Von Jack Hanson
Kultur, Leben, Exil . 01:05 Uhr
So, nachdem ich schon öfters mit dem Gedanken gespielt habe mich hier anzumelden, hab ich diese Woche nun tatsächlich, in einem Anfall von Wagemut, eine Account angelegt
Diesen ersten Blog widme ich von daher meinem Verhältnis zu meiner Heimatstadt, Stuttgart.
Geboren wurde ich in den späten 70er Jahren (und wenn man mich fragt, keine Minute zu früh) in der Frauenklinik zu S-Berg.
Leider verliessen meine Eltern die Stadt bereits ziemlich zu Beginn meines wundersamen Lebens, so daß ich ausserhalb, 30km entfernt, aufwuchs.
Dadurch war Stuttgart, während meiner Kindes-und Jugendjahre, immer “die grosse Stadt da”, “unsere Hauptstadt”, und ” die Stadt wo man zum Fussball, Eishockey, Geld ausgeben, und Konzerte besuchen” hingeht, nicht mehr,und nicht weniger.
Meine erste bewusste Erinnerung an Stuttgart betrifft ein paar Bauwerke, von denen eines nicht mehr steht, und ein anderes bald nicht mehr (in dieser Form) stehen soll.
Das erste Bauwerk ist der von mir heiss geliebte, und verehrte, Hauptbahnhof! (Wer dem an den Kragen, oder besser, an die Mauern will, muss erstmal an mir vorbei!!! )
Als ich ein kleiner Steppke war, von etwa 5 Jahren, hat mich meine Oma hin und wieder mitgenommen auf ihre monatliche Reise in die Zivilisation, in die Grosstadt
Diese Ausflüge bestanden im wesentlichen daraus den Grossteil des Tages im Breuninger zu verbringen, was ich dort besonders mochte war das Restaurant im OG, heute, da ich keinen Fuss mehr in diesen Laden setzen würde, ist es mir schlicht und einfach schleierhaft wie man einen ganzen kostbaren Tag dort verschwenden kann…..
Da wir damals immer mit dem Zug in die Stadt kamen, war der Bahnhof das erste was ich von der Stadt sah, ich, als damals Modelleisenbahn-Besessener, war mehr als nur fasziniert, von diesen vielen Menschen, den Gleisen, den prächtigen Zügen, der imposanten Bahnhofshalle….
Das zweite Bauwerk das zu meinen ersten Erinnerungen gehört ist der kleine Schlossplatz. Dieser war damals noch für den Verkehr geöffnet, und jedes Jahr, am Rosenmontag, stand ich mit meiner Oma an der Strasse, direkt vor dem Wittwer, und habe die Bonbons gesammelt die von den Wagen des Karnevalsumzuges flogen
Auch dieser Ort ist nun gänzlich anders, und auch hier sehe ich das mit sehr gemischten Gefühlen, aber mehr zu meinem, zugegebenermassen, leicht gestörten Verhältnis gegenüber der Stuttgarter Stadtplaner später…
Wie also schon gesagt wuchs ich ausserhalb auf…. im Jahre 2002 beschloss ich dann von den Urmenschen zum modernen Menschen überzusiedeln, und zog in die Stadt. Und nicht irgenwo hin, nein, sondern mitten rein, nahe des Kernerplatzes.
Und schon nach einer Woche entdeckte ich dort etwas was ich zuvor nicht kannte, und zwar das Gefühl zuhause zu sein!!!
Ich hatte plötzlich das Gefühl dort zu sein wo ich sein möchte, und wo ich hingehöre. Ich entdeckte das Stuttgart nicht nur “die Stadt” war, nein, es war meine Stadt, meine Heimat, die Stadt in der ich auf die Welt kam, und in der ich die Welt verlassen möchte.
