Von Rote Socke
Vermischtes, Politik . 16:58 Uhr

Am 30.Juli soll es am Schlossplatz ein großes öffentliches Gelöbnis der Bundeswehr geben. Vorraussichtlich etwa 400 Rekruten und 1300 Militärpolizisten werden die Innenstadt belagern. Oder zumindest würden sie das wohl gerne, denn Widerstand ist schon angekündigt. Pazifisten, Antimilitaristen und Antiimpperialisten und alle anderen Bürgerinnen und Bürger die nichts von solchen Militärspektakeln halten, die es nicht einsehen dass die Landeshauptstadt dafür auch noch ettliche tausend Euro berappeln muss, und die nicht wollen das die mehr als 70% der Bevölkerung die gegen Auslandseinsätze sind schlicht übergangen werden lassen sich sicher nicht davon abhalten ihren Unmut zu äußern.
Die Bundesarmee (von Bundeswehr will ich hier nicht sprechen, denn mit einem einfachen Wehren, dem Verteidigen, hat diese Armee nichts mehr am Hut) braucht Kanonenfutter, und deshalb wurde der Etat für die Nachwuchswerbung letztes Jahr gleich mal verdoppelt, von 12 auf über 27 Millionen Euro. Daher auch die unsägliche Kooperationsvereinbarung unseres Kultusministeriums mit der Bundesarmee: Das Werben an Schulen soll noch effizienter, noch einfacher, noch umfassender werden.
Und damit die Leute sehen wie chick man angeblich in Uniform und mit Waffe in der Hand ausschaut gibts natürlich gratis dazu diese öffentlichen Militärspektakel. Dort werden dann fesche Jungs und Mädels, die mich irgendwie an Zombies erinnern, in Uniform einem Führer in strammster Haltung nachsprechen, im Stech- und Gleichschritt wie Hampelmännchen herumstolzieren und sich mit Befehlen wie “Die Augen gerrrrade aus!” auch noch sagen lassen wo sie hinzuschauen haben. Ich frag mich nur wer sich von sowas angesprochen fühlt? Da fällt mir dieser tolle Demospruch ein: “Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform!”
Als Vorgeschmack gibts am 10 Juli beim Kreiswehrersatzamt bereits den “Tag der Spezialeinheiten”, also eine Show der Soldatinnen und Soldaten die sich ganz besonders cool vorkommen.
Aber naja, immerhin gibts einige Leute die da was dagegen haben. Und da es garnicht wenige und auch recht unterschiedliche sind gibts auch gleich zwei Bündnisse, eines das eine Freidenskundgebung organisiert und eines welches von vornherein möglichst verhindern will das die Bundesarmee einmarschiert.
Übrigens: Das letzte öffentliche Gelöbnis gabs hier vor elf Jahren. Dank damaligem Protest seitdem nichtmehr. Also unabhängig davon ob das diesjährige Gelöbnis verhindert wird oder nicht, Protest lohnt sich!
Aber wahrscheinlich wird auch das medial wieder, wie am 12.Juni, den S21-Gegnern angeheftet. Ich kann mir jetzt schon die Schlagzeilen vorstellen “S21-Gegner verhindern Gelöbnis” oder, wenn beispielsweise jemand eine Wasserbombe auf einen künftigen Afghanistan-Krieger wirft in typischer BILD-Manier: “S21-Gegner greifen Bundeswehr an!”
Mehr Infos:
Gelöbnix-Stuttgart
Bundeswehrgelöbnis blockieren
#1 eric c. . 05.07.10 . 14:00 Uhr
also ich brauche dieses gelöbnis für mich persönlich auch nicht - aber dieses hippietum noch weniger…
was mich viel mehr stört ist, dass die stadt geld dafür ausgibt - aber für ein public viewing zur wm kein geld da ist…
#2 Ignaz Wrobel . 06.07.10 . 08:11 Uhr
Ich schau mir einfach mal an, was sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zum Thema Fahneneid getan hat und da finde ich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, folgendes:
„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“
(Wehrmachtseid ab 1934)
“Ich schwöre
Der Deutschen Demokratischen Republik, meinem Vaterland, allzeit treu zu dienen und sie auf Befehl der Arbeiter-und-Bauern-Regierung gegen jeden Feind zu schützen.
Ich schwöre
An der Seite der Sowjetarmee und der Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder als Soldat der Nationalen Volksarmee jederzeit bereit zu sein, den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen und mein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen.
Ich schwöre
Ein ehrlicher, tapferer, disziplinierter und wachsamer Soldat zu sein, den militärischen Vorgesetzten unbedingten Gehorsam zu leisten, die Befehle mit aller Entschlossenheit zu erfüllen
und die militärischen und staatlichen Geheimnisse immer streng zu wahren.
Ich schwöre
Die militärischen Kenntnisse gewissenhaft zu erwerben, die militärischen Vorschriften zu erfüllen und immer und überall die Ehre unserer Republik und ihrer Nationalen Volksarmee zu wahren.
