So macht sich die Wirtschaftskrise also doch bei jedem Einzelnen bemerkbar: Ich kenne einen Taxifahrer aus Stuttgart, der nach und nach immer weniger Geschäft verbucht. Das liegt zum einen daran, dass immer weniger Leute Geld haben und Taxi fahren, vor allem aber daran, dass es aufgrund des Stellenabbaus (z.B. Kurzarbeit bei Daimler) immer mehr Taxifahrer gibt. Natürlich ist der Taxibetrieb nur eines der vielen Beispiele für das, was aktuell im Gange ist. Man könnte fast meinen, dass bald wirklich die Wirtschaft völlig zusammenbricht und Massenarbeitslosigkeit bzw. Armut ausbrechen.
Aber warum Krise und Armut? Ich bin ja kein Wirtschaftswissenschaftler, aber wer genau hinschaut, der sieht doch, dass bei uns alles Notwendige im Überfluss vorhanden ist. Wir haben so viel Lebensmittel in den Regalen stehen, davon könnte man wohl zweimal die deutsche Bevölkerung durchfüttern. Dass weniger Autos gekauft werden, liegt meines Erachtens am ehesten daran, dass jeder schon ein bis zwei Autos besitzt und einfach nicht noch eines haben will. Unser technologischer Standpunkt garantiert uns mehr als jemals zuvor die Versorgung mit allen möglichen Wohlstandsgütern, die wir brauchen und wollen. Warum bitte haben wir irgendetwas zu befürchten? Diese Frage resultiert in meiner ersten persönlichen Schlussfolgerung, die lautet: Die Wirtschaftskrise bzw. alle anderen Armuts- und Arbeitslosigkeitsprobleme des neuen Jahrtausends sind keine Probleme der materiellen Unterversorgung, sondern ganz einfach Probleme der gerechten Verteilung der vorhandenen Wohlstandsgüter. Haben wir ein Wohlstandsproblem?
Die ungerechte Verteilung hängt wohl damit zusammen, dass weiterhin auf das Funktionieren veralteter Wirtschaftsstrukturen gesetzt wird. Genau das stört mich am Handeln unserer Politiker in der Wirtschaftskrise. Anstatt nach den wirklichen Ursachen zu forschen und dementsprechend neue Wirtschaftssysteme zu entwickeln, wird mit aller Gewalt versucht, das Fortbestehen alter Strukturen zu sichern, die gerade naturgemäß den Bach runter gehen. Automobilkonzerne bekommen Millionen vom Staat, damit sie Leute einstellen, die sie eigentlich überhaupt nicht brauchen (”Arbeitsplätze schaffen”). Denn früher bauten Menschen Autos zusammen, damit jemand ein Auto kaufen konnte. Heute muss jemand (der vielleicht gar kein Auto braucht) ein Auto kaufen, damit andere es zusammenbauen können. Ist das nicht absurd? Dabei bedeutet die Krise tatsächlich eine einmalige Chance, etwas zu verändern. Ein einfacher Lösungsansatz wäre z.B., mal darüber nachzudenken, Arbeit und Wohlstand zu entkoppeln bzw. das Paradigma “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” zu überdenken. Innovative, radikale Lösungsvorschläge braucht es, keine Milliardeninvestitionen in Systeme, die vor 30 Jahren damals unter ganz anderen Bedingungen funktioniert haben.
Ein weiteres Paradigma, das zu überdenken ist, ist die Idee des unendlichen Wachstums. Kann mir bitte mal jemand erklären, warum die Wirtschaft ständig wachsen muss? Schon vielen Menschen habe ich diese Frage gestellt und keiner wusste es so richtig. Natürlich ist es wichtig, dass die Wirtschaft die Menschen versorgt und sich dementsprechend auf einem hohen Niveau befindet. Aber warum ist die Wirtschaft nur dann gut, wenn sie weiter wächst? Nichts kann ins Unendliche wachsen. Vielleicht wird jetzt klar, dass wir seit Jahrzehnten in einem System leben, das darauf aufbaut, irgendwann einmal zusammenzubrechen. Nebenbei bedeutet Wirtschaftswachstum auch nur, dass immer mehr produziert wird. Da die Einwohner Deutschlands aber schon alles haben und überhaupt kein Bedürfnis nach gesteigerter Produktion haben, müssen ständig neue Bedürfnisse geschaffen werden, damit die Wirtschaft nur immer weiter wachsen kann. Hier stellt sich für mich die Frage, ob die Wirtschaft für die Menschen da ist oder umgekehrt.
Ich glaube nicht, dass es wie 1929 zur großen Katastrophe kommen wird. Vorher besinnt sich die Menschheit darauf, dass wir eigentlich ein Luxusproblem haben und unsere Zeit besonders durch den technologischen Fortschritt über ein nie dagewesenes Potential verfügt. Wie schon erwähnt bin ich kein Mann vom Fach, das sind meine ganz eigenen Gedanken und Schlussfolgerungen, von denen manche vielleicht naiv oder falsch sein können. In solchen Fällen lasse ich mich gerne eines besseren belehren. Trotzdem denke ich, dass sich in einer Demokratie auch normale Bürger wie ich solche Gedanken machen dürfen und sollten.
#2 ralf . 21.03.09 . 07:34 Uhr
Ich geb dir in vielen Punkten recht, aber leider werden wir nichts daraus lernen, da die Gier der eigentliche Motor ist. Und genauso wie die Gier uns diese Kriese beschert hat , wird sie es verhindern das wir uns eines besseren Systems besinnen.
