Von Herr S
Vermischtes . 18:39 Uhr
Eröffnung um Punkt zwölf hatte ich auf dem Schirm. Und dass man am besten mit der Bahn anreisen solle, sofern man die Gelegenheit nicht gleich zu einem Wandertag nutzen wolle. Hauptsache, man unterließe die Anfahrt mit dem eigenen Kraftwagen, weil dann könne für nichts mehr garantiert werden. Mit wenigstens 200.000 Besuchern sei schließlich zu rechnen und es bräuchte nicht viel Phantasie, sich die Verstopfung der Straßen vorzustellen. Dann siehst Du eben zu, dass Du um zwölf auf der Matte stehst – spätestens, dachte ich mir. Dann ist der Andrang bestimmt noch nicht ganz so hoffnungslos wie um halb, dreiviertel drei und die Aussicht auf einen Gratiskugelschreiber oder eine CD-ROM noch halbwegs berechtigt.

Jetzt ist es bereits fünf nach und während mir die Kälte langsam die Waden hochkriecht, überlege ich, ob es auch zwei geheißen haben könnte statt zwölf, oder woran es sonst liegen könnte, dass es keinen Schritt mehr weitergeht am Absperrgitter. Ob die Menge um mich herum bereits die erwarteten 200.000 umfasst, kann ich nur raten – fragte mich einer, ich würde sagen zwei Millionen, vielleicht auch drei, keine Ahnung. Es fragt ohnehin keiner, stattdessen steht eine knallgelb gewandete junge Frau vor mir und hält mir ein ebenso knallgelbes Papierfähnchen hin. „Schwenken sollen Sie das“, weist sie mich an, höchstwahrscheinlich wusste sie die Irritation in meinem Blick sofort zu deuten. Ich entgegne umständlich, dass mir der Arzt jede Anstrengung strikt untersagt habe, insbesondere die Armmuskulatur beidseitig konsequente Schonung benötige und ich ihrem Ansinnen nur zu gerne nachkäme, hätte die körperliche Unversehrtheit nicht Vorrang. Wobei ich mir zwar sicher wäre, mit ihrem lückenlosen Verständnis rechnen zu können, mich aber dennoch dafür bedanke.

In die weiträumige Bannmeile, die den kleinen Pulk der Offiziellen von den wartenden Millionen trennt, scheint jetzt Bewegung zu kommen: sieben, acht Schläger in preiswerten dunkelblauen Anzügen verteilen sich gleichmäßig, angeleitet, wer weiß, vielleicht von einem Bundestrainer, der aus den Hörkapseln spricht, die sie mit zwei Fingern ins Ohr pressen und dazu schauen wie seinerzeit Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“. Die Volksmassen zeigen sich entsprechend eingeschüchtert, einige hissen weiße Fahnen, andere stimmen ein Lied an, das ich nicht kenne, irgendwas mit „wir wollen wie das Wasser sein, das weiche Wasser bricht den Stein“. Von der flankierenden Rampe preschen schwere schwarze Limousinen herunter, nehmen schnittig die letzte Kurve und kommen mit quietschenden Bremsen vor dem Eingang zu stehen. Lakaien stürmen herbei, reißen die Türen auf, werfen sich auf die Knie und robben rückwärts weg, dunkel gekleidete Honoratioren sieht man jetzt, die sich dynamisch aus den Karossen schälen und verzögerungsfrei Hände zu schütteln beginnen. Obwohl die Schläger den Raum flugs verdichten, glaube ich im Gemenge den späten Ted Herold ausmachen zu können, der sich beim zweiten Hinsehen leider nur als Helmut Oettinger entpuppt – Oetti, wie ich unseren Ministerpräsidenten im Geheimen nenne. Bestimmt lässt er es sich nicht nehmen, das frierende Volk mit Gesten des Wiedererkennens zu bedenken, ihm am Ende womöglich sogar zuzuwinken, um es solcherart seiner äußersten Nähe zu versichern. Bald wird klar: Der Hände sind zu viele, an einem Tag wie heute wird geschüttelt bis in die Abendstunden hinein, für die Untertanen bleibt da leider keine Sekunde. Kurz sieht man den OB im Gewusel vor sich hin grinsen, während ich noch grüble, ob ich von bösen Zerrbildern heimgesucht werde, sind die Honoratioren bereits in den Hallen verschwunden. Die Limousinen lassen die Motoren aufheulen und fegen Sekunden später um die Ecke, Stille kehrt bald ein in der Bannmeile, nur im Volk wird vereinzelt Murren laut, ohne dass deutlich würde, was ihm nicht passt.