Sollte ich jemals diesen meinen feierlichen Fahneneid verletzen, so möge mich die harte Strafe des Gesetzes unserer Republik und die Verachtung des werktätigen Volkes treffen.”
(Fahneneid der NVA 1962 - 1989)
„Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“
(Bundeswehr, Gelöbnisformel für Wehrpflichtige Soldaten)
Und da denke ich bei mir, wir sind auf dem richtigen Weg, zugegeben, vielleicht noch nicht am Ziele, aber doch auf dem Weg dorthin. Deshalb denke ich mir auch, etwas weniger Lärm tut es auch, denn
“Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren.”
(Kurt Tucholsky)
#3 Peter . 06.07.10 . 11:25 Uhr
Ich schließ mich ERIC C. an.
Mir persönlich ist es auch egal ob das Gelöbni sin Stuttgart oder sonstwo stattfindet!
Dass dafür Geld ausgegeben wird, naja…aber dafür weden die knapp 2000 Rekruten+Angehörige auch reichlich Geld in der City liegen lassen ;-) - Die Wirtschaft freut sich!
Ansonsten, wo kommt “die mehr als 70% der Bevölkerung die gegen Auslandseinsätze sind” her? kannst du das auch belegen?
IST DIE ZEIT GEKOMMEN UM EINFACH GEGEN ALLES ZU SEIN?
#4 PhilGrooves . 06.07.10 . 12:03 Uhr
“Antiimpperialisten” ist ja mein Lieblingswort aus diesem Beitrag.
@Eric Laut Aussage der Stadt würde ein Public Viewing zur WM mindestens eine halbe Million EUR kosten. Ich vermute spontan mal, dass das Gelöbnis nur einen Bruchteil davon kostet.
Ansonsten bringst du es auf den Punkt, Peter: Die gelangweilten Hippies aus den wohlhabenden Familien haben endlich wieder ein paar Anlässe um Revolution zu spielen.
#5 nick . 06.07.10 . 16:50 Uhr
Nun, in meinem erweiterten Bekanntenkreis kenne ich einen Jungen, der sich durch die beschriebenen Werbekampagnen hat anwerben lassen und sich für ein paar Jahre verpflichtet hat. Er hat keinen besonders hohen Schulabschluss und schon mehrere Ausbildungen abgebrochen, ist sehr frustriert. Und da ist die Perspektive! Bei der Bundeswehr sorgt der Staat ein Leben lang für dich, du kannst sogar den LKW-Führerschein machen und in den Uniformen sieht man eh cool aus.
Mit diesen Gedanken hat er seinen Dienst angetreten, und wollte schon in der ersten Woche totunglücklich wieder nach Hause gehen. Das Problem: Verpflichtet ist verpflichtet.
#2 PETER
IST DIE ZEIT GEKOMMEN UM EINFACH GEGEN ALLES ZU SEIN?
Ich würde sagen, es ist zum Glück die Zeit gekommen, wo man mehr über die Themen wissen will und die Dinge kritischer betrachtet. Ganz im Gegensatz zu solchen Positionen:
Mir persönlich ist es auch egal ob das Gelöbni sin Stuttgart oder sonstwo stattfindet!
#6 Peter . 06.07.10 . 18:44 Uhr
@ Nick:
Ich würde deinen Bekannten jetzt mal mal als Marketing-Opfer bezeichnen. Wer auf Werbeslogans hereinfällt, wird es übreall im Leben schwer haben. Kann man für ihn nur hoffen, es klingelt kein Vertreter an seiner Tür und verpricht ihm das grüne vom Himmel.
Ansosten, ja ich halte nichts von immer nur DAGEGEN. Wenn schon einer wegen den Kosten schreit: “Würden nicht so viel demonstriert werden, würde weniger Polizei von Nöten sein, somit weniger Kosten usw. usw….
Und für die, welche Gegen Auslandseinsätze sind: “Euch möchte ich mal hören, wenn die Afghanen, Iraker oder Afrikaner, welche unzumutbare Zustände in Ihrem Land haben nach Deutschland kommen”.
Dann seit ihr doch die ersten die wieder schreien…die Kosten Geld, nehmen arbeit weg, treiben die Kriminalität hoch, SCHIEBT SIE AB usw. usw. ;-)
#7 Frau Doktor . 06.07.10 . 19:03 Uhr
@Peter: Gegen Rechtschreibung, korrekte Kommasetzung und Satzbau sowie stringente Argumentation und allgemeine Verständlichkeit, da sind sie aber TOTAL DAGEGEN?
#8 Nordrandbewohner . 06.07.10 . 19:27 Uhr
Aber wahrscheinlich wird auch das medial wieder, wie am 12.Juni, den S21-Gegnern angeheftet. Ich kann mir jetzt schon die Schlagzeilen vorstellen “S21-Gegner verhindern Gelöbnis” oder, wenn beispielsweise jemand eine Wasserbombe auf einen künftigen Afghanistan-Krieger wirft in typischer BILD-Manier: “S21-Gegner greifen Bundeswehr an!”
in typischer BILD-Manier
Einfach klasse Socke, soviel Humor und Selbstironie hätt ich Ihnen echt nicht zugetraut, Chapeau!
