Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 00:22 Uhr
Unter dem Titel „Kunst = Leben. John Cage“ findet in der Galerie Stihl im schönen Waiblingen zur Zeit (noch bis 20. September) eine Ausstellung statt. Für uns von ‘Paul geht baden’, deren Redaktionswand der Neon-Schriftzug ‘I welcome whatever happens next’ ziert (ein Cage-Zitat), natürlich ein Pflichttermin. In dieser Woche (vom 5.-10. Juli) ist der Besuch für alle Freunde des Sympathisch-Spinnerten besonders lohnenswert (wenn wir das merkwürdige Wort dies eine Mal verwenden dürfen), weil es als Zugabe zur Ausstellung (Bilder, Objekte, Tonkonserven, Fotos und eine Menge auf die Wände projizierte Sprüche à la ‘I welcome whatever happens next’) noch ein musikalisches Begleitprogramm gibt, das vom Studio Neue Musik der Musikhochschule Stuttgart bestritten wird. Am Sonntag, von 11-19 Uhr, bestand die Ergänzung der Ausstellung in einer sog. Konzert-Performance mit dem Titel “Sculptures musicales 1989”, bei der die Studierenden der Musikhochschule mit der Performance-Gruppe der Kunstschule Unteres Remstal (wir entnehmen diese Angaben ungeprüft dem Programm und bitten um Verständnis dafür, dass wir jede Verantwortung für ihre Richtigkeit - mit Bedauern – ablehnen müssen) glücklich, wie wir sagen dürfen, zusammenwirkten. Was also ging ab im schnörkellos-edlen Ausstellungssaal? Kurz gesagt: Some other kind of Luzie. An drei Tischen saß je ein – wir nennen es mal laienhaft: Geräuschemacher. Einer brachte durch Bestreichen des Rands mit nassem Finger (Sie kennen das sicher) Weingläser zum Klingen, sehr diskret, man konnte’s kaum hören; später schlug er im genauen Takt, auch eher zart, mit einem Bleistift, d.h. genauer gesagt mit der Blechkappe, die den Radiergummi am Ende des Bleistifts umfasst und hält, auf einen vor ihm auf dem Tisch liegenden umgedrehten Metalldurchschlag, wie man ihn in der Küche verwendet, z.B. wenn man geputzte Wachsbohnen wäscht oder zum Abgießen von Spiralnudeln. Auf der anderen Seite des Raum erzeugte ein anderer junger Mann mit
Hilfe eines Laptops und einer schnurlosen Maus, mit der er ziemlich kräftig und ohne Unterbrechung die Tischplatte gleichsam polierte so etwas wie statisches Rauschen, ein krächzendes akustisches Gekruschtel, wenn Sie verstehen, was ich meine. Am faszinierendsten aber war das, was die junge Frau machte, die den Platz am dritten Tisch innehatte. Ihr Beitrag zum fein gegliederten Klangbild bestand nämlich darin, in Zeitlupe, aber wirklich Zeitlupe (zwei Millimeter in einer halben Stunde), einen Briefumschlag aufzureißen. Toll, oder?! Aber als ob das für sich nicht schon wundervoll genug wäre, bewegten sich auch noch, ich glaube, es waren vier bezaubernde junge Frauen (alle in weißem T-Shirt und einer Art langen Hosenrock in Anthrazit) durch den von zarten merkwürdigen Klängen erfüllten Ausstellungsraum. Mal gingen sie einfach herum, allerdings jede in anderem Tempo, anderer Gangart, mal setzte sich eine von ihnen, eine Maske auf dem Hinterkopf, auf einen Stuhl vor einer Bilderwand, dann kauerten plötzlich zwei eine Weile auf dem Boden, oder sie nahmen eine Minute lang vor einem Bild eine Tänzerpose ein usw. Eine Tanzperformance, ganz reduziert, ganz zurückgenommen, mitten zwischen den Ausstellungsbesuchern. Das waren allerdings, als wir da waren, nicht gerade viele. Wie das Ganze funktioniert hätte, wenn es richtig voll gewesen, wenn – sagen wir – zwei-, dreihundert Leute sich gleichzeitig im Ausstellungsraum aufgehalten hätten… Wir können’s uns nicht richtig vorstellen, aber das müssen wir ja auch nicht. Man denkt, wenn man rauskommt: „Was für’n Blödsinn!“ und fühlt sich zugleich irgendwie… erleuchtet? Und was war am schönsten? Eines der Cage-Zitate an den Wänden ging – aus dem Gedächtnis zitiert – etwa so: Was er sich wünsche oder was er anstrebe, sei, dass etwas Unerwartetes geschehe. Wir hatten uns gerade auf einer Art Bank niedergelassen, wo ein Schachspiel aufgestellt war (was es damit auf sich hat, finden Sie bitte selbst heraus, meine lieben Leser), als es in unserem Rücken vor dem Hintergrund des künstlich erzeugten sphärischen Rauschens merkwürdig —: ploppte. Als wir uns umdrehten, sahen wir, dass von einer der Ausstellungsvitrinen das Schild mit der Legende abgesprungen war und jetzt still auf dem Boden lag. Wenn das Cage nicht gefallen hätte.
