Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 01:41 Uhr
Ich bin ein bisschen spät dran, ich weiß, aber meine neuen Pflichten als Literaturbeauftragter der Inneren Sicherheit bzw. des Stadtmarketings (die Übergänge sind in Stuttgart — ich sag’ in der Eile: fließend; genau genommen ist das irreführend, aber, wie gesagt, dafür ist jetzt nicht die Zeit) nehmen mich ganz schön in Anspruch. Ich muss lesen, lesen, lesen. Ein echter Schlauch, kann ich Ihnen sagen. Zur Entspannung stelle ich mich zwischendurch immer für ein paar Minuten, leicht in den Knien federnd, mitten ins Zimmer und breite mit nach vorn gekipptem Oberkörper die angewinkelten Arme aus, so wie Paul es gerne nach dem Baden tut (um das Wasser abtropfen zu lassen); eine irgendwie rituelle Haltung, falls es so etwas gibt, die Paul dem liebsten Freund der Berufsfischer und Fischteichbesitzer abgeguckt hat, dem Kormoran, der, wenn er nach seinen Tauchgängen einen Platz an der Sonne gefunden hat, seine Flügel zum Trocknen weit auszuspannen pflegt. Fragen Sie mich nicht warum, aber mich — wie soll ich sagen? erhebt? gut, erhebt das irgendwie. (Versuchen Sie’s am besten selber mal, vielleicht wenn Sie allein sind und offiziell im Werkzeugschuppen Schrauben sortieren oder auch, wie Paul, unter Leuten, z.B. während Sie am Charlottenplatz auf Ihre Bahn warten oder im Büro, bei einer langatmigen Präsentation: einfach mal hinstellen und den Kormoran machen und ein paar Minuten lang vergessen, wer man war und ist…). Mir schreibt zwar mir niemand vor, was und wie viel ich zu lesen habe, ich kann es mir also praktisch selber aussuchen, ich habe alle Freiheiten, aber Sie wissen ja, wie das ist: Gerade dann nimmt man sich selbst besonders streng in die Pflicht und schindet sich bis zum völligen Versagen der Kräfte. Aber gut, ich will mich nicht beklagen, es gibt sicher schwerere Schicksale, und ich hab’ mir die Suppe ja auch selber eingebrockt mit meinen leichtfertigen Zitaten von und Bemerkungen zu Kafka. Man denkt immer: Liest ja doch kein Schwein. Aber wenn man am wenigsten damit rechnet, klingelingeltönt plötzlich das Telelelefon und eine überglückliche junge Frau (jedenfalls klingt sie so) fragt an, ob man es einrichten könne, eine halbe Stunde ins Hauptquartier zu kommen. Wenn „der Termin“ dann glücklich überstanden ist, hat sich das „Aufgaben-Portfolio“, wie der souveräne Herr Dr. es mit einem fast neckischen Augenzwinkern nennt, „um nicht immer von ‚Pflichtenheft’ zu sprechen“, ein klein wenig „erweitert“. Ich hatte und habe also zu tun und komme deshalb erst jetzt dazu, von einem Ereignis zu berichten, das nun schon einige Wochen zurückliegt, dem 10. Stuttgarter Staffellauf. Nicht, dass unsere fleißigen Medien (bitte, bitte, keine Zuschriften, meine lieben Sprachwächter-Schießhunde, ich weiß, dass nur Medienvertreter fleißig sein können, nicht Medien, es sei denn es handelt sich um Tischrücker/innen und vergleichbare Charismatiker)… —Nicht, dass unsere kompetenten* (das trifft die Sache jetzt aber ganz genau) Medien nicht ausführlich in Wort und Bild über den kurioserweise nur alle neun Jahre stattfindenden Staffellauf berichtet hätten. Natürlich haben sie’s getan, ein Mehr an öffentlicher Aufmerksamkeit wäre kaum möglich gewesen (die xxxxxxxxxxer Bäcker haben schon Wochen vorher ein sog. Event-Gebäck verkauft, die Staffellaufstange, eine Art Langbrötchen, gebacken aus Mehl aus „intrigiertem Anbau“, wie meine Lieblings-Bäckereifachverkäuferin mir unaufgefordert erklärte, worauf ich mich fragte, ob das Produkt nicht besser ‚Kabalenstange’ hieße…). Wenn ich jetzt trotzdem noch einmal auf den Staffellauf zurückkomme, dann nicht etwa deshalb, weil die geschätzten Damen und Herren Journalisten (und Leser- bzw. Bürgerreporter) ihre Augen und Ohren nicht, wie gewohnt, überall gehabt und nicht noch aus nichtigsten Fakten wieder die interessantesten Geschichten zusammengestrickt hätten, sondern nur, weil sie natürlich den Sympathieträger Paul und seine diskrete Tätigkeit, auf die wir unser Augenmerk richten, sagen wir: nicht auf dem Radar hatten — und auch gar nicht haben konnten. Schon deshalb, weil Paul auf der xxxxxxstaffel durch Abwesenheit glänzte, wie man so sagt. Was das zu bedeuten hat?
*Vertiefende Informationen zum Begriff ‚kompetent’ gibt dem interessierten Leser Robert Downey Jr. in der Rolle des Lektors Terry Crabtree im Film ‚Wonderboys’, USA 2000, Regie Curtis Hanson, Drehbuch Steve Kloves nach dem Roman von Michael Chabon, in den Hauptrollen Michael Douglas, Tobey Maguire, Frances McDormand.
Wird fortgesetzt
#1 Wegschaffel . 10.10.07 . 11:39 Uhr
Irgendwann musste es so kommen, dass ich mir denke “jetzt ist er ein bissle unter seinen Möglichkeiten geblieben”. Vielleicht liegts an der dieses Mal etwas schwächelnden Plantarflexion beim Beinschlag in Kombination mit nicht voll durchgezogener Hüftrotation? Vielleicht aber auch daran, dass der Polt Gerhard, mein favorisierter Stimmungsaufheller, den Kormoran schon hoch fliegen liess. Freu mich trotzdem auf die Fortsetzung!