Am besten sieht man den Irrsinn in der immer weiter auseinander gehenden Lohnschere. Viele können von einem Job nicht mehr leben und brauchen Hilfe vom Staat andere fahren Boni und Gehaltserhöhungen ein das es einem ganz Schwindlig wird und die mittleren Einkommen müssen immer mehr Einbußen hinnehmen.
just my 2 cent
PS: Besonders traurig ist übrigends das auch die Verkäufer vom Trot-War die Krise merken und mit massiven Verkaufsrückgang zu kämpfen haben.
#3 Alex . 21.03.09 . 15:25 Uhr
Die Krise… Eigentlich ganz einfach zu verstehen. “Unser” Wachstum basiert auf billigem Geld und billiger Energie.
Billiges Geld ist jetzt aus.
80% oder so von allen Neuwagen wurden auf Pump gekauft. Da guckt man neuerdings schonmal genauer drauf. Im Moment hält sich der Absatzrückgang ja noch in Grenzen. In nächster Zeit erwartet man dann noch massiv Leasingrückläufer, die nicht mehr gebraucht oder nicht mehr bezahlt werden können - d.h. Daimler, Porsche, usw. verkaufen nicht nur keine neuen Autos mehr, die müssen auch die, die sie vor 2 Jahren verleast haben von Geld zurückkaufen, das sie eigentlich garnicht haben. Im Sommer gibt´s dann irgendwann auch keine Umweltprämie mehr - abwarten, was dann VW so meldet…
Billige Energie ist bald aus.
Das ist noch garnicht so im Bewusstsein angekommen. Sprit ist ja heute schon soooooo teuer. Ist er nicht. Eigentlich ist er noch viel zu billig, jedenfalls so lange es sich noch lohnt Nordseekrabben nach Marokko zum pulen zu verschiffen, damit man das Kilo für´n Euro bei Aldi ins Regal stellen kann - zu den Erdbeeren aus Simbawe, im Januar, für 2€. Und das ist Gier die überhaupt nix mit Boni und Gehaltserhöhungen zu tun hat.
Naja, my 2 cent.
#4 Wegschaffel . 22.03.09 . 12:02 Uhr
Die Sonderausgabe der Zeit (Ausgabe vom 1. Mai 2010) gibt rückblickend einige Antworten …
#5 Flakfritz . 24.03.09 . 11:23 Uhr
jedenfalls so lange es sich noch lohnt Nordseekrabben nach Marokko zum pulen zu verschiffen
Bei meinem ersten und bisher einzigen Urlaub an der Nordsee wurde mir damals von einem Krabbenkutterkapitän erzählt, dass die Marokkaner viel zu teuer sind und die frischen Nordseeshrimps per Flugzeug nach China und retour transportiert werden.
Nachdem es ja inzwischen Mode geworden ist, aus dem Himalaya Salz nach Deutschland zu transportieren, und unser Sprudel schon lange aus Italien kommt kann ich mir das sehr gut vorstellen.
#6 nick . 24.03.09 . 21:53 Uhr
Hier sei noch gesagt, dass mir Horst Köhler zum Thema Wachstum heute aus der Seele gesprochen hat:
Und wir haben uns eingeredet, es gebe einen Königsweg, diese Widersprüche aufzulösen: Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen. Solange das Bruttoinlandsprodukt wächst, so die Logik, können wir alle Ansprüche finanzieren, die uns so sehr ans Herz gewachsen sind - und zugleich die Kosten dafür aufbringen, dass wir uns auf eine neue Welt einstellen müssen.
#7 circulus . 24.03.09 . 22:15 Uhr
Nick, zieh Dir auch mal die Geschichte der technischen Entwicklung rein. Meine (auch nicht neue) Erkenntnis daraus: alles basiert auf Ausbeutung! Sei es Ausbeutung der arbeitenden Menschen, Ausbeutung der Rohstoffe, Ausbeutung der Natur. Ohne Rücksicht. Ohne Voraussicht auf kommende Generationen. Wir haben (nur z.B.) von billigem Strom profitiert, für den die Bergarbeiter mal die Kohle gescheffelt haben. Unsere Industrie hat aber auch von der Ausbeutung der Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg profitiert. Alle Industrieländer profitieren heute immer noch von der Ausbeutung der Entwicklungsländer. Das traut sich auch Herr Köhler kaum anzusprechen, höchstens zwischen den Zeilen anzudeuten. Ausbeutung ist das größte Tabuthemen unserer Zeit.
#8 nick . 24.03.09 . 22:36 Uhr
Da hast du Recht, zumindest das mit der Dritten Welt hat allerdings auch Köhler direkt angesprochen (habe soeben seine komplette Rede gelesen, die mir eigentlich gut gefällt). Aber was willst du machen? Auf irgendeiner Ebene gibt es immer Ausbeutung und Unterdrückung, so sind die Menschen eben. Vor allem international/global ist sowas sehr schwer zu überblicken und geschieht dadurch unauffälliger. Wenn einer von uns beiden Weltherrscher wäre, wäre das vielleicht anders, aber davor wird sich wohl nicht viel ändern.
#9 circulus . 24.03.09 . 23:54 Uhr
Weltherrscher? Mir würde schon mal reichen: ‘Wenn ich König von Deutschland wär’ …