#1 Wegschaffel . 06.07.09 . 10:06 Uhr
Was der alte Bewussteinsabschalter wohl dazu gesagt hätte, dass seine stille Kunst ausgerechnet in der Galerie einer Motorsägen-Dynastie präsentiert wird?
#2 Paul-geht-baden . 06.07.09 . 10:45 Uhr
Ach, mit dem richtigen Abstand, kann auch das Geräusch einer Motorsäge, wenn ein Himmel aus blauer Seide sich über den Herbstwald spannt, ein sehr schönes, quasi musikalisches Geräusch sein, das wie ein akustischer Bogen im Luftraum steht, der irgendwie das ganze Fernweh des Zugvogelherzens in unserer Brust… tja, was nun? Und überhaupt: der Bogen? der Luftraum? Aber gut, mit Risikoformulierungen darf man auch mal baden gehen.
#3 Wegschaffel . 06.07.09 . 10:55 Uhr
darf man auch mal baden gehen
Ja, hrchrööm, vielleicht schaffen wir uns hier auch das Institut der Bad Comments?! Hält die Weste sauber und sorgt für Friede, Freude, Vertrauen bei der Leserschaft.
#4 Paul-geht-baden . 06.07.09 . 11:28 Uhr
Wenn ich Sie richtig verstehe, möchten Sie das faule Zeug, mit dem ich unseren gutgläubigen Bloglesern ihre Aufmerksamkeit abluchse, gern in den Müll verschieben, damit sie sich auf dem Weg zum Guten, Echten und Schönen nicht durch so viel Nichtiges quälen müssen? Edel gedacht.
#5 Wegschaffel . 06.07.09 . 11:41 Uhr
Schön, dass Sie das auch so sehen. Kleine Nachjustur: Der Vorschlag bezieht sich nicht nur auf Ihr “faules Zeug”, sondern auf die Gesamtheit aller geplatzen Gedankenblasen hier. Macht zwar wieder Arbeit, aber als vertrauensbildende Massnahme für Edelleser wie Hook oder Isnoxyz lohnt sich das allemal.
#6 Paul-geht-baden . 06.07.09 . 13:19 Uhr
Aber ich käme schon gern in die engere Wahl für den ‘King of Scheiß’. Nicht, dass mir den Titel Ayatollah von Staudach wegschnappt.
#7 Josh von Staudach . 06.07.09 . 13:54 Uhr
Keine Chance, Paul — dazu seid Ihr viel zu poetisch! Aber eine große Bitte: lasst den Zusatz ‘Ajatollah’ weg, ‘Baron’ reicht völlig. Dank und Gruß.
#8 Wegschaffel . 06.07.09 . 14:30 Uhr
Schau an, der Dichterfürst und der Lügenbaron mauscheln schon um die Spitzenposition. So einfach geht das nicht. Wie wärs mit einem kleinen Wettbewerb: Stuttgart-Blogs next “King of Scheiß’ ? Füllt das Sommerloch und macht nen schmalen Fuß. Teilnahmebedingungen: keine. Laufzeit: 4,33 Wochen.
#9 Wegschaffel . 06.07.09 . 14:42 Uhr
Was ich eigentlich fragen wollte: Sie haben sich am Sonntag von 11 - 19 Uhr am Stück der Luzie hingegeben? Selber? Respekt. Andere schicken da immer den Redaktionspraktikanten damit er sich am Buffet endlich mal wieder satt essen kann.
