Von Der Flaneur
Vermischtes . 15:25 Uhr
Der französische Fotograf Brassaï streifte durch das Paris der 20er und 30er Jahre und trug in zwanzigjähriger Arbeit die Graffiti der Stadt zusammen.
Er fand die Geburt des Menschen, sah Masken und Gesichter, fand Tiere, Liebe, Tod und Zauberei, entdeckte primitive Bildnerei.
Und er hörte die “Sprache der Wand”: “Rette mich, nimm mich mit, denn morgen bin ich nicht mehr da!”
Was finden WIR heute in unseren Städten?

Dieses wunderbare “Feuerwerk der Herzen” zierte einst ein graue Wand in der Wannenstraße …

… heute sieht es hier so aus.

Vielleicht noch tragischer: oberhalb des Südportals des Schwabtunnels konnte man bis vor kurzem noch einige - wie ich glaube - *”echte Naegelis” bewundern.
Leider sind mir nur ein paar skizzenhafte Fotos erhalten, ich wollte zum Fotografieren wiederkommen.

Zu spät! Heute sieht es hier so aus!
“Rette mich, nimm mich mit, denn morgen bin ich nicht mehr da!”
*Harald Oskar Naegeli wurde als Sprayer von Zürich Ende der siebziger Jahre weltweit bekannt.
Unvermittelt und stets überraschend tauchten seine Strichfiguren im Stadtraum auf - auch in Stuttgart.
#1 Flakfritz . 03.12.08 . 16:59 Uhr
Die Graffiti stehen lassen bringt aber auch nichts.
So wurde unser Gartenhäuschen vor ca. 5 Jahren mit einem Graffiti versehen.
Die Aufregung war groß, das Geschmiere sollte weg, jedoch, der Schwabe frage sich wer zahlt und die Kunst blieb, zumal es eigentlich ganz passabel aussah.
Inzwischen sind bereits 3 Variationen von Dantes Inferno übergesprüht worden, es sieht nur noch sch…. aus, jedoch ist mir klar geworden, dass ich mir das Geld für die Farbe sparen kann.
Eigentlich dachte ich immer, dass es bei den Sprayern so eine Art Kodex gibt, wonach man sich nicht gegenseitig übersprüht aber der Sittenverfall lässt wohl auch die Subkulturen nicht aus.
#2 U. . 03.12.08 . 17:11 Uhr
Diese “Naegelis” sind aber nun wirklich nicht erhaltenswert. Wenn du sie so vermisst, kannst du die jederzeit selber wieder hinspruehen… Kunst kommt von Können, und das kann wirklich jeder…
#3 MC . 04.12.08 . 00:08 Uhr
Wir sind halt Stuggi und nicht Zürich:
Eines seiner letzten erhaltenen Strichmännchen aus seiner Zürcher Zeit, den weiblichen Wassergeist Undine an der Fassade des Deutschen Seminars in der Schönbergstrasse, liess der Kanton Zürich 2004 restaurieren und konservieren. Das illegal entstandene Graffito sprühte Naegeli 1978 an die damalige Betonwand des Physikinstituts. Nach einem Umbau 1995 stufte die kantonale Baudirektion diese Sprayerei als erhaltenswert ein und schützte sie mit einer Holzabdeckung. Nun, mit der Konservierung von Undine, rehabilitiert die Stadt Zürich Harald Naegeli und bezeichnet seine «Schmiererei» als Kunst und Naegeli als Künstler.
…Wikipedia….
#4 Herr S . 04.12.08 . 15:07 Uhr
Wir sind halt Stuggi und nicht Zürich
Das ist zwar fraglos richtig, heißt in dem Zusammenhang aber nicht allzu viel: Das Gericht, das diese Kunst resp. den Künstler ein paar Jahre vorher mit Gefängnis- plus Geldstrafe bedachte, stand ebenfalls in Zürich und sprach sein Urteil mithin im Namen dessen Volkes. Also nur kein Neid.
#5 Wegschaffel . 04.12.08 . 18:47 Uhr
Das Gericht, das diese Kunst resp. den Künstler ein paar Jahre vorher mit Gefängnis- plus Geldstrafe bedachte, stand ebenfalls in Zürich
…was, lieber Herr S., in dieser Abfolge doch eindeutig für Zürich spricht. Andersrum wärs deutlich schlimmer.
#6 Herr S . 05.12.08 . 02:06 Uhr
So rum habe ich das gar nicht bedacht. Wobei die Variante was hat: erst über den grünen Klee und den Schellenkönig loben plus Medaillen verteilen, anschließend ab zum Tütenkleben plus fette Rechnung und so. (Unter uns gesagt: zu diesem hinterfotzigen Bergvolk würde das eigentlich gut passen.)
#7 circulus . 05.12.08 . 23:55 Uhr
Ohje, das arme Gartenhäuschen! Ich wußte gar nicht, dass Gartenhäuschen-Inhaber auch bloggen (können). Sicher nur ein Vorurteil.
Kein Vorurteil ist die Ansicht, dass Kunst von Können komme. Das ist so ziemlich der dämlichste und inkompetenteste Spruch, den Banausen ins Feld führen, wenn sie von nichts eine Ahnung haben. Herr oder Frau ‘U.’: es gibt bestimmt Menschen, die Ihnen ganz prima eins auf die Fresse hauen können — sind das dann echte Künstler?!?
#8 HelmHeld . 06.12.08 . 01:56 Uhr
Witzigerweise hat sich das Wort “Kunst” wirklich aus “können” entwickelt. Aber das ist ne Weile her und für ne aktuelle Diskussion wohl arg verjährt.
Was man sich aber bei so …”naiver”/unfertig wirkender Kunst immer mal wieder fragen kann: Hat sich der Künstler, Täter, Könner mit voller Absicht bzw. aus einem phantasievollen Trieb heraus für diese Art der Darstellung entschieden? Oder blieb ihm einfach keine Wahl, weil er zu mehr nicht imstande wäre.
Ungefähr an diesem Punkt fange ich dann an zwischen Künstler und Mäuerle-Kleckser zu unterscheiden.
sowas ähliches ist vielleicht auch dem Dosenschwinger in der Nähe der 40er (entlang der Zeppelinstraße, Haltestelle “Honoldweg”) druch den Kopf gegangen, als er die langweilige graue Wand gut sichtbar mit nem eleganten schlichten Schriftzug aufgewertet hat: “Ist Graffiti Kunst?”