An manchen Tagen, wenn mal nichts zu tun war, verbrachte ich Stunden damit einfach nur durch die Anlagen des Schlossgartens zu ziehen, hin und wieder trat ich zuhause vor die Tür, machte ein paar Schritte und lief dann stundenlang nur drauf los, und erkundete so, zu Fuss, viele Winkel und Ecken der Stadt
Nachts, wenn ich mal nicht schlafen konnte, nahm ich mir eine Flasche Bier, lief hoch auf die Uhlandshöhe, und stand einfach nur dort oben, unter mir die Stadt, mit all ihren Lichtern, Gebäuden, Menschen…es war herrlich
Wenn ich die Schnauze voll hatte von der Welt setzte ich mich in den Bus und fuhr hinaus zum Bärensee, wenn ich einfach mal abschalten wollte lief ich in die Bücherei, und verbrachte dort Stunden eines Tages, wenn die Kumpels Abends mal keine Zeit hatten ging ich einfach nur auf die Königstrasse, saß auf den Stufen des Königsbaus, und schaute den Leuten zu….
Aber auch das hatte mal ein Ende. 2005 zog ich, der Liebe wegen, wieder aus der Stadt. Nun lebe ich in einem Vorort, zwar nur ein paar Kilometer weg, aber eben nicht mehr mittendrin.
Natürlich war diese Entscheidung richtig, und ich bereue sie auch nicht, aber eines kann ich nicht leugnen, ich vermisse das Leben in der Stadt unheimlich, und ich sehne schon heute den Tag herbei an dem ich wieder in die Stadt ziehen werde, was früher oder später auch der Fall sein wird
Nur wird mir schwer um´s Herz wenn ich sehe wie sich die Stadt bis dahin verändern wird, womit wir bei meinen Freunden vom Bauamt wären
In letzter Zeit habe ich mich eingehender mit der Geschichte der Stadt, ihren Menschen, ihrer Kultur, und ihren Bauwerken beschäftig, und wenn ich mir, das alles was in den letzten gut 100 Jahren gemacht wurde, durch den Kopf gehen lasse, bekomme ich den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu
Was hier an Bauwerken sinnlos vernichtet wurde, was hier einfach so achtlos umgepflügt wurde, schlimm…
Nur ein paar Beispiele, als der Markplatz unterkellert wurde um dort eine Tiefgarage anzulegen, hatte man die Chance archäologische Grabungen durchzuführen die Rückschlüsse auf die Entstehung der Stadt zugelassen hätten, schliesslich standen in dieser Gegend die ersten Häuser des Stutengartens, aber was wurde getan? Genau, nichts!
Nach dem Krieg stand zwischen der Stift-und der Schulstrasse, das älteste noch erhaltene Wohnhaus der Stadt, über 700 Jahre alt, und das war auch noch recht gut erhalten, aber 1953 wurde es abgerissen, weshalb? um Platz für 4 (!!!!!) Parkplätze zu schaffen
Nicht zu erwähnen die ganzen anderen Gebäude die vernichtet wurden, das Lusthaus (deren letzte Teile im Schlossgarten verrotten), das Kaufhaus Schocken, das Kronprinzenpalais, die Villen an der Neckarstrasse…. ich hör jetzt lieber auf sonst falle ich vom Stuhl
Stattdessen haben wir nun die Galerie und einen Haufen Legosteine auf dem kleinen Schlossplatz, eine schön breite Eberhardstrasse durch die ohnehin kaum ein Auto darf, das Schwabenzentrum anstelle der vereinigten Hüttenwerke, den heutigen Eugensplatz dessen Umbauten schon beim blossen Anblick Schmerzen auslösen, und was weiss ich noch alles
Ich werde einfach das Gefühl nicht los daß die Herrschaften in unserem Rathaus ( auch noch so ein wunder Punkt, eine Sünde, denn wer kommt denn bitte auf die bescheuerte Idee beim Wiederaufbau des Rathauses den grossartigen Turm des Vorgängerbauwerks, der den Krieg nahezu unversehrt überstanden hatte, nicht zu nutzen, sondern in mit einer hässlichen Hülle zu umgeben…genau, im Inneren des heutigen Rathausturms steht noch der alte Turm…..) seit jeher von einer Art Komplex befallen sind, der sie dann dazu bringt zu versuchen alles grösser, imposanter und hässlicher zu bauen als die Verantwortlichen der anderen Städte.
