Von von unten
Leben . 17:55 Uhr
Familien schlendern die Königsstraße hinauf. Schüler treiben sich in den Königsbau Passagen herum oder tauschen blöde Weihnachtsgeschenke um. Ein junges Mädchen trägt dicke Kopfhörer über einer dicken Wollmütze. Sagen Jugendliche heute eigentlich noch “cool”? Es gibt modische Gummistiefel mit Absätzen für über 100 Euro. Eine Muslima trägt ein Kopftuch mit passendem Muster dazu. In rot, schwarz und weiß.
Alle stapfen durch den Schneematsch, mit Turnschuhen, Gummistiefeln oder Anzugschuhen. Um Weihnachten gibt es sogar im Stuttgarter Westen genügend Parkplätze, weil alle wegfahren und manche dahin, wo sie herkommen. Nach Tuttlingen, Heidelberg oder Ochsenhausen. Stuttgart: Nabel Schwabens - an Feiertagen leer.
Wer nach Tagen sein Auto freiräumt, wirft frischen, weißen Schnee auf Schneematsch, den es in allen Formen gibt. Glatt, gehäuft und gequetscht.
Plötzlich stehen an den Häuserecken provisorische Schilder, die vor Eiszapfen und Dachlawinen warnen. Wann hat es das in Stuttgart das letzte Mal gegeben?!
Auch jetzt noch lassen einige Straßencafés ihre Tische und Stühle draußen stehen und legen Faserpelzdecken dazu. Menschen sitzen davor in der irrigen Hoffnung, dass sie bei 1-2°C gemütlich Kaffee trinken und rauchen können. Warum brauchen die Menschen in Deutschland diese mediterrane Illusion? Warum erfreut sich niemand am Schneematsch? Schneematsch ist doch realistischer als dieser romantisierende weiße Schnee. Die Welt ist nicht schwarz-weiß, sondern grau, in allen Schattierungen, mit Höhen und Tiefen, Klippen und Seen, Hindernissen und Glatteis. Schnee ist doch unrealistisch - mit seinem schönen Getue!
Starbucks ist auch nur eine Art Jugendhaus für gut aussehende Überdreißigjährige, wo sie einen Kaffee trinken und dann stundenlang rumhängen. Dagegen ist die Holanka-Bar im Wittwer das Fachschaft-Büro ehemaliger Studenten der 68er-Generation.
Nach Tagen um den Gefrierpunkt, zwischen mehrmaligem Geschmolzensein und Wiedergefrieren, wird der Schneematsch grobkörnig-kristallin und silbrig-braun. Wie edel raffinierter Bio-Rohrzucker.
Karibische und ostasiatische Touristen lassen sich vor den letzten geschmückten Weihnachtsbäumen im Königsbau fotografieren. Vor der Notapotheke ist eine kleine Schlange. Der Trottwar-Angestellte verkauft sein letztes Exemplar an eine gutmütige Frau. Dann hat auch er Feierabend. Um 14.14 Uhr am 31.12.2010.
Um die Ecke liegt ein Haufen Schneematsch. Bereit zum Dahinschmelzen im neuen Jahr.
Von Nordrandbewohner
Leben, Befindlichkeiten . 15:29 Uhr
Man nehme einen oder mehrere Angehörige einer zumindest gefühlten Randgruppe. Würze mit mehreren, Bedauern hervorrufenden, Adjektiven und garniere mit einem Schuss Gesellschaftskritik, wobei ein gehöriges Stück Betroffenheit nicht fehlen darf.
Eine zur Nachdenklichkeit anregende Kunstpause, … fertig.
So wie der Drehorgelspieler mit seinem Affen da oben steht, von unten betrachtet immer dieselbe Leier.
Ich mag diese Leier, gäbe es sie nicht, sie würde mir fehlen.
Grüße vom Nordrand
Von von unten
Leben . 12:57 Uhr
Schneekinder
Eine Gruppe Kindergartenkinder fährt im 9-Sitzer-Großraumkinderwagen durch die Arnulf-Klett-Passage. Sie sind von ihren Mammis so dick in Winterjacken, Wollschals, Handschuhen und Mützen eingepackt, dass sie gar nicht umfallen können, höchstens wegrollen. Aber deswegen müssen sie sich auch zu zweit festhalten - damit sie nicht wegrollen, wenn sie ausrutschen. Ihre Bäckchen leuchten rot und fröhlich schauen sie aus dem, was Schal, Mütze und Jacke von ihrem Gesicht übrig gelassen haben. Gleich gehen sie in den Park. Sie freuen sich darüber wie die Schneekönige.
Schneematsch
An einer Lichtsignalanlage drängen sich die Menschen nah an die Hauswand, was sich von selbst erklärt, als ein Auto im Vorbeifahren den Schneematsch auf die Hosenbeine spritzt.
Schneebogen
Letzte Woche war in Tübingen ein kristallklarer Schneebogen zu sehen, als die Sonne schien und es anfing zu schneien.
Schneepolitik
Wenn der Schnee der DDR-Sozialismus ist, weil er alles leise und gleich macht; wenn das Gewitter die Diktatur ist, weil sie Angst verbreitet; wenn der Kapitalismus der Regenguss ist, weil er alles überschwemmt und trotzdem Menschen ertrinken lässt; was ist dann der Sonnenschein?
Von Nordrandbewohner
Kultur, Leben . 18:00 Uhr
Es wurde immer notwendiger, dass endlich etwas getan wird. Generationen von Kindern haben gelitten und unzählige Rentiere wurden malträtiert. Endlich ist die Bewegung, die ihn aufhalten wird, auch in Stuttgart angekommen.
Seine scheinbares Nettsein soll nur darüber hinwegtäuschen, dass er in Wahrheit ein Teil des Unterdrückungs-Apparates ist.
Steht auf!
Wehrt euch!
Stoppt Santa Claus!