„Hallo liebe Gäste“ ertönt plötzlich eine Frauenstimme aus Lautsprechern. Ich drehe mich um und erkenne eine Bühne, hundert Meter entfernt, auf der sich etwas Knallgelbes bewegt. „Mein Name ist Stefanie von Sachsen-Anhalt und ich darf Sie herzlich auf der Messepiazza begrüßen“, klärt uns das knallgelbe Etwas auf und kündigt allerlei Kurzweil an: Die LE-Bigband ebenso wie irgendwelche Menschen, die sich, besser gesagt uns mit Kettensägen von Stihl vergnügen würden. Sie lamentiert ein wenig von wegen dem schlechten Wetter, und dass die LE-Bigband ganz schön frieren müsse, ein Umstand, der sich aber bestimmt lindern ließe, wenn es jetzt einfach mal einen heißen Applaus hageln täte. Wunschgemäß sind Klatschgeräusche zu vernehmen, wenn auch nur sehr vereinzelt. Später käme noch der Bundespräsident, weiht sie uns ein, und wir könnten ja schon mal üben, von fünf nach eins herunter zu zählen, wenn seine Maschine dann landen würde in circa eineinhalb Stunden. „Fünf!“, brüllt sie jetzt, offenbar sicher, die Massen wären zu dumm, das ohne vorheriges Üben zu stemmen. „Vier! Drei! Zwo! Eins! Juhuuhh!“ Kaum jemand nimmt Notiz von ihr, geschweige denn, dass einer mitbrüllen würde.
Zwanzig nach zwölf, wie mir das aufkeimende Verlangen nach einer roten Wurst präzise klar macht. Um Witterung aufzunehmen, halte ich die Nase in den schneidenden Wind und drehe mich langsam um die eigene Achse. Bald merke ich, dass das für undenkbar Gehaltene bittere Realität ist: Keine rote Wurst im Umkreis von mindestens zwei Kilometern, auch kein Leberkäswecken, kein Döner, keine gegrillten Scampi – noch nicht einmal eine trockene Laugenbrezel ist im zumutbaren Radius zu erstehen. Die Alternative, mich zum Ausgleich eben an einem kleinen Mittagsräuschlein schadlos zu halten, muss ich ebenfalls verwerfen, seltsamerweise ist weit und breit auch kein Getränkestand in Sicht. Vielleicht habe ich mich lediglich schlecht positioniert, überlege ich. Dass man nicht da hineingelassen würde, wo man den Ministerpräsidenten hineinlässt, ist ja wohl klar. Ein Schild verrät, dass der Eingang Ost zur Eröffnungsveranstaltung führen würde, den ebenfalls auf dem Schild befindlichen Pfeil interpretiere ich als Richtungsweiser zum Eingang Ost und folge ihm. Entlang der Halle herrscht längst die totale knallgelbe Übermacht. Ich frage mich, wer auf die Idee verfiel, zu einem Termin tief im Oktober ausgerechnet T-Shirts zu liefern statt fleece-gefütterte Funktionsjacken und kann es mir nur mit Kostenerwägungen erklären, die wohl nicht ganz unberücksichtigt blieben. Im Gegensatz zu der Tatsache, dass über Wintermäntel gezwängte knallgelbe T-Shirts stilistisch nur bedingt zu befriedigen wissen, aber was will man machen? Einige hundert der Gelbwülste sind damit beschäftigt, das „Impulsband“ auszurollen, eine langes orangefarbenes Papierband, das mit EnBW-Logos bedruckt ist. So wie es aussieht, müssen diese Bedauernswerten als humanoide Zaunpfosten dafür sorgen, dass sich die frohe Kunde der EnBW durchs ganze Land schlängelt, bestimmt reicht es bis ins Italienische hinunter, das Band des Impulses, überschlage ich spontan hochrechnend.