#10 Paul-geht-baden . 06.07.09 . 18:18 Uhr
Kommt uns Ihre Frage nur seltsam vor oder ist sie’s wirklich? Wir vermuten (bei einer Gegenstimme), dass Sie auf diese Weise Zweifel daran anmelden wollen, dass wir bei der Recherche vor Ort die journalistische Sorgfaltspflicht haben walten lassen. Wir weisen (mit einer Gegenstimme) die Unterstellung mit der gebotenen Heiterkeit zurück, lieber Freund. Sonntagstermine können Sie Praktikanten übrigens sowieso nicht geben, da müssen die immer mit ‘nem Seesack voll Schmutzwäsche zur Mama (und das lecker Essen ist auch schon telefonisch bestellt). Und es kommt auch nicht darauf an, wie viele Stunden Sie der Zeit beim Vergehen zusehen. Sie müssen nur da und hellwach sein, wenn es ‘plopp’ macht. Sonst wird keine Story draus.
#11 Paul-geht-baden . 06.07.09 . 18:37 Uhr
Mal was Anderes: Ich habe gerade bemerkt, dass ich nicht nur die eigenen Kommentare bearbeiten und fremde Kommentare löschen, sondern diese ebenfalls verändern kann und habe gerade, um das zu demonstrieren, Wegschaffels Kommentar Nr. 8 um den Zusatz “Preis: sechs Wochen Wohnhaft” ergänzt. Da stimmt doch was nicht. PS Bitte um ein Signal, wenn ich den Zusatz wieder löschen kann.
#12 Josh von Staudach . 06.07.09 . 20:38 Uhr
Wie spannend! Was werdet ihr da wohl noch so alles ändern?! Vielleicht die Laufzweit? ;-)
#13 Ralf Schmid (Hrsg.) . 07.07.09 . 00:18 Uhr
#11 Paul: Dass irgendwo was nicht stimmt, kann schon sein, aber da stimmt soweit alles. Kommentare zu eigenen Beiträgen ließen sich schon immer verändern - es war bis heute meines Wissens nie ein Problem, und ich bin zuversichtlich, dass es auch in Zukunft keines sein wird. Wenn doch, ziehen wir halt die Zügel an, was solls.
#14 Paul-geht-baden . 07.07.09 . 00:29 Uhr
Danke. Dann ist es mir einfach noch nie aufgefallen.
#15 Wegschaffel . 07.07.09 . 18:00 Uhr
___PGB_#10: Souverän, wie Sie meine seltsame Frage nicht beantworten. Ihre Vermutung stimmt nicht (Gruß an die Gegenstimme!). Ich wollte nur herausfinden, ob Sie ein echter Fan sind. Acht Stunden Galerie würde dafür sprechen. Und was die Wochenend-Gepflogenheiten der Praktis angeht habe ich andere Erfahrungen: Praktis haben überhaupt kein Wochenende.
#16 Paul-geht-baden . 07.07.09 . 22:37 Uhr
Die Gegenstimme war natürlich von mir, wie Sie sich sicher schon gedacht haben. Als jemand, der immer mal wieder Anlass hat, sich zu fragen, ob Gott Sie (oder mich, das ist egal) gleich zweimal geschaffen hat (wobei es merkwürdigerweise keine Rolle spielt, dass ich gar nicht an Gott glaube) - einmal als Mann, einmal als Frau, der eine etwas älter, die andere etwas jünger, in verschiedene Kulturkreise hineingeboren usw. usf., das ganze Programm, mit dem Götter sich so vergnügen… -, hat man es nicht immer ganz leicht im Kreis der Kollegen, weil man als ‘voreingenommen’ gilt (Sie sollten mal hören, wie die Kollegen das aussprechen, wie viel Distanz sie mit diesem einen Wort — aber ich will mich nicht beklagen). Und so kommen dann diese misstrauischen oder pampigen oder manchmal sogar giftigen Antworten zustande. Ich will im öffentlichen Raum nicht privat werden, aber eine vernünftige Antwort, finde ich, haben Sie verdient, Herr Wegschaffel: Nein, wir waren nicht acht Stunden in der Ausstellung. Nach einer Stunde zogen wir wieder ab (und kamen beim Gang zur S-Bahn in den Regen - keiner von uns hatte einen Schirm dabei!). Ich glaube ja auch, dass bei einer Überdosis die Bezauberung ziemlich rasch vergeht und vielleicht sogar in eine Art von Ernüchterung umschlägt, bei der einem das ganze querdenkerische-zarte Herumgewebe nur noch auf den Senkel geht. Deshalb: nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz. Nein, Fan, um auch diese Frage geradeheraus zu beantworten, ist keiner von uns. Wir schätzen Cage eher als Antidot, als Gegenmittel. Aber fragen Sie jetzt bitte nicht, wogegen.
