Von Josh von Staudach
Stuttgart 21 . 19:14 Uhr
An die Geschäftsführer im Turmforum Frau Heike Jünemann und Herrn Jürgen Friedmann:
Auf Ihrer Internetseite http://www.das-neue-herz-europas.de/bauen_umwelt/baulogistik/default.aspx wird u.a. behauptet: “Um im Zentrum Stuttgarts einen optimalen und wirtschaftlichen Bauablauf zu garantieren und Schmutz und Lärmemissionen sowie Verkehrsbeeinträchtigungen auf ein Minimum zu reduzieren, wurde ein maßgeschneidertes Baulogistikkonzept entwickelt.” Weiter unten heißt es: “Ein direktes Heranführen der Güterzüge an die Baustellen im Gebiet A1 scheidet aus, da dies im ohnehin stark ausgelasteten Gleisvorfeld zu einer erheblichen Behinderung des Personenverkehrs führen würde.”
Auf Luftbildern sehe ich (siehe Anhang), dass es eine direkte Gleisverbindung zwischen dem Baugelände A1 und dem Nordbahnhofgelände gibt bzw. gab, ohne Weichen oder Kreuzungen, ohne besondere Steigungen. Soweit ich informiert bin, war diese auch als solche direkte Verbindung gebaut worden, als der Güterverkehr noch in Betrieb war. Mittlerweile sind einige Schienen abgebaut worden. Warum und in welchem Auftrag konnte ich noch nicht herausfinden.
Zudem zeigt eine Grafik (auf Ihrer Website: http://www.das-neue-herz-europas.de/bauen_umwelt/baulogistik/nordbahnhof/default.aspx), die schon etwas älter sein muss (weil darauf noch nicht alle LBBW Bauten eingezeichnet sind) ein kleines Gleisfeld im Bereich des jetzigen Südleasing-Gebäudes (siehe Anhang, blauer Pfeil).
Dazu nun verschiedene Fragen an Sie:
1.1. Für welchen Zweck war dieses Gleisfeld vorgesehen, wenn nicht für die Baulogistik?
1.2. Zu welcher Zeit war das und wann und von wem wurde das geändert?
1.3. Wieso sprechen Sie von Behinderung des Personenverkehrs, wenn dessen Gleise überhaupt nicht benutzt, gekreuzt oder sonstwie tangiert werden?
Die Entfernung zwischen Südleasing-Gebäude und Nordbahnhof beträgt lediglich ca. 3 km. Wenn schon keine Eisenbahn eingesetzt werden sollte, wäre es doch überhaupt kein Problem, diese Distanz mit Förderbändern zu überwinden. Im Braunkohletagebau überwindet man viel größere Entfernungen mit größeren Mengen Abraum.
2.1. Ist die Möglichkeit von Förderbändern in Erwägung gezogen worden?
2.2. Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wer hat sich dagegen entschieden und warum?
Laut lokaler Presse soll es bis zu 2400 LKW-Fahrten pro Tag geben. Mir als interessiertem Bürger erscheint es als die denkbar schlechteste Lösung, LKW (die ja zudem be- und entladen werden müssen) auf einer so kurzen Strecke einzusetzen.
3.1. Wieviele einzelne LKW werden eingesetzt?
3.2. Wer setzt diese LKW ein? (Bzw. wer ist der Besitzer der Fahrzeuge?)
3.3. Wie werden diese beladen, automatisch von Verteilanlagen oder ‘manuell’ von Baggern?
3.4. Wie kommen Sie darauf, (indirekt) zu behaupten, dass LKW weniger Schmutz und Lärm emittieren als Eisenbahn oder Förderbänder?
3.5. Gibt es eine Berechnung, wie ökologisch die LKW im Vergleich zu Eisenbahn oder Förderband abschneiden? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, wer hat diese bauftragt und wo ist diese einzusehen?
Es ist doch Ihre eigentliche Aufgabe, Stuttgarter Bürger möglichst umfassend zu informieren. Dafür wurde das Turmforum eingerichtet, dafür werden Sie bezahlt (direkt und indirekt aus unseren Steuergeldern, soweit ich weiß). Deshalb richte ich diese Fragen auch an Sie, da Sie als Verantwortliche für das Turmforum sicher genau wissen, von wem Sie die passenden Antworten bekommen können. Ich möchte mich also nicht mit einem Verweis an andere Stellen zufrieden geben, bitte sammeln Sie diese Infos für mich und die Leser und aktualisieren Sie ggf. Ihre Veröffentlichungen.