Am Eingang Ost gibt es ein Handgemenge, uniformiertes Wachpersonal versucht augenscheinlich, Zutrittsberechtigte von Nichtberechtigten zu separieren, ohne dass mir so recht klar wäre, wodurch sich beide voneinander unterscheiden, was wohl auch für das Wachpersonal gilt. Jemand ruft, dass es um zwei losginge, und keine Minute vorher. Um zwei? Na toll, denke ich, das wird ja ein großer Spaß. Ein Wachmann stellt sich mir in den Weg, zeigt mit ausgestrecktem Arm ins Ungefähre und fordert mich in barschem Ton auf, hinter das Impulsband zu treten, das jetzt in der Tat am Eingang Ost angekommen ist und sich anschickt, eine neue Bannmeile aufzuspannen.

Einige Impulsbandhalter lächeln mir aufmunternd zu, was insofern klappt, als ich beschließe, auszuharren. Stundenlang, meinetwegen auch tagelang, wenn es sein muss. Um zusammen mit dem Bundespräsidenten und Tausenden anderer Bürger das EnBW-Impulsband zu durchtrennen, mit dem eigenen Taschenmesser notfalls, das ich als rechter Kerle natürlich immer im Sack habe. Unerschrocken würde ich warten auf unser Verfassungsorgan, der Kälte ebenso trotzen wie den zusehends frenetischer geratenden Ausführungen Stefanie von Sachsen-Anhalts. Wenn nur, und zwar genau jetzt, einer mit einer roten Wurst erschiene und ausreichend Getränken zur Überbrückung. Wenn nicht, täte es mir ausgesprochen leid, untröstlich wäre ich, aber an mir würde es nicht gelegen haben. An mir zuallerletzt. Fünf Minuten warte ich, ohne dass etwas passiert. Dann eben nicht, denke ich und bin quasi auch schon weg.
#1 David . 19.10.07 . 19:49 Uhr
Eine gestochen scharfe Beschreibung des Geschehenen, klasse! Vielen Dank.
#2 qx . 20.10.07 . 08:06 Uhr
Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Augen und Ihren Magen geliehen haben. Die reine Neugier hätte mich womöglich auch dorthin getrieben, wäre ich nicht momentan in Berlin.
Schön geschrieben, erinnert mich an die Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs…
#3 Ex-Saarländer . 20.10.07 . 18:21 Uhr
Da bin ich ja heil froh, dass ich erst heute das Spektakel bewundert habe - ohne Impulsbänder und Promiaufmärsche. Die Rote Wurst habe ich jedoch auch nicht gesehen, aber irgendwo in einer der riesigen Hallen gab’s einen Schnellbeschiss, der zu überhöhten Messewucherpreisen (Butter-)Brezeln und diverse andere Sachen feil bot. Lediglich die Bedienung erschien mir noch ziemlich unkoordiniert - weder an den Tresen noch an der Kasse bewegte sich wirklich was. Sie waren wohl primär damit beschäftigt, dem ganzen Trubel Backstage Respekt zu zollen, hungriger Kunde hin oder her.
Beeindruckt hat mich schließlich das Atrium mit seinen Wasserkaskaden und Sitzbänken. Ich kann mir das im Sommer recht nett vorstellen, mit einem Cocktail in der Hand und jazzige Töne von der obersten Treppenstufe. Komplettieren würde dieses Szenario nur noch ein Sonneruntergang über der A8 und Bosch-Parkhaus. Dazu müsste man jedoch erst noch einige Hallen auf der Westseite wegsprengen, um einen freien Blick zu gewähren.
#4 Liamara . 21.10.07 . 09:22 Uhr
Von so was hätt ich ja gern mal wieder mehr gelesen. Herr S., ranhalten :)
#5 Franklin . 21.10.07 . 13:04 Uhr
Was anm dem selbstveliebten Geschmiere so toll sein soll verstehe ich nicht. Besser machen statt Motzen, nur mal als kleiner Tipp.