Ich kann mir gut vorstellen wie diese Herren vor dem Stadtplan sitzen und sagen, “seht her München, Berlin, Frankfurt, Köln, was ihr könnt können wir schon lang, nur noch hässlicher und sinnloser!”, aber lernen tun sie, oder auch wir, es nie, denn wir lassen es zu daß sie solche Dinge machen. Doch schliesslich ist es nicht ihre Stadt, sondern unsere, und ich möchte meinen Kindern später mal das Schloss, das Wilhelmspalais, den Bahnhof zeigen, und nicht irgendwelche Türme, Bunker, und Glasfronten
Zum Schluss noch eine meiner Lieblingsgeschichten der Stuttgarter Historie, als 1890 die Statue auf dem Brunnen am Eugensplatz, die Galatea, angebracht wurde, empörten sich doch sehr viele Bürger darüber daß eine (fast) nackte Frau über ihrer Stadt wachen solle!
Königin Olga, die die Statue in Auftrag gegeben hatte, fand das jedoch weniger lustig, und liess den Bürgern daraufhin ausrichten, daß wenn sie ihr Geschwätz nicht sein lassen würden, sie die Statue drehen würde, so daß diese der Stadt ihren blanken Hintern zukehrt, damit war die Diskussion beendet!
In diesem Sinne, auf unsere Heimat, unsere Stadt, und allen Stuttgart-Hassern sei gesagt, “mir send Hauptschtadt, ond ihr net !”
#1 PhilGrooves . 12.01.09 . 17:50 Uhr
Hm, und was sagt man den ‘Stuttgart-Hassern’ die nicht aus BaWü kommen - womöglich noch aus der echten Hauptstadt?
#2 Wegschaffel . 12.01.09 . 18:29 Uhr
Recht so. Weiter so. Und willkommen.
#3 David . 12.01.09 . 20:52 Uhr
Jepp; alles schön deutlich gesagt. Ich stimme zu.
#4 strikeQ . 14.01.09 . 11:55 Uhr
Wahnsinn! Schön zu lesen…!
#5 Jack Hanson . 14.01.09 . 20:24 Uhr
Vielden Dank ;-)
#6 Jack Hanson . 14.01.09 . 23:42 Uhr
Hm, und was sagt man den ‘Stuttgart-Hassern’ die nicht aus BaWü kommen - womöglich noch aus der echten Hauptstadt
Gute Frage, vielleicht schlicht und einfach “Saupreiss” ;-)
#7 Anton Schmittke . 29.01.10 . 14:56 Uhr
dear jack, welcome back home from outer space, the great wide world…
ich mach jezz ein fass auf:
im ernst, ich las deinen artikel mit grossem interesse. bin zwar kein geborener schwabe, habe aber 11 jugend- und mittlerweile 11 erwachsenenjahre auf der alb und in der hauptstadt verbracht. ich bin geborener hesse und habe auch 11 jahre in berlin verbracht (bin aber älter als 33 ;)). mit stuttgart verbindet mich eine art hassliebe. liebe, weil eigentlich alles funktioniert und in ordnung und auch sauber ist, hass, weil die stadtoberen eben alles abreissen (siehe inneren nordbahnhof, wagenhalle, dorten habe ich als kulturmanager mein büro) müssen, um sich mit neubauten zu profilieren.