Vielen Dank und freundliche Grüße
#1 Nordman . 16.04.09 . 10:15 Uhr
Für welchen Zweck war dieses Gleisfeld vorgesehen, wenn nicht für die Baulogistik?
Das würde ich für Reste des ehemaligen Güterbahnhofes halten, resp. für die Reste der ehemaligen Expressgutanlage. Diese Gleise sind nur länger liegengeblieben als andere und deshalb wohl mit auf den Plan geraten.
NM
#2 Josh von Staudach . 20.04.09 . 18:49 Uhr
ANTWORT per Email am 19.04.2009, 13:09 Uhr
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Sehr geehrter Herr von Staudach,
vielen Dank für Ihren Brief vom 14. April 2009.
Die Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens mit Stuttgart 21 als Teilprojekt des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm ist im Wesentlichen planfestgestellt. Der politische Wille, das Großbauvorhaben zu realisieren, ist durch den Abschluss der Finanzierungsverträge am 2. April 2009 bekräftigt. Alternativen, auch für den Bereich der Baulogistik, wurden in dem förmlichen Verfahren der Planfeststellung ausführlich erörtert. Das Ergebnis des Meinungs- und Willensbildungsprozesses liegt in verbindlicher Form vor. Die Planfeststellungsbeschlüsse wurden unter Abwägung der Interessen aller Träger öffentlicher Belange erteilt.
Die Baulogistik wurde schwerpunktmäßig im Planfeststellungsverfahren des Planfeststellungsabschnitts (PFA) 1.1 behandelt, für den am 28. Januar 2005 der entsprechenden Planfeststellungsbeschluss erlassen wurde. Diskussionen sowie Entscheidungen der Baulogistik beschäftigen sich hier für “Stuttgart-Mitte” übergreifend auch für die Abschnitte PFA 1.2 (Fildertunnel), 1.5 (Zuführung Feuerbach und Bad Cannstatt) und 1.6 (Zuführung Ober- und Untertürkheim sowie Abstellbahnhof Untertürkheim). Die entsprechenden Inhalte finden Sie auf den Seiten 213ff. (Varianten der Baulogistik) und S. 235ff. (Raumordnerische und kommunale Belange). Der Beschluß ist online einsehbar im Intenet auf den Seiten des Eisenbahnbundesamtes (www.eba.bund.de) in der Infothek unter dem Punkt “Planfestellung” sowie ergänzend auch unter www.das-neue-herz-europas.de.
Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm befindet sich zurzeit im Übergang von der Projektphase in die Realisierungsphase. Details zur Baulogistik ergeben sich erst aus der jetzigen Ausführungsplanung sowie aus Ausschreibungen und Vergaben. Die Deutsche Bahn AG baut nach geltendem Recht auch unter Einhaltung der Regelungen und Bestimmungen der Planfeststellungsbeschlüsse.
Allgemeine Informationen zu Bauablauf und –logistik vermittelt Ihnen die bekannte Ausstellung zum Bahnprojekt im Turmforum im Stuttgarter Hauptbahnhof, die kostenlos täglich von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, jedermann offen steht. Aktuelle Informationen zum Projekt finden Sie zudem im Internet auch unter www.das-neue-herz-europas.de.
Mit freundlichen Grüßen
Redaktion TURMFORUM
Bahnprojekt
Stuttgart-Ulm
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Turmforum Bahnprojekt Stuttgart-Ulm e.V.