#6 David . 21.10.07 . 15:55 Uhr
@Franklin
Niemand hat die Absicht eine Messe zu bauen.
#7 MCBuhl . 21.10.07 . 18:25 Uhr
Der Satz ist für die Fildermesse nicht verbürgt: es bestand Konsenz, daß man die Messe braucht. Der Skandalsatz kam vom MV und lautetet: “Wenn der politische Wille vorhanden ist, dann findet sich auch Geld dafür.” (er war da Finanzminister und konnte an manchen Debatten nicht teilnehmen, da er leider, leider nicht als Minister sondern “nur” als Abgeordneter im Landtag “anwesend” war (immerhin))
Wenn ich mich recht entsinne hat auch nie jemand gesagt, daß man keine 2. Start-/Landebahn bauen wolle…
#8 Paul-geht-baden . 22.10.07 . 16:15 Uhr
@ Franklin. Sie wissen nicht, was an Herrn S Messe-Eröffnungs-… sagen wir: Reportage? so toll sein soll? Vielleicht kann ich Ihnen ein bisschen auf die Sprünge helfen. Den Gegenstand des illustrierten Prosastücks von Herrn S kann man, in Anlehnung an den Begriff aus der Welt des Theaters, vielleicht eine Haupt- und Staatsaktion nennen, eine große Aufführung jedenfalls mit Politikern in quasi-monarchischen Hauptrollen und dem Volk (das das alles bezahlt) in den Rollen von Statisten, mit denen die Regie nach Belieben umspringen kann (und das natürlich auch tut). Um zu zeigen, wie unangemessen, um nicht zu sagen: wie skandalös solche Inszenierungen sind, bedient Herr S sich in seiner Schilderung der Vorgänge konsequent der ‚Froschperspektive’ eines solchen, zwar eingeladenen, aber dann schnöde in der Kälte stehen gelassenen Statisten, der es sich obendrein noch gefallen lassen muss, sich von Organen der Veranstaltungsorganisation blöde anreden zu lassen. Dort die Politiker und Funktionäre, in Limousinen vorgefahren, von sichernden „Schlägern“ umgeben, keine Minute gezwungen zu warten, hier „der kleine Mann“, der sich mit seinem Erscheinen am Ort des Geschehens in ein Verfügungsobjekt verwandelt hat (die Freiheit, über sich selbst zu verfügen, gewinnt er erst zurück, wenn er, wie am Ende Herr S, aufs Dabeisein verzichtet und einfach geht). Um die Absurdität dieser und ähnlicher Veranstaltungen noch deutlicher werden zu lassen und ihr auch einiges an Komik (auf eigene Kosten) abzugewinnen, belässt Herr S es aber nicht bei der genannten Konfrontation, sondern wählt eine Art ‚Froschperspektive der Froschperspektive’, indem er die banale kleine physische Not des Mittagshungers ins Spiel bringt und so mächtig werden lässt, dass sie schließlich alles andere verdrängt (von Robert Gernhardt gibt es eine Erzählung über eine andere Art der physischen Not in der Menge: “Die Flucht in die Falle“ im Band „Kippfigur“). Erzählt ist das in einer leicht gezierten Sprache, in der sich der Selbstbehauptungswille des Individuums in einer Situation ausdrückt, in der es zu einer Nummer gemacht wird, die nichts mehr zu melden hat (das, was Sie „selbstverliebt“ nennen, hat also eine Funktion; es überrascht Sie vielleicht, aber es gibt Schreiber, deren Texte nicht nur der ohnmächtige Ausdruck akuter Affekte ist). Alles nicht gemerkt, nicht erkannt? Schade, aber kein Beinbruch. Und natürlich ist es Ihr gutes Recht, die Geschichte trotzdem nicht zu mögen, es gibt ja viele Geschmäcker. Aber „Geschmiere“… Vielleicht wissen Sie nicht, dass Goebbels und der ‚Völkische Beobachter’ das Wort gern verwendet haben, um ihren Hass auf alle journalistischen und literarischen Äußerungen herauszukotzen, die ihnen nicht passten. Schöne Gesellschaft, in die Sie sich da begeben.