mir ist diese abrissmentalität schleierhaft. geht man nach köln, ins ruhrgebiet, frankfurt, hamburg, berlin, dann zeigt sich einfach, dass aus den umgenutzten, revitalisierten gewerbe- und sonstigen immobilien der schatz unserer kreativwirtschaft wächst, nämlich die “off”-kulturszene, neue entwicklungen, die im akademischen umfeld vielleicht eher nicht zustande kommen. darin, dass kommunale entscheider diesen grau- und freiraum für kulturschaffende zulassen oder auch nicht, zeigt sich auch ihr respekt und ihre wertschätzung gegenüber kunst und kultur. hier im städtle hatte ich manchesmal den eindruck, als ob kulturschaffen seitens der allmächtigen politik- und wirtschaftsbosse und dem schwäbischen immobilienklüngel sich im staatstheater, dem ballett und der staatsgalerie erschöpft - steckt ja auch schon namentlich der staat drin.
in diesem sinne freu´ ich mich, dass die segensreiche digital- und kommunikationstechnologie es mir ermöglicht, an einem freitagnachmittag nach prachtvoll vollbrachter wochenarbeit im heller´s zu sitzen wie ein bohemien und solcherart zu polemisieren und euch alle daran teilhaben zu lassen.
vorerst melde ich für wochenende ab, zuhause hab´ ich noch keinen dsl-anschluss, mal kucken, wie schnell die telekom (schon wieder der staat) meinen antrag umsetzt und ob ich zwei tage oder 2 wochen zeitfenster für den besuch des staatlichen technikers bereitstellen muss.
schönes wochenende euch allen da draussen.
mein motto lautet: im kessel buntes und - kamm hoch!!!!!
#8 bloss nicht . 30.08.10 . 21:08 Uhr
stuttgart ist, wie jede stadt, ein produkt seiner geschichte und seiner bevölkerung. und irgendwie ist da wohl ziemlich vieles schief gelaufen. städtebaulich sowieso - nicht nur die verkehrsführung und der zugebaute neckar lassen einen lieber weggucken. dann doch lieber auf die grünen ränder.
aber aber, auch da sind “leider” die stuttgarter zuhaus. und da rette sich wer kann.
“mir send Hauptschtadt, ond ihr net !”
genau so sind die leute hier. es wird ja nicht mal gefragt, ob irgendjemand hier haupstadt sein will, und wenn ja, dann so eine? es wird einfach so getan als wäre das gegenüber ein nichts und man selber hätte die wahrheit (nicht weisheit) mit dem löffel gefressen.
ich bin ja nun schon beruflich viel rumgekommen. münchen, köln, düsseldorf, berlin, karlsruhe, um nur mal einen (deutschen) teil zu nennen, und überall habe ich gelebt. nirgendwo habe ich innerhalb weniger tage soviele zwischenmenschliche desaster erlebt wie in stuttgart.
angefangen von rüffeleien über kinderwägen auf der rolltreppe über anhupen von kindern die nicht auf 40cm breiten gehsteigen fahren bis zum anzeigen eines autofahrers, der mit knapp 20 durch eine leere spielstraße fuhr. keine frage, der “schduergerder” war immer “im recht”. bloss: wen interessiert’s?? und kann man kritik auch mit humor üben? in stuttgart nicht.
kein wunder dass die neckarschwäbische (es gibt durchaus sehr lebensfreundliche schwaben in oberschwaben oder bayrisch schwaben) hausfrau so “abgschafft”, ich möchte eher sagen, verbittert aussieht, auch wenn sie in der regel das botoxgrinsen aufgesetzt hat. wenn man sich über jede kleinigkeit so erhaben fühlen muss, strengt das halt an.
schön, dass es jetzt wenigstens mal demos in stuttgart gibt. aber natürlich ist stuttgart das letzte kaff in deutschland (auf der welt?) in dem demonstranten als “chaoten” betitelt werden, und das sogar in der presse.
so ist das halt, mit der stadt, und ihren bewohnern.
p.s. nette tipps zum wohlfühlen - wohlleben in stuttgart, gerne an mich.