im Hauptbahnhof
Arnulf-Klett-Platz 2
70173 Stuttgart
Telefon +49 711 209 22 92-0
Telefax +49 711 209 23 72 9
#3 Josh von Staudach . 20.04.09 . 18:59 Uhr
Es wird im Turmforum also auch Sonntags gearbeitet, Respekt! Was meinen denn nun die Freunde der Quellenangabe zu dieser Antwort? Eine professionelle Redaktion darf abstrakt auf Quellen verweisen, ohne auf eine einzige meiner Fragen direkt im eigenen Wortlaut einzugehen? Nun gut, ich habe mir die Mühe gemacht und etliche der 389 Seiten durchgelesen. Es ist wohl so, dass die Alternativen ‘beleuchtet’ wurden, aber warum sie verworfen wurden, bleibt einigermaßen schleierhaft. Genau darauf kam es mir aber an. Die Quelle, auf die das Turmforum verweist, verweist nämlich auf eine weitere Quelle, die zunächst nicht einsehbar ist. Was ist das für ein ‘Verwirr-Spielchen’? Ich frage also nach:
#4 Josh von Staudach . 20.04.09 . 19:01 Uhr
EMAIL an Turmforum am 20.04.2009, 18:48
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Sehr geehrte Redaktion,
zunächst vielen Dank für Ihre Antwort.
Sie verweisen auf PFA 1.1 Seite 213 ff. Da steht u.a.: “Die Überlegungen der Vorhabenträgerin zur Baulogistik sind im Erläuterungsbericht Teil III, Kapitel 1.7 und in der Anlage 13 dargestellt.” / “Jedes dieser Transportmittel hat für sich unterschiedliche Vor- und Nachteile, die im Erläuterungsbericht beschrieben sind (Erläuterungsbericht Teil III, Kapitel 1.7, S. 21ff.) und am 08.04.2003 erörtert wurden (Protokoll vom 08.04.03, S. 977ff.).” / “Nach Prüfung verschiedener denkbarer Standorte (Erläuterungsbericht Teil III, Kapitel 1.7, S. 27ff.) kommt die Vorhabenträgerin zutreffend zu dem Ergebnis …”
Sind diese Dokumente:
- Erläuterungsbericht Teil III (Kapitel 1.7)
- Anlage 13 (von was?)
- Protokoll vom 08.04.2003
öffentlich einsehbar? Wenn ja, wo? Wenn nein, warum nicht?
Freundliche Grüße
#5 Josh von Staudach . 26.05.09 . 17:24 Uhr
ANTWORT per Email am 22.04.2009, 10:18 Uhr
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Sehr geehrte Herr von Staudach,
vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihrem Interesse am Bahnprojekt Stuttgart-Ulm.
Die Dokumente sind einsehbar bei der Planfesstellungsbehörde, zuständig ist das Eisenbahn-Bundesamt: http://www.eba.bund.de/cln_016/nn_2...
Mit freundlichen Grüßen
Redaktion TURMFORUM
Bahnprojekt
Stuttgart-Ulm
Jürgen Gisselbrecht
Online-Redakteur
#6 Josh von Staudach . 26.05.09 . 17:28 Uhr
Nun muss ich diesen Vorgang endlich mal wieder ergänzen. Zwischenzeitlich war ich im Eisenbahnbundesamt (sehr schönes Gebäude, freundliche Mitarbeiter!) und habe zig Seiten der umfangreichen Unterlagen (mit Erlaubnis) abfotografiert, sodass ich jederzeit nochmal nachlesen konnte. Auch für die Leser hier würde ich bei konkretem Interesse gerne ein paar Passagen zitieren. Zunächst aber weiter in der Korrespondenz mit dem Turmforum …
#7 Josh von Staudach . 26.05.09 . 17:34 Uhr
An die Geschäftsführer Frau Heike Jünemann und Herrn Jürgen Friedmann:
Am 14.04. schrieb ich Ihnen meinen ersten offenen Brief, den Sie am 19.04. beantworten ließen. Die Antwort bestand im Wesentlichen aus Textbausteinen und den Verweisen auf andere Quellen. Das halte ich nicht unbedingt für eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit.
Es drehte sich inhaltlich um die Baulogistik. Meine kritischen Fragen beschäftigten sich mit dem Pro und Contra des Abraumtransports mittels LKW statt Förderbändern. Hierzu wurde ich auf den Planfeststellungsbeschluss 1.1 verwiesen, worin wiederum auf einen Erläuterungsbericht Teil III verwiesen wird. Diese Quelle ist nicht online zugänglich, sondern man muss dazu persönlich beim hiesigen Eisenbahnbundesamt recherchieren!
