Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 23:39 Uhr
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Treffpunkt 19 Uhr, anderthalb Stunden vor Spielbeginn, am Bahnhof Cannstatt. Max trug einen Fanschal und fischte, kaum dass wir uns begrüßt hatten, zwei Flaschen Bier aus den Tiefen seiner Jackentaschen. Ich versuchte mir meine Verwunderung nicht anmerken zu lassen und tat gutgelaunt mit, so gut es sich eben machen ließ; aber erwartungsgemäß ploinkte der Bügelverschluss meiner Flasche nicht halb so schön wie der meines Kollegen und jetzt auch Fußballkumpels. Umgeben von anderen, die in die gleiche Richtung strebten, ging es die Daimlerstraße hinunter. Gleich nach der Einmündung in die Mercedesstraße besorgte Max uns an einem Verkaufswagen zwei neue Flaschen, und ich musste hastig den Rest der ersten Flasche hinunterstürzen, d.h. etwa die halbe Flasche, um mit Max — klack und klack — wieder anstoßen zu können. (Das Leergut legt man in große Einkaufswagen, die an Spieltagen entlang der Mercedesstraße aufgestellt sind. Von wem, habe ich vergessen. Obdachlosen? Max, der bester Laune war, erzählte etwas von genau abgeteilten Revieren, von Kämpfen, die immer mal wieder aufflammen. Was nicht ganz unverständlich ist; denn es müssen zwei-, dreihundert (?) Flaschen gewesen sein, die in jedem der Einkaufswagen, verblüffend akkurat gestapelt, neben- und übereinander lagen.) (Falls es irgendwo etwas über die Leergutverwertung im Umfeld von Bundesliga-Spielen gibt, eine Reportage oder ähnliches, wäre ich dankbar für einen Hinweis.)
Damit Sie, meine lieben Fußballfreude zu Hause an den Geräten, das Folgende, das hundert Prozent der Wahrheit entspricht (ich schwör’s!), einigermaßen nachvollziehen können, muss ich Sie, ehe ich fortfahre, noch kurz in eine — sagen wir: Kulturtechnik einweihen, derer ich mich, wenn es mir die Lust auf eine neue Sicht der Dinge oder die liebe Not eingibt, immer mal wieder bediene: Ich gönne meinem Geschmack, meinen Vorlieben, meinen Gewohnheiten, man könnte vielleicht sagen: einem Großteil des Content, der mich als Person über das Physische hinaus ausmacht, einen kleinen Urlaub und lasse mich davon überraschen, was dann passiert. Ein Beispiel? O.k., Musik. Sagen wir, Sie mögen das, was man ‘Psychedelic’ nennt, und hören praktisch nichts Anderes. Das führt, wie bei einseitiger Ernährung, auf die Dauer zu Mangelerscheinungen. Was man dagegen tun kann? Ab und zu auf den eigenen Geschmack pfeifen und sich eine Stunde lang — ich könnte jetzt irgendwas sagen: Gangsta-Rap oder Folk oder Pille; tatsächlich aber sage ich — z.B. Motörhead anhören. Finden Sie Schrott? Dann ist es gerade richtig. Vielleicht gelingt es Ihnen damit nicht, Ihren Musikgeschmack zu erweitern (ich bezweifele es jedenfalls), aber wenn Sie aufmerksam sind, entdecken Sie möglicherweise die bizarre Schönheit einer exotischen Monotonie, die Sie selbst zwar völlig kalt lässt, von der Sie sich aber wenigstens vorstellen können, dass sie verwüstete Herzen zu rühren und/oder ihnen einen (vieltausendfach gebrochenen) Abglanz paradiesischer Glückseligkeit zu vermitteln vermag.
Ist noch jemand in der Spur?
Mit anderen Worten: Ich spreche von Offenheit gegenüber Dingen, Situationen usw., die man spontan nicht mag, die einen vielleicht sogar mit Abscheu erfüllen usw., von der Einfühlung in Fremdes, von einer Art Hingabe an den währenden Augenblick und die herrschenden Umstände. Es ist ja nicht so, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, Max etwa zu erwidern: „Bei aller Liebe, mein Freund, aber ich trinke im Gehen auf der Straße kein Bier.“ Doch das wollte ich nicht. Sondern ich wollte mitmachen, eintauchen ins Kollektive, aufgehen in der großen Aufführung Pokalkampf mit ihrem ganzen Drum und Dran. (Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass Fußballzuschauermassen auch ganz andere, individuell geprägte Verhaltensweisen zulassen. Weiß ich schon. Ich wollte an dem Abend zwar nicht direkt nicht ich sein, aber ich war mir quasi egal, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und so hielt ich mich einfach an Max.) Ein Problem bei solchen Ausflügen aus den Schranken des Ego: Man kann manchmal nicht mehr selbst bestimmen, wann der Exkurs zu Ende sein soll.
Fortsetzung folgt
#1 Herr Linsinger . 21.12.09 . 22:58 Uhr
Geht´s eigentlich noch????