#9 Frau Doktor . 22.10.07 . 16:28 Uhr
es überrascht Sie vielleicht, aber es gibt Schreiber, deren Texte nicht nur der ohnmächtige Ausdruck akuter Affekte ist
Sie schreiben mir aus der Seele, Pgb. Nur treffender.
#10 Herr S . 22.10.07 . 16:47 Uhr
Oh la la, mein lieber Paul. Jetzt wollte ich gerade – in einem Fall sogar energisch – Stellung beziehen zu Ihren Vorrednern, da sehe ich, dass Sie bereits mehr gesagt haben, als ich dachte, dass es zu sagen gäbe. Spätestens mit Ihrem zünftigen Goebbels-Vergleich haben Sie die Latte so hoch gelegt, dass ich nichts mehr habe, das ich da noch drüber werfen könnte. Bleibt mir also im Moment nur noch, Ihnen für die tapfer erledigte Drecksarbeit zu danken.
#11 Paul-geht-baden . 22.10.07 . 16:57 Uhr
Nein, Herr S, ein Goebbels-Vergleich ist das nicht. Das fände ich nicht nur ein bisschen daneben. Aber manche Wörter haben Gepäck, und das sollte man schon wissen, wenn man mit ihnen hantiert.
#12 Herr S . 22.10.07 . 17:14 Uhr
Gut, einigen wir uns auf Goebbels-Assoziation? Was sich irgendwie auch gewählter anhört, finde ich. (Dann müssen wir allerdings auch das „zünftig“ streichen.)
#13 Paul-geht-baden . 22.10.07 . 17:32 Uhr
Goebbels-Assoziation? Dann denkt irgendein Kamel sicher, wir gründen gerade ‘ne Goebbels-Gesellschaft…
#14 Herr S . 22.10.07 . 18:16 Uhr
Das wäre mir jetzt einfach mal wurst. Schon weil Sie sagen können, was Sie wollen – irgendwer denkt immer was Komisches dabei. Eine bedrückende Vorstellung womöglich, in letzter Konsequenz aber auch eine Art Freibrief.
#15 GelbePelleEinsvonZweihundert . 23.10.07 . 12:27 Uhr
@ Herrn S und die Vorredner
Treffend beschrieben, das Spektakel. Ich schwanke zwischen Freude und Trauer, dass die als (unabsichtlich) Komödie inszenierte Eröfnung der Neuen Messe einzelne Individuen in den wogenden Massen immerhin zu einem längeren Kommentar hinreisst. Als bekennende gelbe Freitagswurstpelle, dazu abkommandiert eineinhalb Stunden bei klirrender Kälte etwas leider so unemotionales wie ein gelbes Impulsband zu halten, kann ich die Regungen Ihres Gemüts und den Meldungen Ihres Magens durchaus nachvollziehen. In der Tat wäre der Ausschank von Glühwein oder sonstiger erwärmender Getränke eine menschenwürdige Maßnahme gewesen, auf die Wurst hätte ich notfalls verzichtet. Dass es T-Shirts statt Fleece-Jacken waren, kann keine böse Absicht gewesen sein, vielmehr ein Versehen, wahrscheinlich geschehen weil die gefühlte Vorbereitungszeit von zwei Millionen Jahren den Organisatoren jede Erinnerung an die novemberlichen Temperaturverhältnisse der letzten 30 Spätherbste raubte. Nun, es sei verziehen. Freuen Sie sich trotz allem, dass Sie wenigstens Ted Herold oder Herrn Öttinger zu sehen glaubten, unsereins starrte nämlich nur mit festgefrorener Miene auf das fähnchenschwenkverweigernde Millionenpublikum, und glaubte in den zahllosen Gesichtern der Menge erste Anzeichen für unkontrollierte Weinkrämpfe oder temperaturbedingte Herzstillstände auszumachen. Nachdem unser aller Staatoberhaupt das Band durchtrennt hatte, war es in der Tat nicht ganz einfach, die Messehallen endlich von innen zu sehen, weil gestoppt von klar angewiesenen Wachleuten, deren Priorität die Gesundheit unseres Präsidenten war. Sie erinnern sich vielleicht an den Vorfall eine Woche zuvor? Leider führte dies zu einer Änderung des Ablaufs… Schade, dass Sie verfrüht gegangen sind, vielleicht hätte Sie das Ambiente und die endlich vorhandene Emotionalität der Ausstellung etwas versöhnt. Ich schwöre, zu essen hätte es genug gegeben, vor allem in Halle 3, ebenso zu trinken, selbst Glühwein war links vom Riesenrad im Angebot. Die Preise waren durchweg human. Aber Ihr erster Anlauf muss ja nicht der letzte gewesen sein, nicht wahr? Ich lege Ihnen ans Herz, einen neuen Versuch zu starten, vielleicht vom 15. - 25. November, dem großen Stuttgarter Messeherbst. Ich bin überzeugt, dass unser großartiges Gelände und die gezeigten Ausstellungen Ihren zurückhaltenden Unmut bezüglich der Eröffnungsausstellung besänftigen werden.