Insgesamt lässt sich feststellen, dass solch ein hunderte Seiten langer Planfeststellungsbeschluss (PFA) eine mühselig strukturierte Ansammlung relativ willkürlicher Aussagen darstellt. Bei entscheidenden Passagen wird kurzerhand auf andere Kapitel oder Ergänzungen verwiesen. Ein Leser, der das nur oberflächlich anschaut, wird keine Zusammenhänge erkennen können und keine Erklärungen oder gar Antworten auf wichtige Fragen finden.
Rechtlich ist es so, dass das Eisenbahnbundesamt (EBA) lediglich zu prüfen hat(te), ob das Vorhaben der Bauherrin Deutsche Bahn AG in Bezug auf Regeln und Gesetze nicht zu beanstanden ist. Eine Zustimmung des EBA stellt also keinerlei Aussage darüber dar, ob das Projekt (und Teile daraus) sinnvoll sind oder nicht. Die Vorhabenträgerin DB AG kann demnach ziemlich willkürlich entscheiden, was sie tun will, solange sie keine bestehenden Regeln verletzt, darf aber unter Umständen neue Regel aufstellen (bspw. wegen der Neigung des gesamten Bauwerks, aber das ist ein anderes Thema).
Folgerichtig ist in den Unterlagen (die Sie mir als Quellen genannt haben) keine Antwort auf meine Fragen zu finden. Bspw. heißt es im Erläuterungsbericht Teil III, 1.7, Seite 21 lapidar: “Der LKW gilt gemeinhin als das flexibelste Transportmittel, da sowohl auf Änderungen bei den Transportzielen als auch auf Schwankungen bei den Transportfrequenzen kurzfristig reagiert werden kann.” Das ist weder eine fundierte Untersuchung noch ein faktischer Vergleich, sondern nur eine (ich benutze gern das Wort:) willkürliche Mutmaßung, die den speziellen hiesigen Fall nicht berücksichtigt. Auf Seite 24 wird dann die Alternative “Bandförderanlage” besprochen. Es werden (wieder willkürlich ohne faktische Belegung) ein paar Nachteile aufgelistet. Dass diese Nachteile aber auch für die Bandförderanlage, die am Fildertunnel verwendet werden soll, gelten würden, wird geflissentlich übergangen. Wer aber am Tunnelausgang ein Förderband einsetzen kann, sollte das doch auch zum weiteren Transport auf eine Halde im Nordbahnhof einsetzen können, meinen Sie nicht? Fazit: Auf wenigen Seiten wird mit ein wenig umständlichem Text darüber entschieden, wie stark wir Stuttgarter Bürger mit Staub und Lärm belastet werden.
Es gibt also im PFA und seinen Ergänzungen keinen sachlichen, faktischen und damit nachvollziehbaren Vergleich der von der Vorhabenträgerin selbst genannten Transportmittel, weder hinsichtlich der Volumenbewältigung, noch hinsichtlich dem Energieeinsatz und schon gar nicht hinsichtlich der Emissionen. Nun könnten Sie entgegnen, dazu sei ein PFA auch gar nicht gedacht. Dann aber wäre es doch an Ihnen, Herr und Frau Geschäftsführer/in, diesen Vergleich aufzustellen und Fragen zu beantworten! Mindestens 67.000 Stuttgarter Bürger und ich warten darauf, bitte.
Freundliche Grüße
Josh von Staudach
Kopie an Herrn Konstantin Schwarz von den Stuttgarter Nachrichten. Nebenbei die Frage an Sie als Experte zum Thema S21, Herr Schwarz: Haben Sie schon mal das EBA besucht und die Unterlagen eingesehen?
#8 Thomas Beck . 03.06.09 . 19:29 Uhr
Das EBA konnte meinen Freunden keine Auskunft über den unterirdischen Gleisverlauf in Degerloch erteilen. Vielleicht hat das Personal auch Maulkörbe verpasst bekommen. Meine Freunde haben daraufhin vom Kauf eines Hauses dort abgesehen. Die Ahnungslosigkeit in der Bevölkerung zu diesem Thema ist besorgniserregend. Wenn S 21 wenigstens eine gute Sache wäre. Nach meiner Überzeugung verringert das politisch gewollte Projekt die Kapazität im Bahnverkehr drastisch.