laune eine kritische Masse erreicht, eine Welle der schlechte Stimmung gegen die Stadt erzeugt, die womöglich draußen in der Welt das strahlende Bild ankratzt und die verheerendsten wirtschaftlichen Folgen haben kann. Einmal einen schlechten Tag erwischt und, weil kein anderer Sündenbock zur Hand ist, gegen die Stadt gestänkert, und morgen wissen breite Teile der Bevölkerung („das Volk“) schon nicht mehr, wie sie das Sektfrühstück bezahlen sollen. Pauls Freundin-des-Tages Marie Antoinette weiß allerdings nicht, wo da das Problem ist: „Dann soll’n sie doch Champagner trinken!“

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5 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 17: Das Innere des Äußeren. Eine Reverie

#1 wegschaffel . 30.01.08 . 13:05 Uhr

Na Sie haben vielleicht Sorgen! Sektfrühstück! Um ein Haar hätten breite Teile der Bevölkerung („das Volk“) heute morgen überhaupt kein Frühstück mehr gebraucht! Oms nomgucka hätte sich das Luftschloss Stuttgart – pffft – in reinstes Nichts entmaterialisiert, seine erdgebundene Bodengestütztheit dadurch logischerweise völlig verloren und die Verblüffung des Marienplatzes ins Endlose gesteigert! Von der dann mit Händen greifbaren Immaterialität unserer Heimatgemeinde nicht zu sprechen! Ich spreche von Asteroid 2007 TU 24 der uns heute Nacht um nicht mehr als ein leidlich erigiertes Muggaseggele verfehlt hat. Ich habe diese schweren Stunden subterran im Schutzraum unter dem Untertürkheimer Karl-Benz-Platz verbracht und mich mit Korrekturlesen von handgeschriebenen Testamenten abgelenkt. Was war das dann heute morgen für ein auf- und einatmen, eine Luft wie Champagner, die geistigen Gallensteine atomisiert. Stuttgart. Das Diesseitsparadies. Nah wie nie.

#2 Paul-geht-baden . 30.01.08 . 16:15 Uhr

Toll, wie Sie die Euphorie des Knapp-noch-mal-davongekommen-Seins in Worte gegossen haben. Könnten Sie sich vorstellen, gelegentlich als Außenreporter für unserer Team zu arbeiten?

#3 Wegschaffel . 30.01.08 . 17:09 Uhr

Für Geld?
Oder suchen Sie einen Prakti der gegen warme Worte seine Arbeitskraft eintauscht? Dass ich mich in meiner Euphorie an Ihren Worten entlanggefreut habe wissen Sie und ich ja sowieso. Das brauchen Sie mir also bei sich evtl. ergebenden Honorarverhandlungen nicht mehr aufs Brot zu schmieren. Trotzdem: Danke für die freundliche Anfrage.

#4 circulus . 03.02.08 . 02:48 Uhr

Hallo Paul - wie schön, mal wieder von Ihnen zu lesen! (Ich war selten hier in letzter Zeit, muss ich zu meiner Schande gestehen) … Ähm - räusper - übrigens bin ich nicht der Jörg sondern der Josh. Trotzdem danke für den Hinweis auf mein Panorama im Rathaus! Es ist eines der wenigen ‘verzweifelt schönen’ Bilder Stuttgarts, die ich mit/in mir herumtrage, bzw. wie in diesem Fall verkaufen konnte (also bin ich die Last des Herumtragens losgeworden). Die anderen meiner inneren Bilder (bzw. Fotografien) Stuttgarts tragen so gesehen auch nicht alle zur inneren Sicherheit bei. Insofern sollte sich der Schäuble wirklich Sorgen machen - wegen dieser vielen unkontrollierbaren inneren Bilder der Bürger mein ich.

#5 Paul-geht-baden . 03.02.08 . 17:39 Uhr

‘tschuldigung für die Namensverhunzung. Ist schon korrigiert.

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