Mit freundlichen Grüßen, ein Messemitarbeiter
#16 Wegschaffel . 23.10.07 . 13:51 Uhr
Danke, dass Sie sich u.a. für mich die Klötze klamm gefroren haben. Konnte nicht selber kommen, war verreist, war auch kalt dort. Dass sich Ted Herold
leider nur als Helmut Oettinger entpuppt
hat, hat mich ins Schleudern gebracht. Helmut?? Sakrament, wie heisst er denn nun mit Vornamen unser Oetti?? Ich musste i.d.T. kurz googeln gehn um mich dort - patsch patsch auf den Vorderkopf klatschend - an den “Günther” erinnern zu lassen. “Günther H.” um genau zu sein. “Helmut” nennen ihn übrigens lt. meinem gewöhnlich gut unterrichteten Freund Tantalos nur der MV sowie ein alter Saaldiener im Landtag, der der Bruder seines langjährigen Friseurs sei. Und Sie natürlich.
#17 Herr S . 23.10.07 . 14:17 Uhr
Lassen Sie mich raten, Gelbe Pelle 1/200: um Ihrem „großen Stuttgarter Messeherbst“ beiwohnen zu dürfen, werden erkleckliche Eintrittsgebühren fällig, nicht? Was im Klartext heißt, ich soll Geld bezahlen, nur um Güter und Dienstleistungen bzw. deren Verkäufer besichtigen zu dürfen, obwohl die erstens bereits dafür bezahlt haben, die besagten Güter und Dienstleistungen zeigen zu dürfen und zweitens auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen sind, dass irgendwer zum Besichtigen kommt, weil sie sonst ihr komplettes Geraffel direkt wieder einpacken könnten. Sie merken, worauf ich hinaus will? Richtig: Das ist mindestens so absurd wie die Geschehnisse rund um die Eröffnung. Ähnlich plemplem wie sagen wir: Gebühren für Ausweisdokumente zu entrichten, obwohl es quasi niemanden gibt, der meine Ausweisdokumente weniger benötigt als ich. Oder denken Sie an das lachende Schwein, das die Leistungskraft des Fleischereihandwerks ins positive Licht rücken soll – Zeugnisse einer vollkommen verdrehten Welt sind das, so verdreht wie alle Bemühungen, diese Absurdität als alternativloses gesellschaftliches Konzept zu verkaufen. Dass Sie sich für Ihren Arbeitgeber ins Zeug werfen, ehrt Sie ja durchaus, aber Worthülsen wie „Emotionalität der Ausstellung“ blasen nun mal nirgendwo hin als exakt und lautstark ins nämliche Horn. Und wenn Volksvertreter die Hosen so voll haben, dass jede unmittelbare Konfrontation mit dem Volk jenseits des Diskutablen ist, dann würde ich ihnen empfehlen, sich während der kompletten Amtszeit in Schutzräumen zu verbarrikadieren, wo sie vom Teleprompter ablesen, was es zu vermelden gibt und wir schauen uns das dann im Fernsehen an. Überzeugender als die Schlägertrupps, mit denen sie sich durchgängig umgeben, wäre das allemal – wobei mir klar ist, dass auch das längst als gelebte Normalität durchgeht.
