Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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19 04.07

Paul geht baden. Teil 3: Neckarlust

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 02:20 Uhr

Es gibt eine Menge Theorien darüber, worauf die besondere Affinität des Schwaben zum Wasser zurückzuführen ist. Der populärsten von ihnen zufolge, die in fast jedem Reiseführer nachzulesen ist, stammen die Schwaben von Außerirdischen ab, die auf der Suche nach Wasser auf die Erde gekommen sind (genauer Landeplatz leider nicht bekannt, aber jedenfalls hier in der Gegend) und es irgendwie nicht zurückgeschafft haben in ihre Heimatgalaxie (wobei die verführerische Schönheit der Schwäbinnen je nach Quelle mal mehr, mal weniger betont wird) - wie in dem Film mit David Bowie, der diese altschwäbische Sage, die schon in mittelalterlichen Handschriften nachweisbar ist, nach Amerika, glaube ich, transponiert. Ziemlich schräg das alles, aber Paul findet es gar nicht so schlecht: “Hat doch was… die nächsten Verwandten von irgendwelchen Monstern aus dem All. Und es würde vieles erklären!” Typisch Paul, immer gut gelaunt, immer aufgeschlossen, immer zu allem bereit (nur nicht, richtig zu arbeiten, wenn ich das hier mal bemerken darf). Paul fände es wahrscheinlich auch noch irgendwie “spannend”, wenn er als extraterrestrischer Glibberklumpen feucht glitzernd durch die Bismarckstraße in Richtung Leipziger Platz glitschen würde. Fragt sich aber natürlich, ob man unter diesen Umständen bei der Stadt noch bereit wäre, ihn weiter als Standort-Ikone zu beschäftigen (wäre auch interessant zu sehen, wie sich der Personalrat zu der Sache stellen würde). Oder ob z.B. der Obst- und Gartenbauverein, in dem Paul erst kürzlich vor den Mitgliedern bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen einen kleinen Vortrag zum Thema “Kaiserkrone und Wühlmaus” gehalten hat, mit einer unförmig-schleimige Masse noch gern vereinskameradschaftlichen Umgang pflegen würden (obwohl man natürlich sagen muss, dass gerade der Gärtner mit der Gießkanne segensreich für den verwandelten Paul wirken könnte, insbesondere an trockenheißen Tagen, wie man sich denken kann). Aber gut, lassen wir die Vorstellung von Paule als Aule (’tschuldigung, konnte einfach nicht widerstehen) hinter uns und kehren zur wirklich bemerkenswerten schwäbischen Hydrophilie zurück. Es gibt, wie gesagt, keine vernünftige Erklärung dafür, die sog. “Beweise” für die kurrenten Theorien sind, selbstverständlich, alle nicht wasserdicht. Mit andern Worten: Es ist mehr oder weniger alles Unsinn, was da zusammenfantasiert wird. An der Tatsache selbst gibt es aber keinen Zweifel, man kann sie nur (vielleicht noch) nicht erklären. Man kann von Paul ja halten, was man will, aber eines lässt sich wohl nicht bestreiten: Er ist der idealtyische Schwabe, aber eben nicht als bloße Denkfigur oder als Karikatur, sondern als lebender Mensch, mitten unter uns (Respekt, dass die Human-Resources-Knechte von der Stadt das beim Vorstellungsgespräch offenbar sofort erkannt haben). Und als solcher fühlt er auch den schwäbischen Drang zum Wasser exemplarisch in sich wirken. Das ist echt stark. Ich habe ja schon von den Badeexzessen berichtet, denen sich Paul in den Mineralbädern der Stadt hingibt. Und wenn er den seidigen Wassern denn endlich entstiegen ist, führt ihn sein erster Weg oft gleich wieder ans Wasser. An den Neckar, den geliebten Herzensfluss. Paul kennt jeden Kilo-, auch was sag’ ich: jeden Meter des Flusses von der Quelle bis zur Mündung. Er hat ihn mit Ruder- und Paddelbooten, mit Flößen, mit Ausflugdampfern, auf Lastschuten und einmal sogar an Bord einer Art Kanonenboot der Binnenland-Marine (Patrouillenfahrten auf allen großen deutschen Flüssen) befahren. Er ist, natürlich, auch im Neckar geschwommen, hat am Fischerstechen teilgenommen und an den Ufern des Flusses campiert und sich vom Rauschen des Wassers in den Schlaf und überirdisch angenehme Träume wiegen lassen. Paul kennt sie, die romantischen Plätzchen entlang des Flusses, wo Küsse schmecken wie - ja, wie eigentlich?, und die Uferstrecken, wo, wie Paul es einmal ausgedrückt hat, “Naturlust und ästhetisches Interesse nicht im vordersten Vordergrund stehen” (is’ ‘ne lebende Imagebroschüre, der Kerl). Um auf die Küsse zurückzukommen: Mit wie vielen “Pauletten”, wie Paul pauschal seine “aktiven” Freudinnen nennt (nebenbei: die verflossenen heißen bei ihm aus verquerer Lust am Sonderbaren nicht “Ex-”, sondern “Epauletten”; er ist echt ein Spinner; und der ganze zwanghafte Don-Juanismus, dem er frönt - das muss ich jetzt auch noch loswerden - ist in meinen Augen nichts anderes als Unreife) — mit wie vielen von ihnen hat er nicht am Fluss gelagert, selbstvergessen vereint in der Beobachtung graziler Insekten oder faszinierender Wasservögel mit ihrem gewachsten Gefieder, an dem das Wasser einfach abperlt. Alles auch Lieblingsplätze, klar, aber am meisten liebt Paul doch die Stelle in Cannstatt, wo das Flussbett sich stark verbreitert und der letzte Fährmann vom Morgengrauen bis zur Dämmerung seinen Dienst versieht. Ganze Vor- oder Nachmittage verbringt Paul an Bord des Kahns, der an einem über den Fluß gespannten Seil von der Strömung ans andere Ufer gezogen wird. Auf die Reling gelehnt lässt er sich hin- und her- und her- und hinfahren, versunken ins Fließen unter seinen Füßen, untätig, glücklich: ein Schwabe in seinem Königreich.