Wohin soll diese lächerliche Motörhead-Hetzte eigentlich führen?
Unterlassen Sie es.
#2 Paul-geht-baden . 22.12.09 . 01:24 Uhr
Sehr geehrter Herr Linsinger,
Sie haben sich sicher fest darauf verlassen, dass wir Ihren Kommentar, wie am Ende von ‘Paul geht baden’ Teil 26/1 vom 19ten dieses Monats angekündigt, sofort löschen würden. Ihre Wortmeldung erfüllt die dort genannten Kriterien jedoch in einem solchen Übermaß (z.B.: “Unterlassen Sie es.” - Erwägen Sie vielleicht, den Klageweg zu beschreiten? Wegen Motörhead-Verunglimpfung?), dass Ihnen für Ihre Wortmeldung soeben die ‘Trübe Tasse 2009′ zuerkannt worden ist, der Preis, mit dem der Stuttgart-Blog alljährlich eine auf ihre Art herausragende Leistung auszeichnet. Damit sind uns die Hände gebunden: Ihr Diskussionsbeitrag ist unlöschbar geworden.
Wir bedauern aufrichtig, dass wir unser Wort nicht halten können.
Hochachtungsvoll und mit den besten Wünschen für ein friedvolles Fest,
Ihre ‘Paul geht baden’-Redaktion
#3 Paul-geht-baden . 22.12.09 . 01:28 Uhr
Kommentar des Jahres ist, wie im Januar vorausgesagt, die kurze Erwiderung von Herrn S vom 17.1. auf den vorangehenden Kommentar von PlanB zum Beitrag “Vertrauen ist gut …” von Der MfG geworden. Glückwunsch, lieber Herr S. Wie schade, dass wir nur noch so wenig von Ihnen zu lesen bekommen.
#4 Donna Lüttchen . 23.12.09 . 00:47 Uhr
Krch-krch, köstlich!
#5 Wegschaffel . 14.01.10 . 22:04 Uhr
Irgendwie muss ich irgendwann mal mit Ihnen eine Flasche Bier teilen. Oder auch zwei. Sie wählen den Ort, ich bringe das Bier. Und: Nein, ich war die letzten Wochen weder tot noch böse, nur ver(r)eist.
#6 Paul-geht-baden . 15.01.10 . 17:13 Uhr
___Wegschaffel. O.k., das machen wir.
#7 Josh von Staudach . 20.01.10 . 16:24 Uhr
Gute Idee! Ich würde glatt ‘ne Runde ausgeben, wenn ich auch mitsaufen darf.
#8 Herr Linsinger . 20.01.10 . 22:05 Uhr
Und ich tät endlich die Trübe Tasse kriegen! Lekker.
Aber ich kann leider nicht kommen…
#9 Wegschaffel . 21.01.10 . 21:39 Uhr
___JvS Jaja, und dabei die ganze Zeit rumtwittern. NeeNee.
#10 Wegschaffel . 21.01.10 . 21:41 Uhr
Ihr Kürzel, ___JvS, erinnert mich grad so an FJS. Meiwarndaszeiten. Hundwarmascho. Langishergottseisgedankt.
#11 Paul-geht-baden . 29.01.10 . 00:44 Uhr
Lieber Herr von Staudach,
danke für Ihr freundliches Angebot. Ich hätte es gerne angenommen. Nach reiflicher Überlegung bin ich jedoch - aus ganz anderen Gründen zwar - zum selben Ergebnis gekommen wie Herr Wegschaffel: Es kann nicht sein. Denn eigentlich geht es bei dem Treffen nicht ums Biertrinken oder andere Nichtigkeiten, sondern um nicht weniger als Klarheit darüber zu gewinnen, ob Wegschaffel und ich nicht nur Brüder im Geiste, sondern echte Verwandte sind, Zwillinge vielleicht gar, von derselben Mutter geboren, aber von einem grausamen Schicksal früh auseinander gerissen. Mit anderen Worten: um Familienangelegenheiten. Man weiß es nicht, aber vielleicht kommt es zu emotionalen Szenen, vielleicht fließen Tränen, vielleicht liegen wir uns, überwältigt vom Bedauern über die lange, unmenschliche Trennung, irgendwann selig in den Armen (und Wegschaffel fragt dann vielleicht: “Arbeitest du mit Gewichten?”). Sie haben sicher Verständnis dafür, lieber Herr von Staudach, dass man es vorzieht (bitte, beachten Sie die unpersönliche Formulierung: reine Schüchternheit!), solche Momente unbeobachtet von Dritten zu durchleben. Beim nächsten oder übernächsten Mal - falls nicht alles ein schrecklicher Irrtum ist - sind Sie aber auf jeden Fall dabei. Versprochen.
Mit den besten Wünschen,
Ihr sehr ergebener Paul geht baden
P.S. JvS, FJS, versteh’ ich nicht. Genauso “Hundwarmascho”. Im LIedgut heißt es doch “Everybody wanna pass as cats”… Muss ich nachfragen.