Und was den Helmut anbelangt, bester Herr Wegschaffel: Aus unterschiedlichen Gründen scheint mir Helmut als Vornamen eine kräftige Spur staatsmännischer zu klingen als Günter, zumal Letzterer gerne zum infantilen Günni verkürzt wird. Nun konnten seine mutmaßlichen Namensgeber kaum ahnen, dass ihr Filius dereinst die Geschicke unseres Landes lenken wird, von daher ist denen nichts vorzuwerfen. Nur mir hätte ich es nie verziehen, nicht korrigierend eingegriffen zu haben.
#18 Paul-geht-baden . 23.10.07 . 14:37 Uhr
Bravo, gut gegeben, Herr S. Für mich bleibt jetzt eigentlich nur noch eine Frage: Was haben Sie da überhaupt gesucht?
#19 GelbePelleEinsvonZweihundert . 23.10.07 . 15:28 Uhr
@ Paul
Danke, Paul, dass Sie mir die Frage vorweg nehmen.
Ich gehe, insbesondere aufgrund der letzten Äußerungen von Herrn S. davon aus, dass seine Anwesnheit ausschließlich damit zu begründen sein dürfte, dass der Eintritt kostenlos war und er somit seine Neugier trotz seiner Einstellung und Prinzipien stillen konnte.. Daran ist nichts ehrenrühriges, das haben vermutlich 20.000 andere Besucher auch getan.
@Herrn S.
Verzeihen Sie, ich hatte Sie falsch eingeschätzt. Nun, Ihre Argumente sind durchaus nicht verkehrt, nur leider nicht zu Ende gedacht. Denn über Konzepte lässt sich zwar streiten, Tasache ist jedoch, dass unsere Wirtschaft und eben auch das Messegeschäft auf dem Nachfrage/Angebot Prinzip beruht, und dies offensichtlich seit längerer Zeit ausgezeichnet funktioniert.
Wie auch immer - ich glaube es ist tatsächlich besser, Sie bleiben unseren Veranstaltungen (die tatsächlich Eintritt kosten) fern und ermitteln das Warenangebot von ungefähr 2500 Märkten per Internet oder bei einem Spaziergang durch die Einkaufsstrassen deutscher Großstädte. Nicht, dass wir Sie nicht gerne bei uns begrüßen würden, aber bevor Sie sich ganz und gar unwohl fühlen… unsere Veranstaltungen sind eine Option, sagen wir, wie ein Kinobesuch oder ein Stadtfest (unabhängig ob kostenlos oder nicht). Sie verstehen?
Es wäre nur sehr erfreulich, wenn Sie Ihre Äußerungen etwas mehr in der “ich denke/ich meine”-Form schreiben würden. Denn so, wie Sie sich äußern, stempeln Sie allein bei dieser einen Veranstaltung rund 1500 Aussteller und etwa 200.000 Messebesucher als denkunfähige Vollidioten ab, was ich für etwas vermessen halte. Natürlich kann das gerne Ihre Meinung sein kann, sie wird jedoch ganz klar nicht von uns geteilt.