#9 Philgrooves . 07.07.10 . 00:27 Uhr
Kann bitte mal jemand “Selbstironie” google’n. Beschuldigungen für Dinge auszusprechen, die noch gar nicht passiert sind, fällt jedenfalls nicht in die Definition.
#10 Nordrandbewohner . 07.07.10 . 06:37 Uhr
@#8
Jemandem in typischer BILD-Manier vorwerfen, dass dieser in typischer BILD-Manier handeln werde, ist klassisch selbstironisch. Wenn ich auch, das muss ich zugeben, mir nicht mehr ganz sicher bin, ob dieses rhetorische Stilmittel von Socke so gewollt war.
#11 planb- . 07.07.10 . 11:05 Uhr
Ich find Socke hat recht, wir brauchen keine öffentlichen Gelöbnisse und auch keine Bunderwehr, so wie sie jetzt organisiert ist.
Die Wehrpflicht gehört abgeschafft, die Heerstärke drastisch reduziert. In Zukunft sollte die Armee eine kleine, spezialisierte Truppe sein, die wirklich nur zur Verteidigung, für humanitäre Einsätze und zu Blauhelmzwecken eingesetzt wird.
Beim War On Terror, wie er jetzt veranstaltet wird, haben wir nichts verloren. Das Geld wäre in Sozialarbeit in Deutschland besser aufgehoben um klein Fritzchen nicht zu Fritz dem Islamisten werden zu lassen.
#12 nick . 07.07.10 . 17:02 Uhr
#5 PETER
Ansosten, ja ich halte nichts von immer nur DAGEGEN.
Da sind wir einer Meinung. Aber von immer nur DAFÜR halte ich noch weniger, weil diese Haltung aus Faulheit, Ignoranz und Desinteresse entsteht und aus der Unfähigkeit, politische Themen durch eigene Denkleistung zu bewerten und einzuordnen.
Wenn schon einer wegen den Kosten schreit: “Würden nicht so viel demonstriert werden, würde weniger Polizei von Nöten sein, somit weniger Kosten usw. usw….
Nicht dein Ernst?
#13 Peter . 08.07.10 . 09:24 Uhr
Doch war mein Ernst….
wenn es nur brave Demonstranten geben würde, wäre das natürlich was anderes. Dummerweise artes so eine Demo immer mal wieder aus und schwupp…wir benötigen mehr Polizei.
Wehrdienst einfach abschaffen ist nicht so einfach…Da muss sich jemand schon genau Gedanken drüber machen, da es sonst auch keine Zivis mehr gibt und das würde unser ach so geliebtes Sozialsystem kippen.
#14 Rote Socke . 08.07.10 . 12:01 Uhr
@ Peter
wenn es nur brave Demonstranten geben würde, wäre das natürlich was anderes. Dummerweise artes so eine Demo immer mal wieder aus und schwupp…wir benötigen mehr Polizei.
Man kann den Spieß auch umdrehen: Wenn es nur nette Polizisten gäbe würden Demos meistens nicht ausarten. ;) Wer schon öfters mal auf einer Demo war wird bestätigen können dass in den allermeisten Fällen die Eskalation vom “Freund und Helfer” ausgeht.
Wehrdienst einfach abschaffen ist nicht so einfach…Da muss sich jemand schon genau Gedanken drüber machen, da es sonst auch keine Zivis mehr gibt und das würde unser ach so geliebtes Sozialsystem kippen.
Garnicht so schwer: Militäretat drastisch kürzen (wenns nach mir ginge: Bundeswehr komplett auflösen) und die Kohle in THW, Feuerwehr, DRK, Pflegeheime etc. stecken. Hat auch den Vorteil dass es zusätzliche reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gibt.
#15 Nordrandbewohner . 08.07.10 . 12:30 Uhr
Wer schon öfters mal auf einer Demo war wird bestätigen können dass in den allermeisten Fällen die Eskalation vom “Freund und Helfer” ausgeht.
ich war schon oft bei Demonstrationen und ich kann diese Aussage nicht bestätigen. Aber das ist offenbar gängige Socken-Argumentationspraxis, Behauptungen aufstellen und so tun als wären sie allgemein als wahr bekannt.
#16 nick . 08.07.10 . 17:14 Uhr
Da muss sich jemand schon genau Gedanken drüber machen, da es sonst auch keine Zivis mehr gibt und das würde unser ach so geliebtes Sozialsystem kippen.
Was spricht dagegen, den Pflichtwehrdienst einfach in einen Zivildienst für Frauen und Männer umzuwandeln? Das ist nicht nur gut fürs Sozialsystem. Mal in einer sozialen Einrichtung zu arbeiten bringt jungen Menschen sehr viel (da spreche ich aus Erfahrung). Es gibt auch viele Menschen, welchen man ansieht, dass es ihnen gut getan hätte, wenn sie mal in einer sozialen Einrichtung gearbeitet hätten.
#17 tralala . 12.07.10 . 23:22 Uhr
Cool, danke für den Hinweis.
Werd hingehen und mir’s anschauen.