#17 Donna Lüttchen . 11.07.09 . 00:15 Uhr
Nun will ich es aber wissen. Wogegen?
#18 Donna Lüttchen . 11.07.09 . 00:19 Uhr
Das ist einmal ein Beitrag ganz nach meinem Geschmack. Die Ergriffenheit, ja Erleuchtung des Herrn Paul ist für mich uneingeschränkt nachvollziehbar. Um mich so richtig doll in die Materie einzufinden, brauche ich gar nicht die Galerie Stihl besuchen, obwohl ich mich für solcherlei Schabernack durchaus erwärmen könnte..
Fürs erste allerdings reicht ein überhaupt nicht umständliches Kramen im Gedächtnis- sogleich entsinne ich mich eines ähnlich wirksamen, doch, Kulturschocks, der mich in den Grundfesten meiner Adoleszenz erschütterte. Vielmehr war es ein recht unangebrachter und peinlicher Lachanfall während eines Streichkonzertes in der idyllischen Kleinstadtkirche. Helmut Zapf wurde gereicht. Die tanzende Alte. Auch das Gemälde, das dazu Modell gestanden hatte, konnte bewundert werden.
Perlen vor die Säue, mehr ist dazu nicht zu sagen.
Heute, mit gesetzterem Alter wüsste ich ein Violoncello, das dahergewurgelt wird, dass es eine Art ist, bestimmt mehr zu schätzen- ach, sind wir doch so ehrlich: Nö.
Gerade deshalb; ich muss nach Waiblingen!
#19 Josh von Staudach . 11.07.09 . 14:49 Uhr
… ich muss nach Waiblingen!
Auweia, jetzt wandert womöglich der metropolitische Intellekt in die Provinz ab. Also bitte zurückkommen, Donna!
#20 Hannelore schwabe . 12.07.09 . 17:52 Uhr
Schön, wenn sich Paul wieder an seinen eigenen Ergüssen ergötzt. Etwas weniger Egozentrismus und mehr Stringenz und Klarheit würden Ihren Artikeln gut tun.
Ich frage mich nicht zum ersten Mal, was der Sinn dieses Blogs sein soll?
Eine Platform für pseudogeniales Gelaber?
Was bitte haben solche Artikel mit Stuttgart zu tun?
#21 Paul-geht-baden . 13.07.09 . 01:16 Uhr
#20 Sehr geehrte Frau Schwabe,
danke für Ihre beherzte Kritik (gibt’s hier ja leider viel zu selten) und für den freundlichen Ratschlag betreffs Stringenz und Klarheit. Wie Sie sicher schon bemerkt haben, sind wir sehr leserorientiert und nehmen uns jeden Verbesserungsvorschlag wirklich zu Herzen. Auch das “pseudogeniale Gelaber” liegt voll auf der Redaktionslinie. Was solche Artikel (wie der unsere) mit Stuttgart zu tun haben? In dieser Frage wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an die (z. T. Frei-)Herren Wegschaffel und von Staudach.
Bleibt uns nur noch, uns noch einmal für Ihre Zuschrift zu bedanken und dem Wunsch Ausdruck zu verleihen, dass Sie uns auch in Zukunft - wenn’s sein muss: kritisch - zugetan und treu bleiben.
Mit vorzüglicher Hochachtung,
Ihre ‘Paul geht baden’-Redaktion
#17 Gegen das eigene pseudogeniale Gelaber natürlich. Und gegen das pseudosouveränes Gehabe, das uns zur zweiten Natur geworden ist. Sie wollten’s ja wissen.