Höfflichst, ein Messemitarbeiter
#20 Herr S . 23.10.07 . 17:03 Uhr
Danke für Ihre Exegese, Gelbe Pelle 1/200, in der Tat hatte mich Pauls berechtigte Frage in arge Verlegenheit gestürzt. Sie haben mit Ihrer Begründung den Nagel fast auf den Kopf getroffen, einzig, dass bereits ein Messebesuch gegen meine Prinzipien verstoßen würde, ist nicht richtig, mir widerstrebt es lediglich, dafür Eintritt zu bezahlen – dass Sie als letztendlicher Nutznießer das genau so sehen, erwartet ja kein Mensch. Ein bisschen schwach finde ich allerdings Ihr Argument, massenhafte Zustimmung wäre so eine Art Qualitätsnachweis, oder nennen wir es vorsichtiger: ein Indiz für die prinzipielle Richtigkeit des zu verhandelnden Gegenstands. Ich erspare Ihnen (und mir) die Aufzählung ganz und gar missratener bis unappetitlicher Veranstaltungen und Erzeugnisse, die sich allesamt millionenfachen Zuspruchs erfreuen und entsprechenden Umsatz generieren – bestimmt fallen Ihnen selbst genügend ein. Und mal davon abgesehen, dass ich keinerlei Notwendigkeit sehe, in Ihrer angeregten „ich denke/ich meine-Form“ zu schreiben, da ich weder irgendjemandes Pressesprecher bin noch sonst irgendwelche Partikularinteressen berücksichtigen muss, zieht auch Ihr Schlussargument nicht. Zum Beispiel mag ich ums Verrecken keine sauren Kutteln, und es wäre mir ein Leichtes, eine schäumende Hasstirade gegen die saure Kuttel zu verfassen. Was noch lange nicht bedeutet, dass ich damit Rückschlüsse auf die Zurechnungsfähigkeit von Mitbürgern ziehe, die saure Kutteln mögen – im Gegenteil: einige von denen kann ich sogar richtig gut leiden.
#21 PhilGrooves . 23.10.07 . 23:34 Uhr
Das Feuerwerk war super.
#22 Tyler Durden . 24.10.07 . 17:40 Uhr
Ach Herr S, wenn sie keine Lust haben irgendeine Messe zu besuchen, dann lassen sies eben bleiben…
Einen Menschen von ihrer Einstellung zu überzeugen, der einfach mal gern ne Messe besucht, weil es ihm in irgendeiner Weise eine Freude macht schaffen sie eh nicht.
#23 Herr S . 24.10.07 . 18:20 Uhr
Sehen Sie, Herr Durden? Da ist es wieder, das Missverständnis, dem schon die Gelbe Pelle 1/200 mit ihrem schnippischen, auf meine Meinung bezogenen Resümee „sie wird jedoch ganz klar nicht von uns geteilt“ aufsaß. Lassen Sie mich das ebenso ganz klar sagen: Der Konsens mit jedem Hans und Franz ist ungefähr das Letzte, wonach mir verlangt. Bei einigen Leuten würde ich sogar den Griffel in die Ecke werfen, sobald ich auch nur schemenhaft Konsensähnliches erkennen könnte.
#24 2/200 . 25.10.07 . 10:17 Uhr
Hallo Herr S,
Noch ‘ne gelbe Wurstpelle, die sich in die Aufgabe “Wir Mitarbeiter helfen bei der Eröffnung” geschickt hatte und selbige als ebenso wenig geglückt empfand wie Sie. Es ging am Abend übrigens munter weiter mit den Bemühungen, etwas ganz Originelles nach dem immer gleichen Strickmuster Reden-Musik-Essen zu veranstalten. Da haben Sie gar nichts verpasst.
Danke für die geschliffenen Worte - und vor allem die Gedanken, die darin so hübsch verpackt sind, auch Herrn Paul-geht-Baden. Sind eine Wohltat im offiziellen Sprachgebrauchsdschungel allüberall.
WEITER!
#25 Mitarbeiter-ohne-Gelbpelle . 30.10.07 . 21:06 Uhr
Lieber Herr S.
trotz inhaltlicher Uneinigkeit mit Ihnen lese ich Ihre Formulierungen liebend gerne.
Klar, dass die Eröffungs-200000Menschen-schneiden-ein-Band-durch-Zeremonie -Hotte-Köhler-hat-die-größte-Schere-Nummer voll ins Auge gegangen ist, aber für uns als Mitarbeiter waren die drei Eröffnungs-Tage ein wichtiger Motivationsschub. Kleinere oder größere Organisationslücken vielen da weniger ins Gewicht und wir haben uns unsere eigene Party gebastelt.
Danke dennoch für die ergötzenden Wortspielereien der Herren S. und badender Paul. Gerne zu weiteren Themen mehr davon.
Danke, danke, danke!!