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10 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 3: Neckarlust

#1 Promisc . 19.04.07 . 08:51 Uhr

Köstlich *breitgrins*

#2 Christian . 19.04.07 . 09:47 Uhr

schön zu lesen - und interessante Gedankengänge.

#3 12 . 19.04.07 . 10:04 Uhr

In Gedanken an den Spätzlescowboy: Dronda am Neckar…

#4 Martin Hiegl . 19.04.07 . 14:13 Uhr

Schöne Artikel, aber bitte … BITTE … mach ein paar Absätze rein!

#5 Wegschaffel . 19.04.07 . 15:56 Uhr

Ich bin ja gerade auf der Suche einem Namen für meine neue Kapelle und “Paul geht baden” würde mir spontan zusagen. Wollte gerade wg. Rechteübertragung in Verhandlungen mit Ihnen treten als ich leider feststellen musste, dass diese Wortpaarung von einer anderen Kapelle bereits medial ausgeschlachtet wurde.

Trotzdem: schöner Beitrag mal wieder. Und: Lassen Sie das ruhig mit den Absätzen. Es sieht so stückig aus dem Kopf rausgedacht aus und das passt scho.

#6 Herr S . 19.04.07 . 19:01 Uhr

Lassen Sie mal stecken, lieber Herr W. Dass Absätze etwas mit Gedanken zu tun haben und nicht in erster Linie das Zeilenzählen erleichtern sollen, gerät allmählich in Vergessenheit.

#7 kesselblick . 19.04.07 . 20:51 Uhr

Ich finds auch extrem amüsant und wahrscheinlich mit viel Schweiß im Angesicht erarbeitet. Weidder so!
Und Herr W. hat ja mal wieder genial gegoogelt…

#8 circulus . 02.06.07 . 01:16 Uhr

Da pflichte ich bei - quasi überall. Auch den Google-Fähigkeiten von Wegschaffel: ich kenn doch tatsächlich diese Bravo noch im Original! (Hätt’ ich sie nur aufgehoben). Welch Freude, das als alter Beatle-Fan (ohje, jetzt hab ich mich geoutet) mal wieder vor Augen zu haben … Nebenbei bemerkt sei noch, dass ich die alten Beatles-Filme auf DVD erstanden und angeschaut habe. Bemerkenswert wieviel nicht nur von deren Musik, sondern auch von den Filmen heute noch ‘verwurstet’ wird …

Und @’Paul-geht-baden’: Stammt Ihr Pseudonym nun tatsächlich aus der Bravo - oder wie ist es entstanden? Bekomme(n) ich/wir Aufklärung (oder hab nur ich die verpaßt)??

#9 Paul-geht-baden . 03.06.07 . 22:02 Uhr

Danke, Circulus, für die - weil da ‘ne Welle drin ist, sag’ ich mal: Gewogenheit. Nein, aus der Bravo (von 1965! Wegschaffel ist schon ‘ne Granate) stammt Paul-geht-baden nicht. Und auf Ihre weitergehende Frage antworte ich mit einer rhetorischen (heißt, ohne unhöflich sein zu wollen: ich will die Antwort gar nicht wissen) Gegenfrage: Warum nennen Sie sich Circulus? Warum nennen Popbands sind ‘17 Pygmies’ (super, wie ich finde) oder ‘Death Cab For Cutie’ (wie ich das finden soll, weiß ich nicht so recht)? Man nimmt eben ‘was, was man selber cool findet. Und hofft darauf, dass das auch bei anderen gut ankommt. Mehr kann ich Ihnen dazu leider nicht sagen.

#10 Paul-geht-baden . 03.06.07 . 22:03 Uhr

…Popbands sich (statt: sind) …

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